FC Ingolstadt – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

Im letzten Spiel im Jahr 2021 verliert die SGD gegen den FC aus Ingolstadt verdient und deutlich mit 3:0. Primär liegen die Gründe dabei im Taktischen – obwohl das Trainerteam eine in der Theorie sinnvolle Idee hatte. Werfen wir einen Blick darauf!

Der Gegner

Spielt man gegen ein Team unter Rüdiger Rehm weiß man normalerweise schon vorher, wie es auftreten wird. Ingolstadt knüpfte am Wochenende genau an diesen typischen Fußball an und setzte die Ideen Rehms schon nach einer Woche erstaunlich konsequent und klar um. 

In einem 442-Mittelfeldpressing konzentriert man sich auf das kompakte und aggressive Verteidigen im engen Block. Torchancen möchte man primär aus Umschaltaktionen und Standards erzielen. Dabei agiert man in diesen Spielphasen nach einem direkten und zielstrebigen Plan. Das Spiel wird nicht kontrolliert aufgebaut (erst recht nicht gegen ein Pressingteam wie Dynamo). Vielmehr sind direkte lange Bälle auf eine überladene letzte Linie das Ziel, um nach dem Gewinn des zweiten Balls sofort in die dynamischen und chaotischen Vertikalaktionen zu kommen.

Dynamos Aufgabe in der Spielvorbereitung

Vor dem Spiel musste man sich auf Dresdner Seite Gedanken machen, wie man diesem robusten und direkten Spiel der Ingolstädter kontert. Die eigene Pressingstärke würde erwartungsgemäß wenig zum Zuge kommen. Vielmehr musste man mit vielen eigenen Ballbesitzphasen rechnen. Bleibt man dafür im gewohnten Rautensystem? Oder passt man sich strukturell an den Gegner an?

Dynamos Matchplan

Das Trainerteam entschied sich im Vorfeld des Spiels für die zweite Option. In der Defensive agierte man in einem kompakten 4222-Pressing, in dem Akoto auf die 6er-Position schob. Diese Pressingstruktur empfand ich als notwendig und sinnvoll. Mit viel tiefem Personal und den vier Offensiven setzte man Ingolstadt hoch unter Druck, während man gleichzeitig eine zur Verteidigung von langen Bällen sinnvolle und enge Struktur bewahrte. Es gibt nur wenige Pressingideen, die gegen solch Fußball des Gegners ähnlich passend sind. In diesem Spiel klappte sie aus Dynamo-Sicht schließlich auch weitgehend ordentlich.

Dynamos Pressingstruktur – 4222.

Doch aufgrund der Spielanlage und dem Stil des FCI agierte die SGD in diesem Spiel selten ohne Ball. Häufiger traten Phasen auf, in denen Ingolstadt den Dresdnern den Ball überließ. Dafür hatte sich Schmidt folgenden Plan zurechtgelegt: 

Dynamo zog (bildlich gesprochen) den 10er der Raute in die nun 3er-Abwehrkette, agierte fortan in einer 3142-Grundordnung. Das hat Schmidt während seiner SGD-Amtszeit schon einige Male so gemacht, jeweils aus unterschiedlichen Motiven.

Seine Motive für dieses Spiel gegen den FCI sind mir als Außenstehender natürlich nicht bekannt. In Erwartung, einen 442-Block knacken zu müssen, agieren aber viele Teams in einer ähnlichen Struktur. Ich sehe daher durchaus einige Argumente, die auf dem Papier und im Kontext dieses Spiels für diese 3142-Idee sprechen.

Dynamos Ballbesitz – grobe systematische Anordnung.

Im Spiel mit Ball hat man so nämlich eine Struktur, die in vielen Zonen lokale Überzahlen ermöglicht. 

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Im Aufbau kann man sich mit drei breit auffächernden Innenverteidigern dem Pressing der Stürmer entziehen. Spielt man von dort passende linienbrechende Pässe, kann man schnell in den Halbraum oder auf den Flügel gelangen, um die jeweilige Überzahlsituation auszuspielen. Ist der Block dafür zu kompakt, lässt sich dieser durch kluges Andribbeln durcheinander bringen.

Nach Ballverlust hat man zudem eine solide 3+1-Restverteidigung, die die Breite und Tiefe normalerweise gut abdecken kann. 

Im Vergleich: Spielt man mit einer Raute, sichert man die Konter nur mit 2+1 ab. Was ist, wenn man nach Ballverlust nicht direkt Balldruck geben kann? Ist diese Absicherung dann zu riskant gegen die zwei gegnerischen Stürmer und nachrückende Flügel?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass gerade letzteres im Hinblick auf die Konterstärke des FCI ein entscheidender Gedanke des Dynamo-Trainerteams gewesen sein könnte. Dynamos Gegenpressing hat zwar über weite Strecken der Saison ordentlich bis gut funktioniert. Doch es ist auch klar: Dynamo ist im Ballbesitz nicht so stabil und ballsicher, als dass man keine Ballverluste kassieren könnte. Einige Male hatte man zuletzt zudem Probleme, die richtige Intensität und das passende Timing im Zweikampfverhalten zu finden. War Schmidt daher vielleicht eine 2+1-Absicherung zu riskant?

ABER … das Spiel auf dem Feld

Warum auch immer Schmidt diesen Plan letztlich gewählt hat, bleibt unklar. Eines steht dafür fest: Auf dem Feld hat er nicht funktioniert.

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Man sah Dynamo jene angesprochenen Ideen im Spiel mit Ball an: stetiges Verlagern in erster Aufbaulinie, Andribbeln der Halbverteidiger, Überladen des Zwischenlinienraums (Königsdörffer, Schröter und Borrello), entgegengesetzte Bewegungen und Tiefenläufe, um Überzahl auszuspielen und schnell hinter die Kette zu kommen.

Dynamos Ballbesitz – grundsätzliche Idee, über die Halbverteidiger zwischen die Linien zu kommen.
Dynamos Ballbesitz – beispielhafte Idee, über Halbraum und Steil-Klatsch die Tiefe zu attackieren.

Erfolgreich war das jedoch selten. Es mangelte in nahezu jeder Aktion an einer genauen Abstimmung der Raumbesetzung, am richtigen Timing bei Läufen und Pässen, an der nötigen Präzision im Kombinationsspiel. So rannte Dynamo an, hatte dabei einen (in der Theorie sinnvollen) Plan im Kopf, kassierte aber Ballverlust nach Ballverlust, Konter um Konter.

Dynamos Ballbesitz – Beispielproblem #1: Ingolstadt lässt sich nicht locken, bleibt kompakt, Dynamos Qualitäten reichen nicht, um gefährlich in den Block zu spielen.

 

Dynamos Ballbesitz – Beispielproblem #2: unpassende Raumbesetzung mit Daferner, Borrello und Schröter als kurze Optionen, während niemand die Tiefe attackiert.

Suche nach Gründen

Über die Gründe dafür kann ich ebenfalls nur spekulieren. Aufgrund meiner Beobachtungen möchte ich aber zumindest folgende Aspekte festhalten:

Zum einen passten die Spielerprofile von Becker und Schröter nicht zu ihren jeweiligen Rollen als rechtem Flügelverteidiger bzw. rechtem Achter. Ersterer ist für das Spiel mit Ball, gerade vor einer 3er-Kette, arg limitiert. Letzterer ist kein Spieler, der sich klug in engen Räumen im Spielzentrum bewegt, vielmehr als Breitengeber fungieren sollte.

Zum anderen machte die gesamte Mannschaft nicht den Eindruck, die Abläufe des Matchplans verinnerlicht zu haben. Stehen sich Spieler häufig im Weg, passen die Ideen von Passgeber und potenziellem Passempfänger oft nicht zusammen, muss die Mannschaft nicht gut vorbereitet gewesen sein. Trainiert Schmidt das Positionsspiel zu selten?

Der grundlegende Plan war in der Theorie sinnvoll. Doch damit dieser auch in der Praxis klappt, muss er zur Mannschaft passen und gut vorbereitet sein. Die Profile der Spieler müssen zu deren Rollen passen. Und in diesem Spiel noch entscheidender: Das Team muss die Abläufe drin haben. Ist das nicht der Fall, ist der grundlegende Plan in der Praxis doch nicht so sinnvoll.

Die torreiche Anfangsphase

Dass das Ballbesitzspiel und Dynamos Schwächen innerhalb dessen in diesem Spiel so entscheidend wurden, war dem Spielverlauf geschuldet. Hatte Ingolstadt den Ball, agierte Dynamo solide. Doch über schwache Standardverteidigung kassiert man zwei, am Ende sogar drei Tore (auch wenn das 1. Tor primär Pech war). 

So war die SGD mit Ball noch mehr gefordert als sowieso zuvor erwartet. Der praktisch nicht aufgehende Matchplan reichte dann nicht, um diesen Anforderungen gerecht zu werden und das Spiel durch eigens erzeugte Torgefahr zu kippen. 

Anpassungen

Deswegen stellte Schmidt im weiteren Spielverlauf das Dresdner Spiel um. Zunächst brachte er Herrmann für Becker, um die größten personellen Probleme zu lösen und so den Ballbesitz zu verbessern.

Nachdem dies erwartungsgemäß nur begrenzt signifikanten Impact hatte, stellte man in der Halbzeit auf die gewohnte Raute mit 4er-Kette um. Das brachte sofort einen merklichen Schub hinsichtlich Ballsicherheit, Timing der Raumbesetzungen und Progressivität der Kombinationen. Man baute nun mit leicht tieferen Außenverteidigern auf und gelangte so einige Male diagonal in den von den drei zentralen Zentrumsspielern besetzten Zwischenlinienraum. Die Abläufe schienen im Team deutlich flüssiger und abgestimmter, sodass man sich auch einige potenzielle Torchancen erspielte.

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Trotz der Vorteile der gewohnten (!) Raute war das Positionsspiel im Ballbesitz auch in Halbzeit 2 nicht super überragend. Die passende Anschlussaktion im letztlich flankenfokussierten letzten Drittel bleib weiter ein (bekanntes) Problem.

Dazu kam, dass man immer noch einige Ballverluste im zweiten Drittel kassierte und aufgrund der hohen Positionierung der Mittelfeldspieler teils nicht in gutes Gegenpressing kam. Gegen die folgenden Konter hatte Dynamos Abwehrkette dann weitere Probleme (Aidonis, Ehlers, …), sodass Ingolstadt auch zu einigen Torchancen im Verlauf des Spiels kam und letztlich höher gewinnen hätte können.

Fazit

Deswegen verliert Dynamo gegen den FCI am Ende absolut verdient. Defensiv stand man zunächst stabil, macht sich das aber mit bekannt komischer Standardverteidigung schnell kaputt. Dann deckt der Spielverlauf die großen (und ebenfalls bekannten) taktischen Schwächen im Ballbesitz auf. Es ist gut, dass das Trainerteam einen grundsätzlich sinnvollen Plan im Kopf hatte. Das bringt in der Praxis jedoch wenig, wenn die Mannschaft diesen nicht umsetzen kann. Dann braucht es bessere Vorbereitung oder einen besseren Plan. 

Kurze Gesamteinordnung und die Trainerfrage

Nichtsdestotrotz: Meine persönliche Meinung zu Schmidt und dem Gesamtbild der sportlichen Entwicklung der SGD, hat dieses Spiel nicht verändert. Nach der Niederlage gegen Sandhausen hatte ich schon einmal versucht, diese ausführlich zu erklären.

SG Dynamo Dresden – SV Sandhausen und St. Pauli: Spielanalyse

Schaue ich mir jetzt das Spiel gegen Ingolstadt an, bestätigt sich eigentlich genau das, was ich schon über die gesamte Saison einzuordnen versuche. Das war eines dieser Spiele, in denen die einseitige Herangehensweise des Trainers mit fehlendem Ballbesitzfokus nicht für Punkte reicht. Das ist kritisch zu betrachten. Denn langfristig muss Dynamo genau dort hin, auf lange Sicht muss ein Trainer ein Team entwickeln. Dass man nach acht Monaten Schmidt noch immer dieselben Probleme hat, stimmt einen dahingehend nicht positiv. 

Mache ich mir aber Sorgen um einen Abstieg? Nein. Mit dieser klaren Handschrift des Trainers und den Stärken im Defensiv- und Umschaktbereich sollte man über die gesamte Saison auf genug passende Gegner treffen und so genug Punkte holen. Damit reißt man keine Bäume aus, kommt aber genau wie aktuell ins stabile untere Tabellenmittelfeld. Nicht mehr, nicht weniger.

Für mich existieren diese zwei Ebenen gleichwertig nebeneinander – das Kurzfristige und das Langfristige. Kurzfristig habe ich mit Schmidt als Dynamo-Trainer kein Problem. Ob er langfristig passt, weiß ich schlichtweg nicht. Das wird sich mit der Teamentwicklung in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Wenn er dann keine signifikanten Schritte schafft, muss man sich auch mit Alternativen beschäftigen.

Findet man jetzt schon einen kompletteren Kandidaten, dem man im aktuellen Gesamtkontext (Taktik, Team, Zeitpunkt, …) schon in dieser Saison deutlich mehr zutraut als Schmidt, würde ich auch einen Trainerwechsel im Winter verstehen. Mit meinem eingeschränkten Blick nur auf das Taktische (ohne weiteren Vereinseinblick) mache ich mir aber auch keine Sorgen, wenn das nicht passiert. Dann beobachtet man die Rückrunde, sichert die Klasse und sieht, wie es sich entwickelt.

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