Schlagwort: Spielanalyse

  • SG Dynamo Dresden – SC Paderborn: Spielanalyse

    SG Dynamo Dresden – SC Paderborn: Spielanalyse

    In einem intensiven und emotionalen Pokalspiel gelingt es der SG aus Dresden, den zuvor etwas höher eingeschätzten Zweitligisten aus Paderborn zu schlagen. Nicht unverdient, wenn man den Spielverlauf betrachtet. Hier ist ein grober taktischer Bericht.

    Eine ausgeglichene erste Hälfte

    Für mich ist es schwierig, die erste Halbzeit dieses Spiels in noch kürzere Phasen zu unterteilen. Zu ähnlich verliefen die gesamten 45 Minuten – auf beiden Seiten. Dynamo und Paderborn starteten in das Pokalspiel mit einem ganz klaren strategischen Fokus: hohes Pressing. Für beide Trainer typisch liefen die Teams den jeweiligen Gegner am gegnerischen Strafraum und – gerade auf Dresdner Seite – mit brutaler Intensität an. Ziel war, direkt Ballgewinne in hohen Zonen zu erzwingen, danach schnell umzuschalten und so Torgefahr zu erzeugen. Ersteres klappte auf beiden Seiten sehr gut.

    Paderborns Pressing

    Zum einen gelang es Dynamo selten, das Spiel geordnet aufzubauen. Das lag zunächst über weite Strecken an dem hohen und mannorientierten Angriffspressing des Gegners. Aus dem nominellen 433 bewegte sich Paderborn in eine 3412-artige Struktur, um die Anspielstationen für Dynamo im 433 1v1 zuzustellen. Dafür rückte der rechte Flügelstürmer Pröger etwas tiefer, um Linksverteidiger Löwe zu kontrollieren. So konnte zudem der Außenverteidiger Schuster auf dieser Seite einrückend agieren, sodass schließlich jedem Einzelspieler ein Dresdner Akteur gegenüberstand.

    Pressingstruktur des SCP – Manorientiertes Angriffspressing.

     

    In Anbetracht der noch bestehenden Limitierungen des Dresdner Ballbesitzspiels unter Schmidt, der jenes selten in den strategischen Fokus stellt und eher auf einfache, direkte Lösungen setzt, war so auf Paderborner Seite nicht einmal große Intensität vonnöten, um Ballgewinne erzielen zu können. Vielmehr führte jene Struktur dazu, dass Dynamo im Aufbau große Abstände zwischen den eigenen Spielern hatte, diese zudem zugestellt waren und damit am Ende häufig nur ein langer Ball blieb. Dabei half die enge Struktur der fünf offensiven Akteure der SGD durchaus das ein oder andere Mal, doch insgesamt konnte man auf Dresdner Seite im Spiel mit dem Ball wenig Strukturiertes beobachten.

    Dynamos Pressing

    Im Gegensatz zu Dynamo ist Paderborn grundsätzlich ein Team, welches durchaus hohen Wert auf spielerische Lösungen in Ballbesitz legt. Das konnte man auch in diesem Spiel beobachten. In einem 343, in dem sich Sechser Schallenberg gerade zu Beginn häufig zwischen die Innenverteidiger fallen ließ, agierte man stets mutig, versuchte stets flache und progressive Kombinationen zu spielen. Gegen das starke Pressing der SGD lief dies aber häufig ins Leere. 

    Auch die SGD lief den Gegner schon an dessen Strafraum an, agierte aber aus dem typischen Mix aus 433 und 4Raute2. Die 4er-Abwehrkette sicherte hinten ab, um gegen die drei Paderborner Stürmer stets in Überzahl zu bleiben. Vorn liefen die drei Stürmer die gegnerischen Innenverteidiger und Sechser an, wobei vor allem im Fokus stand, Schallenberg durch Manndeckung von Daferner aus dem Spiel zu nehmen. Das Spiel sollte so auf die Flügel gelenkt werden, wo dann der ballnahe Achter den Ballführenden anlaufen und das gesamte Team aggressiv zuschieben sollte. Im Gegensatz zum Spiel gegen den HSV setzte man diesen Plan, der hohe Laufbereitschaft verlangte, über weite Strecken, gerade während des sehr intensiven Beginns des Spiels, sehr gut um. Das Anlaufen, Zuschieben und Durchschieben des gesamten Teams und gerade der Mittelfeldspieler wurde mutig und aggressiv ausgeführt und klappte daher letztendlich häufig.

    Pressingstruktur der SGD – Hohes Angriffspressing. Hier interessant: Struktur leicht asymmetrisch dargestellt, da SCP-Aufbau sehr linksfokussiert war und sich Kade daher oft schon optionsorientiert zwischen AV und 6er positioniert hat, um den Anlaufweg zu verkürzen.
    Beispielhafte Pressingszene nach Ball auf AV und Verschieben der SGD.

     

    Probleme bekam Dynamo tatsächlich nur in einigen wenigen Situationen. Paderborn war nur in der Lage, das starke Pressing in zwei Fällen zu überspielen. Einerseits, wenn die SGD individuelle Fehler machte. Passte beispielsweise eine Anlauf- oder Verschiebebewegung nicht zu 100%, kam zu früh oder zu spät, verlor man die Kontrolle. Andererseits, wenn die individuelle Spielstärke des Paderborner Aufbaupersonals aufblitzte. Sechser Thalhammer habe ich in dieser Hinsicht beispielsweise noch im Kopf, der sich einige Male durch kluge Positionierung, Körperfinten und kleine Dribblings dem Druck entziehen konnte. Nichtsdestotrotz: Über weite Strecken passierte das der SGD nicht. Über die gesamte Zeit, gerade in der Anfangsphase, war man vielmehr in der Lage, vielversprechende Ballgewinne mit Perspektive Torgefahr zu erzielen. Doch letzteres klappte nicht. Warum?

    Ungenauigkeit im Ballbesitz

    Die SGD und auch Paderborn agierten in der ersten Halbzeit des Pokalspiels extrem ungenau, wenn man den Ball am Fuß hatte. Sowohl im Umschaltspiel als auch im (nur phasenweise zu beobachtenden) Ballbesitz fehlte schlichtweg Präzision und Timing. Gewann Dynamo den Ball, fand man selten die passende Anschlussaktion. Der Tiefenlauf kam zu früh, der Steckpass zu spät oder das Paderborner Gegenpressing gewann den zweiten Ball. Startete Paderborn eine offensive Umschaltbewegung, verloren auch sie den Ball spätestens vor dem Dresdner Strafraum.

    Bis auf einige wenige Chancen war dieses Pokalspiel in der ersten Hälfte damit insgesamt von hoher Intensität und starkem Pressing geprägt, währenddessen dennoch keine Torgefahr zustande kam. Bis dahin war das ein ausgeglichenes Spiel, auch wenn Dynamo die fehlende Struktur tendenziell eher gelegen haben dürfte als dem Gegner.

    Dynamos verbessertes Umschaltspiel

    In Halbzeit Zwei entwickelte sich dann aber doch etwas mehr Torgefahr – wiederum auf beiden Seiten. Zunächst begann die SGD mit einigen sehr vielversprechenden Chancen. Dafür waren kleinere Anpassungen verantwortlich, die das Dresdner Umschaltspiel deutlich klarer und zielstrebiger machten. Beispielsweise agierte Königsdörffer nun situativ etwas breiter, um den Halbraum hinter der letzten Kette zwischen Innen- und Außenverteidiger besser belaufen und dort seine Dynamikvorteile ausspielen zu können. Insgesamt verbesserte sich Timing und Abstimmung, was in Chancen von u. a. Borrello mündete.

    Entscheidende Paderborner Anpassungen

    Doch auch der SCP war nun häufiger in der Lage, gefährlich vor das Tor von Kevin Broll zu gelangen. Zu Beginn war dies in der immer weiter schwindenden Intensität der Dresdner begründet. Später stellte Trainer Kwasniok auch strukturell einiges um. Nun begann Paderborn, die SGD erst kurz nach der Mittellinie in einer 4231 statt einer 343-Grundordnung anzulaufen. Was bedeutete das?

    Dynamo musste nun das Spiel aufbauen, Paderborn konnte umschalten – die Ballbesitzwerte der SGD müssen Mitte der zweiten Hälfte deutlich höher gelegen haben als zuvor. So verschieb sich der strategische Vorteil in Richtung Westfalen. Problematisch für Dresden und vorteilhaft für Paderborn war dabei, dass Erstere immer noch keine Lösungen für das Spiel mit Ball hatten. Der SCP schloss das Zentrum und wartete ab. Dynamo hatte zwar den Ball, zeigte jedoch keine klare Idee, was sie damit vorhatten. Vielmehr agierte man sehr unruhig und hektisch, schlug viele lange Bälle und verlor diese wiederum sehr schnell.

    Pressingstruktur des SCP #2 – enges Mittelfeld verhindert Dynamos Kombinationen und gewinnt viele zweite Bälle.

     

    So war der SCP in der Lage, den Ball immer häufiger in dem Bereich um die Mittellinie zu gewinnen. Man lockte den Gegner zudem etwas weiter aus den tiefen Ausbauzonen, sodass die Möglichkeiten nun groß waren, über die Stürmer den Raum hinter der letzten Kette und zwischen Abwehr und MIttelfeld der Dresdner zu bekontern.

    Beispielhafte Szene für das potenzielle Kontern des SCP nach Ballgewinn im 4231-MFP.

    In den letzten Minuten stellte die SGD vermutlich auch deswegen, aber vor allem aufgrund fehlender Kräfte nochmal auf ein tieferes Mittelfeldpressing um. Doch auch da gelang es den Paderbornern mit ihrem zielstrebigen und mutigen Ballbesitzspiel, regelmäßig und gefährlich vor das Dresdner Tor zu gelangen. Aus dem 4231 konnte man sich dabei einige Male die Halbräume erschließen und so nach vorn kombinieren.

    Pressingstruktur der SGD #2 – Systematische Darstellung. Die Dresdner 8er standen teils etwas zu hoch, sodass der SCP über dynamische vertikale Kombinationen v. a. in Richtung der zentralen Überladung des Zwischenlinienraums gefährlich werden konnte.

     

    Fazit

    Nichtsdestotrotz: Am Ende trifft Dynamo. Mit wunderbar anzusehenden Aktionen und klugen Läufen der involvierten Spieler schafft man es, in einer etwas schwächeren Phase, das Spiel auf den Kopf zu stellen und so zu gewinnen. Das ist am Ende meines Erachtens nach nicht unverdient, obwohl ich das Spiel insgesamt als durchaus ausgeglichen bezeichnen würde. Gegen einen starken Gegner bleibt bei Dynamo vor allem das smarte und sehr gut umgesetzte Pressing in Erinnerung. Langfristig gilt es, daneben die Schwächen im Ballbesitz im Kopf zu haben. 

  • Hamburger SV – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Hamburger SV – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Nach einem turbulenten Spiel gegen den Hamburger SV geht die SGD mit einem Punkt nach Hause. Das war ein schwieriges Spiel, mit dem Ergebnis am Ende kann Dynamo aber zufrieden sein. Hier sind einige taktische Beobachtungen.

    Hamburg als schwieriger Gegner

    Im Gegensatz zum FC aus Ingolstadt in der letzten Woche (für den Spielbericht siehe den letzten Blogpost) stand Dynamo mit dem HSV nun ein deutlich schwieriger Gegner entgegen. Dieser gilt zuweilen als einer der Aufstiegsfavoriten der Liga. Mit Tim Walter als Trainer spielt dieser auch einen besonderen Fußball:

    Strategisch ist der HSV auf die Spielphase Ballbesitz fokussiert und fällt dabei durch eine sehr besondere Spielweise auf. In einem insgesamt fluiden Positionsspiel agiert man besonders im Spielaufbau sehr flexibel, lässt vor allem die Innenverteidiger oft und dynamisch aufrücken. Auch wenn sie mir im letzten Drittel teils zu durchschnittlich agieren, viel Flügelspiel dabei haben, spielen sie damit durchaus dominant und souverän in Liga 2. Für Dynamo stellte sich daher die Frage: Wie kontern wir dieses Konzept?

    Dynamos fehlgeschlagener Pressingplan

    Trainer Schmidt ließ Dynamo, wie auch schon in den vorangegangen Spielen, in einem hohen Rautenpressing agieren. Etwas tiefer als normal, dennoch ziemlich hoch, erwarteten Dynamos Stürmer den Spielaufbau der Hamburger. Um die dynamischen Bewegungen und Rochaden des tiefen Aufbaupersonals zu kontrollieren, agierten diese durchaus abwartend, liefen nicht direkt an, sondern versuchten, das Zentrum zu schließen. 

    Nichtsdestotrotz war der HSV häufig in der Lage, dieses Pressing zu überspielen. Denn: Die Struktur der SGD passte nicht zur gegnerischen Spielweise, kam ihr vielmehr sogar entgegen. Naturgemäß befinden sich schließlich große freie Räume auf beiden Seiten der Raute. Der HSV, der in einer 433-artigen Struktur agierte und die Flügel (zum Beispiel mithilfe von herauskippenden Achtern) immer wieder überlud, konnte genau dort kombinieren. Dynamos 4er-Kette wurde durch die drei breiten und hoch stehenden Stürmer des Gegners zurückgedrängt, die drei Stürmer bewegten sich vorn zentral und eng. So war Dynamo in jenen Flügelregionen häufig in Unterzahl. Der ballnahe Achter musste herausschieben, öffnete währenddessen aber wiederum Räume im Halbraum, die der HSV über beispielsweise fallende Stürmer, herausrückende Innenverteidiger oder horizontal andribbelnde Außenverteidiger bespielen konnte. Schob die SGD mal mit dem gesamten 3er-Mittelfeld auf die ballnahe Seite, um so den Raum dort zu verknappen, gab man wiederum auf der ballfernen Seite Möglichkeiten für eine Verlagerung frei. 

    Grundlegende Pressingstruktur der SGD bei Ballbesitz HSV – HSV mit dynamischen Bewegungen und Überladungen auf dem Flügel, Unterzahl und weite Wege für die SGD
    Beispiel #1 der Pressingprobleme der SGD – freier Halbraum nach Verschieben des 8ers
    Beispiel #2 der Pressingprobleme der SGD – offener Halbraum nach Verschieben des 8ers und Möglichkeit zum Andribbeln nach breitem Anlaufen des Stürmers

    Insgesamt hatte die SGD daher große defensive Probleme, gerade in der Anfangsphase. Die Struktur passte schlichtweg nicht. Außerdem kam hinzu, dass einige Akteure zu Beginn sehr unsauber agierten. Hier ist Rechtsverteidiger Schröter ein gutes Beispiel, der meiner Meinung nach individualtaktisch einige Unsicherheiten im defensiven Stellungsspiel und Zweikampfverhalten offenbarte. So kassierte man am Ende das verdiente 1:0 und konnte froh sein, dass der HSV im letzten Drittel nicht so komplett agierte wie in den anderen beiden Spielteilen.

    „Stabilität“ ab Minute 30 und weitere Probleme

    Im Laufe des Spiels kämpfte sich die SGD ins Spiel, wie Schmidt es später ausdrückte. In Hälfte 1 war man zumindest in der Lage, sich individuell zu stabilisieren. So musste der HSV schon etwas mehr arbeiten, um in Richtung Tor zu gelangen. Trotzdem blieben die strukturellen Probleme offensichtlich, präsent und gefährlich. 

    Aus Dynamo-Sicht kam auch noch dazu, dass man dem Gegner auch in den anderen Spielphasen unterlegen war. Das Umschaltspiel wirkte gegen ein starkes Gegenpressing zu hektisch und war daher wirkungslos, da die Tiefenläufe nicht abgestimmt waren oder nicht erreicht wurden. Wenn man mal den Ball hatte, ging es gegen das mannorientierte Rautenpressing der Hamburger zudem zu häufig planlos lang. Häufige Longline-Bälle (für eine Erklärung siehe Saisonvorschau Spielweise #2) führten zu schnellen Ballverlusten und noch größerer gegnerischer Dominanz.

    Dynamos Anpassungen in der Halbzeit

    Defensive 

    In der Halbzeit galt es für das Trainerteam nun, die strukturellen Probleme der SGD zu lösen. Ich hatte mir zu diesem Zeitpunkt gewünscht, dass man sich etwas tiefer zurückzieht, die Flügel mehr kontrolliert und den Fokus auf das Verteidigen im und Kontern aus dem tiefen Block fokussiert. Doch Schmidt hatte eine andere Idee. In Halbzeit Zwei waren nun für mich zwei verschiedene Pressingpläne zu erkennen.

    Situativ, gerade wenn der HSV in sehr tiefen Zonen aufbaute (beispielsweise bei einem Abstoß), agierte die SGD in einem hohen mannorientierten 4Raute2-Angriffspressing, was typisch für Schmidt ist. Das funktionierte jedoch selten, aus den selben Gründen wie in der ersten Hälfte. Zu leicht gelang es dem HSV, die Stürmer und Achter durch flexible Bewegungen und sichere Kombinationen zu überspielen. Deswegen konnte ich persönlich nicht so richtig verstehen, warum Dynamo diesen Plan verfolgte. Denn ein unabgestimmtes Pressing verbraucht nur unnötige Energie und gibt dem Gegner dann Raum, die übrigen Verteidiger zu bespielen. 

    Dafür war die zweite, häufiger genutzte Idee für das Pressing die bessere. Strukturell agierte man ähnlich, veränderte aber entscheidende Details. Das 433 zog sich noch enger zusammen und versuchte noch deutlicher (und diesmal auch etwas erfolgreicher), das Zentrum zu schließen. War der Gegner auf dem Flügel, schob man aggressiver (vor allem die Außenverteidiger) heraus und versuchte so, die Kombinationen des HSV zu verhindern. Insgesamt schien es, als hätte Schmidt eine höhere Intensität in den Einzelduellen gefordert. Auch die drei Stürmer der SGD waren dafür ein gutes Beispiel, die etwas höher und aggressiver anliefen.

    Dynamos Pressing in HZ2 – ähnlich, aber etwas stabiler; wenn auch nicht perfekt bzgl. Kontrolle der Flügel

    So konnte Dynamo die Hamburger Durchbrüche zumindest quantitativ reduzieren. Die Probleme wurden situativ immer noch deutlich, es klappte definitiv nicht alles. Doch spätestens in der Endverteidigung der Box agierte Dynamo überzeugend (oder der HSV etwas zu einseitig, wahrscheinlich beides). Insgesamt hatte Hamburg immer noch einige progressive Aktionen dabei, schien gerade nach der Meffert-Auswechslung so aber etwas weniger fluide und gefährlich im Aufbau und Übergang. Das spielte Dynamo in die Karten.

    Offensive

    Um auch selbst etwas Torgefahr zu kreieren, brachte Trainer Schmidt zur Halbzeit des Weiteren Panagiotis Vlachodimos aufs Feld. Der interpretierte die linke Stürmerrolle etwas direkter und dynamischer als der eher balltreibende Brandon Borrello in Halbzeit Eins, was Dynamos Konterfokus unterstützte. Nach Ballgewinn konnte man so öfter und auch erfolgreicher umschalten. Vlachodimos attackierte sofort (und mit besserem Timing) die Räume zwischen gegnerischem Außen- und Innenverteidiger und war so maßgeblich an einigen gefährlichen Aktionen beteiligt. Im Großen und Ganzen passte er individualtaktisch besser in die strategische Spielanlage beider Teams.

    Beispiel für einen Tiefenlauf von Vlachodimos in der offensiven Umschaltbewegung der SGD

    Spielende und Fazit

    Am Ende entwickelte sich das Spiel dann in eine etwas chaotischere Richtung. Hamburg sah viel vom Ball, attackierte das letzte Drittel der SGD, scheiterte aber an einem am Ende über weite Strecken solide organisierten tiefen Block und individualtaktisch auftrumpfenden Einzelspielern (Tim Knipping, Michael Sollbauer, Kevin Broll). Dynamo konterte situativ, wurde aber selten gefährlich. So geht das Spiel am Ende unentschieden aus.

    Für die SGD geht dieser Punkt letztendlich auch absolut in Ordnung. Aufgrund der angesprochenen strukturellen Schwächen hätte man sich auch nicht beschweren dürfen, wenn man gegen den HSV verloren hätte. Dies würde ich im Verantwortungsbereich des Trainerteams verorten. Am Ende findet Trainer Schmidt aber ganz ordentliche Anpassungen, die das intensiv kämpfende Team am Ende zu einem Punkt bringen. Als Aufsteiger in der Entwicklung gegen einen sehr starken Gegner, der vermutlich noch viele Gegner in diesem Zweitligajahr dominieren wird, ist das ziemlich okay. Nicht überragend, aber auch nicht schlecht.

  • SG Dynamo Dresden – FC Ingolstadt: Spielanalyse

    SG Dynamo Dresden – FC Ingolstadt: Spielanalyse

    Spitzenreiter! Dynamo Dresden gewinnt das erste Spiel der Saison 2021/22 souverän gegen den Mitaufsteiger aus Ingolstadt. Wie kommt das zustande? Hier sind einige taktische Beobachtungen.

    Die Ausgangslage

    Für uns Außenstehende schien der FCI vor dem Spiel wie eine Wundertüte, gerade auch aufgrund eines Trainerwechsels während der Sommerpause. Nicht jedoch für Alexander Schmidt und sein Trainerteam: Ihnen war klar, dass der Gegner primär ein Pressingteam ist. Sie erwarteten Ingolstadt in einem 4222 und wussten, dass sie die Dresdner hoch anlaufen würden. Was macht man nun dagegen?

    Aufstellung und Matchplan

    Wie Schmidt normalerweise spielen lässt, wissen wir (bzw. können wir in den letzten Blogbeiträgen zur Saisonvorschau nachlesen). Von seiner grundlegenden Strategie und den dahinter steckenden Prinzipien (hohes Pressing, Intensität, Vertikalität etc.) wich er auch für dieses Spiel nicht ab. Jedoch: Er verfolgte innerhalb dieses Rahmens einen spezifisch auf den Gegner angepassten Matchplan. Er veränderte Details in Grundordnung und Abläufen, um der Ingolstädter Taktik entgegenzuwirken. 

    Offensichtlich wurde dies schon mit der Aufstellung oder spätestens in den ersten Minuten. Statt einer klaren Raute spielte Dynamo in Ballbesitz nun mit Christoph Daferner im Sturmzentrum. Dort agierte er nicht wie ein gewöhnlicher 10er zwischen den Linien sondern band meist beide Innenverteidiger mit einer hohen Position mit Rücken zum Tor. So sah das diesmal eher wie eine 433-Struktur aus (auch wenn die Zahlen nicht so wichtig sind).

    Letztendlich veränderte das nur Details, diese waren aber entscheidend in der Entwicklung des Spiels. Wenn Dynamo hoch angelaufen wurden, drückte man die gegnerische 4er-Kette durch die breite und hohe Positionierung der drei Stürmer weit zurück. Weil die Außenverteidiger sich daher nicht zu weit herauslocken lassen wollten, entstanden zwei vorteilhafte Aspekte für die SGD: Zum einen hatte man mit der 4er-Kette und den drei Mittelfeldspielern stets Überzahl beim Spielaufbau in tiefen Zonen, konnte so häufig einen freien 8er oder Außenverteidiger finden und damit letztendlich das hohe Pressing überspielen. Dabei half zum anderen, dass der Raum zwischen Ingolstadts Verteidigung und Angriff so groß wurde, dass sich die 6er nicht trauten, herauszurücken und Dynamo unter Druck zu setzen. So konnte man zu Beginn einige Male dynamische Durchbrüche im Zentrum erzeugen, nur im letzten Drittel fehlte es an Präzision und Abstimmung.

    Angriffspressing des FCI und Dynamos Aufbaustruktur – Überzahl in tiefen Zonen und viel freier Raum im Zentrum.

    Diese Vorteile im Spiel mit Ball wurden des Weiteren durch das Pressing der SGD quantitativ verstärkt. Man lief Ingolstadt in einer asymmetrischen Struktur mannorientiert an und konnte so viele lange Bälle erzwingen. Ingolstadt hatte ab und zu mal einige wenige erfolgreiche Aktionen, sowohl in Situationen, in denen sie den eigenen Außenverteidiger frei spielen konnten, als auch vereinzelt im eigenen Pressing. Im Großen und Ganzen waren sie jedoch taktisch deutlich unterlegen.

    Angriffspressing der SGD – Asymmetrische Mannorientierungen.

    Ingolstädter Anpassung und Dresdner Ballbesitz

    Diese Probleme brachten Ingolstadt dazu, auf ein klassisches und vorsichtigeres 442-Mittelfeldpressing umzustellen. Das brachte Mitte der ersten Halbzeit durchaus etwas Stabilität. Nichtsdestotrotz war Dynamo in der Lage, mit klaren Ideen dieses Block zu durchbrechen und Chancen zu kreieren. 

    Im tieferen Aufbau bewegte man sich zunächst sehr flexibel, gerade auf der linken Seite. Dabei wurden spannende Positionsrochaden von Löwe, Kade und Borrello ersichtlich. Ersterer blieb im Gegensatz zu Schröter häufig etwas tiefer und zentraler, während Kade und Borrello abwechselnd die Breite bzw. den hohen Halbraum besetzten. Damit war definitiv eine gute Ballzirkulation gegeben, die auch von dem über das ganze Spiel starke Gegenpressing nach Ballverlust getragen wurde. Doch für klare Torchancen brauchte es noch eine kleine Anpassung. Borrello begann circa ab Minute 30, konstanter minimal breit zu stehen, womit er den Gegner auseinanderzog und so Passwege und Kombinationen im Zentrum ermöglichte.

    Eine mögliche Kombination gegen den tiefen Block – Dynamos breite Flügel und Achter ziehen ihre Gegenspieler auseinander, Daferner kann sich in den offenen Raum fallen lassen.

    Das 1:0 durch Christoph Daferner

    Kurz vor der Halbzeit fällt dann das 1:0 für die SGD. Aufgrund der Dominanz letztlich verdient, auch wenn es nicht nach einer Ballbesitzphase fällt. Nach souveräner Zweikampfführung von Sollbauer, schaltet man Schmidt-typisch schnell um und attackiert sofort die Tiefe. Schröter kann nun seine Dynamik und Flankenstärke ausspielen, Daferner agiert zudem klug im Zentrum.

    Hälfte 2 mit Panagiotis Vlachodimos 

    In der Halbzeit war nun klar, dass Ingolstadt wieder etwas höher anlaufen wird, um dadurch Torgefahr zu kreieren. Dynamos Personal- und Taktikanpassungen waren daher wiederum sinnvoll. Mit Vlachodimos brachte Schmidt einen direkten Flügelstürmer, der gern die Tiefe attackiert und deutlich fitter als Königsdörffer erschien. Gegen die nun höher stehenden und aggressiver herausrückenden Gegner ergab sich nun viel Raum hinter der letzten Kette, den er attackieren konnte. Dynamo agierte nun wieder etwas mehr mit den rautentypischen Kombinationen: Daferner ließ sich häufig etwas zwischen die Linien fallen, zog so einen Innenverteidiger heraus und konnte den so entstehenden Raum dann über die klassischen Steil-Klatsch-Tief-Kombinationen bespielen. Einige Male ergaben sich dabei Räume für Vlachodimos – am Ende erzielt Dynamo dann auch das 2:0 auf diese Art und Weise.

    Mögliche Rautenkombination #1: Entgegengesetzte Bewegungen mit Tiefenlauf.
    Mögliche Rautenkombination #2: Steil-Klatsch-Tief oder Verlagerung.

    Ungenaues Pressing und wichtiges Tor

    Danach stellte sich bei Dynamo meines Erachtens nach etwas der Schlendrian ein. Einige Male klappte das hohe Angriffspressing nicht zu 100%. Mörschel auf der 8 oder auch Hosiner in der Offensive fanden nicht immer die richtige Positionierung, standen teils zu hoch oder zu tief oder gingen die Wege nicht komplett mit. Da war ich froh, dass man durch eine Einzelaktion im Konter das 3:0 erzielen konnte. Sonst hätte das durchaus noch knapper werden können.

    Nach dem dritten Tor war das Spiel dann aber gelaufen. Dynamo ließ den Ball kontrolliert in tiefen Zonen laufen und ging weniger Risiko. Das imponierte mir, denn solch eine abgezockte Performance habe ich bei Dynamo lange nicht gesehen.

    Fazit

    Insgesamt war das damit ein wirklich starkes Spiel der SGD. In allen Spielphasen, besonders überraschend im Spiel mit Ball und dem Gegenpressing, agierte man mit einem klaren Plan und war auch in der Lage, diesen umzusetzen. Jedoch gilt es auch einzuordnen, dass der Gegner Ingolstadt in allen Belangen verwundernswerterweise wenig souverän und flexibel agierte. Es wird daher spannend, wie sich Dynamo in den kommenden Wochen gegen andere Kaliber schlagen wird.