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  • SG Dynamo Dresden – Holstein Kiel: Spielanalyse

    SG Dynamo Dresden – Holstein Kiel: Spielanalyse

    Gegen Holstein Kiel erreicht die SGD auch  im 13. Spiel in Folge nicht die erhofften drei Punkte. In der Unsicherheit der letzten Wochen wählte man dieses Mal einen simpleren Ansatz, kommt letztlich aber nicht über ein Unentschieden hinaus. Schauen wir uns dieses Spiel noch einmal genauer an.

    Gegner und Kontext

    Nach der im Saisonkontext so bedeutenden Niederlage der letzten Woche gegen den SV Sandhausen ging es für die SGD an diesem Wochenende nun primär darum, endlich wieder einen Sieg einzufahren – egal wie. Dabei stand einem mit Kiel ein Gegner gegenüber, der unter Trainer Rapp den Fußball zunächst ballbesitzfokussiert denkt. Der KSV kommt über ein kluges und flexibles Positionsspiel mit technisch starken Akteure, ohne jedoch gleichzeitig die eigene Flexibilität in Strategie und Taktik zu vernachlässigen.

    Dynamo mit Ball

    Komplexitätsreduktion bringt Sicherheit. Sind Teams verunsichert oder bleiben Ergebnisse aus, ist im Fußball häufig ein Umdenken hin zu einer simplen Strategie und Taktik zu beobachten. So entschied sich auch Dynamos Trainer Capretti, für dieses Spiel von seiner eigentlichen Idee von Fußball abzurücken und stattdessen eine weniger komplexe Herangehensweise zu wählen.

    Statt weiter über Ballbesitz- und Dominanzanspruch Torgefahr kreieren zu versuchen, lag Dynamos Fokus gegen Kiel vor allem auf einem soliden Pressing und einfachem vertikalen Spiel mit Ball. Erzielte man hohe Ballgewinne, sollte schnell gekontert werden. Baute man das Spiel organisiert aus der Tiefe auf, lag der Fokus auf langen und zweiten Bällen.

    Dafür agierte Dynamo in einem 4231 mit durchweg robusteren Spielertypen als zuletzt, insbesondere mit Mai zwischen den weiteren Angreifern. Mit Ball war der Plan einfach: Über tiefen Aufbau (zunächst aus der flachen Viererkette im 4231, später aus einem Dreieraufbau im 3412) bereiten wir lange Bälle vor, indem wir evtl. den Gegner etwas aus der Kompaktheit locken und uns eng um unseren Zielspieler an der letzten Linie oder im Zwischenlinienraum positionieren.

    Wenngleich Mai flexibel agierte, führte das meist zu engen Staffelungen auf der linken Seite. Dort agierte mit Knipping der im Aufbauspiel präzisere Innenverteidiger, zudem der im 1v1 und in engen Räumen sicherere Königsdörffer. Letzterer positionierte sich mit Daferner eng um Zielspieler Mai, um entweder direkt tief zu starten oder um nach dem Ball auf Mai die zweiten Bälle aufzusammeln. Von dort sollte das Spiel schnell fortgesetzt werden, hauptsächlich über das Tempo und die 1v1-Stärke der Flügelspieler Königsdörffer und Diawusie.

    Dynamos Aufbau, Kiels Pressing – SGD zunächst im 4231, enge Staffelung links, hier attackiert Königsdörffer die Tiefe (Bsp. aus Min. 1).
    Dynamos Aufbau, Kiels Pressing – später im 3412, selbe enge Staffelung (Bsp. aus Min. 11, ähnlich z. B. auch in Min. 42).

    In der ersten Spielhälfte kreierte Dynamo so jedoch nur selten Torgefahr. Situativ löste der robuste und bewegliche Königsdörffer Gegnerdruck auf und kam in die Dynamik. Selbiges gelang Diawusie in einigen Konterszenen, bei denen er von klugen überlaufenden oder unterlaufenden Bewegungen Akotos unterstützt wurde. Gegen insbesondere in der Endverteidigung souverän verteidigende Kieler gewann Dynamo das 1v1 jedoch sehr selten; genauso wie das Duell um die Flanke in den Strafraum, wenngleich die Boxbesetzung qualitativ meist stimmte. Dieser Ansatz war zu einseitig und simpel.

    Dynamos Pressing

    Dennoch hätte diese Idee natürlich auch erfolgreich sein können. Um die Wahrscheinlichkeit dessen zu erhöhen, hätte es jedoch deutlich mehr solcher Szenen gebraucht. Das funktionierte gerade in der ersten Hälfte jedoch nicht, weil Kiel das Pressing der SGD gut bespielte und so vielversprechende hohe Ballgewinne selten gelangen.

    Aus einem höheren Mittelfeldpressing lief Dynamo das 433 des Gegners in einer 4231-Staffelung an. Dabei ähnelte der Plan jener Pressingidee, die Schalke vor einigen Wochen gegen die SGD verfolgte. Während die Gegenspieler im Zentrum mannorientiert verfolgt wurden, orientierten sich die Flügelspieler primär an den Außenverteidigern der Kieler. Stürmer Daferner lenkte das Spiel des Gegners auf eine Seite. Meist führt ein solches Lenken zu andribbelnden Bewegungen des jeweiligen Innenverteidigers. Lenkt man diesen über kluges Rückwärtspressing durch Daferner auf eine Seite und schließt gleichzeitig alle Passoptionen über enge Mannorientierungen (zentral) bzw. passende Deckungsschattenarbeit (Flügel), kann man so gefährliche Ballgewinne erzielen.

    Dynamos Pressing, Kiels Aufbau – Ausgangslage bei Abstoß, situativ auch tiefer (Bsp. aus MIn. 2).
    Dynamos Pressing, Kiels Aufbau – Pressing des IVs schnappt zu (Bsp. aus Min 6).

    Wenngleich das zu Beginn des Spiels vereinzelt gelang, löste Kiel diese Szenen jedoch meist klug auf. Zunächst agierten die jeweiligen Innenverteidiger im Andribbeln ausgesprochen ruhig und technisch weitgehend sauber. Zudem war das Positionsspiel der höheren Akteure insofern klug, als dass sich die Kieler stets flexibel bewegten und auf Lücke positionierten. Über stetige Rotationen gelang es so, Dynamos Mannorientierungen zu überspielen.

    Insbesondere manipulierte Kiel häufig die Positionierung des Dresdner Flügelspielers (meist Königsdörffer). Dieser agierte zwar meist diszipliniert und aufmerksam, indem er den Passweg des Innenverteidigers auf den Außenverteidiger mit seinem Deckungsschatten schloss. Schob jener jedoch weit hoch und kippte daraufhin der ballnahe Achter diametral ab, ergab sich auf dem Flügel eine einfache Passoption.

    Dynamos Pressing, Kiels Aufbau – abkippender Achter löst Druck auf (Bsp. aus Min. 34).

    Dynamos Pressing schlug somit in erster Linie häufig fehl. Nichtsdestotrotz konnte man gegen das eher direktere Übergangsspiel der Kieler mit viel Personal im Zwischenlinienraum vor allem mit den zwei defensiv denkenden Ketten inklusive der Doppelsechs insbesondere nach technischen Unsauberkeiten immer wieder Ballgewinne in tieferen Zonen erzielen.

    Kam Kiel jedoch einmal in die Dynamik und agierte dabei sauber, wurde es direkt gefährlich. Sowohl im Konter- als auch im Übergangsspiel orientierte sich Kiel häufig in Richtung Wriedt, über den als Wandspieler über schnelle Steil-Klatsch-Abfolgen immer wieder dynamische Szenen zwischen den Linien (und auf der ballfernen Seite) kreiert wurden. Prinzipien wie Ein-Kontakt-Spiel und diagonales Passspiel wurden dabei deutlich, genauso wie das dynamische Besetzen (und Nachrücken) aller vertikaler Zonen. Letztlich lief dann im letzten Drittel noch viel über Flanken, die Dynamo  trotz kluger Boxbesetzung und -bewegung meist souverän wegverteidigte. Wenngleich in den Endaktionen auf Kieler Seite in dieser Hinsicht noch Verbesserungspotenzial bestand, musste Dynamo noch vor der Halbzeit den eigenen Pressingplan anpassen.

    Dynamos Anpassungen gegen den Ball

    Da der anfängliche Plan gegen den Ball nicht wie geplant funktionierte, wählte Capretti jetzt ebenfalls eine sehr einfache Variante. Von nun an agierte Dynamo mit kompletten Mannorientierungen über das gesamte Feld. Das bedeutete vor allem, dass Linksverteidiger Löwe nun deutlich höher (in Richtung des Rechtsverteidigers Korb) agierte, Königsdörffer ins Zentrum rückte und auf der anderen Seite Diawusie eher breit startete.

    Dynamos Pressing, Kiels Aufbau – Mannorientierungen auf dem gesamten Feld (Bsp. aus Min. 40)

    Kiel konnte nun zumindest nicht mehr so leicht Dynamos Pressing über kluges Positionsspiel (positional superiority) überspielen und ggf. in dynamische Aktionen kommen, sondern wählte ebenfalls häufiger den langen Ball. Damit wurde das Spiel aber auch noch zerfahrener als es ohnehin schon war. Der Fokus lag nun noch mehr auf vielen langen und zweiten Bälle, vielen direkten Duellen und noch mehr Standards. In solchen 50/50-Aktionen agierten beide Teams mit solider Intensität und Wucht, gleichzeitig konnte sich eines jedoch auch nicht vom anderen entscheidend distanzieren.

    Kieler Anpassungen

    Das versuchte Kiel noch einmal nachdrücklich in der zweiten Hälfte. Auf den vermehrten Dreieraufbau Dynamos (3412) reagierte Trainer Rapp mit einer Umstellung auf 352 gegen den Ball. Mit einem Verteidiger mehr schaffte er somit wieder zentrale Überzahl in letzter Linie, während gleichzeitig das Mittelfeld weiterhin mannorientiert kontrolliert werden konnte. So gelang es noch besser, Dynamos einseitigen und direkten Ansatz mit Ball über weite Strecken vom eigenen Tor wegzuhalten.*

    * Auch eine spannende Geschichte des Spiels: Im Viereraufbau gelang es Kiel über das 433-Angriffspressing bzw. -Mittelfeldpressing häufig gut, Dynamo zu wenig Ballsicherheit, wenig Zeit zur Vorbereitung langer Bälle und situativ sogar zu einfachen Ballverlusten in erster Linie zu zwingen. Der Schachzug Caprettis, mit dem Dreieraufbau einen Akteur mehr in hohe Zonen zu schieben und andere Winkel zu schaffen, zwingt den Gegner ebenfalls zu einer Anpassung, bindet ihn tief und bringt damit auch mehr Zeit in der ersten Aufbaureihe.

    Mit dem Ball reagierte Kiel auf Dynamos stark mannorientierten Ansatz insofern, als dass sie die Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg im direkten Duell zu erhöhen versuchten (qualitative superiority). Eine sehr tiefe Viererkette sollte Dynamos Personal herauslocken, eine sehr breite Dreierreihe im Angriff es auseinanderziehen.

    Dynamos Pressing, Kiels Aufbau – Mannorientierungen auf dem gesamten Feld gegen eine maximal breite Staffelung (Bsp. aus Min. 48).

    So entstanden überall isolierte 1v1-Szenen, die – wenn gewonnen – sofort gefährlich werden konnten. Ein Beispiel ist der robuste Wriedt: Behauptet er sich als Wandspieler gegen Sollbauer und kann entweder selbst aufdrehen oder nachrückende Spieler einsetzen, kommt Kiel sofort in die Dynamik. Dynamo hat keinen unterstützenden Spieler, sondern muss weite Wege zurücklegen.

    Damit einher geht zudem folgendes Dilemma, hier am Beispiel der breit stehenden Flügel erklärt: Geht Dynamos Verteidiger eng mit, kann er zwar sofort Druck erzeugen, befindet sich aber auch in ungewohnten Zonen und kann so im 1v1 schnell (z. B. im Schnelligkeitsvergleich) überspielt werden. Außerdem öffnet er große Räume im Zentrum, die nachrückende Gegner bespielen können. Bleibt er aber im Zentrum, kann der Kieler Flügelspieler den Ball im Raum empfangen und ebenfalls in die Dynamik kommen.

    Dynamo hat sich richtigerweise für letztere Option entschieden, indem Akoto, Sollbauer und Knipping zunächst weiterhin enger standen und erst dann mannorientiert herausgerückt sind. Dennoch zeigen sich hier die Nachteile einer solchen Herangehensweise, insbesondere ohne Überzahlspieler in letzter Linie. Dann muss das Timing im Herausschießen und Absichern stets perfekt sein.

    Insgesamt konnte Kiel mit den Mannorientierungen auf beiden Seiten schon etwas besser umgehen als die SGD. Über aktiveres und klügeres Freilaufverhalten in Verbindung mit dem Ein-Kontakt-Spiel fanden sie auch in der zweiten Spielhälfte einige gute Lösungen unter Druck und kreierten so (zumindest im Ansatz) vielversprechende Aktionen. Letztlich gelang es Dynamo aber zumindest auch, eine Großzahl der direkten Duelle für sich zu entscheiden und auch gegnerische Durchbrüche spätestens in der eigenen Box noch wegzuverteidigen.

    Fazit

    Damit war nahezu die gesamte zweite Hälfte durch viel Stückwerk und zahlreiche Umschaltaktionen auf beiden Seiten geprägt. Dabei gelang es Dynamo jedoch zu selten, in die Nähe des gegnerischen Tors zu kommen, um mehr als einen Punkt mitzunehmen. Letztlich war der simple Ansatz mit und gegen den Ball für einen Sieg schlichtweg zu einseitig und zu stark auf individuelle Aktionen fokussiert. Ob die Mannschaft in dieser Situation mit der komplexeren Herangehensweise erfolgreicher performt hätte, steht auf einem anderen Blatt.

  • Holstein Kiel – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Holstein Kiel – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Auch gegen Kiel gelingt es der SGD nicht, das Spiel für sich zu entscheiden. Trotz sinnvollem Matchplan und Führungstor steht am Ende ein 2:1 auf der Anzeigetafel. Hier schauen wir uns den Spielverlauf nochmal genauer an und versuchen uns danach an einer differenzierten Gesamteinordnung.

    Der Gegner Kiel

    Holstein Kiel ist bekanntermaßen (und bemerkenswerterweise auch Trainer-unabhängig) ein klares Ballbesitzteam. Auch unter Marcel Rapp verfolgen die Störche weiterhin ihren Dominanzanspruch, verbunden mit ihrer Fokussierung auf das aktive Spiel mit Ball. Stets geht es darum, spielerische Lösungen im Aufbau, Übergang und der Chancenerarbeitung zu finden, um so den Gegner kontrolliert auszuspielen. 

    Dynamos Matchplan

    Dynamo hatte auf dieser Grundlage verschiedene Möglichkeiten, wie Schmidt in der Pressekonferenz vor dem Spiel schon andeutete. Entweder lief man den Kieler Ballbesitz in hohem Pressing an, um hohe und gefährliche Ballgewinne für Konter zu erzwingen, oder ließ sich in ein tieferes Mittelfeldpressing, um Kiel spielen zu lassen, selbst sicher zu stehen und dann zu versuchen, die Räume hinter der aufgerückten gegnerischen Kette zu bekontern.

    Schmidt entschied sich in diesem Spiel nicht für die idealistische, sondern die pragmatische Herangehensweise: Da Kiel im Spielaufbau meist flexible und vielversprechende Lösungen zu finden schien, ihnen jedoch gerade in der Hälfte des Gegners noch die 100% passenden und eingespielten Abläufe fehlten, entschied man sich auf Dresdner Seite für Letzteres.

    Dynamo überließ also dem Gegner den Ball und konzentrierte sich zunächst darauf, dessen Offensivbemühungen einzudämmen. Kiel zog rein strukturell ein durchaus ansehnliches Positionsspiel auf. Aus einem nominellen 433 besetzte man klar strukturiert und gleichzeitig flexibel die bedeutenden Zonen. Man versuchte zum einen, das Spiel auf letzter Linie in die Breite zu ziehen, gleichzeitig aber auch den Zwischenlinienraum zu überladen, um sich so durch den Block der SGD zu kombinieren.

    Dynamo schien auf genau diese Herangehensweise vorbereitet zu sein. Ohne Ball stellte man in der eigenen Hälfte einen engen 451Block auf, um horizontal und vertikal kompakt zu stehen und so eben jene Räume zu kontrollieren. Ein grundsätzlich guter Plan, wie ich finde.

    Realtaktische Ausgangslage beider Teams – Kiel in Ballbesitz, SGD im Mittelfeldpressing

    Gerade zu Beginn der Partie hat dieser Plan auch ziemlich solide funktioniert. Kiel agierte trotz guter Struktur teils zu undynamisch, teils erkannte man, dass ihnen noch eingespielte Abläufe im Kurzpassspiel fehlen. Gerade die Tiefenläufe schienen mir beispielsweise situativ zu unabgestimmt. Auf der anderen Seite verschob und verteidigte Dynamo solide, man verteidigte anfangs besonders die Tiefe mehr als ordentlich. Will, der die Kieler Tiefenläufe aus dem linken Halbraum heraus (siehe vorherige Grafik), durch eine situativ sehr tiefe Positionierung verteidigte, spielte dabei eine große Rolle. 

    So stand man im Gesamten stabil und war einige Male in der Lage, über die Flügel umzuschalten und sich dann über starke Gegenpressingaktionen zumindest einige gefährliche Situationen zu erspielen. Genauso fällt schließlich auch das 0:1 der SGD.

    Guter Plan, Fehler in der Umsetzung

    Doch schon im Laufe des ersten Durchgangs wurde ersichtlich, dass zwar dieser Plan im Gesamttatktischen eine sinnvolle Idee war, dessen individuelle Umsetzung die Dresdner Abwehr jedoch teilweise trotzdem löchrig haben wirken lassen. Gerade in letzter Linie hatte man teils Probleme, aus der gesamten Passivität die nötige Aggressivität im Vorwärtsverteidigen zu entwickeln. Gerade auf der linken Seite, die mit Kade durchaus etwas unorthodox (wenn auch verständlich) besetzt wurde, konnte Kiel so einige gefährliche Durchbrüche erzielen oder gerade nach zweiten Bällen zum Tor gelangen. Insgesamt konnte man einige individuelle Unaufmerksamkeiten und Ungenauigkeiten bezüglich Positionierung, Absicherung und direktem Zweikampfverhalten erkennen, sodass das Spiel durchaus auch mit einem oder mehreren Kieler Toren in die Pause hätte gehen können.

    Halbzeit Zwei 

    Nach der Halbzeitpause verschärfte sich diese Spielanlage. Kiel bekam etwas mehr Tempo und Präzision in ihre Aktionen, war zudem im Gegenpressing etwas aggressiver. Dagegen ließ sich Dynamo immer weiter nach hinten drücken, wurde vermehrt noch passiver. Verbunden mit den weiter bestehenden individuellen Unsicherheiten würde ich dies dann auch als Grund benennen, warum Dynamo dann in kürzester Zeit in Rückstand gerät.

    Hohes Pressing & altbewährte Probleme im Spiel mit Ball

    Nun befand sich die SGD offensichtlicherweise wieder in einem Spielverlauf, der eigene Aktivität forderte. Sofort stellte man auf hohes Angriffspressing um, was ganz ordentlich funktionierte und trotz der spielerischen Stärke Kiels zumindest einige unkontrollierte lange Bälle erzwang (ein Kritikpunkt des Kieler Trainers nach dem Spiel). Nichtsdestotrotz kam Dynamo aufgrund dieser Ausgangslage nicht wirklich dazu, aus hohen Zonen in gefährliche Umschaltsituationen zu starten. Vielmehr verteidigte Kiel nun auch vermehrt in einem mannorientierten 4231Mittelfeldpressing und überließ Dynamo den Ball. Dies Dresdner liefen zwar an, doch klare Strukturen und Ideen waren in diesen Ballbesitzphasen nicht erkennbar. Mit viel Personal versuchte man, die letzte Kette für lange Bälle zu überladen. Aus dieser Formation konnte man jedoch weder vielversprechend kombinieren noch die entscheidenden Duelle so für sich entscheiden, dass Boxgefahr entsteht. Diese strategische Schwäche kennen wir ja, ich denke, darauf muss ich nicht nochmal näher eingehen.

    Fazit

    Und damit verliert die SGD dann. Um das Spiel zu bewerten, gilt es aber, zu differenzieren. Es wurden positive und negative Aspekte ersichtlich. Der Matchplan hat für mich Sinn ergeben, gesamttaktisch sah das bis zu den Gegentoren ordentlich aus. Gegen Sandhausen gab es auch strukturelle Probleme, die ich kritisierte, dieses Mal sah das anders aus. Jedoch fehlten am Ende wieder diese, in den letzten Wochen oft beschworenen Kleinigkeiten, die 100%ige individuelle Sicherheit in den Aktionen, gerade in der Defensive, um die gegnerischen Offensivbemühungen konstant wegzuverteidigen. Das, in Verbund mit den strategischen Schwächen, die durch den Spielverlauf am Ende der Partie wieder deutlich wurden, waren meiner Meinung nach die primären Gründe für die Niederlage. 

    Wie ordnen wir dieses Spiel nun – auch hinsichtlich der Trainerfrage – ein?

    Ein stures Festhalten an Trainer Schmidt rein aus Prinzip ist natürlich nicht Sinn der Sache. Es geht um die kurz-, mittel- und langfristige Entwicklung des Vereins. Daher spielen in dieser Frage viele interdependente Faktoren eine Rolle, die es alle zu beachten gilt. Dazu zählen neben dem Sportlichen zum Beispiel auch Finanzen und die Situation auf dem Trainermarkt. Leider ist es schwer, als Außenstehender letzteres zu beurteilen. Was wir sehen, ist das Sportliche. Und vor diesem Hintergrund bleibe ich auch nach diesem Spiel bei dem, was ich schon in der letzten Woche konkreter ausgeführt habe …

    „[…] im Spiel mit Ball hat Dynamo noch deutlich Verbesserungsbedarf, das haben wir schon die gesamte Saison herausgearbeitet. Doch in den anderen strategischen Spielphasen hat es Schmidt meines Erachtens nach geschafft, eine eigentlich sehr stabile und proaktive Basis aufzubauen. […] Aufgrund der kurz-/mittelfristigen Aussicht plus dieser Ansätze denke ich dennoch, dass Schmidt für die aktuelle Situation im ersten Jahr nach dem Aufstieg sehr gut zur SGD passt. Daher sollte man ihm meines Erachtens nach definitiv die Entwicklungszeit geben.“

    SG Dynamo Dresden – SV Sandhausen und St. Pauli: Spielanalyse

    … und ergänze das nun mit einigen Gedanken, die ich in den letzten Tagen zu sortieren versuchte.

    Was könnte man Schmidt denn vorwerfen? Der einzige Aspekt ist meines Erachtens nach der der strategischen Schwächen im Spiel mit dem Ball. Er hat es noch nicht geschafft, Dynamo taktische Herangehensweise so zu komplettieren, dass man unabhängig von Gegner und Spielverlauf ist. Das ist einer der Gründe, warum wir einige der Spiele der letzten Wochen verloren haben. Langfristig sollte sich dahingehend definitiv verbessern – doch sind diese strategischen Lücken kurzfristig so relevant?

    Nur in wenigen Partien wurde die SGD bisher komplett hergespielt. Schmidt hat bei Dynamo eine stabile Gesamtbasis geschaffen, die man auf dem Platz nahezu in jedem Spiel erkennen konnte. Mit solch einem abhängigen, aber stabilen Fußball reißt man keine Bäume aus, sollte aber eigentlich stabil durch Liga 2 kommen. Statistiken verdeutlichen zum Beispiel, dass die SGD gerade defensiv eigentlich im Tabellenmittelfeld liegt. 

    Die in letzter Zeit fehlenden Ergebnisse skizzieren ein zu negatives Bild, das die Leistungen nicht 100%ig widerspiegelt. Die Niederlagenserie begann mit viel Pech (Paderborn) und setzte sich fort mit immer bedeutender werdenden individuellen Unsicherheiten und Limitationen. Es sind diese Kleinigkeiten, die einige dieser Partien entschieden haben. Wären beispielsweise die für den Schmidt-Fußball so gut passenden Knipping und Vlachodimos nicht verletzt, sähe das sicher anders aus. Liefe alles so wie geplant, kämen all diese Aspekte nicht zusammen, würde man sicher nicht so negativ (wenn natürlich auch nicht unglaublich positiv, im Sinne einer überstarken Performance im oberen Drittel von Liga 2) über Schmidt sprechen. Es wäre zunächst stabil und würde reichen, viel mehr zum aktuellen Zeitpunkt aber auch (noch) nicht. 

    Doch da wir ja nicht im Konjunktiv leben: Die wichtige Frage ist nun, wie Dynamo diese Kleinigkeiten wieder umgebogen bekommt, um mit dieser eigentlich stabilen Basis auch wieder die Ergebnisse so solide wie die Leistungen aussehen zu lassen. Ich persönlich kann mir das Auftreten dieser individueller Fehler, dieser kleinen Unsicherheiten und vor allem deren vermehrtes Auftreten in den letzten beiden Spielen gegen Kiel und Sandhausen nicht wirklich erklären. Ich begebe mich ungern auf diese Schiene, aber am Ende kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt und bei meinem Wissensstand nur mentale Gründe vorstellen. Aber: Das ist reine Spekulation, dafür habe ich zu wenig Einblick in Team und Umfeld.

    Wenn man nun als Verantwortlicher sieht, dass es bei Mannschaft und Trainerteam einen wirklich signifikanten Grund für diese Unsicherheiten gibt und man daher nicht überzeugt ist, Korrekturen (Ergebnisse) zukünftig in der aktuellen Konstellation bewerkstelligen zu können und bei einer Weiterbeschäftigung von Schmidt deswegen klaren Abstiegskampf erwartet, wäre das ein Argument für einen Personalwechsel – man würde also versuchen, einen ganz neuen Impuls zu setzen, um diesen ergebnistechnischen Negativtrend auf kurze Sicht umzukehren. (Wenn man kurz- und langfristige Perspektiven dann aber vereint, bräuchte man eine Top-Alternative in dieser Lage. Jemand, der den Feuerwehrmann-Impuls geben kann, aber auch (!) strategisch-taktisch und langfristig Besseres verspricht als Schmidt.)

    Meines Erachtens nach wäre das jedoch auch der einzige Gedanke, der eine solche Entscheidung rechtfertigen würde. Wie zuvor gesagt: Richtig viel kann ich Schmidt auf kurzfristiger Ebene nicht vorwerfen. Wenn sich einige kleine Aspekte anders entwickelt hätten, wäre man weit entfernt von einer solchen kritikreichen Situation. Und da es eben nur Kleinigkeiten sind, glaube ich – ohne Einblick in den Verein – weiterhin daran, dass eine Umkehr auch mit dieser personellen Lage möglich ist. (Auch wenn natürlich – ohne Frage – gerade die letzten beiden Spiele den Optimismus schwinden lassen, da die Unsicherheiten immer verstärkter auftraten.) Denn die gesamttaktische Basis steht schließlich eigentlich. Kommen dann noch Verletzte zurück, legt man vielleicht nochmal im Winter nach, könnte sich das Blatt schnell wenden.

    Schlussendlich ist es an Dynamos sportlich Verantwortlichen, diese Frage zu beantworten. Wie bringen wir kurzfristige Situation und langfristige Entwicklung unter einen Hut? Sind wir trotz über weite Strecken solider Leistungen weiter überzeugt davon, dass sich die Ergebnisse mit Schmidt wieder bessern werden? (Und wenn nein, gibt es eine bessere verfügbare Alternative?) Bei meinem Wissensstand würde ich persönlich immer noch zu ja, also zu Schmidt tendieren. Fest steht, dass das dieses Mal eine komplexe Entscheidung ist. Eine klare Antwort auf die Frage nach Dynamos Entwicklung in den nächsten Wochen – weitere Verunsicherung oder Kehrtwende? – wird daher nur die Zukunft zeigen.