Holstein Kiel – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

Auch gegen Kiel gelingt es der SGD nicht, das Spiel für sich zu entscheiden. Trotz sinnvollem Matchplan und Führungstor steht am Ende ein 2:1 auf der Anzeigetafel. Hier schauen wir uns den Spielverlauf nochmal genauer an und versuchen uns danach an einer differenzierten Gesamteinordnung.

Der Gegner Kiel

Holstein Kiel ist bekanntermaßen (und bemerkenswerterweise auch Trainer-unabhängig) ein klares Ballbesitzteam. Auch unter Marcel Rapp verfolgen die Störche weiterhin ihren Dominanzanspruch, verbunden mit ihrer Fokussierung auf das aktive Spiel mit Ball. Stets geht es darum, spielerische Lösungen im Aufbau, Übergang und der Chancenerarbeitung zu finden, um so den Gegner kontrolliert auszuspielen. 

Dynamos Matchplan

Dynamo hatte auf dieser Grundlage verschiedene Möglichkeiten, wie Schmidt in der Pressekonferenz vor dem Spiel schon andeutete. Entweder lief man den Kieler Ballbesitz in hohem Pressing an, um hohe und gefährliche Ballgewinne für Konter zu erzwingen, oder ließ sich in ein tieferes Mittelfeldpressing, um Kiel spielen zu lassen, selbst sicher zu stehen und dann zu versuchen, die Räume hinter der aufgerückten gegnerischen Kette zu bekontern.

Schmidt entschied sich in diesem Spiel nicht für die idealistische, sondern die pragmatische Herangehensweise: Da Kiel im Spielaufbau meist flexible und vielversprechende Lösungen zu finden schien, ihnen jedoch gerade in der Hälfte des Gegners noch die 100% passenden und eingespielten Abläufe fehlten, entschied man sich auf Dresdner Seite für Letzteres.

Dynamo überließ also dem Gegner den Ball und konzentrierte sich zunächst darauf, dessen Offensivbemühungen einzudämmen. Kiel zog rein strukturell ein durchaus ansehnliches Positionsspiel auf. Aus einem nominellen 433 besetzte man klar strukturiert und gleichzeitig flexibel die bedeutenden Zonen. Man versuchte zum einen, das Spiel auf letzter Linie in die Breite zu ziehen, gleichzeitig aber auch den Zwischenlinienraum zu überladen, um sich so durch den Block der SGD zu kombinieren.

Dynamo schien auf genau diese Herangehensweise vorbereitet zu sein. Ohne Ball stellte man in der eigenen Hälfte einen engen 451Block auf, um horizontal und vertikal kompakt zu stehen und so eben jene Räume zu kontrollieren. Ein grundsätzlich guter Plan, wie ich finde.

Realtaktische Ausgangslage beider Teams – Kiel in Ballbesitz, SGD im Mittelfeldpressing

Gerade zu Beginn der Partie hat dieser Plan auch ziemlich solide funktioniert. Kiel agierte trotz guter Struktur teils zu undynamisch, teils erkannte man, dass ihnen noch eingespielte Abläufe im Kurzpassspiel fehlen. Gerade die Tiefenläufe schienen mir beispielsweise situativ zu unabgestimmt. Auf der anderen Seite verschob und verteidigte Dynamo solide, man verteidigte anfangs besonders die Tiefe mehr als ordentlich. Will, der die Kieler Tiefenläufe aus dem linken Halbraum heraus (siehe vorherige Grafik), durch eine situativ sehr tiefe Positionierung verteidigte, spielte dabei eine große Rolle. 

So stand man im Gesamten stabil und war einige Male in der Lage, über die Flügel umzuschalten und sich dann über starke Gegenpressingaktionen zumindest einige gefährliche Situationen zu erspielen. Genauso fällt schließlich auch das 0:1 der SGD.

Guter Plan, Fehler in der Umsetzung

Doch schon im Laufe des ersten Durchgangs wurde ersichtlich, dass zwar dieser Plan im Gesamttatktischen eine sinnvolle Idee war, dessen individuelle Umsetzung die Dresdner Abwehr jedoch teilweise trotzdem löchrig haben wirken lassen. Gerade in letzter Linie hatte man teils Probleme, aus der gesamten Passivität die nötige Aggressivität im Vorwärtsverteidigen zu entwickeln. Gerade auf der linken Seite, die mit Kade durchaus etwas unorthodox (wenn auch verständlich) besetzt wurde, konnte Kiel so einige gefährliche Durchbrüche erzielen oder gerade nach zweiten Bällen zum Tor gelangen. Insgesamt konnte man einige individuelle Unaufmerksamkeiten und Ungenauigkeiten bezüglich Positionierung, Absicherung und direktem Zweikampfverhalten erkennen, sodass das Spiel durchaus auch mit einem oder mehreren Kieler Toren in die Pause hätte gehen können.

Halbzeit Zwei 

Nach der Halbzeitpause verschärfte sich diese Spielanlage. Kiel bekam etwas mehr Tempo und Präzision in ihre Aktionen, war zudem im Gegenpressing etwas aggressiver. Dagegen ließ sich Dynamo immer weiter nach hinten drücken, wurde vermehrt noch passiver. Verbunden mit den weiter bestehenden individuellen Unsicherheiten würde ich dies dann auch als Grund benennen, warum Dynamo dann in kürzester Zeit in Rückstand gerät.

Hohes Pressing & altbewährte Probleme im Spiel mit Ball

Nun befand sich die SGD offensichtlicherweise wieder in einem Spielverlauf, der eigene Aktivität forderte. Sofort stellte man auf hohes Angriffspressing um, was ganz ordentlich funktionierte und trotz der spielerischen Stärke Kiels zumindest einige unkontrollierte lange Bälle erzwang (ein Kritikpunkt des Kieler Trainers nach dem Spiel). Nichtsdestotrotz kam Dynamo aufgrund dieser Ausgangslage nicht wirklich dazu, aus hohen Zonen in gefährliche Umschaltsituationen zu starten. Vielmehr verteidigte Kiel nun auch vermehrt in einem mannorientierten 4231Mittelfeldpressing und überließ Dynamo den Ball. Dies Dresdner liefen zwar an, doch klare Strukturen und Ideen waren in diesen Ballbesitzphasen nicht erkennbar. Mit viel Personal versuchte man, die letzte Kette für lange Bälle zu überladen. Aus dieser Formation konnte man jedoch weder vielversprechend kombinieren noch die entscheidenden Duelle so für sich entscheiden, dass Boxgefahr entsteht. Diese strategische Schwäche kennen wir ja, ich denke, darauf muss ich nicht nochmal näher eingehen.

Fazit

Und damit verliert die SGD dann. Um das Spiel zu bewerten, gilt es aber, zu differenzieren. Es wurden positive und negative Aspekte ersichtlich. Der Matchplan hat für mich Sinn ergeben, gesamttaktisch sah das bis zu den Gegentoren ordentlich aus. Gegen Sandhausen gab es auch strukturelle Probleme, die ich kritisierte, dieses Mal sah das anders aus. Jedoch fehlten am Ende wieder diese, in den letzten Wochen oft beschworenen Kleinigkeiten, die 100%ige individuelle Sicherheit in den Aktionen, gerade in der Defensive, um die gegnerischen Offensivbemühungen konstant wegzuverteidigen. Das, in Verbund mit den strategischen Schwächen, die durch den Spielverlauf am Ende der Partie wieder deutlich wurden, waren meiner Meinung nach die primären Gründe für die Niederlage. 

Wie ordnen wir dieses Spiel nun – auch hinsichtlich der Trainerfrage – ein?

Ein stures Festhalten an Trainer Schmidt rein aus Prinzip ist natürlich nicht Sinn der Sache. Es geht um die kurz-, mittel- und langfristige Entwicklung des Vereins. Daher spielen in dieser Frage viele interdependente Faktoren eine Rolle, die es alle zu beachten gilt. Dazu zählen neben dem Sportlichen zum Beispiel auch Finanzen und die Situation auf dem Trainermarkt. Leider ist es schwer, als Außenstehender letzteres zu beurteilen. Was wir sehen, ist das Sportliche. Und vor diesem Hintergrund bleibe ich auch nach diesem Spiel bei dem, was ich schon in der letzten Woche konkreter ausgeführt habe …

„[…] im Spiel mit Ball hat Dynamo noch deutlich Verbesserungsbedarf, das haben wir schon die gesamte Saison herausgearbeitet. Doch in den anderen strategischen Spielphasen hat es Schmidt meines Erachtens nach geschafft, eine eigentlich sehr stabile und proaktive Basis aufzubauen. […] Aufgrund der kurz-/mittelfristigen Aussicht plus dieser Ansätze denke ich dennoch, dass Schmidt für die aktuelle Situation im ersten Jahr nach dem Aufstieg sehr gut zur SGD passt. Daher sollte man ihm meines Erachtens nach definitiv die Entwicklungszeit geben.“

SG Dynamo Dresden – SV Sandhausen und St. Pauli: Spielanalyse

… und ergänze das nun mit einigen Gedanken, die ich in den letzten Tagen zu sortieren versuchte.

Was könnte man Schmidt denn vorwerfen? Der einzige Aspekt ist meines Erachtens nach der der strategischen Schwächen im Spiel mit dem Ball. Er hat es noch nicht geschafft, Dynamo taktische Herangehensweise so zu komplettieren, dass man unabhängig von Gegner und Spielverlauf ist. Das ist einer der Gründe, warum wir einige der Spiele der letzten Wochen verloren haben. Langfristig sollte sich dahingehend definitiv verbessern – doch sind diese strategischen Lücken kurzfristig so relevant?

Nur in wenigen Partien wurde die SGD bisher komplett hergespielt. Schmidt hat bei Dynamo eine stabile Gesamtbasis geschaffen, die man auf dem Platz nahezu in jedem Spiel erkennen konnte. Mit solch einem abhängigen, aber stabilen Fußball reißt man keine Bäume aus, sollte aber eigentlich stabil durch Liga 2 kommen. Statistiken verdeutlichen zum Beispiel, dass die SGD gerade defensiv eigentlich im Tabellenmittelfeld liegt. 

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Die in letzter Zeit fehlenden Ergebnisse skizzieren ein zu negatives Bild, das die Leistungen nicht 100%ig widerspiegelt. Die Niederlagenserie begann mit viel Pech (Paderborn) und setzte sich fort mit immer bedeutender werdenden individuellen Unsicherheiten und Limitationen. Es sind diese Kleinigkeiten, die einige dieser Partien entschieden haben. Wären beispielsweise die für den Schmidt-Fußball so gut passenden Knipping und Vlachodimos nicht verletzt, sähe das sicher anders aus. Liefe alles so wie geplant, kämen all diese Aspekte nicht zusammen, würde man sicher nicht so negativ (wenn natürlich auch nicht unglaublich positiv, im Sinne einer überstarken Performance im oberen Drittel von Liga 2) über Schmidt sprechen. Es wäre zunächst stabil und würde reichen, viel mehr zum aktuellen Zeitpunkt aber auch (noch) nicht. 

Doch da wir ja nicht im Konjunktiv leben: Die wichtige Frage ist nun, wie Dynamo diese Kleinigkeiten wieder umgebogen bekommt, um mit dieser eigentlich stabilen Basis auch wieder die Ergebnisse so solide wie die Leistungen aussehen zu lassen. Ich persönlich kann mir das Auftreten dieser individueller Fehler, dieser kleinen Unsicherheiten und vor allem deren vermehrtes Auftreten in den letzten beiden Spielen gegen Kiel und Sandhausen nicht wirklich erklären. Ich begebe mich ungern auf diese Schiene, aber am Ende kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt und bei meinem Wissensstand nur mentale Gründe vorstellen. Aber: Das ist reine Spekulation, dafür habe ich zu wenig Einblick in Team und Umfeld.

Wenn man nun als Verantwortlicher sieht, dass es bei Mannschaft und Trainerteam einen wirklich signifikanten Grund für diese Unsicherheiten gibt und man daher nicht überzeugt ist, Korrekturen (Ergebnisse) zukünftig in der aktuellen Konstellation bewerkstelligen zu können und bei einer Weiterbeschäftigung von Schmidt deswegen klaren Abstiegskampf erwartet, wäre das ein Argument für einen Personalwechsel – man würde also versuchen, einen ganz neuen Impuls zu setzen, um diesen ergebnistechnischen Negativtrend auf kurze Sicht umzukehren. (Wenn man kurz- und langfristige Perspektiven dann aber vereint, bräuchte man eine Top-Alternative in dieser Lage. Jemand, der den Feuerwehrmann-Impuls geben kann, aber auch (!) strategisch-taktisch und langfristig Besseres verspricht als Schmidt.)

Meines Erachtens nach wäre das jedoch auch der einzige Gedanke, der eine solche Entscheidung rechtfertigen würde. Wie zuvor gesagt: Richtig viel kann ich Schmidt auf kurzfristiger Ebene nicht vorwerfen. Wenn sich einige kleine Aspekte anders entwickelt hätten, wäre man weit entfernt von einer solchen kritikreichen Situation. Und da es eben nur Kleinigkeiten sind, glaube ich – ohne Einblick in den Verein – weiterhin daran, dass eine Umkehr auch mit dieser personellen Lage möglich ist. (Auch wenn natürlich – ohne Frage – gerade die letzten beiden Spiele den Optimismus schwinden lassen, da die Unsicherheiten immer verstärkter auftraten.) Denn die gesamttaktische Basis steht schließlich eigentlich. Kommen dann noch Verletzte zurück, legt man vielleicht nochmal im Winter nach, könnte sich das Blatt schnell wenden.

Schlussendlich ist es an Dynamos sportlich Verantwortlichen, diese Frage zu beantworten. Wie bringen wir kurzfristige Situation und langfristige Entwicklung unter einen Hut? Sind wir trotz über weite Strecken solider Leistungen weiter überzeugt davon, dass sich die Ergebnisse mit Schmidt wieder bessern werden? (Und wenn nein, gibt es eine bessere verfügbare Alternative?) Bei meinem Wissensstand würde ich persönlich immer noch zu ja, also zu Schmidt tendieren. Fest steht, dass das dieses Mal eine komplexe Entscheidung ist. Eine klare Antwort auf die Frage nach Dynamos Entwicklung in den nächsten Wochen – weitere Verunsicherung oder Kehrtwende? – wird daher nur die Zukunft zeigen.

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