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  • SV Werder Bremen – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    SV Werder Bremen – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Im ersten Spiel unter Guerino Capretti verliert Dynamo gegen den Spitzenreiter Werder Bremen. Offensiv agierte die SGD gefährlicher als zuletzt, hatte defensiv aber einige Probleme. Trotz dieser Unsicherheiten konnte man schon einige Ansätze der Spielidee des neuen Trainers beobachten. Schauen wir uns das einmal genauer an.

    Das neue Capretti-Pressing

    Nach dem Trainerwechsel unter der Woche blieb es bis zum Spiel am Sonntag spannend, inwiefern Capretti seine Ideen schon im Dynamo-Team implementieren konnte. Besonders schien man die bisherige Zeit für die Arbeit am Pressing genutzt zu haben. Gegen einen dominanten und ballbesitzstarken Gegner wie Bremen ergibt dies aus pragmatischen Gründen durchaus Sinn. Gegen das asymmetrische 433/352 der Werderaner im Aufbau stellte Capretti sein Team wie auch meist Schmidt in einer 433-Ausgangsstaffelung auf. Doch diese wurde ganz anders ausgeführt und interpretiert als zuletzt.

    Während Dynamo unter Schmidt meist extrem hohes Angriffspressing spielte, agierte man nun in einem höheren Mittelfeldpressing. Man attackierte nicht mehr sofort und mit viel Laufaufwand, sondern wartete auf andere, ganz bestimmte Pressingtrigger.

    Zunächst positionierten sich die Stürmer so: Daferner kontrollierte mit seinem Deckungsschatten den gegnerischen Sechser Groß. Die beiden Flügel agierten optionsorientiert im Raum, mit schnellem Zugriff auf die umliegenden Gegner und primär mit Blick darauf, den Passweg von Innenverteidiger auf Außenverteidiger zuzulaufen. (Im Gegensatz zu Königsdörffer rückte Schröter dabei in diesem Spiel weiter auf, was den Bremer Aufbau auf deren rechte Seite lenkte.)

    Entscheidend für eine Dresdner Aktion waren ein Pass zwischen den beiden Innenverteidigern Friedl und Toprak und/ oder eine geschlossene Körperstellung des Gegners. Wurde beispielsweise ein Pass auf Friedl gespielt, lief ihn Schröter von außen diagonal an (während er den Passweg zum Außenverteidiger schloss), womit er ihn auf die andere Seite (Toprak) zwang. 

    War am Toprak am Ball, lief ihn Daferner (der gleichzeitig den Sechser in seinem Deckungsschatten halten sollte) ebenfalls diagonal an. Gelang das, hatte Bremen nur wenig Optionen. Denn Dynamo agierte im Mittelfeld mit losen Mannorientierungen und stellte so jegliche potenzielle Anspielstation zu. 

    Dynamos Pressing, Bremen in Ballbesitz – Ausgangsstaffelung.
    Dynamos Pressing, Bremen in Ballbesitz – Daferner lenkt Toprak in zugestellte Räume (Bsp. aus Spielminute 3).

    Diese neue Herangehensweise im Pressing ist typisch für Capretti. Auch in Verl spielten die Pressingtrigger geschlossene Körperstellung und Pass zwischen den Innenverteidigern eine große Rolle. In den kommenden Wochen können wir dort also einen noch klareren Fokus und eine noch bessere Ausführung erwarten.

    Ein weiterer Unterschied zum Pressing unter Schmidt sind die losen Mannorientierungen. Capretti legt großen Wert darauf, den optimalen Abstand zum Gegenspieler einzuhalten. Denn dieser ist idealerweise weder zu klein (wenn ich meinen Gegner manndecke, spielt ihn keiner an) noch zu groß (dann kann ich keinen Druck erzeugen). Verfolge ich ihn aber lose, sodass er angespielt wird und ich dennoch Druck erzeugen kann, ist die Wahrscheinlichkeit für einen Ballgewinn am größten.

    Vor allem für einen sauberen Ballgewinn. Wie man aus Verl kennt, forciert Capretti vor allem saubere Ballgewinne, also das Abfangen eines Passes statt eines Zweikampfs. Warum? Bei einem Zweikampf spielt der Zufall eine große Rolle (Wo springt der Ball hin?). Wenn ich dagegen den Ball sauber einsammeln kann, habe ich mehr Kontrolle und kann so schneller einen kontrollierten Gegenangriff fahren.

    Probleme im Pressing

    Ironischerweise war es jedoch genau jene Idee, aufgrund derer Dynamo in der ersten Spielhälfte Probleme hatte. Denn dass diese neue Pressingidee nach einigen Tagen Arbeit noch nicht reibungslos umgesetzt werden kann, ist logisch. Insbesondere nachdem Werder nach der Anfangsphase besser in ihr gefährliches Ballbesitzspiel fand.

    Besonders im Anlaufverhalten der drei Dresdner Stürmer stimmte situativ die Abstimmung nicht. Teils reagierte man nicht auf Pressingtrigger, teils konnten Schröter und Daferner ihre jeweiligen Gegenspieler nicht im Deckungsschatten halten. 

    Entscheidend war dabei der Bremer Sechser Groß. Nachdem er sich anfangs ziemlich starr positionierte und so leicht von Daferner kontrolliert werden konnte, agierte er mit zunehmender Zeit immer flexibler. Häufig bewegte er sich nun aus dem Deckungsschatten, sodass er angespielt werden und ablegen oder aufdrehen konnte. Gelangte Groß an den Ball, sollte eigentlich Dynamos Sechser Mai aufrücken und ihm Druck geben. Doch dessen Weg war meist sehr weit. Daher konnte Werder diese Situation häufig über eine Ablage auf den Außenverteidiger (meist Veljkovic) auflösen und dann über schnelles diagonales Spiel zwischen die Linien fortsetzen (wo Mai den Raum frei machte und sich Ducksch und die Achter klug bewegten).

    Dynamos Pressing, Bremen in Ballbesitz – Bremen löst sich über Groß (Bsp. aus Spielminute 29).

    Gegen das fluide gegnerische Ein-Kontakt-Spiel fand Dynamo zudem gerade im Mittelfeld selten das richtige Timing, um von Raumkontrolle auf direkten Zugriff auf den jeweiligen Gegenspieler umzuschalten und so Druck bzw. Ballgewinne zu erzeugen.

    Wenn überspielt, zog sich Dynamo in einem 451 zurück, hatte aber weiterhin Probleme. Werder überlud die Flügel und konnte dort Raum gewinnen. Insbesondere, wenn Dynamos Dreier-Mittelfeld zuvor auf der einen Seite auf den gegnerischen Außenverteidiger durchschieben und dann nach einer Verlagerung die Wege auf den anderen Flügel weit wurden. Diese Verschiebebewegungen klappten in tiefen Zonen selten bei der SGD, sodass man keine Kompaktheit erzeugen konnte. 

    Bremen setzte ihr Spiel vom Flügel dann meist klug über Halbraumpässe gegen die Verschieberichtung diagonal fort und gelangte so in gefährliche Zonen. Dort agierte Dynamo dann oft wieder zu passiv, was beispielsweise bei dem 2:1 zu beobachten ist. Wenn Bremen etwas genauer agiert, hätte man daher in der ersten Hälfte durchaus auch noch mehr Gegentore kassieren können.

    Bekannter Ballbesitz, gefährlichere Konter 

    Dennoch war auch Dynamo in der Lage, Torgefahr zu kreieren. Denn besonders im Konterspiel ließen sich weitere neue Ansätze des Capretti-Fußballs erkennen.

    Dynamos neuer Trainer legt normalerweise sowohl im organisierten Ballbesitz als auch im offensiven Umschaltspiel Wert auf klare Abläufe und Kontrolle. Zumindest bzgl. ersterem schien man in der letzten Woche jedoch noch wenig Zeit gehabt zu haben. Denn im Ballbesitz war Dynamo nur auf Sicherheit bedacht: Gegen das Angriffspressing Bremens spielte man nur lange Bälle, entweder direkt von Mitryushkin oder über Knipping und Giorbelidze. 

    So kreierte man aber zumindest – ähnlich wie bei Schmidt – konterähnliche Situationen. Und in denen agierte man ballsicherer und klarer als zuletzt, insbesondere im letztes Drittel.

    Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Dynamo dynamischer agierte. Wurde ein langer Ball auf Daferner gespielt, startete aus dem 433 im Gegensatz zur Schmidt-Zeit auch mindestens ein Achter mit in die Tiefe. Hatte ein Spieler eine potenzielle Kontersituation vor Augen, dribbelte man mutig in den freien Raum. Dabei wurde vermehrt sichergestellt, dass für den Ballführenden anspielbare Verbindungsspieler verfügbar sind und ein Breitengeber den Gegner auseinanderzieht und/ oder Flanken vorbereitet. In der Box kreierte Dynamo dann über gegenläufige diagonale Laufwege und nachstoßendes Personal Dynamik und gefährliche Szenen.

    Stückwerk in der zweiten Hälfte

    Die zweite Hälfte entwickelte sich aus taktischer Sicht weit weniger spannend. Dynamo löste die eigenen Pressingprobleme mit einem höheren Pressing (ähnlich im 433, 8er schieben auf AV), verstärktem Druck auf den Ballführenden und mehr Aggressivität im individuellen Vorwärtsverteidigen. Torgefahr sollte es weiter über Konter geben. Da das Bremens Restverteidigung aber weitgehend stabil wegverteidigte, entstanden wenige gefährliche Szenen.

    Da Werder aber auch nicht viel mehr Ruhe ins eigene Spiel brachte, sondern nahezu jede Kontersituation mitzunehmen versuchte, entstand eine sehr zerfahrene zweite Spielhälfte mit viel Stückwerk und zahlreichen Umschaltaktionen auf beiden Seiten.

    Gegen Ende der Partie hatte Dynamo sogar einmal eine etwas längere Ballbesitzphase. Doch auch da wurde deutlich, wie wenig bisher an dieser Spielphase gearbeitet wurde. Man orientierte sich zwar stets auffällig in Richtung Zentrum, konnte aber selten Dynamik kreieren. Letztlich gelang es Dynamo daher nicht, mit einem 2:2 zurückzukommen.

    Fazit

    Insgesamt war das somit ein Spiel mit Licht und Schatten – mit spannenden neuen Ansätzen, Schritten nach vorn in der Offensive und Problemen in der (neuartigen) Defensive. Insbesondere in Bezug auf die Frage nach dem Klassenerhalt bleibt es spannend, wie sich die taktische Entwicklung Dynamos unter Capretti kurz- und langfristig fortsetzen wird. 

  • SG Dynamo Dresden – SV Darmstadt 98: Spielanalyse

    SG Dynamo Dresden – SV Darmstadt 98: Spielanalyse

    Gegen den SV Darmstadt verliert die SGD auf die wohl bitterste Art und Weise. Dabei legte man keine schlechte Leistung an den Tag. Werfen wir nochmal einen genaueren Blick auf Herangehensweise und Spielverlauf.

    Der Gegner

    An diesem Wochenende kam ein ausgesprochen stabiles und flexibles Zweitligateam nach Dresden. Den SV Darmstadt zeichnet ein vergleichsweise hoher Grad an Direktheit und Vertikalität im eigenen Spiel aus. Zudem prägen einige spannende Einzelspieler (Patric Pfeiffer, Philip Tietz, Luca Pfeiffer) das Spiel der Hessen. All diese Aspekte sollten auch im Spiel gegen die SGD bedeutend werden. Schauen wir es uns chronologisch an.

    Dynamo im angepassten Pressing

    Für Dynamo als Pressingteam galt es zunächst, innerhalb der bekannten Schmidtschen Prinzipien einen klugen Matchplan gegen die Darmstädter Spielweise auszuwählen. Dieses Mal entschied sich das Trainerteam der SGD gegen die bekannten Abläufe aus der Raute.

    Zwar stellte Dynamo den gegnerischen Abstoß weiterhin rautenartig (oder später im 442, bei dem der ballnahe Stürmer den gegnerischen Sechser durch seinen Deckungsschatten kontrollieren sollte) zu, darüber hinaus agierte man jedoch in einem tieferen 442/4222-Mittelfeldpressing. 

    So gewährte man Darmstadt eine kontrollierte Ballzirkulation in erster Aufbaureihe. Statt den gegnerischen Spielaufbau wie gewohnt direkt zu attackieren, stand vielmehr folgendes im Fokus: Die beiden eng agierenden Flügel Weihrauch und Batista Meier und die Stürmer Königsdörffer und Daferner sollten sich so positionieren, dass ihre Deckungsschatten potenzielle Passwege ins Zentrum schließen. 

    Darmstadts Überraschung mit Ball

    Diese Herangehensweise schien Darmstadt zu überraschen. In der gesamten ersten Hälfte konnten sie zwar ab und an gefährliche Aktionen kreieren, wirklich stimmig wirkten die durch Dynamos tieferes Pressing aber häufig auftretenden Ballbesitzphasen selten. Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel wurde klar: Man erwartete Dynamo eher in der Raute, so Trainer Lieberknecht.

    So startete Darmstadt in ihr Ballbesitzspiel in 2512-ähnlichen Strukturen, wobei die Breite jeweils einfach (meist durch Karic und Skarke) und das Zentrum bzw. die Halbräume vielfältig besetzt wurden. Das hätte strukturell gut auf Dynamos klassische Idee gepasst. Man bindet mit vielen Spielern im Zentrum die gegnerische Raute und besetzt gleichzeitig die so entstehenden großen Räume auf dem Flügel. Gerade Dynamos Außenverteidiger Akoto und Giorbelidze hätten so weit rausrücken, die Viererkette weiträumig durchsichern müssen. Das hätte zu ungenügendem Zugriff auf den Ballführenden, großen (zu belaufenden) Räumen im Rücken und/ oder qualitativen Vorteilen für Darmstadt in 1v1-Situationen (besonders mit Tietz und Pfeiffer) führen können.

    Mit dem 442 kam Dynamo dem aber entgegen. Man war in der Lage, das Zentrum kompakt zu halten und gleichzeitig durch kürzere Verschiebebewegungen die Breite leichter abzudecken.

    Darmstadts anfängliche Offensivformation, Dynamos Defensivformation – 442 sichert Zentrum und Breite.

    Darmstadts Anpassungen mit Ball 

    Schon nach fünf Minuten veränderte Darmstadt daher ihre Aufbaustruktur. Vermehrt kippte nun ein Mittelfeldakteur (meist Sechser Gjasula) in die erste Linie, was Überzahl und für die jeweils außen positionierten Verteidiger passendere Passwinkel zu Halbraum und Flügel bedeutete. Das erleichterte Darmstadt die Ballzirkulation, wenngleich sie sich immer noch nicht konstant in hohe Zonen kombinieren konnten. 

    Gefährlich wurde es vor allem dann, wenn sie über dynamische vertikale Abläufe die gefährlichen Stürmer Pfeiffer und Tietz einsetzten. Tietz startete häufig in die Tiefe (oder täuschte es an), wodurch er Raum zwischen den Linien kreierte. Dort positionierte sich Pfeiffer klug, sodass er dort entweder direkt mit einem langen Ball gefunden wurde oder eine Ablage von Tietz erhielt. Über solch kluge Bewegungen, sehr intensives Nachrückverhalten und schnelle Klatschabfolgen oder Verlagerungen kam Darmstadt in dynamische Situationen. Zum Beispiel konnten so die wuchtigen Flügelspieler einige Male nach einer Ablage oder Verlagerung auf Dynamos Kette zu gehen oder die Schnittstellen attackieren.

    Darmstadts angepasste Offensivformation, Dynamos Defensivformation – Bewegungen der Stürmer für Tiefe und Raum.

    Zudem fokussierten die Hessen den Raum zwischen den Dresdner Innen- und Außenverteidigern. Die etwas tiefer stehenden Breitengeber sollten Dynamos Außenverteidiger zum weiträumigen Rausrücken locken. Dynamos Mittelfeld war schließlich durch die zentral positionierten Außenverteidiger Darmstadts gebunden. Der hinter den Außenverteidigern entstehende Raum wurde dann entweder durch unterlaufende Bewegungen der zuvor eingerückten Außenverteidiger im Halbraum oder durch diagonale Läufe in die Tiefe durch Darmstadts Stürmer attackiert. (Letzteres konnte zudem situativ wieder zentrale Räume für Pfeiffer öffnen.)

    Darmstadts Offensivformation, Dynamos Defensivformation – Raum hinter dem Außenverteidiger.

    Dynamos starke Defensivleistung

    Ich könnte mir vorstellen, dass gerade letzteres gegen eine Raute noch häufiger und besser funktioniert hätte. Insgesamt konnte die SGD den Gegner aber gerade in der ersten Hälfte nur auf einige wenige gefährliche Szenen beschränken. Dabei half das 442-Pressing und die damit einhergehende bessere Kontrolle auf dem Flügel. Genauso war die sowohl individuell als auch kollektiv kluge Ausführung dessen entscheidend. Meist stimmten Positionierungen und Anlauf- (bei Pässen in den Block, aber auch z. B. bei Rückpassen und geschlossenen Stellungen, woraufhin man aufrückte) bzw. Verschiebebewegungen. Man verteidigte aufmerksam nach vorn und brachte die gewohnt hohe Intensität aufs Feld.

    So stellte man gute Kompaktheit im Zentrum und der ballnahen Seite her, schloss potenzielle Kombinationsmöglichkeiten und erzielte wichtige Ballgewinne, wurde der Ball doch gespielt. Auch Situationen über die Darmstädter Stürmer verteidigte man spätestens in der Box durch aktives Rückzugsverhalten und eine gewohnt stabile Endverteidigung. (Andererseits hätte Darmstadt Dynamo in der ersten Hälfte für meinen Geschmack auch noch etwas häufiger in Bewegung bringen können. Ab und an nutzte man schon Verlagerungen auf den ballfernen Breitengeber, in diesen Situationen verschob Dynamo aber gut. So hätte man vielleicht noch häufiger zentrale Lücken im Pressing der SGD oder 1v1-Situationen auf dem Flügel finden können.)

    Hier noch eine zusätzliche Szene, die ich spannend fand (30. Min.): Das einzige Mal, dass Darmstadt ihre zentrale Überzahl gefährlich nutzen kann, indem sie sich zentral sehr klug in den Schnittstellen positionieren. Nach dem Pass auf die Sechs schließt Dynamo nicht rechtzeitig, sodass die mittlere Pressinglinie über den Halbraum überspielt werden kann. Von dort startet eine dynamische Aktion über Darmstadts Flügel.

    Dynamos gefährlicheres Umschalten

    Aus jenen Ballgewinnen galt es aus Dynamo-Perspektive dann, selbst Torgefahr zu kreieren. In solchen Umschaltsituationen machte die SGD einen besseren Eindruck als zuletzt. Neben der Quantität des Konterpersonals passten dieses Mal auch vermehrt die Entscheidungen des Ballführenden zu den Laufwegen der Mitspieler. Entscheidend war im Vergleich zum Spiel gegen Paderborn und Heidenheim, dass man neben dem Belaufen der Tiefe häufiger auf einen Verbindungsspieler setzte. Meist übernahm diese Rolle Daferner, der sich vor der letzten Reihe Darmstadts positionierte und denn Ball klatschen ließ und/ oder nach vorn gerichtete Verbindungen zu den Tiefenläufen schuf.

    Auch die Besetzung der Flügel mit den kreativen Spielern Weihrauch und Batista Meier und ein in diesem Spiel robuster Königsdörffer wirkten sich positiv auf die Entscheidungsfindung in diesen Situationen aus. Es klappte aber natürlich auch nicht alles. Auch weil Darmstadts Restverteidigung stabil agierte (Patric Pfeiffer!). Dennoch war das Konterspiel der SGD in dieser Partie im Vergleich ein weiterer Schritt nach vorn.

    Anpassungen in der zweiten Hälfte

    In Hälfte 2 passte sich Darmstadt an das unerwartete Pressing der SGD an. Mit Müller kam ein besonders in der linken Innenverteidigerrolle spielstärkere Akteur in die Partie, mit Honsak ein direkter, zielstrebiger Flügelstürmer. Das ging einher mit einer strukturellen Änderung.

    Darmstadt baute nun häufiger aus einer 442-Staffelung auf. (Wobei situativ auch der 3er-Aufbau weiter auftrat.) Dabei standen im Aufbau beide Außenverteidiger etwas tiefer (und weiterhin nicht maximal breit), beide Sechser innerhalb Dynamos kompakten Zentrums. Damit band man die Dresdner Flügel Weihrauch und Batista Meier in zentraleren Räumen und lockte situativ auch Dynamos Doppelsechs aus Stark und Kade etwas heraus. 

    Darmstadts Offensivformation, Dynamos Defensivformation – HZ2 bringt mehr Direktheit und 1v1.

    Das kreierte etwas mehr Raum und Zeit in der Breite und ab und an auch zwischen den Linien, was Darmstadt mit einem nun noch etwas direkteren Ansatz bespielte. Die Muster im Übergangsspiel blieben dabei ähnlich wie in der ersten Hälfte. Viel Fokus lag auf 1v1-Situationen auf dem Flügel und klugen Bewegungen beider Stürmer im Raum zwischen den Linien oder hinter dem herausgerückten Außenverteidiger. Dabei zeichnete sich Darmstadts Spiel durch bemerkenswerte Wucht und Dynamik aus, die Dynamo trotz insgesamt ordentlichem Defensivverhalten situativ Probleme bereitete.

    Spannende Schlussphase

    Dennoch konnte auch die SGD in der zweiten Spielhälfte weiterhin Torgefahr kreieren. Das Spiel entwickelte sich durch Darmstadts direkteren Ansatz und die fortgeschrittene Zeit im Allgemeinen zu vermehrtem „Chaos”. Umschaltaktion reihte sich an Umschaltaktion, lange und zweite Bälle und Standards (Einwürfe!) gerieten zunehmend in den Fokus. (Etwas, womit beide Teams gut umgehen können.) 

    Zuletzt schlichen sich auch bei beiden Teams vermehrte Ungenauigkeiten ein. Ungenügendes Freilaufverhalten und unkonzentriertes Passspiel im Aufbau waren beispielsweise Aspekte, die einige Umschaltsituationen verursachten. So kreierten beide Teams einige gefährliche Aktionen, bei denen es letztlich Darmstadt gelingt, noch das entscheidende Tor zu erzielen.

    Fazit

    Am Ende hätte dieses Tor aber genauso auch auf der anderen Seite fallen können. Trotz des Ergebnisses war diese Partie für Dynamo insgesamt – innerhalb der Schmidt-Idee und deren bekannten Limitationen (!) – ein weiterer Schritt nach vorn. Gegen ein Topteam agierte man defensiv weitgehend stabil. Zudem agierte man durch passendere Abläufe in Umschaltaktionen torgefährlicher als zuletzt. Die bestehenden Schwächen im Spiel mit Ball (Positionsspiel, Abläufe und Prinzipien im Kombinationsspiel, etc.) wurden zwar wiederum deutlich, prägten dieses spezielle Spiel jedoch weniger.

  • SG Dynamo Dresden – 1. FC Heidenheim: Spielanalyse

    SG Dynamo Dresden – 1. FC Heidenheim: Spielanalyse

    Gegen den FC Heidenheim holt die SGD nach einer wechselhaften Leistung einen letztlich verdienten Punkt. Vielfältige taktische Entwicklungen prägten das Spiel, auf die sich ein detaillierterer Blick lohnt.

    5 gefährliche Pressing-Minuten mit klassischer Strategie

    Nach dem letzten Spiel gegen Paderborn mit einem neuen strategischen Ansatz kehrte SGD-Trainer Schmidt gegen Heidenheim zunächst wieder zu seiner typischen aktiven Idee zurück. Über hohes Angriffspressing aus der Raute mit dabei aggressivem Vorwärtsverteidigen versuchte Dynamo, Ballgewinne in hohen Zonen oder nach gegnerischen langen Bällen zu erzeugen und durch folgende Umschaltaktionen Gefahr zu kreieren.

    Das gelang Dynamo in den ersten Minuten dieses Spiels auch. Man lenkte den Gegner klassisch nach außen, attackierte den Pass auf den Außenverteidiger und schob mannschaftlich durch. Zwei oder drei Mal verlor Heidenheim so den Ball auf dem Flügel oder im intensiven Kampf um den zweiten Ball nach einem langen Chip.

    Heidenheims kluge Spielauslösung

    Doch dass das typische Pressing anfangs so erfolgreich war, lag auch an der ungenauen Staffelung und fehlenden Ruhe im Heidenheimer Ballbesitz. Nach dieser kurzen Eingewöhnungsphase kam Heidenheim deutlich besser in ihr Spiel. Es wurde deutlich, dass Trainer Schmidt sein Team klug auf die bekannten Pressingabläufe der SGD eingestellt hatte. Dafür wählte er einen ähnlichen Ansatz wie der Hamburger SV gegen Dynamo. 

    Über die tief, flach und breit gestaffelte Viererkette spielte Heidenheim von Torwart über Innenverteidiger auf den Außenverteidiger, der normalerweise das Dresdner Pressingopfer ist. Dieser wurde dann jedoch durch kluge ballnahe Staffelungen so unterstützt, dass Dynamos Pressingabläufe überspielt werden konnten. 

    Heidenheims Spielaufbau, Dynamos Angriffspressing – Flügelprobleme.

    Aus dem nominellen 433 ließen sich Flügelstürmer und Achter auf dem Flügel weiträumig und tief in ballnahe Zonen fallen. Die Pressingsituation auf dem Flügel konnte Heidenheim so mit Steil-Klatsch-Abfolgen über Stürmer auf den Achter auflösen. So gelangten sie in den Raum hinter Dynamos zuvor herausgerückter erster Pressinglinie, konnten dort aufdrehen und das Spiel fortsetzen.

    Dynamos Problem war das weiträumige Durchsichern der Abwehr- und Mittelfeldkette. Gerade Löwe (daher der frühe Wechsel!) rückte häufig nicht aggressiv genug auf den Heidenheimer Flügelstürmer, auch für Stark wurden die Wege auf den ausweichenden Achter sehr weit. So bekam Dynamo nicht ausreichend Zugriff, sodass sich Heidenheim lösen konnte.

    Hatte Heidenheim das Pressing auf der einen Seite überspielt, setzten sie das Spiel mit einem deutlichen Fokus auf Verlagerungen fort. Meist nutzte der ballnahe Achter die enge Staffelung Dynamos mit einem Ball auf die verwaiste andere Seite aus, sodass man dort dynamische Situationen kreieren konnte.

    Dynamo im Mittelfeldpressing: 4132

    Aufgrund der klugen und daher gefährlichen Spielauslösung des Gegners gegen das Angriffspressing zog sich Dynamo zwangsweise schon nach wenigen Minuten in ein tieferes Mittelfeldpressing zurück. Dabei agierte man zunächst weiter aus der Rautenstaffelung, die wir so tief auch schon gegen Hannover beobachten konnten. Die drei engen Stürmer (Daferner, Königsdörffer, Drchal) schlossen mit ihrem Deckungsschatten die Passwege ins Zentrum, Dynamos Achter Schröter und Kade attackierten weiterhin den Pass auf den Heidenheimer Außenverteidiger, Sechser Stark sicherte zentral weiträumig durch.

    Diese Struktur ist äußerst schwer umzusetzen. Denn sie verlangt ähnlich wie das Angriffspressing weite Pressingwege des gesamten Teams. Schafft man es dabei nicht, rechtzeitig die entsprechenden ballnahen Räume zu schließen und Druck auf den Gegenspieler aufzubauen, ist man schnell unkompakt. Genau damit hatte Dynamo in dieser Phase Probleme.

    Denn Heidenheim setzte weiter auf die Überladungen des Flügels mit sehr weiträumig agierenden, teils sogar herauskippenden Achtern. Häufig wurde der Pass zunächst auf den Außenverteidiger gespielt, der daraufhin von Schröter oder respektive Kade angelaufen wurde. Dieser wurde aber durch den jeweiligen Flügelstürmer und Achter so unterstützt, dass die Anlaufwege für Dynamos Außenverteidiger (meist Akoto) und den ausbalancierenden Sechser Stark zu weit wurden; insbesondere wenn Heidenheim Dynamo zuvor über schnelle Verlagerungen von der einen zur anderen Seite laufen gelassen hatte. 

    Heidenheims Spielaufbau, Dynamos Mittelfeldpressing – Flügelprobleme.

    So gelangte Dynamo auf dem Flügel häufig in Gleich- oder sogar Unterzahlsituationen, die das ausgesprochen ballsichere Heidenheim gut auflöste und dann auf dem Flügel in die Dynamik kam, eine Flanke schlug oder ggf. ins 1v1 ging.

    Zumindest stimmte bei Dynamo aber wieder einmal die Endverteidigung. Insbesondere Sollbauer machte in der Innenverteidigung (das Gegentor ausgenommen) ein starkes Spiel. So konnte man die Flanken der Heidenheimer, deren Boxbesetzung vor allem qualitativ (Kühlwetter statt Kleindienst) nicht immer ideal war, meist souverän verteidigen.

    Dynamo im Mittelfeldpressing: 442

    Aufgrund dieser Probleme im Mittelfeldpressing stellte Dynamo schnell auf ein klassisches 442 um. So bekommt man in der Theorie durch kürzere Pressingwege und klarere Zuordnung die Flügel zumindest etwas mehr unter Kontrolle. Mit ihrem Fokus auf Flügelüberladungen und häufigen Verlagerungen auf den ballfernen Außenverteidiger stellte Heidenheim die SGD aber weiterhin vor dieselben Probleme: Dynamo musste dem Gegner viel hinterherlaufen und kassierte auf dem Flügel immer mal wieder Durchbrüche und Flankensituationen (wenn auch seltener als mit der Raute). Besonders die ballnah hoch aufrückenden, breit positionierten Außenverteidiger zogen Dynamos Block auseinander, schafften Räume für den klug einrückenden Flügel und den unterstützenden Achter und sorgten so für Kombinations- und Flankenmöglichkeiten.

    Heidenheims Spielaufbau und Übergang, Dynamos Mittelfeldpressing – Flügelprobleme.

    Verspielte Kontersituationen

    Nichtsdestotrotz eröffneten sich Dynamo in dieser Mittelfeldpressingphase einige Kontergelegenheiten. Strukturell ergaben sich diese ähnlich wie zuletzt gegen Paderborn, meist über balltreibende Flügel (in diesem Spiel insbesondere Schröter) im klassischen 442-Modus in den Raum hinter die aufgerückten Außenverteidiger des Gegners. 

    Schmidt hatte in der Spieltagspressekonferenz u. a. angedeutet, dass man mehr Personal in diese Situationen einbinden möchte, um so mehr Gefahr zu kreieren. Zumindest ersteres wurde auch so umgesetzt. Im Gegensatz zur Vorwoche wurde der balltreibende Spieler meist durch drei bis vier Spieler unterstützt, die über die Schnittstellen der gegnerischen Staffelungen die Tiefe attackierten.

    Doch signifikante Gefahr entstand daraus nicht. Meist entschied sich der balltreibenden Spieler für weniger erfolgsversprechende Optionen und/ oder spielte unpräzise Bälle in die Tiefe. Gerade Schröter trennte sich häufig zu spät vom Ball, benötigte zu viele Kontakte. Insgesamt stimmte die quantitative Konterbesetzung, qualitativ bleiben die Abläufe aber auch weiterhin unsauber und unklar. Auf der anderen Seite agierte Heidenheims Restraumverteidigung in der Rückwärtsbewegung und der Tiefensicherung aber auch erwartbar souverän und stabil.

    Dynamos vereinzelte Ballbesitzaktionen

    In der ersten Hälfte gab es außerdem noch einige wenige Phasen, in denen Heidenheim Dynamo den Ball überließ. Dort kann man das nächste Problem der SGD verorten, wenn auch diese Spielphase weniger relevant für den gesamten Spielansatz beider Teams war.

    Man erkannte auf jeden Fall Dynamos Prinzipien im Ballbesitz. Während Sechser Stark wenig eingebunden war, versuchte die flache Viererkette und die tief ausweichenden Achter das gegnerische Mittelfeld zu locken. 

    Der potenzielle Raum dahinter sollte dann über Steil-Klatsch-Kombinationen bespielt werden. Meist (übrigens meist auch zu Beginn von Kontersituationen) macht Dynamo das über einen Chipball auf den tief kommenden Daferner, der den Ball (meist ballfern) ablegt, sodass man von dort dynamisch fortsetzt. Dafür lassen sich oft entgegengesetzte Bewegungsabläufe im Dresdner Spiel finden (z. B. Daferner kommt kurz, Flügel gehen tief).

    Schlussendlich mangelte es in den wenigen Ballbesitzaktionen bezüglich dieser Abläufe aber an Präzision. Beispielsweise hat sich Daferner über die Saison durchaus im Spiel mit dem Rücken zum Tor weiterentwickelt, verschleppt vielversprechende dynamische Situationen jedoch immer noch teils über technisch unsaubere Ballannahmen und Ablagen.

    Viel entscheidender war in diesem Spiel aber die gesamtmannschaftliche Ebene. Denn Heidenheim verteidigte diese Abläufe schlicht auch strukturell sehr gut. In dem 4141-Mittelfeldpressing kontrollierte Stürmer Kühlwetter Dynamos Sechser Stark mit seinem Deckungsschatten und lenkte von dort die Innenverteidiger durch leichtes diagonales Anlaufen auf eine Seite. Dynamos Achter Schröter und Kade verfolgte Heidenheim mannorientiert, während die Abwehrkette aktiv und intensiv nach vorn verteidigte. Damit eröffnete Heidenheim selten die von Dynamo anvisierten Räume. Vielmehr verteidigten sie sowohl individuell (z. B. lange Bälle) sehr souverän als auch kollektiv sehr kompakt.

    Darauf fand Dynamo keine Antwort. Geht Plan A nicht auf, wird Dynamos Aufbau- und Übergangsspiel bekannterweise sehr statisch und endet letztlich in einem langen Chipball und dem Kampf um den zweiten Ball, den man gerade in der ersten Hälfte selten gewann. Diese Limitationen konnte man beispielsweise gut in den wenigen Situationen beobachten, in denen der nicht attackierte Ehlers andribbelte. Das ist grundsätzlich ein kluges Mittel, um in einem solchen kompakten Block für Zuordnungsprobleme zu sorgen. In dieser Partie schien es jedoch nur Verzweiflungstat zu sein: Ehlers sah keine Optionen, dribbelte an, hatte aber aufgrund zu statischer Bewegungen seiner Vorderleute weiterhin keine Optionen.

    Ähnlich lässt sich über das Spiel im letzten Drittel sprechen. Kommt Dynamo nicht direkt in die Tiefe, führt der Weg schnell auf den Flügel für eine Flanke. Zwar klappt die Boxbesetzung im Vergleich zur Hinrunde besser, gerade gegen einen in der Endverteidigung starken Gegner würde ich mir aber wünschen, vielfältigere Optionen im Angebot zu haben. Teils fehlt z. B. nochmal ein Tiefenlauf, um hinter die Kette zu kommen.

    Die zweite Hälfte

    In der zweiten Hälfte gelang es Dynamo endlich, wieder in funktionierende Pressingabläufe zu gelangen. Um wieder aktiver zu werden, den Gegner unter Druck zu setzen und sich nicht auseinanderspielen zu lassen, lief man wieder aus der Raute heraus an. Es gelang häufiger, den Druck auf den Gegner hoch zu halten und ihn so zu langen Bällen oder Ballverlusten zu zwingen.

    Heidenheim machte aber den Eindruck, sowieso weniger über den tiefen Aufbau auslösen zu wollen. Durch die Einwechslung von Schimmer hatten sie wieder einen klaren Zielspieler, der das Spiel über lange und zweite Bälle möglich macht – eine Stärke des Teams.

    Dynamo verteidigte diese Spielweise in der zweiten Hälfte ziemlich ordentlich, Heidenheim aber auch. Es entwickelte sich daher eine Partie mit vielen Zweikämpfen und Umschaltaktionen auf beiden Seiten. Ab und an gewann Dynamo den Ball, ab und an Heidenheim. Torgefahr gab es auf beiden Seiten aber wenig. Bis das Dresdner Pressing einmal nicht komplett greift, Giorbelidze auf dem Flügel unglücklich agiert und Sollbauer das Kopfballtor von Schimmer nicht verhindert.

    Das 1:1 und mehr Präsenz

    Mit etwas Glück kann Dynamo aber schnell zurückschlagen. Aus einer weiteren Pressingsituation entsteht der streitbare Elfmeter, den Daferner sicher verwandelt.

    Vor dem Hintergrund der Probleme in der Erarbeitung von Chancen war das eminent wichtig. Zudem insofern, als dass Dynamo das Spiel nun sogar auf seine Seite ziehen konnte. Sofort gewann man mehr direkte Duelle und agierte intensiver bei zweiten Bällen und im Gegenpressing. Währenddessen verlor Heidenheim zeitweise ihre Souveränität, gerade im Spiel mit Ball, und spielte häufig zu schnell zu einfach lang.

    So konnte Dynamo mehr und mehr Druck erzeugen, der am Ende auch in Torgefahr mündete. Das Pressing funktionierte besser, man gewann mehr Duelle und (!) holte sich verlorene Bälle auch öfter wieder zurück. Die Umschaltaktionen spielte man zunächst weiterhin schwach aus. Das verbesserte sich aber zumindest in Teilen mit der Einwechslung von mehr Spielstärke: Insbesondere Weihrauch traf nach anfänglichen Ungenauigkeiten immer häufiger kluge Entscheidungen und konnte enge Situationen gefährlich auflösen.

    Am Ende kann Dynamo so durchaus auch noch ein weiteres Tor erzielen. Letztlich kreierte man dafür insgesamt aber zu wenig Torchancen, was den Zuschauer daran erinnert, dass auch in dieser Phase die Abläufe im Umschaltspiel noch weiteren Verbesserungsbedarf offenbarten.

    Fazit

    Letztlich ist der Punkt für die SGD verdient. Die Leistung in diesem Spiel ist aber differenziert zu betrachten. Anfangs klappte der Pressingplan gegen ein top und flexibel eingestelltes Heidenheim nicht. Das wurde zwischenzeitlich klug korrigiert und funktionierte gerade nach dem 1:1 und dem dazu gewonnenen Selbstvertrauen auch so wie vom Trainer gewollt. Auch mit Ball hat man in der Schlussphase gesehen, was einzelne Spieler ausmachen können. Betrachtet man aber das gesamte Spiel und die geringe Torgefahr, stehen weiterhin das einseitige Ballbesitzspiel und die fehlende Präzision im Umschaltspiel im Fokus. Woran die Umsetzungsprobleme (v. a. Pressing, Konter) in diesem Spiel lagen, ist die entscheidende Anschlussfrage – ich vermag sie nicht zu beantworten.

  • SC Paderborn – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    SC Paderborn – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Gegen den SC aus Paderborn erkämpft sich die SGD einen Punkt. Dabei nutzt man einen anderen Ansatz als sonst. Darauf lohnt sich ein genauerer Blick.

    Wie reagiert Dynamo nach Rostock?

    Nach der Niederlage vom letzten Sonntag gegen Rostock, wo Dynamo überraschenderweise vor allem im individuellen und kollektiven Defensivverhalten Probleme hatte, wählte Trainer Schmidt für das Spiel gegen Paderborn einen neuen Ansatz. Die SGD startete mit einem ganz klassischen 4231 und fokussierte sich damit auf ein tieferes Mittelfeldpressing und nach Ballgewinn entstehende Konter. 

    Nach einem Spiel wie gegen Rostock ist das Wählen einer solchen Variante nicht unüblich. Der Vorteil: Klare Aufgaben und Zuordnungen geben der Mannschaft erst einmal (die z. B. gegen Rostock fehlende) defensive Sicherheit. Jeder Profifußballer sollte mehr oder minder die Grundlagen eines 4231/442 kennen und spielen können. (Ich könnte mir vor diesem Hintergrund z. B. auch vorstellen, dass der Wunsch für eine solche Herangehensweise auch aus der Mannschaft selbst gekommen sein könnte.)

    Dynamo lief den Gegner also nicht wie sonst häufig hoch an, sondern positionierte sich in einem engen und kompakten Block. Durch das mannorientierte Verfolgen des ballnahen Sechser des Gegners, eine etwas passivere und ausbalancierende Rolle von Stürmer Drchal und die engen Flügel Schröter und Borrello und deren Deckungsschatten schloß man so das Zentrum lenkte das Spiel auf den Flügel. Passierte das, schob der jeweilige Flügel flach auf den gegnerischen Spieler (meist Außenverteidiger), während das gesamte Team durchsicherte und so den Raum verknappte. In der Theorie gewinnt man so den Ball und schaltet schnell um, versucht über Konter Torgefahr zu kreieren.

    Anfänglich vielversprechende Konteransätze

    Dieser Plan hatte nicht nur aufgrund eigener Unsicherheiten, sondern auch aufgrund des Gegners seine Berechtigung. Mit dem SC Paderborn unter Trainer Lukas Kwasniok stand Dynamo am Samstagnachmittag ein Gegner gegenüber, der primär ballbesitzorientiert denkt. Über flexible und dynamische Ballzirkulation mit viel hohem Personal versucht der SCP zu Torgefahr zu kommen. Die dabei häufig weit aufrückenden und nominell sowieso offensiv denkenden Außenverteidiger (zumindest Linksverteidiger Justvan) eröffneten für Dynamos Flügelspieler genau jene angesprochenen Räume. 

    Gerade in der Anfangsphase gelang es der SGD einige Male, den Ball auf dem Flügel zu gewinnen und von dort in den Rücken der gegnerischen Außenverteidger zu kontern. Schlussendlich fehlten in diesen Szenen jedoch häufig kluge und präzise Anschlussaktionen. 

    Dresdner Defensivformation, Paderborner Offensivformation – potenzielle Umschalträume für Dynamo hinter den gegnerischen Außenverteidigern.

    Paderborner Druckphase

    Mit der Zeit bespielte Paderborn das reaktive Pressing der SGD jedoch immer erfolgreicher, sodass sie selbst einiges an Torgefahr kreieren konnten. Dabei agierte man so flexibel und dynamisch wie von Kwasniok-Teams bekannt. Eine wirkliche Grundordnung lohnt sich da erst gar nicht auszumachen.

    Permanent bleiben eigentlich nur die beiden Innenverteidiger (Hünemeier, van der Werff) und meist auch der Sechser Schallenberg (wahrscheinlich auch weil meist von Batista Meier mannorientiert verfolgt) positionstreu. Sonst gelten bei zahlreichen Positionsrochaden und Unterstützungsbewegungen nur einige Prinzipien, die in deren situativer Ausgestaltung den Spieler große Freiheiten überlassen. Grundsätzlich schiebt Paderborn viel Personal in hohe Zonen. Dort sollte möglichst einer die Breite geben (meist der Außenverteidiger) und einer die Tiefe attackieren (meist Stürmer Pröger). Die restlichen Mittelfeld- und Angriffsspieler nutzen den so geschaffenen Raum zwischen den Linien und überladen auf flexible und sehr dynamische Art und Weise ballnahe Zonen.

    In diesem Spiel ließ sich Klement häufig in die Schnittstellen des Dresdner 4231 zwischen Flügel und Zehner fallen, um dort Zuordnungsprobleme zu schaffen. Teils kippte er auch diametral in den Linksverteidiger-Raum, was Justvan höher drückte und die situative Überladung auf dem Flügel verstärkte.

    Diese Überladungen ermöglichten bei Paderborn ein dynamisches und meist diagonales Kombinationsspiel, das sich daher mit zunehmender Spielzeit und steigender Präzision auch bis in die Halbräume hinter die Mittelfeldkette der SGD erstreckte. In der ersten Hälfte haben verschiedene Stürmer dort gefährliche Chancen, die Dynamo dennoch letztlich noch verteidigt bekommt (oder Glück mit einer ungenauen Anschluss- oder Abschlussaktion hat).

    Paderborner Offensivformation, Dresdner Defensivformation – Beispielszene aus Minute 42.

    Leichte Anpassungen in Hälfte 2

    Problematisch wurde es für Dynamo vor allem dann, wenn die Flügelspieler Schröter und Borrello (der einige Male Probleme in der Positionierung hatte) zu spät den gegnerischen Außenverteidiger unter Druck setzen konnten. Dann musste Dynamo weit durchsichern und kam situativ in lokale Unterzahl- oder Gleichzahlsituationen, in denen Paderborn ihre Ballsicherheit und/ oder individuelle Klasse im 1v1 ausspielen konnte. 

    Ich könnte mir vorstellen, dass deswegen in der Halbzeit Königsdörffer für Borrello eingewechselt wurde. Aber auch unabhängig davon agierte Dynamo nun weiträumiger im Pressing. Die Flügel starteten seltener im Halbraum, sondern zogen sich je nach Positionierung des Außenverteidigers schnell, weit und breit zurück. Gleichzeitig nahm Dynamo die Mannorientierungen ballnah konsequenter auf und verteidigte aggressiver nach vorn. Teils rückten gerade die Sechser Stark, Kade oder später Will weit aus der 442-Staffelung heraus, um ihre situativen Gegenspieler mit Ball nach hinten zu drücken.

    Dynamos Defensivformation, Paderborner Offensivformation – stabileres, weil ausgeglicheneres Dresdner Pressing.

    So arbeitete man in Hälfte 2 weitgehend ordentlich gegen den Ball und ließ weniger Torgefahr zu als zuvor. Dabei spielten jedoch genauso Veränderungen im Paderborner Spiel eine Rolle. Zunächst committete man nun weniger Spieler in hohe Zonen. Immer häufiger kippte ein Zentrumsspieler (Klement) komplett auf die Seite heraus, sodass zwischen den Linien weniger Personal und so auch weniger Kombinationen möglich waren. Zudem schlichen sich dabei mit der Zeit immer mehr technische Ungenauigkeit und Szenen mit zu geringen Tempi ein. 

    Nichtsdestotrotz gelangen Paderborn gerade zu Spielende noch einmal einige gefährliche Durchbrüche nach 2v2-Szenen auf dem Flügel. In diesen Phasen hätte Dynamo durchaus noch das entscheidende Tor kassieren können.

    Fehlender Mut

    Aber was war eigentlich mit Dynamos Offensive? Die ist und bleibt ein schwieriges Thema. Grundsätzlich hatte Dynamo durch die strategische Spielanlage ja sowieso wenige kontrollierte Ballbesitzphasen. Außer in zwei kurzen Perioden presste Paderborn im hohen 4222-Angriffspressing und erzwang lange Bälle. 

    Paderborner Defensivformation, Dresdner Offensivformation – Beispielszene aus Minute 56.

    Die SGD war aber auch so in dieser Spielphase auf Einfachheit und Sicherheit bedacht. So spielte man schnell den langen Ball auf die Flügel (+ anschließender Kampf um den 2. Ball), um von dort in dynamische Aktionen zu kommen. Auch wenn sich Paderborn situativ etwas zurückzog, zirkulierte der Ball nur für ein paar Stationen in Dynamos flacher Viererkette, wovon dann der lange Ball geschlagen wurde. 

    Torgefahr wollte man schließlich primär über Konteraktionen kreieren. Wie zuvor beschrieben, hatte man dafür gerade in der Anfangsphase einige vielversprechende Gelegenheiten. Letztlich fehlte es aber über das gesamte Spiel an Präzision und klugen Entscheidungen, was am Ende durch die personellen Wechsel und die zunehmende Spielzeit noch verstärkt wurde. Es schien, als war Dynamo ab Minute 60 nur noch darauf aus, den einen Punkt mitzunehmen. Das hatte am Ende Erfolg, hätte aber auch leicht anders ausgehen können. Etwas mehr Mut und Aktivität gerade im personellen Sinne hätte Dynamo meiner Meinung nach in dieser Phase gut getan; hätte vielleicht für etwas mehr Entlastung und ggf. sogar nochmal für eigene Torgefahr gesorgt.

    Fazit

    Schlussendlich bleibt so aber das 0:0 und damit ein Punkt, den man nach dem Spiel gegen Rostock gern aus Paderborn mitnimmt. Dabei kann ich die Wahl eines etwas simpleren und reaktiveren Ansatz durchaus verstehen, denn diese Adaptabilität in schwierigen Situationen ist wichtig. Auch kann ich nach der letzten Woche zumindest den Gedankengang nachvollziehen, hier zum Ende des Spiels erst einmal den Punkt zu sichern. Insgesamt (wenn auch mit etwas Glück) ist das auch aufgegangen, man war stabiler. Ich hoffe aber, dass man in den kommenden Wochen wieder zu Sicherheit mit dem typischen Ansatz des Trainers zurückfindet. Im Kampf um den Klassenerhalt steht zudem über allem, z. B. bei personellen Anpassungen, zukünftig wieder mutig und proaktiv zu agieren.

  • SG Dynamo Dresden – FC Hansa Rostock: Spielanalyse

    SG Dynamo Dresden – FC Hansa Rostock: Spielanalyse

    Das Ostderby gegen Hansa Rostock verliert Dynamo schon in den ersten zwanzig Minuten. Am Ende steht so ein 1:4. Wie das zustande gekommen ist, schauen wir uns hier an.

    Ähnlicher Gegner

    Rostock ist unter Jens Härtel trotz des individuell vermeintlich schwächeren Kaders als stets top eingestellte Mannschaft bekannt. Wie im Sommer legten sie auch im Rückspiel gegen die SGD eine direkte, sehr intensive Art und Weise des Fußballs an den Tag – also ähnlich, wie Dynamo sonst auch.

    https://www.fangemeinschaft-dynamo.de/fc-hansa-rostock-sg-dynamo-dresden-spielanalyse/

    Aus einem 4231 heraus positionierte sich Hansa ohne Ball auch dieses Mal in einem kompakten Mittelfeldpressing (teils 4231/442) und versuchte, wenn in Ballbesitz, über schnelles und vertikales Spiel vors Dresdner Tor zu kommen . Viel Wert lag in dieser Partie dementsprechend auf langen und zweiten Bällen und 1v1-Situationen mit hoher Intensität auf beiden Seiten.

    Chaotischer Beginn

    Normalerweise dürfte Dynamo damit eigentlich tendenziell weniger Probleme haben. Zumindest würde ich diese Aspekte des Spiels normalerweise eher zu den Stärken als zu den Schwächen (Spiel mit Ball) der Schmidt-SGD zuordnen. Doch in diesem Spiel war das nicht so. Schauen wir uns mal die Gegentore genauer an.

    Tor #1

    Nach nur wenigen intensiven Minuten kassiert Dynamo das 0:1. In dieser Szene macht Dynamo zwei folgenschwere Fehler. Sie beginnt mit einem Rostocker Abstoß, nachdem Dynamo im Angriff war. Aufmerksame Fernsehzuschauer haben vielleicht mitbekommen, dass Löwe zu diesem Zeitpunkt noch von diesem Angriff zurück in die Verteidigung läuft und dabei einen Mitspieler anweist, seine Seite zu sichern. Rostock spielt derweil aber schon schnell auf den rechten Außenverteidiger. Damit entsteht folgende Struktur:

    Tor #1 – Unsortiertes Dynamo.

    Dynamo presst vorn ganz klassisch aus der Raute und lenkt das Spiel nach außen. Ist der Ball beim gegnerischen Außenverteidiger, sichert dann normalerweise die gesamte Mannschaft auf die ballnahe Seite durch. Linksverteidiger Löwe müsste auf den Flügel hochschieben, Sechser Stark die ballnahen Optionen schließen, der Rest durchsichern. ABER: Weil Dynamos hintere Viererkette noch nicht sortiert ist, Löwe noch auf dem Rückweg ist und Stark für ihn absichert, kann sich Rostock einfach aus dem Pressing befreien. Der rechte Flügel Fröling kann einfach longline angespielt werden und aufdrehen, da er keinen Druck erhält. So verliert Dynamo komplett die Kompaktheit und muss eine dynamische konterähnliche Situation verteidigen.

    Tor #1 – Dynamo kommt wieder gut in die Ordnung.

    Das macht Dynamo dann eigentlich gar nicht so schlecht. Löwe und Stark schaffen während des Fallens der Kette schnell wieder eine passende Gesamtstruktur. Der Ball wird deutlich langsamer, gelangt über zwei Aktionen auf die andere Seite. Was dann passiert, ist aber das zweite Problem.

    Tor #1 – Starke Rostocker Flanke, Dynamo ist sich uneins.

    Duljevic schlägt mit seinem starken rechten Fuß eine perfekte Flanke auf Verhoek, der sich klug zwischen die Innenverteidiger Ehlers und Sollbauer bewegt und mit dem Kopf abschließt. Mörschel gibt hier nicht ausreichend Druck auf den Flankengeber, beide Innenverteidiger erwarten eine Klärung des Anderen.

    Tor #2

    Auch vor dem zweiten Tor gelangt Dynamo in eine unglückliche konterähnliche Situation ohne gewohnte Kontrolle. Nach einem langen Ball köpft Sollbauer den Ball dem Gegner in den Fuß, weil Rostock den zweiten Ball aggressiver attackiert. Dynamo findet im Rückwärtsgang ballnah keinen Anschluß.

    Tor #2 – Dynamo verliert den 2. Ball.

    So kann wiederum Fröling frei auf die Kette der SGD zulaufen. Er bewegt sich klug in Richtung Zentrum und verlagert den Ball (generell ein kluges Mittel gegen Dynamos klassisch ballnahe Struktur, kommen wir später nochmal zu) auf die rechte Seite. 

    Tor #2 – Rostocker Verlagerung.

    Von dort startet Rostock dynamisch und schickt den nachstoßenden Behrens in die Tiefe.

    Tor #2 – Tiefe.

    Dynamo muss schnell wieder hinter den Ball kommen und schafft das auch, positioniert sich in der Box aber unklug. Verhoek und Fröling bewegen sich schlau auf den zweiten Pfosten, an dem mit Mörschel zudem ein offensiv denkender Spieler steht. Mit einer genauen Flanke, die ebenfalls besser verhindert hätte werden können, kann sich Fröling dort daher durchsetzen und treffen.

    Tor #2 – Unpassende Boxbesetzung.

    Tor #3

    Auch das 0:3 entsteht aus strukturellen Problemen mit zweiten Bällen. Nach einem langen Ball findet Dynamos zuvor hoch pressende Offensivkette wiederum keinen (zu langsamen) Anschluss nach hinten.

    Tor #3 – Dynamo verliert wieder den 2. Ball.

    Das hoch postierte Rostocker Mittelfeld sammelt den zweiten Ball auf und verlagert (!) das Spiel mit zwei Kontakten auf den ballfernen Flügel Duljevic.

    Tor #3 – Verlagerung auf Duljevic.

    Der hat Platz für eines seiner typischen Dribblings in den linken Halbraum und kann, weil Mörschel ausrutscht (das passiert mal!), zum Abschluss kommen. Den kann Mitryushkin nicht festhalten, sodass der Rebound zum 0:3 geschossen wird.

    Tor #3 – Duljevics Dribbling und Abschluss.

    Tor #4

    Das vierte Tor entsteht aus einem Standard und macht ein weiteres Thema auf: die sog. 2. Welle. Schon der Eckball wird gefährlich, weil sich Malone von seinem Dresdner Manndecker löst (der danach auf dem Boden liegt, habe aber nicht gesehen, warum …) und frei zum Kopfball kommt. Den hält Mitryushkin überragend.

    Tor #4 – Dynamo verliert Malone aus den Augen.

    Doch entscheidend wird die zweite Welle. Rhein sammelt den zweiten Ball ein und flankt den Ball in den Fünfer, davon hält ihn Kade nicht ab. Durch die zweite Welle ist Dynamo unsortiert, während Rostock am zweiten Pfosten in Überzahl ist. Dort kommt die Flanke hin, 0:4.

    Tor #4 – Rostocker Überzahl am 2. Pfosten.

    Suche nach Gründen

    So wie ich es sehe, waren es verschiedene Gründe, warum Dynamo diese Anfangsphase so „verschläft“. Das Spiel beginnt mit einer komischen Pressingsituation, aus der Hansa direkt das erste Tor macht. Dann hat Dynamo mehrmals Probleme mit zweiten Bällen und der (zugegeben auch sehr starken, weil gut und klar ausgeführten) Intensität und Direktheit des Gegners (und verliert so entscheidende Einzelduelle). Dazu kommt noch eine Szene mit einem unsicheren Keeper und ein Standard (Hansas bekannte Stärke). 

    Warum das alles so gekommen ist, kann ich mir nicht erklären. Mich hat es sogar explizit überrascht. Denn das waren nicht die klassischen bekannten Probleme der SGD unter Schmidt. Normalerweise ist genau jene Intensität, jenes Zweikampfverhalten, jene kluge Pressingstruktur, jene starke Boxverteidigung das Faustpfand Dynamos. Dieses Mal nicht. 

    Ich weiß, das klingt jetzt etwas blöd: Aber ich hatte das Gefühl, dass da zu einem Teil (nur ein Teil, nicht mehr!) auch dieser spezielle Spielverlauf eine Rolle spielte. Rostock macht aus jedem Schuss ein Tor, bei Dynamo scheint überhaupt nicht zu klappen; dazu die schnell kippende Stimmung. Das macht vielleicht was mit den Köpfen … Andererseits: Ich möchte nicht zu weit auf die Spekulationsebene gehen. So auseinanderzufallen ist natürlich bitter. Nochmal: Warum das so war, kann ich mir nicht erklären.

    Es war aber auf jeden Fall nicht nur ein Grund, sondern viele verschiedene Aspekte. Zum Beispiel kann ich jene in Teilen verstehen, die die Aufstellung von Mörschel als rechten Achter kritisierten. Ja, Mörschel war in einigen der beschriebenen Szenen beteiligt. Dass er als primär offensiv denkender Spieler bei konterähnlichen Aktionen des Gegners im eigenen Strafraum Probleme hat, liegt natürlich nahe.

    Mann muss dabei aber auch bedenken: Bewertungen ex post sind aber viel einfacher als ex ante. Ich sehe zum Beispiel das potenzielle Argument der Körpergröße pro Mörschel vor dem Hintergrund der Rostocker Standardstärke. Wenn Dynamo gesamtmannschaftlich so stabil agiert hätte wie zuletzt, wäre Mörschel dann überhaupt in eine solch kritische Situation gekommen? In dieser Rolle hat er auch schon gute Spiele gemacht. Deswegen reicht ist nur eine Erklärung meiner Meinung nach zu einfach. Diese Anfangsphase war ein Mannschaftsding, wo sich ein Fehler an den anderen reihte.

    Wechsel und Umstellungen

    Nach dem 0:4 schafft es Dynamo, sich defensiv wieder halbwegs zu stabilisieren. Schon in Minute 34 wechselt Schmidt Innenverteidiger Mai und Stürmer Drchal ein. Damit nahm er zwei der vielen unsicheren Akteure vom Feld und brachte etwas mehr Robustheit und Sicherheit. 

    Damit einher ging auch eine kurzzeitige Phase, in der Dynamo auch die gesamte spielerische Anlage auf Sicherheit umstellte. Als Mai eingewechselt wurde, zeigte er direkt an, dass nun erstmal nur noch lange Bälle gespielt werden sollten. Ziel war, gegen die große Unsicherheit so wieder etwas Stabilität, Kontrolle und Selbstvertrauen ins eigene Spiel zu bringen. Das funktionierte mit der Zeit.

    Noch vor der Halbzeit stellte Dynamo dann noch ein zweites Mal um. Statt dem anfänglichen 433 baute Dynamo nun in einer 32-Staffelung auf: Der mittlerweile auf rechts gerückte Ehlers blieb im Aufbau tiefer, während Löwe auf links sehr hoch schob. Damit positionierte man sich im zweiten Drittel genau in die Lücken des Rostocker 4231/442-Mittelfeldpressings und schaffte so zumindest etwas mehr Optionen und Sicherheit in der Ballzirkulation. Rostock passte sich derweil schnell an die flache Positionierung der Dresdner Sechser Stark und Kade an. Dennoch gelangte Dynamo einige Male über die Halbverteidiger in die höheren Halbräume.

    Dynamos Ballbesitz – anfangs die bekannte 433-Struktur mit Fokus auf Steil-Klatsch über die 8er oder dem Locken und Überspielen des gegnerischen Mittelfelds über Daferner.
    Dynamos Ballbesitz – Umstellung auf 3241, Rostock daher eher in einem 442, hier (symbolhafte!) Darstellung der Halbraum-Bälle.

    Dort agierte dann Königsdörffer (im tiefen Aufbau rechter Breitengeber) wieder etwas einrückender, während Ehlers weit mit aufrückte. So kamen einige im Ansatz vielversprechende Szenen im Übergangsspiel zustande.

    Dynamos Ballbesitz – im 3241 rückt Königsdörffer in hohen Zonen diagonal ein, während Ehlers hochschiebt. Schon in HZ1 erhält RYK dort einige gute Bälle im Halbraum und kann ins 1v1 gehen.

    2. Halbzeit: Verbesserte Ballbesitz, aber zu wenig Gefahr

    Diese Ansätze wurden in der zweiten Hälfte noch deutlicher. Dynamos Positionsspiel funktionierte abgestimmter als zuletzt. Die entsprechenden Räume wurden ausgeglichen, dynamisch und mit passendem Timing besetzt und angespielt. Häufig kam Dynamo über die Halbverteidiger (z. B. Mai mit teils überraschend starken Vertikalbällen, auch wenn er am Schluss ohne Ball einige Unsicherheiten drin hatte) in den Halbraum und konnte dort aufdrehen und dynamisch auf die Kette laufen/ ins 1v1 gehen (Königsdörffer und Batista Meier diesbezüglich mit einem überraschend guten Spiel, deutlich besser als zuletzt, insgesamt mutiger und mit besseren Entscheidungen). So entsteht zum Beispiel auch das 1:4: Königsdörffer geht im Halbraum ins 1v1, der Ball gelangt über Umwege zu Kade, der kann den ballfernen Raum für den Abschluss nutzen.

    Rostock spielte aufgrund dieser Gefahr in Halbzeit 2 konstanter in einer flachen 442/451-Ordnung, um Dynamos Spiel in Halbraum und Breite besser abzudecken. Wirklich signifikant wirksam war aber erst ihre Umstellung auf Fünferkette, wodurch die Innenverteidiger besser herausrücken und den Zwischenlinienraum verteidigen konnten. 

    Dynamos Ballbesitz – im 532 macht Rostock das Zentrum zu und kann die Halbräume aggressiver verteidigen.

    Vor diesem Hintergrund müssen wir dann nämlich auch folgendes einordnen: Ich finde, man hat schon gemerkt, dass Dynamo in den letzten Wochen am Ballbesitz gearbeitet hat. Das Positionsspiel funktionierte zum Beispiel deutlich besser als gegen Ingolstadt, wo man gegen einen ähnlichen Gegner eine ähnliche Idee verfolgte. Aber: Der Übergang ins letzte Drittel gestaltete sich weiterhin auch gegen Hansa schwierig. Mir persönlich geht es dabei noch zu häufig zu schnell in die Box für Flankensituation, während Tiefenläufe für Durchbrüche hinter die Kette zu selten angeboten/ angespielt werden. Es ist schon so, dass sich die Boxbesetzung für Flanken verbessert darstellt als vor einigen Wochen und Monaten. Manchmal ist mir das als Idee aber zu einseitig; gegen Rostocks Innenverteidigung, die gerade in der Endverteidigung und bei hohen Bällen souverän agiert, konnte man so zumindest wenig Gefahr erzeugen. (Wenn, dann ging es über den zentralen Zwischenlinienraum, dort muss man zukünftig ansetzen.) 

    Mit der Zeit wechselte Schmidt mit Borrello und Weihrauch dann noch weitere Offensivakteure ins Spiel, die ihre entsprechenden Rollen in diesem 3241 noch passender und offensiver ausfüllten. Wirkung entfaltete das aber zu selten, gerade weil sich bei Dynamo ab Minute 80 wieder vermehrte Unsicherheiten (Ballverluste, nicht mehr so griffiges Gegenpressing) leistete, auch einige Konter zuließ und so keine zwingende Gefahr mehr kreieren konnte.

    Fazit

    Am Ende bleibt das Ostderby daher bei einem aus Dresdner Sicht natürlich enttäuschenden 1:4. Ein Spiel, das für mich in seinem Zustandekommen sehr überraschend war. Denn es waren nicht die bekannten Schwächen Dynamos, weswegen man in den ersten Minuten so auseinander gefallen ist. Das war eine der wenigen Phasen dieser Saison, in der die SGD über einen längeren Zeitraum Probleme im Defensivbereich hatte, im Speziellen im Umgang mit der hohen Intensität des Gegners, zweiten Bällen und der Endverteidigung. Im Vergleich zum Spiel gegen Ingolstadt hat diese Niederlage deswegen ganz andere Gründe.

    Das muss man in die Bewertung von Spiel (und auch Trainer zum Beispiel) mit einbeziehen. Genauso wie die Phase danach. Dort habe ich trotz allem im Positionsspiel einen (kleinen, aber dennoch bemerkenswerten) Schritt nach vorn gesehen. Auch das finde ich erwähnenswert. Gleichwohl ist eine solch fehlerbehaftete Anfangsphase natürlich inakzeptabel, womit das Gesamtbild dieses Spiels trotzdem unglaublich bitter gefärbt bleibt.

  • Hannover 96 – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Hannover 96 – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Ein Punkt steht am Ende des Sonntagsspiel der SGD gegen Hannover 96. Ein gewonnener Punkt, wenn man den Spielverlauf betrachtet. Mir persönlich bleiben nach dieser Performance einige Fragezeichen. Schauen wir aber mal auf einige strategisch-taktische Aspekte.

    Ein stärkerer, weil klarer Gegner

    Im Vergleich zum Hinspiel traf die SGD auf einen Gegner, der dieses Mal klarere Ideen sowohl mit als auch ohne Ball verfolgte. Eine hervorzuhebende Gefahr der Hannoveraner sind neben der individuellen Qualität vor allem die ständigen klugen Tiefenläufe der (Flügel-)Stürmer in Ballbesitz- und Kontersituationen. Was macht Dynamo dagegen?

    Dynamos Pressing: Individuell stark, strukturell teils anfällig

    Dieses Mal liefen die Dresdner den Gegner weniger hoch und intensiv an. Nach Rückpass und bei Abstoß schob Dynamo aus der Raute heraus in bekannter Weise weit durch, um das Spiel auf den gegnerischen Außenverteidiger zu lenken. Über weite Strecken klappte das gewohnt griffig.

    Häufig ließ man Hannovers Spielaufbau jedoch in erster Linie frei laufen und zog sich in ein tieferes Mittelfeldpressing zurück. Die eng positionierten Stürmer der Raute sollten die Kombinationen nach außen lenken, sodass der Raum dort durch die Mittelfeldspieler zugeschoben werden kann (in erster Welle durch den 8er, der auf den AV rückt).

    Individuell haben die Spieler der SGD diese Struktur meiner Meinung nach ordentlich bis ziemlich gut umgesetzt. Gerade die defensive 4er-Kette verteidigte (vor allem zu Spielbeginn) mit passender Intensität offensiv nach vorne und das erfolgreich.

    Auf struktureller Ebene ergab sich dennoch ein Problem für Dynamo. Hannovers tief stehende Außenverteidiger lockten Dynamos Achter weit aus dem Zentrum. So ergaben sich zwischen den Linien gefährliche Räume für die Niedersachsen, vor allem in den Halbräumen. Das machte die Raumkontrolle für den in dieser Rolle ungewohnten, dennoch insgesamt solide spielenden 6er Mörschel ungemein schwer. Die 4er-Kette musste so meist als einzelne Einheit verteidigen (aber (!) tat dies über weite Strecken auf individueller Basis sehr gut).

    Dynamos Pressing – Potenzielles Beispiel für die strukturellen Schwächen.
    Dynamos Pressing – beispielhafte Szene vor Akotos Platzverweis, in der die strukturellen Schwächen der Raute ausgespielt werden.

    Dynamos Konterspiel: Kollektiv und individuell schwierig

    So kassierte Dynamo in der ersten Hälfte noch wenig klare Torchancen, obwohl sich Hannover ein paar Mal in höhere Zonen kombinieren konnte. Allerdings sah das auf der anderen Seite des Feldes genauso, wenn nicht sogar noch deutlicher aus.

    Durch das tiefere und strukturell etwas anfälligere Pressing gelang es Dynamo vergleichsweise seltener, gefährliche Ballgewinne zu erzielen. Wenn, dann gelang das nur in tiefen Zonen, von wo die Konterwege sehr weit wurden. 

    Zudem schienen auch die Offensivbewegungen der Stürmer weniger aufeinander abgestimmt. Meist fehlte die Verbindung von Ballführendem zu den direkten Tiefenläufen der Stürmer. Dazu kam außerdem eine Reihe an ungünstigen Entscheidungen der Spieler.

    Dynamos Ballbesitz: Theoretisch gute Struktur, aber die wird nicht genutzt

    Diese Probleme durchzogen auch Dynamos Ballbesitzspiel im bekannten 433. In den ersten Aktionen hatte ich den Eindruck, dass man mit tief kommenden 8ern die 6er des Gegners herauslocken und daraufhin das Pressing mit einem Chipball auf Daferner überspielen wollte. 

    Dynamos Ballbesitzspiel – grundsätzliche Idee im 433.

    Zu Beginn probierte man das zumindest ein paar Mal. Dabei kam der SGD entgegen, dass Hannovers Stürmer Teuchert weit herausstach, 10er Kerk Mörschel verfolgte und die Flügel sehr breit standen (um das Spiel nach innen zu lenken). So hatten die 8er viel Raum auf der Halbspur, in den sie fallen und den Gegner mitziehen konnten.

    Diese (zumindest potenziellen räumlichen) Möglichkeiten schlossen sich jedoch schon nach einigen Minuten. Teuchert zog sich etwas weiter zurück, genauso rückten Hannovers Flügel situativ enger ein. So entstand eine sehr kompakte 442-Staffelung, in der die Räume einfach verknappt werden und so auch Dynamos typische Bewegungen weniger Effekt entfalten konnten. 

    Dynamos Ballbesitz – Hannover in kompakterer Staffelung.

    Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Dynamo diese eigentlich vielversprechende Struktur schon grundsätzlich zu selten auszuspielen versuchte. Einerseits blieben dieselben Schwächen wie im Umschaltspiel präsent. Andererseits versuchte man im Laufe des Spiels auch immer seltener, überhaupt diesen Weg zu wählen, spielte lieber schnell den langen Ball.

    2. Halbzeit: Mehr Dresdner Ballbesitz, mehr Gefahr durch Hannover

    Die zweite Spielhälfte kippte die ausgeglichene Ballbesitzstatistik und Spielphasenverteilung klarer in eine Richtung. Hannover spielte nun nahezu komplett in ihrem Mittelfeldpressing und überließ Dynamo den Ball.

    So kamen zum einen Dynamos Schwächen mit Ball stärker und häufiger zum Tragen. Zum anderen konnte Hannover so, ihre erwartete Konterstärke ausspielen.

    Einige Male waren sie so über ihre klugen und gefährlichen Tiefenläufe in der Lage, gefährlich vor das Dresdner Tor zu gelangen. Dynamos Abwehrkette agierte immer noch weitgehend solide, dennoch war die hohe Aktionenanzahl zum Beispiel eines Beiers irgendwann eine bedeutende Gefahrenquelle. Spielt Hannover diese Situationen vor dem Tor noch etwas besser aus oder hat man selbst etwas mehr Pech, verliert die SGD das Spiel.

    (Ich persönlich hatte aber auch das Gefühl, dass Hannover das Spiel eigeninitiativ noch klarer gestalten hätte können. Mit etwas mehr Dominanz und Ballbesitz, gerade in der zweiten Hälfte, hätte ich mir durchaus ein noch größeres Chancenplus mit letztlich zwingendem Tor vorstellen können.)

    Fazit

    Am Ende nimmt Dynamo so aber einen glücklichen Punkt aus Hannover mit. Nach dem Spiel gegen Hamburg in der letzten Woche schrieb ich folgenden Satz: „[Es bleibt] spannend, wohin die weitere Entwicklung gehen wird, besonders in Spielen gegen taktisch andere Mannschaften.“ Dieser lässt sich zusammenfassend auch auf dieses Spiel übertragen.

    Defensiv agierte Dynamo solide, das Pressing war trotz der angesprochenen Schwächen weitgehend in Ordnung. Gleichzeitig bleibt aber gegen einen weniger proaktiven und ballbesitzfokussierten Gegner das Thema „Abläufe in Ballbesitz(/Konterspiel)“ ein Thema. 

  • SG Dynamo Dresden – Hamburger SV: Spielanalyse

    SG Dynamo Dresden – Hamburger SV: Spielanalyse

    1:1 geht das Elbduell zwischen Dynamo Dresden und dem Hamburger SV aus. Mit einer weitgehend starken Leistung und verbesserten Abläufen erkämpft sich die SGD ein verdientes Unentschieden gegen den Favoriten. Es lohnt sich ein taktischer Blick auf den Spielverlauf.

    Nicht die gleichen Fehler vom Hinspiel …

    Mit dem HSV stand Dynamo am Freitagabend ein bekannt spielstarker Gegner gegenüber. Hamburg unter Trainer Walter ist ein klares Ballbesitzteam, das durch Ballsicherheit das Spiel dominieren möchte. In einem sehr fluiden Positionsspiel agieren die Hamburger vor allem im Aufbau sehr flexibel, lassen beispielsweise Innenverteidiger häufig auf- und Außenverteidiger einrücken. 

    Diese Stärken erlebte die SGD schon im Hinspiel auf schmerzhafte Weise. Das typische Angriffspressing aus der Raute wurde in der ersten Hälfte durch die Überladungen der Flügel und Dynamos großen Problemen im Raus- und Durchschieben regelrecht auseinandergespielt. Dieses Spiel hätte der HSV durchaus auch gewinnen können.

    Im Hinblick auf das Rückspiel galt es für Dynamo also, nicht nochmal dieselben Fehler zu machen. Ein funktionierender Defensivplan würde entscheidend dafür werden, wie das Spiel verläuft.

    Hamburger SV – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Starkes Pressing in der ersten Hälfte

    Während des Hinspiels korrigierte Trainer Schmidt Dynamos Probleme mit einer Umstellung auf ein sehr enges und etwas tieferes 433-Mittelfeldpressing. Zum Rückspiel wählte er eine andere Variante.

    Dynamo blieb bei der gewohnten Rautenstruktur, interpretierte diese aber leicht anders und deutlich extremer. Solch ein extremes Angriffspressing habe ich bisher selten gesehen.

    Dynamos Angriffspressing – Ausgangsstaffelung bei Abstoß.

    Während Daferner den gegnerischen 6er kontrollierte, positionierten sich Dynamos Stürmer und Achter sehr hoch und breit, um sofort Zugriff auf die Hamburger 4er-Kette zu haben. Aus dieser Ordnung attackierte die SGD sofort den ersten Pass und schob viel Personal nach vorn. 

    Kam der Ball beispielsweise auf den Außenverteidiger, wurde dieser sofort von Dynamos Achter angelaufen. Gleichzeitig kontrollierten die anderen Angreifer die potenziellen Anspielstationen (v. a. IV, TW), in dem sie aus der groben strukturellen Zuordnung den jeweiligen Gegenspieler lose mannorientiert aufnahmen. 

    Diese sehr hohe Positionierung der fünf Dresdner Angreifer war natürlich nicht ohne Risiko. Im Mittelfeld entstanden so große Räume, gleichzeitig sicherte man zumindest rein nominell nur in Gleichzahl ab. Doch im Gegensatz zum Hinspiel klappten dieses Mal das Raus- und Durchschieben im Pressing deutlich besser. Baute der HSV beispielsweise auf links auf, schoben entweder 6er Stark oder Außenverteidiger Akoto auf den hohen ballnahen 8er. Auch die restliche Abwehrkette sicherte dann meist sehr gut durch. 

    Dynamos Angriffspressing – Ausgangsstaffelung bei Abstoß.

    Gerade zu Beginn klappten diese Anlaufbewegungen und Übergaben sehr gut, sodass Dynamo den Raum effizient verknappen konnte und so die typischen Positionsrochaden des HSV nicht zur Entfaltung kommen ließ. Entscheidend dabei waren das kluge und abgestimmte Timing jedes Einzelnen, die extrem hohe Laufbereitschaft und Intensität und das weitgehend kluge Zweikampfverhalten im 1v1.

    Andererseits muss man auch erwähnen, dass der HSV in dieser Phase schon unerwartet unsicher und anfällig agierte. Spieler wie beispielsweise Gyamerah ließen die von Walterball gewohnt hohe Pressingresistenz über weite Strecken vermissen.

    Auf jeden Fall konnte die SGD den HSV so sofort extrem unter Druck setzen und zu Fehlern im Spielaufbau zwingen. Gerade anfangs erzielte Dynamo einige gefährliche Ballgewinne in hohen Zonen oder war zumindest kurz davor. Spielt man diese mit Ball etwas besser aus und/ oder hat etwas mehr Glück hinsichtlich versprungener Bälle o. Ä. kann man schon in dieser Phase ein Tor erzielen. 

    Die gesamte erste Hälfte gestaltete sich in diesem Sinne aus Dynamo-Sicht sehr stark, vor allem aufgrund der starken Leistung gegen den Ball. Am Ende lag man aber dennoch 0:1 hinten. Das Gegentor durch HSV-Stürmer Glatzel stellte den Spielverlauf der ersten Hälfte ziemlich auf den Kopf.

    Klar, Dynamos Pressing war nicht ohne Risiko. Überspielte der HSV einmal das hohe Personal, konnten sie schnell mit Dynamik auf Dynamos letzte Kette zulaufen. Auch durch die (logischerweise nicht immer erfolgreiche) sehr vertikale Spielweise nach Ballgewinn konnte der HSV in bestimmten Situationen schnell in gefährliche Konter gekommen. 

    Aber: Solche Situationen kamen in der ersten Hälfte nur sehr selten zustande. (Eher noch ersteres als letzteres.) Denn aufgrund der starken Ausführung des Pressings und vor allem auch des Gegenpressings nach Ballverlust, verhinderte die SGD viele Aktionen dieser Art schon im Ansatz.

    Gegentor

    Doch einmal klappt das Gegenpressing nicht: beim Gegentor.

    Nach einem Standard gewinnt die SGD eigentlich den zweiten Ball. Doch den verliert Königsdörffer mit seinem Schussversuch sehr schnell. Hier zeigt sich, wie wichtig manchmal ein Abschluss bei einem solchen Standard sein kann. Denn bei Ballverlust kann ballnah aufgrund der Struktur kein direkter Balldruck erzeugt werden, sodass viele Hamburger sofort mit hoher Dynamik auf die Dresdner Restverteidigung zulaufen können – eine unglaublich schwer zu verteidigende Situation.

    Dennoch glaube ich, dass man auch danach noch etwas glücklicher agieren hätte können. Zunächst beispielsweise Akoto: Wenn der Gegner mit Dynamik auf die Kette zuläuft, gilt es zuallererst sich fallen zu lassen und den Konter so lange wie möglich zu verzögern. Nur wenn man sich 100% sicher ist, den Ball gewinnen zu können, stößt man aus der Kette heraus und versucht die Interception. 

    Genau letzteres macht Akoto in dieser Situation, obwohl die Chancen auf den Ballgewinn meiner Meinung nach nicht sonderlich hoch war. Während alle anderen Dresdner Verteidiger fallen, rückt Akoto auf den ballführenden Gegner. Dieser muss jedoch einfach nur kurz zu Kittel weitergeben, der dann freie Bahn hat. 

    Zum Schluss der Szene muss man zudem auch noch über Kade reden. Während Kittel auf der linken Seite den Ball nach vorn treibt, verliert er durch eine zu zentrale Positionierung den Anschluss zu Glatzel. So kann er den letztendlichen Pass auf den Hamburger Stürmer nicht verhindern. 

    Andererseits sind das zwar Unsicherheiten, die anzusprechen sind, jedoch keineswegs riesige Fehler. Die blöde Ausgangssituation beginnt schon viel früher. Und dann ist es ein Stück weit normal, dass junge Spieler wie Akoto und ein offensiv denkender Kade nicht perfekt agieren. Zumal der HSV in Person von Kittel und Glatzel diesen Konter schlichtweg sowohl hinsichtlich ihrer Laufwege (z. B. Glatzel, der sich klug im Rücken Kades absetzt) als auch ihrer Technik (z. B. Ballan- und -mitnahme, Flanke) ideal ausspielt. So eine Situation passiert mal.

    Leicht gegenläufige Entwicklung in der zweiten Hälfte

    Nach der guten ersten Halbzeit der SGD mit dem besonders bitteren Gegentor verlief die zweite Hälfte nach ähnlichen Mustern weiter. Tendenziell schien das Spiel aber in Richtung des HSV zu kippen, zumindest in Nuancen. Dynamo ging immer mehr die Kraft aus, während die Hamburger etwas ballsicherer wurden.

    So entwickelte es sich zu einer offenen Partie, die schlussendlich in beide Richtungen hätte kippen können. Beide Teams hatten bis zum Ende des Spiels vielleicht noch jeweils ein/ zwei Chancen, die auch zu Toren hätten führen können.

    Dennoch bleibt zu sagen, dass Dynamo trotz der schwindenden Kräfte im Pressing weiterhin weitgehend dagegen hielt und spätestens in der Boxverteidigung viele der Angriffe des HSV wegverteidigen konnte. Dieser wiederum wurde zwar mit dem Spielverlauf etwas ballsicherer, machte letztlich aber zu wenig aus dem eigenen Ballbesitz. Gerade im letzten Drittel agierte man zu einseitig und ungenau, sodass der daraus resultierende geringe Grad an Dominanz nicht zu genügend Torchancen für einen Sieg der Hamburger reichte.

    Verbesserte Abläufe mit Ball: Das 1:1

    Denn es war Dynamo in der zweiten Halbzeit, die noch ein Tor erzielen konnten. Diese Szene war beispielhaft für die Art und Weise des Dresdner Ballbesitzspiels in dieser Partie, welches im Vergleich zu zuletzt auf klareren und besser umgesetzten (besser eintrainierten?) Abläufen beruhte.

    Im Spielaufbau in tiefen Zonen wollte man durch eine tiefe und breite Positionierung das hohe Hamburger Pressing anlocken und auseinanderziehen, spielte dann aber schnell drüber hinweg.

    Entscheidender waren das zweite und dritte Drittel, indem mir die Abstimmung und Ballsicherheit deutlich verbessert erschien. Man spielte nicht aus Verzweiflung einen langen Ball, vielmehr hatten viele Szenen Hand und Fuß. Entweder durch das Anlocken oder (was häufiger vorkam) durch einen hohen Ballgewinn kam Dynamo häufig in die beliebten vertikalen und sehr dynamischen Szenen.

    Dabei attackierte man stets mit zahlreichen klugen Tiefenläufen, die eine direkte und gefährliche Anspielstation boten. Zudem nutzten die Dresdner immer wieder das Mittel der Verlagerung, um die enge ballnahe Staffelung der Hamburger auszunutzen. 

    Teils im tieferen Aufbau und häufig in hohen Zonen konnte man immer wieder beobachten, wie Dynamo den ballfernen Achter oder den nachrückenden Außenverteidiger anzuspielen versuchte. Ein Beispiel ist die Szene, die zum Tor führt:

    Nach einen zugegeben etwas glücklichen Aufbau der Szene in der eigenen Hälfte, in der der HSV eigentlich den Ball gewinnen sollte, allerdings gegen Dynamos Durchsetzungsfähigkeit nicht ankommt, kann Borrello aufdrehen und auf die Kette des HSV zudribbeln. Entgegen die Lauf- und Blickrichtung der Hamburger, die zudem durch den Tiefenlauf von Drchal zurückgedrückt werden, spielt er eine kluge Verlagerung auf den nachstoßenden Achter Königsdörffer.

    Dieser nimmt den Ball mit, wartet dann aber klug ab und verlagert wieder gegen die Laufrichtung der Hamburger Abwehr auf den nachstoßenden 8er Kade. Dieser hat nun viel Raum, um das Tor von Daferner vorzubereiten.

    Hier noch eine weitere Szene, in der dieses Muster mit Tiefenläufen und Verlagerungen sichtbar wurde.

    Fazit

    Damit holt Dynamo einen verdienten Punkt. Das starke Pressing und Gegenpressing und die verbesserten Abläufe in Umschalt- und Ballbesitzaktionen prägten ein insgesamt gutes und vergleichsweise deutlich besseres Spiel der SGD. Vermutlich war man gerade mit den ersten 20 Minuten nah an der Spielweise, die sich Schmidt idealerweise vorstellt. Spielt man so, kann man auch gegen individuell stärkere Gegner bestehen und Punkte holen.

    Andererseits darf man nicht vergessen, dass der HSV natürlich auch genau die Art Gegner war, die Dynamos Stärken liegt. Insbesondere weil die Hamburger selbst nicht komplett stabil und dominant agierten. Ein Vergleich beispielsweise mit dem Ingolstadt-Spiel bleibt damit schwer. Dahingehend bleibt es spannend, wohin die weitere Entwicklung gehen wird, besonders in Spielen gegen taktisch andere Mannschaften.

  • FC Ingolstadt – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    FC Ingolstadt – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Im letzten Spiel im Jahr 2021 verliert die SGD gegen den FC aus Ingolstadt verdient und deutlich mit 3:0. Primär liegen die Gründe dabei im Taktischen – obwohl das Trainerteam eine in der Theorie sinnvolle Idee hatte. Werfen wir einen Blick darauf!

    Der Gegner

    Spielt man gegen ein Team unter Rüdiger Rehm weiß man normalerweise schon vorher, wie es auftreten wird. Ingolstadt knüpfte am Wochenende genau an diesen typischen Fußball an und setzte die Ideen Rehms schon nach einer Woche erstaunlich konsequent und klar um. 

    In einem 442-Mittelfeldpressing konzentriert man sich auf das kompakte und aggressive Verteidigen im engen Block. Torchancen möchte man primär aus Umschaltaktionen und Standards erzielen. Dabei agiert man in diesen Spielphasen nach einem direkten und zielstrebigen Plan. Das Spiel wird nicht kontrolliert aufgebaut (erst recht nicht gegen ein Pressingteam wie Dynamo). Vielmehr sind direkte lange Bälle auf eine überladene letzte Linie das Ziel, um nach dem Gewinn des zweiten Balls sofort in die dynamischen und chaotischen Vertikalaktionen zu kommen.

    Dynamos Aufgabe in der Spielvorbereitung

    Vor dem Spiel musste man sich auf Dresdner Seite Gedanken machen, wie man diesem robusten und direkten Spiel der Ingolstädter kontert. Die eigene Pressingstärke würde erwartungsgemäß wenig zum Zuge kommen. Vielmehr musste man mit vielen eigenen Ballbesitzphasen rechnen. Bleibt man dafür im gewohnten Rautensystem? Oder passt man sich strukturell an den Gegner an?

    Dynamos Matchplan

    Das Trainerteam entschied sich im Vorfeld des Spiels für die zweite Option. In der Defensive agierte man in einem kompakten 4222-Pressing, in dem Akoto auf die 6er-Position schob. Diese Pressingstruktur empfand ich als notwendig und sinnvoll. Mit viel tiefem Personal und den vier Offensiven setzte man Ingolstadt hoch unter Druck, während man gleichzeitig eine zur Verteidigung von langen Bällen sinnvolle und enge Struktur bewahrte. Es gibt nur wenige Pressingideen, die gegen solch Fußball des Gegners ähnlich passend sind. In diesem Spiel klappte sie aus Dynamo-Sicht schließlich auch weitgehend ordentlich.

    Dynamos Pressingstruktur – 4222.

    Doch aufgrund der Spielanlage und dem Stil des FCI agierte die SGD in diesem Spiel selten ohne Ball. Häufiger traten Phasen auf, in denen Ingolstadt den Dresdnern den Ball überließ. Dafür hatte sich Schmidt folgenden Plan zurechtgelegt: 

    Dynamo zog (bildlich gesprochen) den 10er der Raute in die nun 3er-Abwehrkette, agierte fortan in einer 3142-Grundordnung. Das hat Schmidt während seiner SGD-Amtszeit schon einige Male so gemacht, jeweils aus unterschiedlichen Motiven.

    Seine Motive für dieses Spiel gegen den FCI sind mir als Außenstehender natürlich nicht bekannt. In Erwartung, einen 442-Block knacken zu müssen, agieren aber viele Teams in einer ähnlichen Struktur. Ich sehe daher durchaus einige Argumente, die auf dem Papier und im Kontext dieses Spiels für diese 3142-Idee sprechen.

    Dynamos Ballbesitz – grobe systematische Anordnung.

    Im Spiel mit Ball hat man so nämlich eine Struktur, die in vielen Zonen lokale Überzahlen ermöglicht. 

    https://twitter.com/losterlein/status/1463224515400511492?s=21

    Im Aufbau kann man sich mit drei breit auffächernden Innenverteidigern dem Pressing der Stürmer entziehen. Spielt man von dort passende linienbrechende Pässe, kann man schnell in den Halbraum oder auf den Flügel gelangen, um die jeweilige Überzahlsituation auszuspielen. Ist der Block dafür zu kompakt, lässt sich dieser durch kluges Andribbeln durcheinander bringen.

    Nach Ballverlust hat man zudem eine solide 3+1-Restverteidigung, die die Breite und Tiefe normalerweise gut abdecken kann. 

    Im Vergleich: Spielt man mit einer Raute, sichert man die Konter nur mit 2+1 ab. Was ist, wenn man nach Ballverlust nicht direkt Balldruck geben kann? Ist diese Absicherung dann zu riskant gegen die zwei gegnerischen Stürmer und nachrückende Flügel?

    Ich könnte mir gut vorstellen, dass gerade letzteres im Hinblick auf die Konterstärke des FCI ein entscheidender Gedanke des Dynamo-Trainerteams gewesen sein könnte. Dynamos Gegenpressing hat zwar über weite Strecken der Saison ordentlich bis gut funktioniert. Doch es ist auch klar: Dynamo ist im Ballbesitz nicht so stabil und ballsicher, als dass man keine Ballverluste kassieren könnte. Einige Male hatte man zuletzt zudem Probleme, die richtige Intensität und das passende Timing im Zweikampfverhalten zu finden. War Schmidt daher vielleicht eine 2+1-Absicherung zu riskant?

    ABER … das Spiel auf dem Feld

    Warum auch immer Schmidt diesen Plan letztlich gewählt hat, bleibt unklar. Eines steht dafür fest: Auf dem Feld hat er nicht funktioniert.

    https://twitter.com/nicknestler/status/1472194232173662217?s=21

    Man sah Dynamo jene angesprochenen Ideen im Spiel mit Ball an: stetiges Verlagern in erster Aufbaulinie, Andribbeln der Halbverteidiger, Überladen des Zwischenlinienraums (Königsdörffer, Schröter und Borrello), entgegengesetzte Bewegungen und Tiefenläufe, um Überzahl auszuspielen und schnell hinter die Kette zu kommen.

    Dynamos Ballbesitz – grundsätzliche Idee, über die Halbverteidiger zwischen die Linien zu kommen.
    Dynamos Ballbesitz – beispielhafte Idee, über Halbraum und Steil-Klatsch die Tiefe zu attackieren.

    Erfolgreich war das jedoch selten. Es mangelte in nahezu jeder Aktion an einer genauen Abstimmung der Raumbesetzung, am richtigen Timing bei Läufen und Pässen, an der nötigen Präzision im Kombinationsspiel. So rannte Dynamo an, hatte dabei einen (in der Theorie sinnvollen) Plan im Kopf, kassierte aber Ballverlust nach Ballverlust, Konter um Konter.

    Dynamos Ballbesitz – Beispielproblem #1: Ingolstadt lässt sich nicht locken, bleibt kompakt, Dynamos Qualitäten reichen nicht, um gefährlich in den Block zu spielen.

     

    Dynamos Ballbesitz – Beispielproblem #2: unpassende Raumbesetzung mit Daferner, Borrello und Schröter als kurze Optionen, während niemand die Tiefe attackiert.

    Suche nach Gründen

    Über die Gründe dafür kann ich ebenfalls nur spekulieren. Aufgrund meiner Beobachtungen möchte ich aber zumindest folgende Aspekte festhalten:

    Zum einen passten die Spielerprofile von Becker und Schröter nicht zu ihren jeweiligen Rollen als rechtem Flügelverteidiger bzw. rechtem Achter. Ersterer ist für das Spiel mit Ball, gerade vor einer 3er-Kette, arg limitiert. Letzterer ist kein Spieler, der sich klug in engen Räumen im Spielzentrum bewegt, vielmehr als Breitengeber fungieren sollte.

    Zum anderen machte die gesamte Mannschaft nicht den Eindruck, die Abläufe des Matchplans verinnerlicht zu haben. Stehen sich Spieler häufig im Weg, passen die Ideen von Passgeber und potenziellem Passempfänger oft nicht zusammen, muss die Mannschaft nicht gut vorbereitet gewesen sein. Trainiert Schmidt das Positionsspiel zu selten?

    Der grundlegende Plan war in der Theorie sinnvoll. Doch damit dieser auch in der Praxis klappt, muss er zur Mannschaft passen und gut vorbereitet sein. Die Profile der Spieler müssen zu deren Rollen passen. Und in diesem Spiel noch entscheidender: Das Team muss die Abläufe drin haben. Ist das nicht der Fall, ist der grundlegende Plan in der Praxis doch nicht so sinnvoll.

    Die torreiche Anfangsphase

    Dass das Ballbesitzspiel und Dynamos Schwächen innerhalb dessen in diesem Spiel so entscheidend wurden, war dem Spielverlauf geschuldet. Hatte Ingolstadt den Ball, agierte Dynamo solide. Doch über schwache Standardverteidigung kassiert man zwei, am Ende sogar drei Tore (auch wenn das 1. Tor primär Pech war). 

    So war die SGD mit Ball noch mehr gefordert als sowieso zuvor erwartet. Der praktisch nicht aufgehende Matchplan reichte dann nicht, um diesen Anforderungen gerecht zu werden und das Spiel durch eigens erzeugte Torgefahr zu kippen. 

    Anpassungen

    Deswegen stellte Schmidt im weiteren Spielverlauf das Dresdner Spiel um. Zunächst brachte er Herrmann für Becker, um die größten personellen Probleme zu lösen und so den Ballbesitz zu verbessern.

    Nachdem dies erwartungsgemäß nur begrenzt signifikanten Impact hatte, stellte man in der Halbzeit auf die gewohnte Raute mit 4er-Kette um. Das brachte sofort einen merklichen Schub hinsichtlich Ballsicherheit, Timing der Raumbesetzungen und Progressivität der Kombinationen. Man baute nun mit leicht tieferen Außenverteidigern auf und gelangte so einige Male diagonal in den von den drei zentralen Zentrumsspielern besetzten Zwischenlinienraum. Die Abläufe schienen im Team deutlich flüssiger und abgestimmter, sodass man sich auch einige potenzielle Torchancen erspielte.

    https://twitter.com/nicknestler/status/1472211983244144642?s=21

    Trotz der Vorteile der gewohnten (!) Raute war das Positionsspiel im Ballbesitz auch in Halbzeit 2 nicht super überragend. Die passende Anschlussaktion im letztlich flankenfokussierten letzten Drittel bleib weiter ein (bekanntes) Problem.

    Dazu kam, dass man immer noch einige Ballverluste im zweiten Drittel kassierte und aufgrund der hohen Positionierung der Mittelfeldspieler teils nicht in gutes Gegenpressing kam. Gegen die folgenden Konter hatte Dynamos Abwehrkette dann weitere Probleme (Aidonis, Ehlers, …), sodass Ingolstadt auch zu einigen Torchancen im Verlauf des Spiels kam und letztlich höher gewinnen hätte können.

    Fazit

    Deswegen verliert Dynamo gegen den FCI am Ende absolut verdient. Defensiv stand man zunächst stabil, macht sich das aber mit bekannt komischer Standardverteidigung schnell kaputt. Dann deckt der Spielverlauf die großen (und ebenfalls bekannten) taktischen Schwächen im Ballbesitz auf. Es ist gut, dass das Trainerteam einen grundsätzlich sinnvollen Plan im Kopf hatte. Das bringt in der Praxis jedoch wenig, wenn die Mannschaft diesen nicht umsetzen kann. Dann braucht es bessere Vorbereitung oder einen besseren Plan. 

    Kurze Gesamteinordnung und die Trainerfrage

    Nichtsdestotrotz: Meine persönliche Meinung zu Schmidt und dem Gesamtbild der sportlichen Entwicklung der SGD, hat dieses Spiel nicht verändert. Nach der Niederlage gegen Sandhausen hatte ich schon einmal versucht, diese ausführlich zu erklären.

    SG Dynamo Dresden – SV Sandhausen und St. Pauli: Spielanalyse

    Schaue ich mir jetzt das Spiel gegen Ingolstadt an, bestätigt sich eigentlich genau das, was ich schon über die gesamte Saison einzuordnen versuche. Das war eines dieser Spiele, in denen die einseitige Herangehensweise des Trainers mit fehlendem Ballbesitzfokus nicht für Punkte reicht. Das ist kritisch zu betrachten. Denn langfristig muss Dynamo genau dort hin, auf lange Sicht muss ein Trainer ein Team entwickeln. Dass man nach acht Monaten Schmidt noch immer dieselben Probleme hat, stimmt einen dahingehend nicht positiv. 

    Mache ich mir aber Sorgen um einen Abstieg? Nein. Mit dieser klaren Handschrift des Trainers und den Stärken im Defensiv- und Umschaktbereich sollte man über die gesamte Saison auf genug passende Gegner treffen und so genug Punkte holen. Damit reißt man keine Bäume aus, kommt aber genau wie aktuell ins stabile untere Tabellenmittelfeld. Nicht mehr, nicht weniger.

    Für mich existieren diese zwei Ebenen gleichwertig nebeneinander – das Kurzfristige und das Langfristige. Kurzfristig habe ich mit Schmidt als Dynamo-Trainer kein Problem. Ob er langfristig passt, weiß ich schlichtweg nicht. Das wird sich mit der Teamentwicklung in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Wenn er dann keine signifikanten Schritte schafft, muss man sich auch mit Alternativen beschäftigen.

    Findet man jetzt schon einen kompletteren Kandidaten, dem man im aktuellen Gesamtkontext (Taktik, Team, Zeitpunkt, …) schon in dieser Saison deutlich mehr zutraut als Schmidt, würde ich auch einen Trainerwechsel im Winter verstehen. Mit meinem eingeschränkten Blick nur auf das Taktische (ohne weiteren Vereinseinblick) mache ich mir aber auch keine Sorgen, wenn das nicht passiert. Dann beobachtet man die Rückrunde, sichert die Klasse und sieht, wie es sich entwickelt.

  • FC Erzgebirge Aue – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    FC Erzgebirge Aue – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    0:1 gewinnt Dynamo das heiß herbeigesehnte Sachsenderby gegen Erzgebirge Aue. Lasst uns einen taktischen Blick auf das Spiel werfen, um dieses Endergebnis zu verstehen. 

    Das Grundproblem des Spiels

    Vorweg: Das Spiel zwischen Dynamo und Aue war nahezu über die gesamte Spielzeit ausgeglichen. Während Dynamo seinen typischen strategischen Stiefel herunterspielte, war Aue klug darauf eingestellt. Beide Seiten verfolgten also einen Plan, hatten jeweils aber auch Probleme, diesen erfolgreich umzusetzen. Daher wird das Spiel am Ende durch Kleinigkeiten – einen groben Fehler – entschieden. Schauen wir uns das nochmal genauer an:

    HZ1: Dynamo im Pressing, Aue im Aufbau

    Dynamo ist unter Schmidt bekanntermaßen ein Pressingteam. Für Aue war es deswegen wichtig, dagegen Lösungen im eigenen Ballbesitzspiel zu finden. Das könnte einer der Gründe für die Wahl der 3412-Grundordnung in diesem Spiel gewesen sein. (Auf einen zweiten gehe ich später ein.) Denn: Schon rein nominell kann man sich damit in den tiefen Zonen gegen das typische Dynamos Pressing Überzahl schaffen. Das funktionierte auf dem Feld folgendermaßen:

    Aue positionierte sich aus eben jenem 3412 mit den drei Innenverteidigern und einem der Sechser rund um den eigenen Strafraum. So reichte das klassische Dresdner Pressing mit den drei Stürmern nominell nicht mehr aus. Meist musste Achter Herrmann noch mit auf den gegnerischen Sechser rausschieben. 

    Durch die hoch stehenden Auer Stürmer schuf dies so zunächst einmal große Räume im Zentrum, die man mit einem potenziellen Chipball auf den höher stehenden Sechser (meist Hochscheidt) bespielen hätte können. Aue wollte Dynamo also mit einigen kurzen Pässen rauslocken und dann genau so überspielen. Den direkten Weg mit dem Chipball wählte man jedoch seltener.

    Denn hier kommt der zweite Clou: Der FCE positionierte die beiden Außenverteidiger asymmetrisch, zog Rechtsverteidiger Strauß im Aufbau deutlich weiter zurück als seinen Pendanten Baumgart. Somit hatte man in den tiefen Zonen noch einen Akteur mehr. Dynamos Stürmer konnten nicht alle davon wirkungsvoll kontrollieren und ließen gleichzeitig gefährliche Räume in ihrem Rücken entstehen. Aue wollte Dynamo also anlocken, daraufhin über die rechte Seite die eigene Überzahl ausspielen und dann in ihr schnelles vertikales Angriffsspiel kommen.

    Ich hatte kurz den Gedanken, dass man bei der SGD eher eine gegnerische Viererkette erwartet hatte. Schließlich kennt man es nicht von Schmidt, dass seine Teams einen unpassenden Pressingplan verfolgen. Ob das so war, bleibt Spekulation.

    Auf jeden Fall schob man auf Dresdner Seite schon nach einigen Minuten auch noch Linksverteidiger Löwe weiter nach vorn, um das numerische Mismatch im Pressing zu kompensieren. Für ihn waren die Anlaufwege allerdings extrem weit, sodass er nicht selten zu spät kam und dadurch hinter sich eine riskante 1v1-Absicherung hinterließ. 

    Die folgenden Grafiken zeigen eine Szene, in der es Aue gelang, das unpassende Pressing genau so auszunutzen.

    Aue hat durch die asymmetrischen Außenverteidiger im Aufbau Überzahl, Löwe kommt zu spät. Dadurch kann der FCE einen langen Ball an die letzte Kette spielen. Dort muss Dynamo im riskanten 3v3 mannorientiert auf eine Seite durchschieben (z. B.: Akoto in den LV-Raum), was Raum auf der ballfernen Seite schafft. Aue schafft es, durch kluges Steil-Klatsch-Spiel über den nachrückenden Zentrumsspieler schnell auf die verwaiste Seite zu gelangen. Spielt man das gut aus, entsteht daraus große Torgefahr. In diesem Fall arbeiten Schröter und die weiteren Mittelfeldspieler der SGD aber gut mit zurück, schieben stark mit durch und können so Schlimmeres verhindern.

    Warum hat Aue trotz dieser Möglichkeiten in der ersten Hälfte nur wenige Torchancen kreiert? Nun, da kommen wir wieder auf das Grundproblem des Spiels zu sprechen: Bei den Erzgebirglern mangelte es an Tempo und Präzision. Individuell gelang es Ihnen selten, diesen vielversprechenden Plan umzusetzen. Teils konnten schon Dynamos Stürmer den Ball gewinnen oder einen unkontrollierten Schlag provozieren. Teils spielte Aue zu schnell lang, sodass sich das Dresdner Mittelfeld schnell zurückorientieren konnte.

    Wichtig war außerdem, dass Dynamo mit dem Hochschieben von Löwe schnellstmöglich eine wichtige Anpassung getätigt hat. Im folgenden Bild sieht man dafür eine beispielhafte Situation. Mit schnellerem Balldruck spielte Aue unkontrollierter, mit den intensiven und klug verteidigenden Innenverteidigern konnte die SGD die folgenden langen Bälle dann meist ordentlich wegverteidigen.

    HZ1: Dynamo in Ballbesitz, Aue im Pressing

    Im Gegensatz zum Spiel ohne Ball ging die SGD für die Spielphase Ballbesitz durchaus mit einem grundsätzlich sinnvollen Plan in das Derby. Der war schließlich auch nötig, da Aue in ihrem 3412-Mittelfeldpressing Dynamo über weite Strecken den Ball überließ. 

    Die Idee war folgende: Aus dem klassischen 433 (bekannt aus den letzten Wochen) ließen sich einerseits die drei Mittelfeldspieler tief fallen. So wollte man das gegnerische Mittelfeld aus der kompakten Struktur locken und Raum zwischen den Linien schaffen. Diesen sollten dann die langen Bälle auf Daferner erreichen. 

    Andererseits lockten auch Dynamos breit stehende Außenverteidiger ihre jeweiligen Gegenspieler, sodass Dynamos Flügelstürmer theoretisch auch mit langen Bällen hinter die Auer Außenverteidiger geschickt hätten werden können.

    Dynamos Ballbesitz – ursprünglicher Plan.

    Diese Idee klappte gegen das Auer 3412 jedoch sehr selten. Zum einen ließ sich Aue gesamttaktisch selten aus der Kompaktheit locken. Sie lenkten Dynamo auf außen, agierten dabei aber sehr kompakt, sodass für die SGD nur noch lange Bälle in Frage kamen. Mit der Fünferkette konnten die langen Bälle dann leicht wegverteidigt werden.

    Dynamos Ballbesitz – Umsetzungsprobleme: entscheidend ist Aues abwartendes Zentrum.

    Nimmt man mal an, dass Dynamo mit einem Auer 442 geplant hat, ergibt der ursprüngliche Gedanke durchaus viel Sinn. Gegen ein solches System mit doppelter Flügelbesetzung und weniger Zentrumskompaktheit beim Gegner hätte die Anlock-Idee gut funktionieren können.

    Mit der Dreierkette fiel es Aue jedoch oft leicht, die Oberhand zu behalten. Neben dem angesprochenen gesamttaktischen Vorteil gerade auch aus individuellen Gründen. Anfangs standen beispielsweise die Innenverteidiger etwas zu eng. So konnten sie leichter durch die Auer Stürmer unter Druck gesetzt werden, hatten zudem wenig erfolgversprechende Passwinkel.

    Aus Dynamo-Perspektive wäre hier eine strukturelle Alternative im Ballbesitzspiel wünschenswert gewesen. Mit der Zeit passte man einige Details auf individueller Ebene an: Akoto stand breiter und dribbelte einige Male klug an, Becker rückte situativ für Überzahl ins Mittelfeld. Doch wirklich systematisch und daher entscheidend waren diese Änderungen zumindest hinsichtlich der Dresdner Torgefahr nicht. 

    HZ1: Gefahr auf beiden Seiten 

    Torgefahr kreierten beide Teams in der ersten Hälfte aus einer anderen Art von Situation. Dynamo schlug primär aus den Aufbaufehlern der Auer Kapital, indem sie nach ihrem Pressing schnell und vertikal umschalteten (z. B. in den angesprochenen Raum hinter den gegnerischen Außenverteidigern). Genauso agierte Aue nach eigenem Ballgewinn (entweder nach den erfolglosen langen Bällen der SGD oder nach einer Dresdner Chance) sehr direkt. Individuelle Umsetzungsschwächen (falsche Entscheidungen, Präzision, etc.) führten letztlich aber auch da zu wenig Ertrag. 

    Gerade anfangs beurteile ich persönlich die Auer Konter durchaus etwas zielstrebiger und gefährlicher als die Dresdner. Dynamo brauchte ein wenig, um an das Zweikampf– und Intensitätsniveau des KSC-Spiels anzuknüpfen. Aue hat dagegen mit Nazarov und Kühn zwei perfekt zu dieser Idee passende Spieler im Kader. Nachdem Dynamo circa bei Minute 20 die richtige Intensität und das richtige Timing im Vorwärtsverteidigen wiederfand (Akoto ist da positiv hervorzuheben), gestaltete sich das Spiel sehr ausgeglichen – mit viel Stückwerk auf beiden Seiten.

    HZ2: Umstellung auf Dynamo-Seite

    Angesichts der strukturellen Probleme stellte Dynamo-Trainer Schmidt in der Halbzeit folgerichtig um. Ab diesem Zeitpunkt agierte man in einem 3412 und spiegelte so die Formation des Gegners. Das schaffte zum einen klarere Zuordnungen im Pressing, ließ die Außenverteidiger höher pressen, garantierte aber gleichzeitig auch Überzahl und Sicherheit in letzter Linie. 

    Dynamos Pressing #2.

    Auch mit Ball half die neue Struktur: Gegen die beiden Auer Stürmer hatte man in der ersten Aufbaulinie Überzahl und damit mehr Kombinationsmöglichkeiten. Zudem konnten die beiden Sechser nicht mehr so leicht mannorientiert verfolgt werden. Außerdem versuchte man mit Borrello und später Königsdörffer als rechten Stürmer vermehrt, den schon angesprochenen Raum hinter dem gegnerischen Außenverteidiger zu bespielen. 

    Dynamos Ballbesitz #2.

    HZ2: Tor und Schlussphase

    Die Vorteile des 3412 im Ballbesitz kamen jedoch in diesem Spiel selten zum Tragen. Zunächst weil Dynamo wieder individuell Schwierigkeiten hatte, nach dem Gegentor weil Aue mehr vom Ball hatte und sich die SGD auf das Kontern fokussierte.

    Dafür halfen zumindest die Anpassungen auf defensiver Seite. Auf der anderen Seite agierte Aue auch wenig kreativ. Sie behielten ihre leicht asymmetrische, ungefähre 4114-Struktur bei und überluden die letzte Linie. Über viele lange und zweite Bälle wollte man vor das Dresdner Tor gelangen. Das klappte auch einige Male, allerdings eher aufgrund zufällig entstandener Situationen oder Dresdner Passivitäten. In dieser Phase hätte Dynamo daher auch durchaus einen Gegentreffer kassieren können. Nachhaltige Dominanz konnte Aue dennoch nicht erzeugen.

    Erfolgsversprechender wäre es beispielsweise gewesen, die doppelte Flügelbesetzung auszunutzen. Durch tiefe Außenverteidiger, die Dynamos Außenverteidiger anlocken, und Tiefenläufe der Stürmer in den Raum dahinter, hätte man beispielsweise (in der Theorie) zu Gefahr kommen können. So blieb es letztlich beim bloßen Anrennen, das Dynamo spätestens im Strafraum weitgehend solide wegverteidigte.

    Fazit

    Damit gewinnt Dynamo das Sachsenderby schlussendlich. In einem ausgeglichenen Spiel war Aue top eingestellt und hätte die SGD so auf dem falschen Fuß erwischen können. Die strukturellen Schwächen korrigierten die Dresdner allerdings schnell und klug. Damit stand man zumindest defensiv über weite Strecken stabil und war dem Gegner in den entscheidenden Duellen überlegen. 

    Auch wenn ein Unentschieden mehr als denkbar gewesen wäre, ist so auch das 0:1 als Endergebnis nachvollziehbar. Aus Dynamo-Perspektive war das ein ordentliches Spiel, wenn auch dieselbe Einordnung weiterhin gültig bleibt: Defensiv agiert man weitgehend stabil, was eine Verbesserung zu Spielen des Oktober/ November darstellt. Offensiv sind dagegen noch deutliche Steigerungen vonnöten. Nichtsdestotrotz: Diese stabile Basis reicht gegen bestimmte Gegner der Liga, wie zum Beispiel den FC Erzgebirge Aue.

  • SG Dynamo Dresden – Karlsruher SC: Spielanalyse

    SG Dynamo Dresden – Karlsruher SC: Spielanalyse

    In einem zunächst äußerst trägen Spiel gewinnt die SG Dynamo Dresden gegen den Karlsruher SC am Ende deutlich und verdient. Trotzdem hat auch dieses Mal nicht alles geklappt. Versuchen wir uns mal an einer Einordnung.

    Das Grundproblem des Spiels

    Schon die erste Hälfte schien auf viele Fernsehzuschauer öde und langweilig. Betrachtet man auch die spannenden Szenen in der zweiten Halbzeit, zog sich der Grund dafür über das gesamte Spiel. Was war das Problem?

    Sowohl die SGD als auch der KSC traten mit einem soliden taktischen Plan an. Keineswegs wollten beide kompletten und aufregenden Fußball spielen. In vielen Spielphasen ließen sich dennoch zumindest einige Ideen erkennen. 

    Diese Ideen wurden im Spiel jedoch nur selten gut umgesetzt. Auf beiden Seiten prägten es Ungenauigkeit, schlechte Entscheidungsfindung und fehlendes Tempo.

    Schauen wir dennoch einmal auf eben jene Pläne beider Teams.

    Der Gegner aus Karlsruhe

    Mit dem KSC stand der SGD ein Kontrahent gegenüber, der in einigen Mannschaftsteilen überdurchschnittliche individuelle Qualität mitbringen (z. B. Wanitzek, Hofmann). Trotz des Spiels kann ich dieses Team in seiner gesamten langfristigen Spielanlage jedoch nicht tiefgründig einschätzen. In diesem speziellen Spiel agierten sie aber wie folgt:

    In einem engen 433-Mittelfeldpressing überließ man Dresden den Ball in ungefährlichen Zonen. Die üblicherweise folgenden langen Bälle der SGD wollte man so mit der hohen Anzahl an tiefem Personal wegverteidigen, um selbst wenig Torgefahr zuzulassen.

    Mit Ball fokussierte sich Karlsruhe meist auf lange Bälle über Dynamos Pressing, um dann über Ablagen in die Vorwärtsbewegung zu kommen. Ein häufig genutztes und kluges Mittel gegen das extrem ballorientierte Verschieben der SGD war dabei, das Spiel bei jeder Gelegenheit auf den ballfernen Außenverteidiger zu verlagern.

    Wie das im Detail funktionierte, erklärt sich mit einem ausführlicheren Blick auf die Dresdner Perspektive.

    Dynamos Spiel mit Ball

    Zunächst bleibt zum Ballbesitzspiel der SGD wie gewohnt nicht viel zu sagen. Im Gegensatz zu den Spielen gegen Düsseldorf und Regensburg agierte man wieder in der engen 433-Struktur. Damit war Plan A klar: Fokus auf lange und zweite Bälle. Gewann man die, sollte es mit Königsdörffer und Borrello als die beiden Flügel schnell in die Tiefe gehen. 

    Dynamos Ballbesitzspiel und Karlsruher Pressing – beispielhafte Szene.

    Manchmal versuchte man dabei, den KSC durch tiefen und ruhigen Aufbau der Innenverteidiger mit Sechser Stark und situativ fallenden Achtern anzulocken. Rückte das Mittelfeld heraus, würden sich so größere Räume zwischen den Linien ergeben. Das hätte der SGD Vorteile im Kampf um den zweiten Ball geschafft.

    Nach zwei derartigen Aufbausituationen zu Beginn des Spiels, passte sich der KSC jedoch schnell an diesen Plan an. Die enge und abwartende Positionierung der Stürmer schloss mit deren Deckungsschatten die Passwege ins Zentrum. Damit musste auch das Karlsruher Mittelfeld nicht weit rausrücken, die so Dynamos lange Bälle leichter verteidigen konnten.

    Zur ersten Hälfte muss jedoch erwähnt werden, dass solche Situationen vergleichsweise selten entstanden. Häufig agierte die SGD schon im tiefen Aufbau haarsträubend unruhig, ungenau und langsam. So verlor man einige Bälle schon auf den Außenverteidigerpositionen oder spielte einen hohen Ball ins Nirgendwo.

    Neben den individuellen Umsetzungsproblemen dieses einfachen und einseitigen Plans mit Ball lagen diese Schwächen bekannterweise auch an dem geringeren taktischen Fokus, den Trainer Schmidt auf diese Spielphase legt. Auch gegen den KSC dachte er Dynamos Matchplan primär aus der Defensive.

    Dynamos Spiel ohne Ball

    Karlsruhe ist schließlich ein Team, das durchaus gern in eigene Ballbesitzphasen kommt, dabei aber (und das ist der Clou!) keineswegs stabil und sicher agiert.

    Daher agierte Dynamo auch nicht im gewohnten Angriffspressing. Vielmehr erwartete man den Gegner in einer tiefer und passiver stehenden, raumorientierten Raute. Die Stürmer ließen die Karlsruher Innenverteidiger das Spiel aufbauen, versuchten sie nur vorsichtig nach außen zu lenken. (Aggressiv attackierte man nur, wenn der Gegner den Ball zurück auf den Torwart spielte, um einen langen Ball zu erzwingen.) Warum?

    Man fokussierte sich zum einen auf die Verteidigung der langen Bälle des Gegners. Mit einem engen 433 verfolgte dieser dafür eine ähnliche Struktur wie die SGD. Dynamos Abwehr- und Mittelfeldspieler agierten daher zurückhaltender. Sie wollten lieber im Zentrum den Raum verknappen und so die zweiten Bälle gewinnen, als sich rauslocken zu lassen. Besonders die Achter Kade und Schröter mussten schließlich sowohl auf des Gegners Achter und Außenverteidiger Acht geben. (Diesen Fehler hat man gegen Regensburg gemacht, wo sich die Achter zu Beginn zu leicht haben rauslocken lassen. Schaut dafür bei Interesse gern nochmal in den zugehörigen Spielbericht.)

    Spielte der KSC kurz, lenkte man zum anderen den Gegner nach außen. In diesem Fall schob der ballnahe Achter auf den Außenverteidiger, während das gesamte Team Schmidt-typisch extrem auf die Ballseite schob. So wollte man dort den Raum verknappen und Ballgewinne erzielen. 

    Dynamos Pressing und Karlsruher Ballbesitzspiel – beispielhafte Szene – KSC spielt meist lang oder auf AV, selten lässt sich 8er klug fallen.

    In der Anfangsphase hatte Dynamo damit aber wenig Erfolg. Einige Male war der KSC in der Lage, das Spiel auf den verwaisten ballfernen Außenverteidiger (meist Heise) zu verlagern. Dieser hatte dann genug Zeit und Raum für einen gefährlichen Flankenlauf, den Sturmtank Hofmann und nachrückende Angreifer des KSCs im Strafraum verwerten wollten. In diese Phase hätten die Dresdner durchaus ein Tor kassieren können. 

    Dynamos Pressing und Karlsruher Ballbesitzspiel – beispielhafte Szene für ballnahes Verschieben und potenzielle Verlagerungsgefahr für SGD.

    Dynamos Konterspiel

    An diesen Situationen lässt sich jedoch auch ein weiterer Grund für das etwas abwartendere Pressing der SGD verdeutlichen. Man war in der Lage, den Gegner in Richtung des eigenen Tors zu locken. Der KSC schob in der Dresdner Hälfte häufig mit vielen Spielern in hohe Zonen. Dabei band man sowohl beide Achter als auch mindestens einen Außenverteidiger (Heise!) ein.

    Aus Dynamo-Sicht öffnete das die Chance, nach potenziellem Ballgewinn den dahinter entstehenden Raum über Kade, Schröter und den drei Stürmern zu bekontern. 

    Nachdem die SGD sich nach den problematisch ersten Minuten des Spiels defensiv stabilisiert und weitgehend kluges Verschiebe- und robustes Zweikampfverhalten an den Tag gelegt hatte, wurden genau solche potenziell gefährliche Situationen in ihren Ansätzen offensichtlich.

    Fazit zur ersten Hälfte

    Doch die Umsetzungsprobleme blieben weiterhin. In derartigen Situationen kam Dynamo schlicht nie über eben jene Ansätze hinaus, weil Tempo, Genauigkeit und Entscheidungsfindung zu wünschen übrig ließen. Genau dasselbe galt für den KSC, der nach der Anfangsphase zu selten klug verlagerte.

    Fazit: Beide Teams boten dem Gegner Räume und Möglichkeiten. Beide Teams waren individuell und mannschaftlich selten in der Lage, diese zu nutzen.  

    Die zweite Hälfte

    Auch nach der Halbzeit setzte sich dieser Trend fort. Plötzlich fielen drei, am Ende sogar vier Tore. Am Spiel selbst änderte sich jedoch nicht viel.

    Mit jenen Unsicherheiten auf beiden Seiten hätte dieses Spiel in der zweiten Hälfte sowohl in die eine als auch in die andere Richtung kippen können. Entscheidend war in diesem Spiel schlichtweg, dass der KSC im Vergleich zu Dynamo mehr und entscheidendere Fehler gemacht hat. 

    Auf der einen Seite hatte Dresden vorrangig im Offensivspiel Probleme, stand defensiv nach den kritischen Anfangsminuten aber ausgesprochen stabil. Auf der anderen Seite agierte Karlsruhe mit Ball ungenau und (!) agierte ohne Ball teils vogelwild.

    Die ersten beiden Dresdner Tore fallen dementsprechend nach Aussetzern der gegnerischen Hintermannschaft. Diese täuschten auch über die einzige große Unsicherheit im Defensivverbund der SGD hinweg, die zum zwischenzeitlichen 1:1 geführt hat (Standards!).

    Diese Führung ließ anschließend das Selbstvertrauen auf Dynamo-Seite merklich ansteigen. Sofort agierte man ballsicherer und mutiger, traf in den vom Gegner angebotenen Räumen sinnvollere Entscheidungen – spielte sich in einen Rausch. Letztendlich führt das zu einem weiteren Tor und noch zahlreichen weiteren Chancen der SGD, die auch ein noch höheres Endergebnis begründet hätten.

    Fazit

    Beide Teams verfolgten in diesem weitgehend unansehnlichen Spiel solide, aber nicht überragende taktische Pläne. Problem war: Beide hatten über weite Strecken des Spiels große Probleme in deren Umsetzung. Für Dynamo war dies daher ein Spiel wie schon einige andere in dieser Saison.

    Im Vergleich war dieses Mal jedoch entscheidend, dass die SGD weniger Fehler machte als der Gegner. Es lief nicht alles gut, im Gegenteil. Gerade defensiv zeigte man jedoch eine deutliche Leistungssteigerung, die im Verbund mit einem schwachen Gegner am Ende in einem Offensivrausch mündete. So hat man Schmidts Idee vom Fußball auf dem Platz endlich konstanter umgesetzt und verdiente drei Punkte geholt. Darauf lässt sich aufbauen, auch wenn gleichzeitig die gezeigten Schwächen nicht aus den Augen verloren werden sollten und es gegen stärkere Gegner dahingehend Verbesserung bedarf.