Schlagwort: Taktik

  • SG Dynamo Dresden – Hamburger SV: Spielanalyse

    SG Dynamo Dresden – Hamburger SV: Spielanalyse

    1:1 geht das Elbduell zwischen Dynamo Dresden und dem Hamburger SV aus. Mit einer weitgehend starken Leistung und verbesserten Abläufen erkämpft sich die SGD ein verdientes Unentschieden gegen den Favoriten. Es lohnt sich ein taktischer Blick auf den Spielverlauf.

    Nicht die gleichen Fehler vom Hinspiel …

    Mit dem HSV stand Dynamo am Freitagabend ein bekannt spielstarker Gegner gegenüber. Hamburg unter Trainer Walter ist ein klares Ballbesitzteam, das durch Ballsicherheit das Spiel dominieren möchte. In einem sehr fluiden Positionsspiel agieren die Hamburger vor allem im Aufbau sehr flexibel, lassen beispielsweise Innenverteidiger häufig auf- und Außenverteidiger einrücken. 

    Diese Stärken erlebte die SGD schon im Hinspiel auf schmerzhafte Weise. Das typische Angriffspressing aus der Raute wurde in der ersten Hälfte durch die Überladungen der Flügel und Dynamos großen Problemen im Raus- und Durchschieben regelrecht auseinandergespielt. Dieses Spiel hätte der HSV durchaus auch gewinnen können.

    Im Hinblick auf das Rückspiel galt es für Dynamo also, nicht nochmal dieselben Fehler zu machen. Ein funktionierender Defensivplan würde entscheidend dafür werden, wie das Spiel verläuft.

    Hamburger SV – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Starkes Pressing in der ersten Hälfte

    Während des Hinspiels korrigierte Trainer Schmidt Dynamos Probleme mit einer Umstellung auf ein sehr enges und etwas tieferes 433-Mittelfeldpressing. Zum Rückspiel wählte er eine andere Variante.

    Dynamo blieb bei der gewohnten Rautenstruktur, interpretierte diese aber leicht anders und deutlich extremer. Solch ein extremes Angriffspressing habe ich bisher selten gesehen.

    Dynamos Angriffspressing – Ausgangsstaffelung bei Abstoß.

    Während Daferner den gegnerischen 6er kontrollierte, positionierten sich Dynamos Stürmer und Achter sehr hoch und breit, um sofort Zugriff auf die Hamburger 4er-Kette zu haben. Aus dieser Ordnung attackierte die SGD sofort den ersten Pass und schob viel Personal nach vorn. 

    Kam der Ball beispielsweise auf den Außenverteidiger, wurde dieser sofort von Dynamos Achter angelaufen. Gleichzeitig kontrollierten die anderen Angreifer die potenziellen Anspielstationen (v. a. IV, TW), in dem sie aus der groben strukturellen Zuordnung den jeweiligen Gegenspieler lose mannorientiert aufnahmen. 

    Diese sehr hohe Positionierung der fünf Dresdner Angreifer war natürlich nicht ohne Risiko. Im Mittelfeld entstanden so große Räume, gleichzeitig sicherte man zumindest rein nominell nur in Gleichzahl ab. Doch im Gegensatz zum Hinspiel klappten dieses Mal das Raus- und Durchschieben im Pressing deutlich besser. Baute der HSV beispielsweise auf links auf, schoben entweder 6er Stark oder Außenverteidiger Akoto auf den hohen ballnahen 8er. Auch die restliche Abwehrkette sicherte dann meist sehr gut durch. 

    Dynamos Angriffspressing – Ausgangsstaffelung bei Abstoß.

    Gerade zu Beginn klappten diese Anlaufbewegungen und Übergaben sehr gut, sodass Dynamo den Raum effizient verknappen konnte und so die typischen Positionsrochaden des HSV nicht zur Entfaltung kommen ließ. Entscheidend dabei waren das kluge und abgestimmte Timing jedes Einzelnen, die extrem hohe Laufbereitschaft und Intensität und das weitgehend kluge Zweikampfverhalten im 1v1.

    Andererseits muss man auch erwähnen, dass der HSV in dieser Phase schon unerwartet unsicher und anfällig agierte. Spieler wie beispielsweise Gyamerah ließen die von Walterball gewohnt hohe Pressingresistenz über weite Strecken vermissen.

    Auf jeden Fall konnte die SGD den HSV so sofort extrem unter Druck setzen und zu Fehlern im Spielaufbau zwingen. Gerade anfangs erzielte Dynamo einige gefährliche Ballgewinne in hohen Zonen oder war zumindest kurz davor. Spielt man diese mit Ball etwas besser aus und/ oder hat etwas mehr Glück hinsichtlich versprungener Bälle o. Ä. kann man schon in dieser Phase ein Tor erzielen. 

    Die gesamte erste Hälfte gestaltete sich in diesem Sinne aus Dynamo-Sicht sehr stark, vor allem aufgrund der starken Leistung gegen den Ball. Am Ende lag man aber dennoch 0:1 hinten. Das Gegentor durch HSV-Stürmer Glatzel stellte den Spielverlauf der ersten Hälfte ziemlich auf den Kopf.

    Klar, Dynamos Pressing war nicht ohne Risiko. Überspielte der HSV einmal das hohe Personal, konnten sie schnell mit Dynamik auf Dynamos letzte Kette zulaufen. Auch durch die (logischerweise nicht immer erfolgreiche) sehr vertikale Spielweise nach Ballgewinn konnte der HSV in bestimmten Situationen schnell in gefährliche Konter gekommen. 

    Aber: Solche Situationen kamen in der ersten Hälfte nur sehr selten zustande. (Eher noch ersteres als letzteres.) Denn aufgrund der starken Ausführung des Pressings und vor allem auch des Gegenpressings nach Ballverlust, verhinderte die SGD viele Aktionen dieser Art schon im Ansatz.

    Gegentor

    Doch einmal klappt das Gegenpressing nicht: beim Gegentor.

    Nach einem Standard gewinnt die SGD eigentlich den zweiten Ball. Doch den verliert Königsdörffer mit seinem Schussversuch sehr schnell. Hier zeigt sich, wie wichtig manchmal ein Abschluss bei einem solchen Standard sein kann. Denn bei Ballverlust kann ballnah aufgrund der Struktur kein direkter Balldruck erzeugt werden, sodass viele Hamburger sofort mit hoher Dynamik auf die Dresdner Restverteidigung zulaufen können – eine unglaublich schwer zu verteidigende Situation.

    Dennoch glaube ich, dass man auch danach noch etwas glücklicher agieren hätte können. Zunächst beispielsweise Akoto: Wenn der Gegner mit Dynamik auf die Kette zuläuft, gilt es zuallererst sich fallen zu lassen und den Konter so lange wie möglich zu verzögern. Nur wenn man sich 100% sicher ist, den Ball gewinnen zu können, stößt man aus der Kette heraus und versucht die Interception. 

    Genau letzteres macht Akoto in dieser Situation, obwohl die Chancen auf den Ballgewinn meiner Meinung nach nicht sonderlich hoch war. Während alle anderen Dresdner Verteidiger fallen, rückt Akoto auf den ballführenden Gegner. Dieser muss jedoch einfach nur kurz zu Kittel weitergeben, der dann freie Bahn hat. 

    Zum Schluss der Szene muss man zudem auch noch über Kade reden. Während Kittel auf der linken Seite den Ball nach vorn treibt, verliert er durch eine zu zentrale Positionierung den Anschluss zu Glatzel. So kann er den letztendlichen Pass auf den Hamburger Stürmer nicht verhindern. 

    Andererseits sind das zwar Unsicherheiten, die anzusprechen sind, jedoch keineswegs riesige Fehler. Die blöde Ausgangssituation beginnt schon viel früher. Und dann ist es ein Stück weit normal, dass junge Spieler wie Akoto und ein offensiv denkender Kade nicht perfekt agieren. Zumal der HSV in Person von Kittel und Glatzel diesen Konter schlichtweg sowohl hinsichtlich ihrer Laufwege (z. B. Glatzel, der sich klug im Rücken Kades absetzt) als auch ihrer Technik (z. B. Ballan- und -mitnahme, Flanke) ideal ausspielt. So eine Situation passiert mal.

    Leicht gegenläufige Entwicklung in der zweiten Hälfte

    Nach der guten ersten Halbzeit der SGD mit dem besonders bitteren Gegentor verlief die zweite Hälfte nach ähnlichen Mustern weiter. Tendenziell schien das Spiel aber in Richtung des HSV zu kippen, zumindest in Nuancen. Dynamo ging immer mehr die Kraft aus, während die Hamburger etwas ballsicherer wurden.

    So entwickelte es sich zu einer offenen Partie, die schlussendlich in beide Richtungen hätte kippen können. Beide Teams hatten bis zum Ende des Spiels vielleicht noch jeweils ein/ zwei Chancen, die auch zu Toren hätten führen können.

    Dennoch bleibt zu sagen, dass Dynamo trotz der schwindenden Kräfte im Pressing weiterhin weitgehend dagegen hielt und spätestens in der Boxverteidigung viele der Angriffe des HSV wegverteidigen konnte. Dieser wiederum wurde zwar mit dem Spielverlauf etwas ballsicherer, machte letztlich aber zu wenig aus dem eigenen Ballbesitz. Gerade im letzten Drittel agierte man zu einseitig und ungenau, sodass der daraus resultierende geringe Grad an Dominanz nicht zu genügend Torchancen für einen Sieg der Hamburger reichte.

    Verbesserte Abläufe mit Ball: Das 1:1

    Denn es war Dynamo in der zweiten Halbzeit, die noch ein Tor erzielen konnten. Diese Szene war beispielhaft für die Art und Weise des Dresdner Ballbesitzspiels in dieser Partie, welches im Vergleich zu zuletzt auf klareren und besser umgesetzten (besser eintrainierten?) Abläufen beruhte.

    Im Spielaufbau in tiefen Zonen wollte man durch eine tiefe und breite Positionierung das hohe Hamburger Pressing anlocken und auseinanderziehen, spielte dann aber schnell drüber hinweg.

    Entscheidender waren das zweite und dritte Drittel, indem mir die Abstimmung und Ballsicherheit deutlich verbessert erschien. Man spielte nicht aus Verzweiflung einen langen Ball, vielmehr hatten viele Szenen Hand und Fuß. Entweder durch das Anlocken oder (was häufiger vorkam) durch einen hohen Ballgewinn kam Dynamo häufig in die beliebten vertikalen und sehr dynamischen Szenen.

    Dabei attackierte man stets mit zahlreichen klugen Tiefenläufen, die eine direkte und gefährliche Anspielstation boten. Zudem nutzten die Dresdner immer wieder das Mittel der Verlagerung, um die enge ballnahe Staffelung der Hamburger auszunutzen. 

    Teils im tieferen Aufbau und häufig in hohen Zonen konnte man immer wieder beobachten, wie Dynamo den ballfernen Achter oder den nachrückenden Außenverteidiger anzuspielen versuchte. Ein Beispiel ist die Szene, die zum Tor führt:

    Nach einen zugegeben etwas glücklichen Aufbau der Szene in der eigenen Hälfte, in der der HSV eigentlich den Ball gewinnen sollte, allerdings gegen Dynamos Durchsetzungsfähigkeit nicht ankommt, kann Borrello aufdrehen und auf die Kette des HSV zudribbeln. Entgegen die Lauf- und Blickrichtung der Hamburger, die zudem durch den Tiefenlauf von Drchal zurückgedrückt werden, spielt er eine kluge Verlagerung auf den nachstoßenden Achter Königsdörffer.

    Dieser nimmt den Ball mit, wartet dann aber klug ab und verlagert wieder gegen die Laufrichtung der Hamburger Abwehr auf den nachstoßenden 8er Kade. Dieser hat nun viel Raum, um das Tor von Daferner vorzubereiten.

    Hier noch eine weitere Szene, in der dieses Muster mit Tiefenläufen und Verlagerungen sichtbar wurde.

    Fazit

    Damit holt Dynamo einen verdienten Punkt. Das starke Pressing und Gegenpressing und die verbesserten Abläufe in Umschalt- und Ballbesitzaktionen prägten ein insgesamt gutes und vergleichsweise deutlich besseres Spiel der SGD. Vermutlich war man gerade mit den ersten 20 Minuten nah an der Spielweise, die sich Schmidt idealerweise vorstellt. Spielt man so, kann man auch gegen individuell stärkere Gegner bestehen und Punkte holen.

    Andererseits darf man nicht vergessen, dass der HSV natürlich auch genau die Art Gegner war, die Dynamos Stärken liegt. Insbesondere weil die Hamburger selbst nicht komplett stabil und dominant agierten. Ein Vergleich beispielsweise mit dem Ingolstadt-Spiel bleibt damit schwer. Dahingehend bleibt es spannend, wohin die weitere Entwicklung gehen wird, besonders in Spielen gegen taktisch andere Mannschaften.

  • FC Ingolstadt – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    FC Ingolstadt – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Im letzten Spiel im Jahr 2021 verliert die SGD gegen den FC aus Ingolstadt verdient und deutlich mit 3:0. Primär liegen die Gründe dabei im Taktischen – obwohl das Trainerteam eine in der Theorie sinnvolle Idee hatte. Werfen wir einen Blick darauf!

    Der Gegner

    Spielt man gegen ein Team unter Rüdiger Rehm weiß man normalerweise schon vorher, wie es auftreten wird. Ingolstadt knüpfte am Wochenende genau an diesen typischen Fußball an und setzte die Ideen Rehms schon nach einer Woche erstaunlich konsequent und klar um. 

    In einem 442-Mittelfeldpressing konzentriert man sich auf das kompakte und aggressive Verteidigen im engen Block. Torchancen möchte man primär aus Umschaltaktionen und Standards erzielen. Dabei agiert man in diesen Spielphasen nach einem direkten und zielstrebigen Plan. Das Spiel wird nicht kontrolliert aufgebaut (erst recht nicht gegen ein Pressingteam wie Dynamo). Vielmehr sind direkte lange Bälle auf eine überladene letzte Linie das Ziel, um nach dem Gewinn des zweiten Balls sofort in die dynamischen und chaotischen Vertikalaktionen zu kommen.

    Dynamos Aufgabe in der Spielvorbereitung

    Vor dem Spiel musste man sich auf Dresdner Seite Gedanken machen, wie man diesem robusten und direkten Spiel der Ingolstädter kontert. Die eigene Pressingstärke würde erwartungsgemäß wenig zum Zuge kommen. Vielmehr musste man mit vielen eigenen Ballbesitzphasen rechnen. Bleibt man dafür im gewohnten Rautensystem? Oder passt man sich strukturell an den Gegner an?

    Dynamos Matchplan

    Das Trainerteam entschied sich im Vorfeld des Spiels für die zweite Option. In der Defensive agierte man in einem kompakten 4222-Pressing, in dem Akoto auf die 6er-Position schob. Diese Pressingstruktur empfand ich als notwendig und sinnvoll. Mit viel tiefem Personal und den vier Offensiven setzte man Ingolstadt hoch unter Druck, während man gleichzeitig eine zur Verteidigung von langen Bällen sinnvolle und enge Struktur bewahrte. Es gibt nur wenige Pressingideen, die gegen solch Fußball des Gegners ähnlich passend sind. In diesem Spiel klappte sie aus Dynamo-Sicht schließlich auch weitgehend ordentlich.

    Dynamos Pressingstruktur – 4222.

    Doch aufgrund der Spielanlage und dem Stil des FCI agierte die SGD in diesem Spiel selten ohne Ball. Häufiger traten Phasen auf, in denen Ingolstadt den Dresdnern den Ball überließ. Dafür hatte sich Schmidt folgenden Plan zurechtgelegt: 

    Dynamo zog (bildlich gesprochen) den 10er der Raute in die nun 3er-Abwehrkette, agierte fortan in einer 3142-Grundordnung. Das hat Schmidt während seiner SGD-Amtszeit schon einige Male so gemacht, jeweils aus unterschiedlichen Motiven.

    Seine Motive für dieses Spiel gegen den FCI sind mir als Außenstehender natürlich nicht bekannt. In Erwartung, einen 442-Block knacken zu müssen, agieren aber viele Teams in einer ähnlichen Struktur. Ich sehe daher durchaus einige Argumente, die auf dem Papier und im Kontext dieses Spiels für diese 3142-Idee sprechen.

    Dynamos Ballbesitz – grobe systematische Anordnung.

    Im Spiel mit Ball hat man so nämlich eine Struktur, die in vielen Zonen lokale Überzahlen ermöglicht. 

    https://twitter.com/losterlein/status/1463224515400511492?s=21

    Im Aufbau kann man sich mit drei breit auffächernden Innenverteidigern dem Pressing der Stürmer entziehen. Spielt man von dort passende linienbrechende Pässe, kann man schnell in den Halbraum oder auf den Flügel gelangen, um die jeweilige Überzahlsituation auszuspielen. Ist der Block dafür zu kompakt, lässt sich dieser durch kluges Andribbeln durcheinander bringen.

    Nach Ballverlust hat man zudem eine solide 3+1-Restverteidigung, die die Breite und Tiefe normalerweise gut abdecken kann. 

    Im Vergleich: Spielt man mit einer Raute, sichert man die Konter nur mit 2+1 ab. Was ist, wenn man nach Ballverlust nicht direkt Balldruck geben kann? Ist diese Absicherung dann zu riskant gegen die zwei gegnerischen Stürmer und nachrückende Flügel?

    Ich könnte mir gut vorstellen, dass gerade letzteres im Hinblick auf die Konterstärke des FCI ein entscheidender Gedanke des Dynamo-Trainerteams gewesen sein könnte. Dynamos Gegenpressing hat zwar über weite Strecken der Saison ordentlich bis gut funktioniert. Doch es ist auch klar: Dynamo ist im Ballbesitz nicht so stabil und ballsicher, als dass man keine Ballverluste kassieren könnte. Einige Male hatte man zuletzt zudem Probleme, die richtige Intensität und das passende Timing im Zweikampfverhalten zu finden. War Schmidt daher vielleicht eine 2+1-Absicherung zu riskant?

    ABER … das Spiel auf dem Feld

    Warum auch immer Schmidt diesen Plan letztlich gewählt hat, bleibt unklar. Eines steht dafür fest: Auf dem Feld hat er nicht funktioniert.

    https://twitter.com/nicknestler/status/1472194232173662217?s=21

    Man sah Dynamo jene angesprochenen Ideen im Spiel mit Ball an: stetiges Verlagern in erster Aufbaulinie, Andribbeln der Halbverteidiger, Überladen des Zwischenlinienraums (Königsdörffer, Schröter und Borrello), entgegengesetzte Bewegungen und Tiefenläufe, um Überzahl auszuspielen und schnell hinter die Kette zu kommen.

    Dynamos Ballbesitz – grundsätzliche Idee, über die Halbverteidiger zwischen die Linien zu kommen.
    Dynamos Ballbesitz – beispielhafte Idee, über Halbraum und Steil-Klatsch die Tiefe zu attackieren.

    Erfolgreich war das jedoch selten. Es mangelte in nahezu jeder Aktion an einer genauen Abstimmung der Raumbesetzung, am richtigen Timing bei Läufen und Pässen, an der nötigen Präzision im Kombinationsspiel. So rannte Dynamo an, hatte dabei einen (in der Theorie sinnvollen) Plan im Kopf, kassierte aber Ballverlust nach Ballverlust, Konter um Konter.

    Dynamos Ballbesitz – Beispielproblem #1: Ingolstadt lässt sich nicht locken, bleibt kompakt, Dynamos Qualitäten reichen nicht, um gefährlich in den Block zu spielen.

     

    Dynamos Ballbesitz – Beispielproblem #2: unpassende Raumbesetzung mit Daferner, Borrello und Schröter als kurze Optionen, während niemand die Tiefe attackiert.

    Suche nach Gründen

    Über die Gründe dafür kann ich ebenfalls nur spekulieren. Aufgrund meiner Beobachtungen möchte ich aber zumindest folgende Aspekte festhalten:

    Zum einen passten die Spielerprofile von Becker und Schröter nicht zu ihren jeweiligen Rollen als rechtem Flügelverteidiger bzw. rechtem Achter. Ersterer ist für das Spiel mit Ball, gerade vor einer 3er-Kette, arg limitiert. Letzterer ist kein Spieler, der sich klug in engen Räumen im Spielzentrum bewegt, vielmehr als Breitengeber fungieren sollte.

    Zum anderen machte die gesamte Mannschaft nicht den Eindruck, die Abläufe des Matchplans verinnerlicht zu haben. Stehen sich Spieler häufig im Weg, passen die Ideen von Passgeber und potenziellem Passempfänger oft nicht zusammen, muss die Mannschaft nicht gut vorbereitet gewesen sein. Trainiert Schmidt das Positionsspiel zu selten?

    Der grundlegende Plan war in der Theorie sinnvoll. Doch damit dieser auch in der Praxis klappt, muss er zur Mannschaft passen und gut vorbereitet sein. Die Profile der Spieler müssen zu deren Rollen passen. Und in diesem Spiel noch entscheidender: Das Team muss die Abläufe drin haben. Ist das nicht der Fall, ist der grundlegende Plan in der Praxis doch nicht so sinnvoll.

    Die torreiche Anfangsphase

    Dass das Ballbesitzspiel und Dynamos Schwächen innerhalb dessen in diesem Spiel so entscheidend wurden, war dem Spielverlauf geschuldet. Hatte Ingolstadt den Ball, agierte Dynamo solide. Doch über schwache Standardverteidigung kassiert man zwei, am Ende sogar drei Tore (auch wenn das 1. Tor primär Pech war). 

    So war die SGD mit Ball noch mehr gefordert als sowieso zuvor erwartet. Der praktisch nicht aufgehende Matchplan reichte dann nicht, um diesen Anforderungen gerecht zu werden und das Spiel durch eigens erzeugte Torgefahr zu kippen. 

    Anpassungen

    Deswegen stellte Schmidt im weiteren Spielverlauf das Dresdner Spiel um. Zunächst brachte er Herrmann für Becker, um die größten personellen Probleme zu lösen und so den Ballbesitz zu verbessern.

    Nachdem dies erwartungsgemäß nur begrenzt signifikanten Impact hatte, stellte man in der Halbzeit auf die gewohnte Raute mit 4er-Kette um. Das brachte sofort einen merklichen Schub hinsichtlich Ballsicherheit, Timing der Raumbesetzungen und Progressivität der Kombinationen. Man baute nun mit leicht tieferen Außenverteidigern auf und gelangte so einige Male diagonal in den von den drei zentralen Zentrumsspielern besetzten Zwischenlinienraum. Die Abläufe schienen im Team deutlich flüssiger und abgestimmter, sodass man sich auch einige potenzielle Torchancen erspielte.

    https://twitter.com/nicknestler/status/1472211983244144642?s=21

    Trotz der Vorteile der gewohnten (!) Raute war das Positionsspiel im Ballbesitz auch in Halbzeit 2 nicht super überragend. Die passende Anschlussaktion im letztlich flankenfokussierten letzten Drittel bleib weiter ein (bekanntes) Problem.

    Dazu kam, dass man immer noch einige Ballverluste im zweiten Drittel kassierte und aufgrund der hohen Positionierung der Mittelfeldspieler teils nicht in gutes Gegenpressing kam. Gegen die folgenden Konter hatte Dynamos Abwehrkette dann weitere Probleme (Aidonis, Ehlers, …), sodass Ingolstadt auch zu einigen Torchancen im Verlauf des Spiels kam und letztlich höher gewinnen hätte können.

    Fazit

    Deswegen verliert Dynamo gegen den FCI am Ende absolut verdient. Defensiv stand man zunächst stabil, macht sich das aber mit bekannt komischer Standardverteidigung schnell kaputt. Dann deckt der Spielverlauf die großen (und ebenfalls bekannten) taktischen Schwächen im Ballbesitz auf. Es ist gut, dass das Trainerteam einen grundsätzlich sinnvollen Plan im Kopf hatte. Das bringt in der Praxis jedoch wenig, wenn die Mannschaft diesen nicht umsetzen kann. Dann braucht es bessere Vorbereitung oder einen besseren Plan. 

    Kurze Gesamteinordnung und die Trainerfrage

    Nichtsdestotrotz: Meine persönliche Meinung zu Schmidt und dem Gesamtbild der sportlichen Entwicklung der SGD, hat dieses Spiel nicht verändert. Nach der Niederlage gegen Sandhausen hatte ich schon einmal versucht, diese ausführlich zu erklären.

    SG Dynamo Dresden – SV Sandhausen und St. Pauli: Spielanalyse

    Schaue ich mir jetzt das Spiel gegen Ingolstadt an, bestätigt sich eigentlich genau das, was ich schon über die gesamte Saison einzuordnen versuche. Das war eines dieser Spiele, in denen die einseitige Herangehensweise des Trainers mit fehlendem Ballbesitzfokus nicht für Punkte reicht. Das ist kritisch zu betrachten. Denn langfristig muss Dynamo genau dort hin, auf lange Sicht muss ein Trainer ein Team entwickeln. Dass man nach acht Monaten Schmidt noch immer dieselben Probleme hat, stimmt einen dahingehend nicht positiv. 

    Mache ich mir aber Sorgen um einen Abstieg? Nein. Mit dieser klaren Handschrift des Trainers und den Stärken im Defensiv- und Umschaktbereich sollte man über die gesamte Saison auf genug passende Gegner treffen und so genug Punkte holen. Damit reißt man keine Bäume aus, kommt aber genau wie aktuell ins stabile untere Tabellenmittelfeld. Nicht mehr, nicht weniger.

    Für mich existieren diese zwei Ebenen gleichwertig nebeneinander – das Kurzfristige und das Langfristige. Kurzfristig habe ich mit Schmidt als Dynamo-Trainer kein Problem. Ob er langfristig passt, weiß ich schlichtweg nicht. Das wird sich mit der Teamentwicklung in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Wenn er dann keine signifikanten Schritte schafft, muss man sich auch mit Alternativen beschäftigen.

    Findet man jetzt schon einen kompletteren Kandidaten, dem man im aktuellen Gesamtkontext (Taktik, Team, Zeitpunkt, …) schon in dieser Saison deutlich mehr zutraut als Schmidt, würde ich auch einen Trainerwechsel im Winter verstehen. Mit meinem eingeschränkten Blick nur auf das Taktische (ohne weiteren Vereinseinblick) mache ich mir aber auch keine Sorgen, wenn das nicht passiert. Dann beobachtet man die Rückrunde, sichert die Klasse und sieht, wie es sich entwickelt.

  • FC Erzgebirge Aue – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    FC Erzgebirge Aue – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    0:1 gewinnt Dynamo das heiß herbeigesehnte Sachsenderby gegen Erzgebirge Aue. Lasst uns einen taktischen Blick auf das Spiel werfen, um dieses Endergebnis zu verstehen. 

    Das Grundproblem des Spiels

    Vorweg: Das Spiel zwischen Dynamo und Aue war nahezu über die gesamte Spielzeit ausgeglichen. Während Dynamo seinen typischen strategischen Stiefel herunterspielte, war Aue klug darauf eingestellt. Beide Seiten verfolgten also einen Plan, hatten jeweils aber auch Probleme, diesen erfolgreich umzusetzen. Daher wird das Spiel am Ende durch Kleinigkeiten – einen groben Fehler – entschieden. Schauen wir uns das nochmal genauer an:

    HZ1: Dynamo im Pressing, Aue im Aufbau

    Dynamo ist unter Schmidt bekanntermaßen ein Pressingteam. Für Aue war es deswegen wichtig, dagegen Lösungen im eigenen Ballbesitzspiel zu finden. Das könnte einer der Gründe für die Wahl der 3412-Grundordnung in diesem Spiel gewesen sein. (Auf einen zweiten gehe ich später ein.) Denn: Schon rein nominell kann man sich damit in den tiefen Zonen gegen das typische Dynamos Pressing Überzahl schaffen. Das funktionierte auf dem Feld folgendermaßen:

    Aue positionierte sich aus eben jenem 3412 mit den drei Innenverteidigern und einem der Sechser rund um den eigenen Strafraum. So reichte das klassische Dresdner Pressing mit den drei Stürmern nominell nicht mehr aus. Meist musste Achter Herrmann noch mit auf den gegnerischen Sechser rausschieben. 

    Durch die hoch stehenden Auer Stürmer schuf dies so zunächst einmal große Räume im Zentrum, die man mit einem potenziellen Chipball auf den höher stehenden Sechser (meist Hochscheidt) bespielen hätte können. Aue wollte Dynamo also mit einigen kurzen Pässen rauslocken und dann genau so überspielen. Den direkten Weg mit dem Chipball wählte man jedoch seltener.

    Denn hier kommt der zweite Clou: Der FCE positionierte die beiden Außenverteidiger asymmetrisch, zog Rechtsverteidiger Strauß im Aufbau deutlich weiter zurück als seinen Pendanten Baumgart. Somit hatte man in den tiefen Zonen noch einen Akteur mehr. Dynamos Stürmer konnten nicht alle davon wirkungsvoll kontrollieren und ließen gleichzeitig gefährliche Räume in ihrem Rücken entstehen. Aue wollte Dynamo also anlocken, daraufhin über die rechte Seite die eigene Überzahl ausspielen und dann in ihr schnelles vertikales Angriffsspiel kommen.

    Ich hatte kurz den Gedanken, dass man bei der SGD eher eine gegnerische Viererkette erwartet hatte. Schließlich kennt man es nicht von Schmidt, dass seine Teams einen unpassenden Pressingplan verfolgen. Ob das so war, bleibt Spekulation.

    Auf jeden Fall schob man auf Dresdner Seite schon nach einigen Minuten auch noch Linksverteidiger Löwe weiter nach vorn, um das numerische Mismatch im Pressing zu kompensieren. Für ihn waren die Anlaufwege allerdings extrem weit, sodass er nicht selten zu spät kam und dadurch hinter sich eine riskante 1v1-Absicherung hinterließ. 

    Die folgenden Grafiken zeigen eine Szene, in der es Aue gelang, das unpassende Pressing genau so auszunutzen.

    Aue hat durch die asymmetrischen Außenverteidiger im Aufbau Überzahl, Löwe kommt zu spät. Dadurch kann der FCE einen langen Ball an die letzte Kette spielen. Dort muss Dynamo im riskanten 3v3 mannorientiert auf eine Seite durchschieben (z. B.: Akoto in den LV-Raum), was Raum auf der ballfernen Seite schafft. Aue schafft es, durch kluges Steil-Klatsch-Spiel über den nachrückenden Zentrumsspieler schnell auf die verwaiste Seite zu gelangen. Spielt man das gut aus, entsteht daraus große Torgefahr. In diesem Fall arbeiten Schröter und die weiteren Mittelfeldspieler der SGD aber gut mit zurück, schieben stark mit durch und können so Schlimmeres verhindern.

    Warum hat Aue trotz dieser Möglichkeiten in der ersten Hälfte nur wenige Torchancen kreiert? Nun, da kommen wir wieder auf das Grundproblem des Spiels zu sprechen: Bei den Erzgebirglern mangelte es an Tempo und Präzision. Individuell gelang es Ihnen selten, diesen vielversprechenden Plan umzusetzen. Teils konnten schon Dynamos Stürmer den Ball gewinnen oder einen unkontrollierten Schlag provozieren. Teils spielte Aue zu schnell lang, sodass sich das Dresdner Mittelfeld schnell zurückorientieren konnte.

    Wichtig war außerdem, dass Dynamo mit dem Hochschieben von Löwe schnellstmöglich eine wichtige Anpassung getätigt hat. Im folgenden Bild sieht man dafür eine beispielhafte Situation. Mit schnellerem Balldruck spielte Aue unkontrollierter, mit den intensiven und klug verteidigenden Innenverteidigern konnte die SGD die folgenden langen Bälle dann meist ordentlich wegverteidigen.

    HZ1: Dynamo in Ballbesitz, Aue im Pressing

    Im Gegensatz zum Spiel ohne Ball ging die SGD für die Spielphase Ballbesitz durchaus mit einem grundsätzlich sinnvollen Plan in das Derby. Der war schließlich auch nötig, da Aue in ihrem 3412-Mittelfeldpressing Dynamo über weite Strecken den Ball überließ. 

    Die Idee war folgende: Aus dem klassischen 433 (bekannt aus den letzten Wochen) ließen sich einerseits die drei Mittelfeldspieler tief fallen. So wollte man das gegnerische Mittelfeld aus der kompakten Struktur locken und Raum zwischen den Linien schaffen. Diesen sollten dann die langen Bälle auf Daferner erreichen. 

    Andererseits lockten auch Dynamos breit stehende Außenverteidiger ihre jeweiligen Gegenspieler, sodass Dynamos Flügelstürmer theoretisch auch mit langen Bällen hinter die Auer Außenverteidiger geschickt hätten werden können.

    Dynamos Ballbesitz – ursprünglicher Plan.

    Diese Idee klappte gegen das Auer 3412 jedoch sehr selten. Zum einen ließ sich Aue gesamttaktisch selten aus der Kompaktheit locken. Sie lenkten Dynamo auf außen, agierten dabei aber sehr kompakt, sodass für die SGD nur noch lange Bälle in Frage kamen. Mit der Fünferkette konnten die langen Bälle dann leicht wegverteidigt werden.

    Dynamos Ballbesitz – Umsetzungsprobleme: entscheidend ist Aues abwartendes Zentrum.

    Nimmt man mal an, dass Dynamo mit einem Auer 442 geplant hat, ergibt der ursprüngliche Gedanke durchaus viel Sinn. Gegen ein solches System mit doppelter Flügelbesetzung und weniger Zentrumskompaktheit beim Gegner hätte die Anlock-Idee gut funktionieren können.

    Mit der Dreierkette fiel es Aue jedoch oft leicht, die Oberhand zu behalten. Neben dem angesprochenen gesamttaktischen Vorteil gerade auch aus individuellen Gründen. Anfangs standen beispielsweise die Innenverteidiger etwas zu eng. So konnten sie leichter durch die Auer Stürmer unter Druck gesetzt werden, hatten zudem wenig erfolgversprechende Passwinkel.

    Aus Dynamo-Perspektive wäre hier eine strukturelle Alternative im Ballbesitzspiel wünschenswert gewesen. Mit der Zeit passte man einige Details auf individueller Ebene an: Akoto stand breiter und dribbelte einige Male klug an, Becker rückte situativ für Überzahl ins Mittelfeld. Doch wirklich systematisch und daher entscheidend waren diese Änderungen zumindest hinsichtlich der Dresdner Torgefahr nicht. 

    HZ1: Gefahr auf beiden Seiten 

    Torgefahr kreierten beide Teams in der ersten Hälfte aus einer anderen Art von Situation. Dynamo schlug primär aus den Aufbaufehlern der Auer Kapital, indem sie nach ihrem Pressing schnell und vertikal umschalteten (z. B. in den angesprochenen Raum hinter den gegnerischen Außenverteidigern). Genauso agierte Aue nach eigenem Ballgewinn (entweder nach den erfolglosen langen Bällen der SGD oder nach einer Dresdner Chance) sehr direkt. Individuelle Umsetzungsschwächen (falsche Entscheidungen, Präzision, etc.) führten letztlich aber auch da zu wenig Ertrag. 

    Gerade anfangs beurteile ich persönlich die Auer Konter durchaus etwas zielstrebiger und gefährlicher als die Dresdner. Dynamo brauchte ein wenig, um an das Zweikampf– und Intensitätsniveau des KSC-Spiels anzuknüpfen. Aue hat dagegen mit Nazarov und Kühn zwei perfekt zu dieser Idee passende Spieler im Kader. Nachdem Dynamo circa bei Minute 20 die richtige Intensität und das richtige Timing im Vorwärtsverteidigen wiederfand (Akoto ist da positiv hervorzuheben), gestaltete sich das Spiel sehr ausgeglichen – mit viel Stückwerk auf beiden Seiten.

    HZ2: Umstellung auf Dynamo-Seite

    Angesichts der strukturellen Probleme stellte Dynamo-Trainer Schmidt in der Halbzeit folgerichtig um. Ab diesem Zeitpunkt agierte man in einem 3412 und spiegelte so die Formation des Gegners. Das schaffte zum einen klarere Zuordnungen im Pressing, ließ die Außenverteidiger höher pressen, garantierte aber gleichzeitig auch Überzahl und Sicherheit in letzter Linie. 

    Dynamos Pressing #2.

    Auch mit Ball half die neue Struktur: Gegen die beiden Auer Stürmer hatte man in der ersten Aufbaulinie Überzahl und damit mehr Kombinationsmöglichkeiten. Zudem konnten die beiden Sechser nicht mehr so leicht mannorientiert verfolgt werden. Außerdem versuchte man mit Borrello und später Königsdörffer als rechten Stürmer vermehrt, den schon angesprochenen Raum hinter dem gegnerischen Außenverteidiger zu bespielen. 

    Dynamos Ballbesitz #2.

    HZ2: Tor und Schlussphase

    Die Vorteile des 3412 im Ballbesitz kamen jedoch in diesem Spiel selten zum Tragen. Zunächst weil Dynamo wieder individuell Schwierigkeiten hatte, nach dem Gegentor weil Aue mehr vom Ball hatte und sich die SGD auf das Kontern fokussierte.

    Dafür halfen zumindest die Anpassungen auf defensiver Seite. Auf der anderen Seite agierte Aue auch wenig kreativ. Sie behielten ihre leicht asymmetrische, ungefähre 4114-Struktur bei und überluden die letzte Linie. Über viele lange und zweite Bälle wollte man vor das Dresdner Tor gelangen. Das klappte auch einige Male, allerdings eher aufgrund zufällig entstandener Situationen oder Dresdner Passivitäten. In dieser Phase hätte Dynamo daher auch durchaus einen Gegentreffer kassieren können. Nachhaltige Dominanz konnte Aue dennoch nicht erzeugen.

    Erfolgsversprechender wäre es beispielsweise gewesen, die doppelte Flügelbesetzung auszunutzen. Durch tiefe Außenverteidiger, die Dynamos Außenverteidiger anlocken, und Tiefenläufe der Stürmer in den Raum dahinter, hätte man beispielsweise (in der Theorie) zu Gefahr kommen können. So blieb es letztlich beim bloßen Anrennen, das Dynamo spätestens im Strafraum weitgehend solide wegverteidigte.

    Fazit

    Damit gewinnt Dynamo das Sachsenderby schlussendlich. In einem ausgeglichenen Spiel war Aue top eingestellt und hätte die SGD so auf dem falschen Fuß erwischen können. Die strukturellen Schwächen korrigierten die Dresdner allerdings schnell und klug. Damit stand man zumindest defensiv über weite Strecken stabil und war dem Gegner in den entscheidenden Duellen überlegen. 

    Auch wenn ein Unentschieden mehr als denkbar gewesen wäre, ist so auch das 0:1 als Endergebnis nachvollziehbar. Aus Dynamo-Perspektive war das ein ordentliches Spiel, wenn auch dieselbe Einordnung weiterhin gültig bleibt: Defensiv agiert man weitgehend stabil, was eine Verbesserung zu Spielen des Oktober/ November darstellt. Offensiv sind dagegen noch deutliche Steigerungen vonnöten. Nichtsdestotrotz: Diese stabile Basis reicht gegen bestimmte Gegner der Liga, wie zum Beispiel den FC Erzgebirge Aue.

  • SG Dynamo Dresden – Karlsruher SC: Spielanalyse

    SG Dynamo Dresden – Karlsruher SC: Spielanalyse

    In einem zunächst äußerst trägen Spiel gewinnt die SG Dynamo Dresden gegen den Karlsruher SC am Ende deutlich und verdient. Trotzdem hat auch dieses Mal nicht alles geklappt. Versuchen wir uns mal an einer Einordnung.

    Das Grundproblem des Spiels

    Schon die erste Hälfte schien auf viele Fernsehzuschauer öde und langweilig. Betrachtet man auch die spannenden Szenen in der zweiten Halbzeit, zog sich der Grund dafür über das gesamte Spiel. Was war das Problem?

    Sowohl die SGD als auch der KSC traten mit einem soliden taktischen Plan an. Keineswegs wollten beide kompletten und aufregenden Fußball spielen. In vielen Spielphasen ließen sich dennoch zumindest einige Ideen erkennen. 

    Diese Ideen wurden im Spiel jedoch nur selten gut umgesetzt. Auf beiden Seiten prägten es Ungenauigkeit, schlechte Entscheidungsfindung und fehlendes Tempo.

    Schauen wir dennoch einmal auf eben jene Pläne beider Teams.

    Der Gegner aus Karlsruhe

    Mit dem KSC stand der SGD ein Kontrahent gegenüber, der in einigen Mannschaftsteilen überdurchschnittliche individuelle Qualität mitbringen (z. B. Wanitzek, Hofmann). Trotz des Spiels kann ich dieses Team in seiner gesamten langfristigen Spielanlage jedoch nicht tiefgründig einschätzen. In diesem speziellen Spiel agierten sie aber wie folgt:

    In einem engen 433-Mittelfeldpressing überließ man Dresden den Ball in ungefährlichen Zonen. Die üblicherweise folgenden langen Bälle der SGD wollte man so mit der hohen Anzahl an tiefem Personal wegverteidigen, um selbst wenig Torgefahr zuzulassen.

    Mit Ball fokussierte sich Karlsruhe meist auf lange Bälle über Dynamos Pressing, um dann über Ablagen in die Vorwärtsbewegung zu kommen. Ein häufig genutztes und kluges Mittel gegen das extrem ballorientierte Verschieben der SGD war dabei, das Spiel bei jeder Gelegenheit auf den ballfernen Außenverteidiger zu verlagern.

    Wie das im Detail funktionierte, erklärt sich mit einem ausführlicheren Blick auf die Dresdner Perspektive.

    Dynamos Spiel mit Ball

    Zunächst bleibt zum Ballbesitzspiel der SGD wie gewohnt nicht viel zu sagen. Im Gegensatz zu den Spielen gegen Düsseldorf und Regensburg agierte man wieder in der engen 433-Struktur. Damit war Plan A klar: Fokus auf lange und zweite Bälle. Gewann man die, sollte es mit Königsdörffer und Borrello als die beiden Flügel schnell in die Tiefe gehen. 

    Dynamos Ballbesitzspiel und Karlsruher Pressing – beispielhafte Szene.

    Manchmal versuchte man dabei, den KSC durch tiefen und ruhigen Aufbau der Innenverteidiger mit Sechser Stark und situativ fallenden Achtern anzulocken. Rückte das Mittelfeld heraus, würden sich so größere Räume zwischen den Linien ergeben. Das hätte der SGD Vorteile im Kampf um den zweiten Ball geschafft.

    Nach zwei derartigen Aufbausituationen zu Beginn des Spiels, passte sich der KSC jedoch schnell an diesen Plan an. Die enge und abwartende Positionierung der Stürmer schloss mit deren Deckungsschatten die Passwege ins Zentrum. Damit musste auch das Karlsruher Mittelfeld nicht weit rausrücken, die so Dynamos lange Bälle leichter verteidigen konnten.

    Zur ersten Hälfte muss jedoch erwähnt werden, dass solche Situationen vergleichsweise selten entstanden. Häufig agierte die SGD schon im tiefen Aufbau haarsträubend unruhig, ungenau und langsam. So verlor man einige Bälle schon auf den Außenverteidigerpositionen oder spielte einen hohen Ball ins Nirgendwo.

    Neben den individuellen Umsetzungsproblemen dieses einfachen und einseitigen Plans mit Ball lagen diese Schwächen bekannterweise auch an dem geringeren taktischen Fokus, den Trainer Schmidt auf diese Spielphase legt. Auch gegen den KSC dachte er Dynamos Matchplan primär aus der Defensive.

    Dynamos Spiel ohne Ball

    Karlsruhe ist schließlich ein Team, das durchaus gern in eigene Ballbesitzphasen kommt, dabei aber (und das ist der Clou!) keineswegs stabil und sicher agiert.

    Daher agierte Dynamo auch nicht im gewohnten Angriffspressing. Vielmehr erwartete man den Gegner in einer tiefer und passiver stehenden, raumorientierten Raute. Die Stürmer ließen die Karlsruher Innenverteidiger das Spiel aufbauen, versuchten sie nur vorsichtig nach außen zu lenken. (Aggressiv attackierte man nur, wenn der Gegner den Ball zurück auf den Torwart spielte, um einen langen Ball zu erzwingen.) Warum?

    Man fokussierte sich zum einen auf die Verteidigung der langen Bälle des Gegners. Mit einem engen 433 verfolgte dieser dafür eine ähnliche Struktur wie die SGD. Dynamos Abwehr- und Mittelfeldspieler agierten daher zurückhaltender. Sie wollten lieber im Zentrum den Raum verknappen und so die zweiten Bälle gewinnen, als sich rauslocken zu lassen. Besonders die Achter Kade und Schröter mussten schließlich sowohl auf des Gegners Achter und Außenverteidiger Acht geben. (Diesen Fehler hat man gegen Regensburg gemacht, wo sich die Achter zu Beginn zu leicht haben rauslocken lassen. Schaut dafür bei Interesse gern nochmal in den zugehörigen Spielbericht.)

    Spielte der KSC kurz, lenkte man zum anderen den Gegner nach außen. In diesem Fall schob der ballnahe Achter auf den Außenverteidiger, während das gesamte Team Schmidt-typisch extrem auf die Ballseite schob. So wollte man dort den Raum verknappen und Ballgewinne erzielen. 

    Dynamos Pressing und Karlsruher Ballbesitzspiel – beispielhafte Szene – KSC spielt meist lang oder auf AV, selten lässt sich 8er klug fallen.

    In der Anfangsphase hatte Dynamo damit aber wenig Erfolg. Einige Male war der KSC in der Lage, das Spiel auf den verwaisten ballfernen Außenverteidiger (meist Heise) zu verlagern. Dieser hatte dann genug Zeit und Raum für einen gefährlichen Flankenlauf, den Sturmtank Hofmann und nachrückende Angreifer des KSCs im Strafraum verwerten wollten. In diese Phase hätten die Dresdner durchaus ein Tor kassieren können. 

    Dynamos Pressing und Karlsruher Ballbesitzspiel – beispielhafte Szene für ballnahes Verschieben und potenzielle Verlagerungsgefahr für SGD.

    Dynamos Konterspiel

    An diesen Situationen lässt sich jedoch auch ein weiterer Grund für das etwas abwartendere Pressing der SGD verdeutlichen. Man war in der Lage, den Gegner in Richtung des eigenen Tors zu locken. Der KSC schob in der Dresdner Hälfte häufig mit vielen Spielern in hohe Zonen. Dabei band man sowohl beide Achter als auch mindestens einen Außenverteidiger (Heise!) ein.

    Aus Dynamo-Sicht öffnete das die Chance, nach potenziellem Ballgewinn den dahinter entstehenden Raum über Kade, Schröter und den drei Stürmern zu bekontern. 

    Nachdem die SGD sich nach den problematisch ersten Minuten des Spiels defensiv stabilisiert und weitgehend kluges Verschiebe- und robustes Zweikampfverhalten an den Tag gelegt hatte, wurden genau solche potenziell gefährliche Situationen in ihren Ansätzen offensichtlich.

    Fazit zur ersten Hälfte

    Doch die Umsetzungsprobleme blieben weiterhin. In derartigen Situationen kam Dynamo schlicht nie über eben jene Ansätze hinaus, weil Tempo, Genauigkeit und Entscheidungsfindung zu wünschen übrig ließen. Genau dasselbe galt für den KSC, der nach der Anfangsphase zu selten klug verlagerte.

    Fazit: Beide Teams boten dem Gegner Räume und Möglichkeiten. Beide Teams waren individuell und mannschaftlich selten in der Lage, diese zu nutzen.  

    Die zweite Hälfte

    Auch nach der Halbzeit setzte sich dieser Trend fort. Plötzlich fielen drei, am Ende sogar vier Tore. Am Spiel selbst änderte sich jedoch nicht viel.

    Mit jenen Unsicherheiten auf beiden Seiten hätte dieses Spiel in der zweiten Hälfte sowohl in die eine als auch in die andere Richtung kippen können. Entscheidend war in diesem Spiel schlichtweg, dass der KSC im Vergleich zu Dynamo mehr und entscheidendere Fehler gemacht hat. 

    Auf der einen Seite hatte Dresden vorrangig im Offensivspiel Probleme, stand defensiv nach den kritischen Anfangsminuten aber ausgesprochen stabil. Auf der anderen Seite agierte Karlsruhe mit Ball ungenau und (!) agierte ohne Ball teils vogelwild.

    Die ersten beiden Dresdner Tore fallen dementsprechend nach Aussetzern der gegnerischen Hintermannschaft. Diese täuschten auch über die einzige große Unsicherheit im Defensivverbund der SGD hinweg, die zum zwischenzeitlichen 1:1 geführt hat (Standards!).

    Diese Führung ließ anschließend das Selbstvertrauen auf Dynamo-Seite merklich ansteigen. Sofort agierte man ballsicherer und mutiger, traf in den vom Gegner angebotenen Räumen sinnvollere Entscheidungen – spielte sich in einen Rausch. Letztendlich führt das zu einem weiteren Tor und noch zahlreichen weiteren Chancen der SGD, die auch ein noch höheres Endergebnis begründet hätten.

    Fazit

    Beide Teams verfolgten in diesem weitgehend unansehnlichen Spiel solide, aber nicht überragende taktische Pläne. Problem war: Beide hatten über weite Strecken des Spiels große Probleme in deren Umsetzung. Für Dynamo war dies daher ein Spiel wie schon einige andere in dieser Saison.

    Im Vergleich war dieses Mal jedoch entscheidend, dass die SGD weniger Fehler machte als der Gegner. Es lief nicht alles gut, im Gegenteil. Gerade defensiv zeigte man jedoch eine deutliche Leistungssteigerung, die im Verbund mit einem schwachen Gegner am Ende in einem Offensivrausch mündete. So hat man Schmidts Idee vom Fußball auf dem Platz endlich konstanter umgesetzt und verdiente drei Punkte geholt. Darauf lässt sich aufbauen, auch wenn gleichzeitig die gezeigten Schwächen nicht aus den Augen verloren werden sollten und es gegen stärkere Gegner dahingehend Verbesserung bedarf.

  • SSV Jahn Regensburg – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    SSV Jahn Regensburg – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    In einem wechselhaften Spiel am Freitagabend verlor die SG Dynamo Dresden gegen Jahn Regensburg mit 3:1. Dabei zeigte man gleichzeitig spannende Ansätze und bekannte Schwächen. Lasst uns nochmal genauer hinschauen.

    Der Gegner 

    Jahn Regensburg spielt aktuell nicht umsonst im Aufstiegskampf der zweiten Liga eine nicht zu unterschätzende Rolle. Sie spielen einen ähnlich angelegten Stil wie die SGD, sind in dessen Gesamtentwicklung aber schon deutlich weiter und gefestigter. Sie schaffen es auf beeindruckende Weise, ihren Plan mit aggressivem Pressing, dynamischem Umschalten und vielen langen und zweiten Bällen auf den Platz zu bringen. Individuell sind sie extrem diszipliniert und durchsetzungsfähig, gesamttaktisch setzt man die Abläufe klar und aufeinander abgestimmt um. Gegen Dynamo war das wieder einmal der Fall. 

    Jene, die sich einmal tiefgründiger mit dem Jahn auseinandersetzen möchten, verweise ich nochmal auf folgenden Artikel:

    https://jasminebaba92.medium.com/regensburg-the-surprise-leaders-of-2-bundesliga-after-5-games-what-are-they-doing-right-f703eaa5be44

    In Bezug auf das betrachtete Spiel halten wir aber zusammenfassend folgendes fest: Der Jahn presste meist hoch oder schloss das Zentrum des Feldes. Mit Ball legten sie den Fokus auf lange Bälle, die gut vorbereitet wurden. Durch enge Positionierung ging man aggressiv auf die zweiten Bälle und wollte so in dynamische Umschaltaktionen gelangen. Diese Phase ist wiederum die, in der der Jahn mit ganz klaren mannschaftstaktischen Abläufen die meiste Gefahr ausstrahlt. Mit viel Personal und hohem Tempo attackieren sie sofort die Tiefe, zeigen dabei sinnvoll aufeinander abgestimmte diagonale und entgegengesetzte Läufe und eine hohe Präzision im Kombinationsspiel. Auch die sog. zweite Welle organisiert Regensburg mit dynamisch nachrückenden Außenverteidigern auf gefährliche Art und Weise. Schauen wir uns diese Aspekte einmal vor dem Hintergrund des Spielverlaufs und der Herangehensweise der SGD genauer an. 

    Ausgeglichene Anfangsphase

    Das Spiel begann zunächst mit einer kurzen Phase, die typisch für Mannschaften wie Regensburg und Dynamo von zahlreichen Pressingaktionen auf beiden Seiten geprägt war. Beide Teams pressten hoch, gingen nach Ballverlust intensiv ins Gegenpressing und wollten so Umschaltaktionen vorbereiten. Die jeweils andere Seite verteidigte diese aber wiederum sehr intensiv und erfolgreich. 

    Mit der Zeit begann jedoch die klare Überlegenheit des Jahn in allen Spielphasen:

    Dynamos Spielaufbau

    Situativ galt es für Dynamo, das Spiel aufzubauen. Aus der vom Düsseldorf-Spiel bekannten, neuen 4132-Struktur, schaffte man dabei einerseits gute Voraussetzungen für lange Bälle. Andererseits versuchte man zu Beginn auch einige Male, flach aufzubauen, da sich Regensburg mit zwei tieferen 4er-Ketten und nur zwei anlaufenden Stürmern darauf eingestellt hatte. Zwar war die Struktur dafür nicht super ideal, einige Male erreichte man so dennoch höhere Zonen, kam bspw. über die Außenverteidiger in den Halbraum. Allerdings schlichen sich in einigen dieser Situationen wieder einmal klare Aufbaufehler ein, sicher auch aufgrund der großen Abstände zwischen den Mitspielern. Daher spielte die SGD nach anfänglichen Versuchen in der restlichen Spielzeit von Halbzeit Eins nahezu ausschließlich lange Bälle, wobei man gegen Regensburgs Intensität und Zweikampfverhalten im Kampf um den zweiten Ball häufig das Nachsehen hatte und so selbst wenig Gefahr erzeugen konnte. Vielmehr spielte man im Zuge so Regensburgs Stärken in die Karten. Darauf kommen wir gleich zu sprechen.

    Dynamos Pressing

    Neben den Ballbesitzphasen ergaben sich noch häufiger Situationen, in denen Dynamo Regensburg unter Druck setzen konnte, wie gewohnt in Form eines hohen Angriffspressings. 

    Gegen die 4114-Ordnung Regensburgs presste Dynamo aus der klassischen Raute. Die beiden Stürmer lenkten das Spiel durch bogenförmiges Anlaufen nach außen, während 10er Mörschel den zur Unterstützung der Ballzirkulation tief gebliebenen gegnerischen 6er kontrollierte. Baute der Jahn kurz auf, kam der Ball so zu Beginn einige Male auf einen isolierten Außenverteidiger, sodass Dynamo anfangs situativ hohe Ballgewinne erzeugen konnte. Das sah eigentlich vielversprechend aus.

    Dynamos Pressing – beispielhafter hoher Ballgewinn.

    In den kommenden Minuten klappte das jedoch nur noch sehr selten. Zu Beginn agierten die angesprochenen Regensburger Außenverteidiger etwas zu tief und zu langsam, weswegen sie leicht zu isolieren waren. Das korrigierten sie jedoch schnell. Beide positionierten sich in Aufbausituationen etwas höher, sodass Dynamos Stürmer auf sie keinen Zugriff mehr hatten. So ergab sich ein großes Problem im Dresdner Pressing. 

    Der Jahn lockte durch die tiefe Positionierung des eigenen Aufbaupersonals (TW, IV, 6er) und der nun leicht veränderten Position der Außenverteidiger Dynamos Spieler (Stürmer, aber vor allem 8er) aus dem Zentrum. Die Dresdner Stürmer konnten dann zwar den Regensburger Aufbau unter Druck setzen, waren dabei aber stets in Unterzahl, sodass der Jahn immer wieder kontrollierte lange Bälle ins Zentrum spielen konnte. Nun fanden Dynamos Achter aber nicht mehr so schnell Anschluss ins Zentrum, da sie zuvor rausgelockt wurden. Damit entstand dort meist eine GleichzahlSituation, was Regensburg mit der sowieso hohen individuellen Qualität und Durchsetzungsfähigkeit viele zweite Bälle hat gewinnen lassen. (Übrigens: Ich kann mir vorstellen, dass dieses eigentliche engere Stehen und der defensive Fokus der 8er ein Grund für die Auswahl von Will war, der da noch etwas mehr Robustheit mitbringt.)

    Dynamos Pressing – rausgelockt und überspielt.

    Regensburgs Spiel mit Ball/ Umschaltspiel

    Diese Pressingprobleme haben dem Regensburger Spiel, welches sowieso schon eine brutale Wucht entwickeln kann, noch mehr in die Karten gespielt. Sehr häufig gelang es, dass die langen Bälle ankommen und/ oder man die zweiten Bälle im Zentrum gewann. Ein Innenverteidiger Dynamos verfolgte den Zielspieler zwar meist bis weit in die gegnerische Hälfte, konnte das Duell gegen diese außerordentliche Physis jedoch selten gewinnen. Mit den zahlreichen diagonalen Tiefenläufen und dem Nachrücken der Außenverteidiger gestaltete sich dann das Absichern, Durchschieben und Nachrücken (die 8er sollten bspw. die AV des Jahn kontrollieren, hatten in HZ1 da aber Probleme) problematisch. 

    Dynamos Pressing – beispielhafter langer Ball; Darstellung der notwendigen Adaptationsbewegungen der Abwehr, was nicht immer geklappt hat; zB mussten die 8er sehr weit zurückarbeiten.
    Dynamos Pressing – Nachrücken der Regensburger AV, 8er müssen mitgehen.

    Insgesamt war die SGD schlicht sowohl mit als auch ohne Ball der Klarheit und Robustheit des Gegners in vielen Situationen unterlegen.

    Kluge Anpassungen nach der Halbzeit

    Im Vergleich kam Dynamo nach der Halbzeit aber deutlich verbessert aufs Feld. Das hatte mit einigen kleinen Anpassungen zu tun. 

    Zunächst brachten Akoto und Schröter jeweils mehr defensive Robustheit bzw. offensive Dynamik ins Spiel. Im Pressing positionierten sich die Stürmer des Weiteren meist etwas breiter (AV im Deckungsschatten), um das Spiel eindeutig nach innen zu lenken und dem Jahn mit den langen Bällen ins Zentrum  nur eine Aufbauoption zu lassen. So fanden die 8er einfacher und schneller Anschluss an den zentralen Block, was den Kampf um den zweiten Ball deutlich erleichterte. 

    Dynamos Pressing – leichte Anpassungen, erhöhte zentrale Kontrolle.

    Gleichzeitig fand Regensburg nicht mehr so recht in ihren Rhythmus. Sie spielten weniger lange Bälle, verloren zudem mehr Zweikämpfe aufgrund einer grundsätzlich höheren Intensität und Bissigkeit auf Dresdner Seite.

    Mit Ball und in Kontersituationen agierte die SGD zudem signifikant ruhiger, konzentrierte sich mehr auf flache Kombinationen statt der zahlreichen erfolglosen und überhasteten langen Bälle. Mit Schröter als rechten Breitengeber konnte man einige Male in den Raum hinter den Außenverteidigern kontern, woraus bspw. auch das 1:1 fällt. 

    Dynamos neue Abläufe mit Ball

    In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick auf die neue Herangehensweise der Dresdner, wenn man kontrolliert aufbaut und/ oder in die Offensive umschaltet. Mir scheint es, dass man in diesem Bereich während der Länderspielpause viel gearbeitet hat.

    Dynamos neue Struktur mit Ball.

    Zu Saisonbeginn agierte man häufig einem klaren 433, das im Aufbau mit der engen Struktur fast ausschließlich auf lange und zweite Bälle ausgerichtet war. Im Umschaltspiel orientierten sich meist Achter und äußere Stürmer auf außen, was jedoch zu schlechter Boxbesetzung im Anschluss führte. 

    Jetzt interpretiert man die Raute anders. Die Stürmer stehen grundsätzlich zentraler, der 10er und die 8er stehen nahezu auf einer Linie. Im Spielaufbau hat man so immer noch eine sinnvolle Struktur für zweite Bälle, öffnet und überläd gleichzeitig aber auch den Zwischenlinienraum, was gefährlicheres Kombinationsspiel ermöglicht. 

    Nach Ballgewinn orientieren sich jeweils die ballnahen 8er breit, während die Stürmer meist zentraler bleiben. So bleibt man beim Flügelfokus, hat aber klarere Aufgabenzuteilungen und bringt die Einzelspieler in optimalere Rollen. Zudem sieht so die Boxbesetzung deutlich besser aus, da Stürmer und ballferner 8er kürzere Wege ins Zentrum haben. Dafür gelten das Dresdner Tor und einige weitere Chancen als passende Beispiele. 

    Insgesamt zeigen sich schlicht klarere und abgestimmtere Laufwege und Passmuster im Offensivspiel der SGD, die noch keineswegs überragend durchschlagskräftig sind, im Vergleich aber deutliche Verbesserungen darstellen.

    Passivität und alte Fehler

    Gegen Regensburg gestaltete die SGD die zweite Hälfte daher durchaus ausgeglichen, hätte auch ein zweites Tor schießen können. Ungefähr ab der 75. Minute wurde man jedoch – für mich ohne erkennbaren Grund (Kraft?) – zunehmend passiver. Dynamo fiel immer tiefer und konnte die Pressingintensität, gerade im vorderen Bereich, nicht aufrechterhalten.

    In dieser Phase traten zudem wieder einmal altbekannte Fehler auf. Mit einem Standard kassiert man das zweite, nach ähnlichen Fehlern wie in Halbzeit Eins das dritte Gegentor.

    Danach kam Dynamo zwar mit ziemlich ansehnlichen Ballbesitzmustern noch einmal zu Chancen (hätte wie zu Beginn der zweiten Hälfte auch durchaus noch ein weiteres Tor erzielen können), konnte die endgültige Entwicklung des Spiels so jedoch nicht mehr umbiegen. 

    Fazit

    Damit verliert Dynamo das Spiel gegen Jahn Regensburg. Im Laufe des Spiels hatte man durchaus vielfältige Probleme, verliert am Ende aus bekannten Gründen. Insgesamt zeigte man aber auch vielversprechende Ansätze, deutliche Leistungssteigerungen im Vergleich zu den Spielen vor der Länderspielpause. Für mich persönlich ist es daher keine große Schande, gegen ein so starkes Regensburg in dieser Art und Weise zu verlieren; obwohl, klar, auch mehr drin gewesen wäre. Das Spiel war okay, Kleinigkeiten haben entschieden, für die kommenden Wochen sehe ich auf dieser Grundlage aber keine schlechten Prognosen.

  • SG Dynamo Dresden – Fortuna Düsseldorf: Spielanalyse

    SG Dynamo Dresden – Fortuna Düsseldorf: Spielanalyse

    Endlich gelingt es Dynamo im Spiel gegen Fortuna Düsseldorf, einen Sieg einzufahren. Rezept war, die eigenen Stärken ähnlich wie zum Saisonbeginn klar, konsequent und konstant auf den Platz zu bringen. Wie man das gemacht hat, schauen wir uns hier mal genauer an.

    Der Gegner

    Mit Fortuna Düsseldorf stand der SGD am Sonntagnachmittag ein Gegner gegenüber, dessen hohe individuelle Klasse zuerst auffällt. In nahezu allen Mannschaftsteilen – Tor und Innenverteidigung auch aufgrund von Verletzungen ausgenommen – hat man einen breiten Kader mit durchweg spannenden und im Zweitligarahmen überdurchschnittlichen Einzelakteuren. Darunter befinden sich starke entwicklungsfähige (Tanaka, Klarer) und zahlreiche erfahrene Akteure (Zimmermann, Bodzek, Narey, Hennings). Das strahlt immer Gefahr aus.

    Schaut man auf die Tabelle, liest man Berichte oder schaut sich das Spiel gegen die SGD an, bemerkt man aber, dass sich Fortuna auch sehr stark auf genau jene individuelle Klasse verlässt. Aus einer 442-Grundordnung spielen sie stabilen, dennoch keineswegs besonderen oder herausstechenden Fußball. Eine klare taktische Identität habe zumindest ich nicht erkennen können.

    Mit Ball und im Umschalten auf Offensive fokussiert man sich auf schnelles und vertikales Spiel über die stark besetzten Flügel, um dann Hennings und nachrückende Akteure in der Box in Szene zu setzen. Ohne Ball spielt Düsseldorf klassisches Pressing, meist auf Mittelfeldhöhe. Ihr seht: Vieles steht und fällt bei der Fortuna mit individuellen Leistungen und der Qualität des Gegners. Besonders kreativ und flexibel erscheint mir deren Fußball nicht.

    Dynamo: Ausgangssituation

    Bei Dynamo ist das anders. Wir wissen, welchen klaren strategisch-taktischen Plan Trainer Schmidt verfolgt. Nach der langen Niederlagenserie zuletzt wurde in letzter Zeit (legitimerweise) diskutiert, ob dieser Stil für Liga 2 ausreicht und/ oder zur Mannschaft passt. Die sportlich Verantwortlichen beantworteten diese Frage mit einem klaren Ja, verwiesen gleichzeitig eher auf Umsetzungsprobleme dieser Idee in Detailfragen. Gegen Düsseldorf hieß es daher, die vom Trainer angedachte stabile Basis wieder klarer und konstanter auf den Platz zu bringen. Das bedeutete: Vor allem im Pressing klug und mit hoher Intensität agieren, dazu mit Ball und in Kontersituationen präziser und abgestimmter spielen. 

    Ich nehme vorweg: Genau das hat in diesem Spiel über weite Strecken sehr gut geklappt. Und genau das ist daher auch der Grund für den Sieg. Lasst uns nichtsdestotrotz nochmal einen detaillierten Blick auf die konkrete taktische Umsetzung blicken.

    Dynamo in Ballbesitz (mit besonderer Aufstellung)

    Düsseldorf lief Dynamo gerade zu Beginn des Spiels nicht mit einer besonders hohen Pressinglinie an, wartete eher bis kurz nach der Mittellinie in ihrem 442. Damit hatte Dynamo gerade zu Beginn einige Male auch längere Ballbesitzphasen im eigenen Spiel. Wir wissen, dass das nicht Dresdner Hauptfokus oder Stärke ist. Dennoch vermochte ich einen Matchplan in dieser Hinsicht zu erkennen.

    Ungewöhnlicherweise startete in diesem Spiel nämlich Königsdörffer auf der linken Halbposition der Raute, weswegen Herrmann auf die Zehn und Daferner mit Borrello ins Sturmzentrum rückte. Warum? Mit Ball interpretierte man die Raute nicht so wie sonst (sondern wählte im Allgemeinen eine deutlich sinnvollere Struktur).

    In der bisherigen Saison agierte Dynamo meist in einem engen 433 mit hohen Achtern. Das ergab strukturell für den Kampf um lange und zweite Bälle Sinn, funktionierte aufgrund verschiedener individueller Probleme (kein Stoßstürmer, fehlende Präzision, …) jedoch nicht so oft wie erwünscht. Außerdem: Gerade wenn man auch flach aufbauen hätte können/ müssen, behinderte man sich so selbst. 

    Dynamos Positionsspiel – bisheriges 433.

    Gegen Düsseldorf war bei Dynamo dagegen klar erkennbar, dass man letzteres im Aufbau bevorzugt. Daher verfolgte man mit den beiden eigentlichen Flügeln auf der Acht ein anderes Positionsspiel, agierte eher in einem 4132 mit engen Stürmern. 

    Prinzipiell attackierten dabei jeweils zwei Stürmer (meist Daferner und Borrello) die Tiefe, um die gegnerische Abwehrkette nach hinten zu drücken und Raum zwischen den Linien zu öffnen. Dort positionierten sich dann die drei restlichen Mittelfeldspieler, zwischen Abwehr und Mittelfeld und stets auf Lücke der gegnerischen 4er-Kette, die wiederum von Dynamos hohen Außenverteidiger auseinandergezogen werden sollte. Strukturell ergibt diese Art von Zentrumsüberladung gerade gegen ein klassisches 442 viel Sinn. 

    Dynamos Positionsspiel mit Ball – Grundstruktur.

    Trotzdem schaffte es Dynamo selten, diese strukturellen Vorteile auszunutzen. Beide Innenverteidiger trauten sich teils nicht, breit genug zu stehen, um sinnvolle Passwinkel nach vorn zu öffnen. Auch Stark wirkte zu Beginn im 6er-Raum etwas verloren, war nicht in der Lage, die Stürmer zu binden. 

    Im Laufe der Zeit erlangte Dynamo aber immer mehr Mut und Ballsicherheit, sodass man einige Male in den Düsseldorfer Block hineinspielen konnte. Einige Male konnte man über die Außenverteidiger diagonal in die Halbräume gelangen. 

    Als wertvoll erwies sich auch das situative Andribbeln durch Ehlers, der so Zuordnungsprobleme im gegnerischen Block provozierte und dadurch Raum in Halbraum oder dem Flügel öffnete. 

    Dynamos Positionsspiel mit Ball – Andribbeln.

    Ein drittes ersichtliches Muster war das Herauskippen von Stark auf die rechte Halbspur, von wo er ebenfalls im Raum neben den Stürmern andribbeln könnte. 

    Dynamos Positionsspiel mit Ball – Starks Andribbeln.

    Wirklich viel Gefahr konnte die SGD darüber am Ende jedoch nicht kreieren, da das Spiel grundsätzlich viele Umschaltaktionen auf beiden Seiten provozierte, andererseits das eigene Übergangsspiel auch nicht super präzise war. Eine Idee war sicherlich, Königsdörffer und Schröter dribbelnd diagonal nach außen zu schicken. (Siehe allgemeine Grafik oben.) Geklappt hat das aber nicht oft.

    Dynamo im Pressing 

    Mehr Gefahr erzeugte die SGD in verschiedenartigen Umschaltsituationen. Düsseldorf ist kein besonders aufbaustarkes, im Ballbesitz kreatives Team. Diese gegnerische Schwäche korrespondierte mit Dynamos Stärke im Pressing. Für diese Spielphase verfolgte die SGD ebenso einen klaren Plan. 

    Zwar lief man hoch und aggressiv an, im ruhigen Spielaufbau des Gegners ließ man aber Keeper Kastenmeier frei. Aus der Rautenformation heraus kontrollierte Herrmann den 6erRaum mannorientiert, während Daferner und Borrello die gegnerischen Außenverteidiger mit ihrem Deckungsschatten kontrollierten. So schloss man alle Anspielstationen des Gegners. Pressingauslöser war auf dieser Grundlage der Pass auf die Innenverteidiger. Die Stürmer attackierten dann direkt diesen Pass, indem sie den Empfänger bogenförmig anliefen. Je nach Positionierung und Situation lenkten sie das Spiel entweder nach innen, um einen langen Ball zu provozieren, oder nach außen, wo Dynamos Achter auf die Außenverteidiger rausschoben.

    Der Chipball auf die Außenverteidiger war tatsächlich auch Düsseldorfs primäre Lösung, denn der Anlaufweg für Dynamos Achter nach außen war dort sehr lang. So kam Fortuna situativ direkt in ihren Flügelfokus, wo sie mit Überladungen Gleichzahl schaffen und so Durchbrüche in die Tiefe erzeugen wollten. Gerade anfangs gelang das einige Male.

    Düsseldorfs Spiel mit Ball – Flügelfokus.

    Wenn sich ein zweiter zentraler Mittelfeldspieler situativ fallen ließ, bekam Dynamo ebenfalls Zuordnungsprobleme im Pressing. Dieses Mittel nutzte Fortuna aber nur wenige Male.

    Dynamos Pressing – Zuordnungsproblem bei tiefem Mittelfeldspieler.

    Im Laufe der Zeit kam die SGD jedoch immer besser ins Spiel, setzte den klugen Pressingplan mit der vom Saisonbeginn bekannten, sehr hohen Intensität über weite Strecken erfolgreich um. (Klappte das Mal nicht, bekam man die Situation doch noch irgendwie in der Endverteidigung geklärt.) Gerade Ehlers (nach anfänglicher Unsicherheit gute Intensität, aber auch wertvolles Dribbling und vertikales Passspiel), Sollbauer oder auch Königsdörffer (ungewohnte Laufstärke, auch wenn er wie üblich im direkten Zweikampf und der Positionierung situativ Probleme hat) sollten in dieser Hinsicht meiner Meinung nach positiv hervorgehoben werden.

    Dynamo: Kontergefahr

    Zu Beginn des Spiels gelang es aber noch selten, vielversprechende Ballgewinne zu erzeugen. Das verbesserte sich aber mit dem im Laufe stärker werdenden Vorwärtsverteidigen mit noch größerer Intensität. Im Laufe der Zeit gewann man zudem an Mut zum vertikalen Passspiel, sodass man in der Lage war, schneller, präziser und gefährlicher umzuschalten. Im Vergleich zu den letzten Wochen habe ich in dieser Hinsicht zum einen abgestimmtere Tiefenläufe und mehr Ballsicherheit in überwiegend diagonalen Mustern wahrgenommen. Dabei suchte meist ein Spieler die Breite (meist die Achter), währenddessen sich die anderen Spieler tendenziell nicht mehr so häufig nach außen drängen ließen, sondern vermehrt nach innen aufdrehten und so häufiger in die gefährlichen Zonen kamen. Die Situation vor dem Elfmeter dient dafür als perfektes Beispiel.

    Halbzeit Zwei

    Nach der Halbzeit setzte sich das Spiel ähnlich fort. Düsseldorf passte zunächst einige Details im eigenen Ballbesitz an, zog die Außenverteidiger (Anlaufweg der Dresdner 8er vergrößern) und den spielstarken Tanaka tiefer zurück. Doch das hatte zu Beginn wenig Einfluss auf den Spielverlauf. Nur tendenziell entwickelte sich das Spiel in eine dynamischere und umschaltfokussiertere Richtung, da auch Düsseldorf mehr Tempo und Vertikalität ins eigene Spiel brachte. Fortunas Aufbauprobleme setzten sich aber weiter fort, bei etwas mehr Präzision hätte Dynamo daher auch gut und gerne noch ein zweites Tor erzielen können.

    Zum Ende des Spiels wurde Dynamo jedoch deutlich passiver und fiel immer tiefer zurück. Ich vermute, dass dabei die Kraft (man beobachte Daferner) eine Rolle gespielt haben könnte. Das überließ Düsseldorf vermehrt den Ball, der Gegner zeigte dabei aber auch weiterhin keine vielversprechenden Ballbesitzideen. Bei etwas mehr Pech kann Dynamo schon ein Tor aus einer individuell starken Aktion des Gegners kassieren. Insgesamt schaffte man es aber, die Intensität über weite Strecken aufrechtzuerhalten. Letztendlich war vor allem die vergleichsweise kluge Zweikampfführung und Endverteidigung in Verbindung mit den gegnerischen Limitationen entscheidend dafür, dass der Spielstand bei 1:0 blieb.

    Fazit

    Dynamo hat gegen Fortuna Düsseldorf keineswegs kompletten Fußball gespielt. Doch man hat genau das geschafft, was man sich in den zwei Wochen zuvor vorgenommen hatte. Die SGD war gesamttaktisch auf alle Spielphasen gut eingestellt. Im Ballbesitz konnte man vielversprechende Ansätze erkennen, auch wenn diese nicht zu signifikanter Torgefahr geführt haben. Entscheidend war, dass man die eigenen Stärken im Pressing und in den beiden Umschaltphasen wieder klarer und konsequenter umgesetzt hat. So gewinnt man dann gegen einen Gegner, der eigentlich individuell besser aufgestellt ist, in einem ausgeglichenen Spiel durchaus nicht unverdient.

  • Holstein Kiel – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Holstein Kiel – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Auch gegen Kiel gelingt es der SGD nicht, das Spiel für sich zu entscheiden. Trotz sinnvollem Matchplan und Führungstor steht am Ende ein 2:1 auf der Anzeigetafel. Hier schauen wir uns den Spielverlauf nochmal genauer an und versuchen uns danach an einer differenzierten Gesamteinordnung.

    Der Gegner Kiel

    Holstein Kiel ist bekanntermaßen (und bemerkenswerterweise auch Trainer-unabhängig) ein klares Ballbesitzteam. Auch unter Marcel Rapp verfolgen die Störche weiterhin ihren Dominanzanspruch, verbunden mit ihrer Fokussierung auf das aktive Spiel mit Ball. Stets geht es darum, spielerische Lösungen im Aufbau, Übergang und der Chancenerarbeitung zu finden, um so den Gegner kontrolliert auszuspielen. 

    Dynamos Matchplan

    Dynamo hatte auf dieser Grundlage verschiedene Möglichkeiten, wie Schmidt in der Pressekonferenz vor dem Spiel schon andeutete. Entweder lief man den Kieler Ballbesitz in hohem Pressing an, um hohe und gefährliche Ballgewinne für Konter zu erzwingen, oder ließ sich in ein tieferes Mittelfeldpressing, um Kiel spielen zu lassen, selbst sicher zu stehen und dann zu versuchen, die Räume hinter der aufgerückten gegnerischen Kette zu bekontern.

    Schmidt entschied sich in diesem Spiel nicht für die idealistische, sondern die pragmatische Herangehensweise: Da Kiel im Spielaufbau meist flexible und vielversprechende Lösungen zu finden schien, ihnen jedoch gerade in der Hälfte des Gegners noch die 100% passenden und eingespielten Abläufe fehlten, entschied man sich auf Dresdner Seite für Letzteres.

    Dynamo überließ also dem Gegner den Ball und konzentrierte sich zunächst darauf, dessen Offensivbemühungen einzudämmen. Kiel zog rein strukturell ein durchaus ansehnliches Positionsspiel auf. Aus einem nominellen 433 besetzte man klar strukturiert und gleichzeitig flexibel die bedeutenden Zonen. Man versuchte zum einen, das Spiel auf letzter Linie in die Breite zu ziehen, gleichzeitig aber auch den Zwischenlinienraum zu überladen, um sich so durch den Block der SGD zu kombinieren.

    Dynamo schien auf genau diese Herangehensweise vorbereitet zu sein. Ohne Ball stellte man in der eigenen Hälfte einen engen 451Block auf, um horizontal und vertikal kompakt zu stehen und so eben jene Räume zu kontrollieren. Ein grundsätzlich guter Plan, wie ich finde.

    Realtaktische Ausgangslage beider Teams – Kiel in Ballbesitz, SGD im Mittelfeldpressing

    Gerade zu Beginn der Partie hat dieser Plan auch ziemlich solide funktioniert. Kiel agierte trotz guter Struktur teils zu undynamisch, teils erkannte man, dass ihnen noch eingespielte Abläufe im Kurzpassspiel fehlen. Gerade die Tiefenläufe schienen mir beispielsweise situativ zu unabgestimmt. Auf der anderen Seite verschob und verteidigte Dynamo solide, man verteidigte anfangs besonders die Tiefe mehr als ordentlich. Will, der die Kieler Tiefenläufe aus dem linken Halbraum heraus (siehe vorherige Grafik), durch eine situativ sehr tiefe Positionierung verteidigte, spielte dabei eine große Rolle. 

    So stand man im Gesamten stabil und war einige Male in der Lage, über die Flügel umzuschalten und sich dann über starke Gegenpressingaktionen zumindest einige gefährliche Situationen zu erspielen. Genauso fällt schließlich auch das 0:1 der SGD.

    Guter Plan, Fehler in der Umsetzung

    Doch schon im Laufe des ersten Durchgangs wurde ersichtlich, dass zwar dieser Plan im Gesamttatktischen eine sinnvolle Idee war, dessen individuelle Umsetzung die Dresdner Abwehr jedoch teilweise trotzdem löchrig haben wirken lassen. Gerade in letzter Linie hatte man teils Probleme, aus der gesamten Passivität die nötige Aggressivität im Vorwärtsverteidigen zu entwickeln. Gerade auf der linken Seite, die mit Kade durchaus etwas unorthodox (wenn auch verständlich) besetzt wurde, konnte Kiel so einige gefährliche Durchbrüche erzielen oder gerade nach zweiten Bällen zum Tor gelangen. Insgesamt konnte man einige individuelle Unaufmerksamkeiten und Ungenauigkeiten bezüglich Positionierung, Absicherung und direktem Zweikampfverhalten erkennen, sodass das Spiel durchaus auch mit einem oder mehreren Kieler Toren in die Pause hätte gehen können.

    Halbzeit Zwei 

    Nach der Halbzeitpause verschärfte sich diese Spielanlage. Kiel bekam etwas mehr Tempo und Präzision in ihre Aktionen, war zudem im Gegenpressing etwas aggressiver. Dagegen ließ sich Dynamo immer weiter nach hinten drücken, wurde vermehrt noch passiver. Verbunden mit den weiter bestehenden individuellen Unsicherheiten würde ich dies dann auch als Grund benennen, warum Dynamo dann in kürzester Zeit in Rückstand gerät.

    Hohes Pressing & altbewährte Probleme im Spiel mit Ball

    Nun befand sich die SGD offensichtlicherweise wieder in einem Spielverlauf, der eigene Aktivität forderte. Sofort stellte man auf hohes Angriffspressing um, was ganz ordentlich funktionierte und trotz der spielerischen Stärke Kiels zumindest einige unkontrollierte lange Bälle erzwang (ein Kritikpunkt des Kieler Trainers nach dem Spiel). Nichtsdestotrotz kam Dynamo aufgrund dieser Ausgangslage nicht wirklich dazu, aus hohen Zonen in gefährliche Umschaltsituationen zu starten. Vielmehr verteidigte Kiel nun auch vermehrt in einem mannorientierten 4231Mittelfeldpressing und überließ Dynamo den Ball. Dies Dresdner liefen zwar an, doch klare Strukturen und Ideen waren in diesen Ballbesitzphasen nicht erkennbar. Mit viel Personal versuchte man, die letzte Kette für lange Bälle zu überladen. Aus dieser Formation konnte man jedoch weder vielversprechend kombinieren noch die entscheidenden Duelle so für sich entscheiden, dass Boxgefahr entsteht. Diese strategische Schwäche kennen wir ja, ich denke, darauf muss ich nicht nochmal näher eingehen.

    Fazit

    Und damit verliert die SGD dann. Um das Spiel zu bewerten, gilt es aber, zu differenzieren. Es wurden positive und negative Aspekte ersichtlich. Der Matchplan hat für mich Sinn ergeben, gesamttaktisch sah das bis zu den Gegentoren ordentlich aus. Gegen Sandhausen gab es auch strukturelle Probleme, die ich kritisierte, dieses Mal sah das anders aus. Jedoch fehlten am Ende wieder diese, in den letzten Wochen oft beschworenen Kleinigkeiten, die 100%ige individuelle Sicherheit in den Aktionen, gerade in der Defensive, um die gegnerischen Offensivbemühungen konstant wegzuverteidigen. Das, in Verbund mit den strategischen Schwächen, die durch den Spielverlauf am Ende der Partie wieder deutlich wurden, waren meiner Meinung nach die primären Gründe für die Niederlage. 

    Wie ordnen wir dieses Spiel nun – auch hinsichtlich der Trainerfrage – ein?

    Ein stures Festhalten an Trainer Schmidt rein aus Prinzip ist natürlich nicht Sinn der Sache. Es geht um die kurz-, mittel- und langfristige Entwicklung des Vereins. Daher spielen in dieser Frage viele interdependente Faktoren eine Rolle, die es alle zu beachten gilt. Dazu zählen neben dem Sportlichen zum Beispiel auch Finanzen und die Situation auf dem Trainermarkt. Leider ist es schwer, als Außenstehender letzteres zu beurteilen. Was wir sehen, ist das Sportliche. Und vor diesem Hintergrund bleibe ich auch nach diesem Spiel bei dem, was ich schon in der letzten Woche konkreter ausgeführt habe …

    „[…] im Spiel mit Ball hat Dynamo noch deutlich Verbesserungsbedarf, das haben wir schon die gesamte Saison herausgearbeitet. Doch in den anderen strategischen Spielphasen hat es Schmidt meines Erachtens nach geschafft, eine eigentlich sehr stabile und proaktive Basis aufzubauen. […] Aufgrund der kurz-/mittelfristigen Aussicht plus dieser Ansätze denke ich dennoch, dass Schmidt für die aktuelle Situation im ersten Jahr nach dem Aufstieg sehr gut zur SGD passt. Daher sollte man ihm meines Erachtens nach definitiv die Entwicklungszeit geben.“

    SG Dynamo Dresden – SV Sandhausen und St. Pauli: Spielanalyse

    … und ergänze das nun mit einigen Gedanken, die ich in den letzten Tagen zu sortieren versuchte.

    Was könnte man Schmidt denn vorwerfen? Der einzige Aspekt ist meines Erachtens nach der der strategischen Schwächen im Spiel mit dem Ball. Er hat es noch nicht geschafft, Dynamo taktische Herangehensweise so zu komplettieren, dass man unabhängig von Gegner und Spielverlauf ist. Das ist einer der Gründe, warum wir einige der Spiele der letzten Wochen verloren haben. Langfristig sollte sich dahingehend definitiv verbessern – doch sind diese strategischen Lücken kurzfristig so relevant?

    Nur in wenigen Partien wurde die SGD bisher komplett hergespielt. Schmidt hat bei Dynamo eine stabile Gesamtbasis geschaffen, die man auf dem Platz nahezu in jedem Spiel erkennen konnte. Mit solch einem abhängigen, aber stabilen Fußball reißt man keine Bäume aus, sollte aber eigentlich stabil durch Liga 2 kommen. Statistiken verdeutlichen zum Beispiel, dass die SGD gerade defensiv eigentlich im Tabellenmittelfeld liegt. 

    Die in letzter Zeit fehlenden Ergebnisse skizzieren ein zu negatives Bild, das die Leistungen nicht 100%ig widerspiegelt. Die Niederlagenserie begann mit viel Pech (Paderborn) und setzte sich fort mit immer bedeutender werdenden individuellen Unsicherheiten und Limitationen. Es sind diese Kleinigkeiten, die einige dieser Partien entschieden haben. Wären beispielsweise die für den Schmidt-Fußball so gut passenden Knipping und Vlachodimos nicht verletzt, sähe das sicher anders aus. Liefe alles so wie geplant, kämen all diese Aspekte nicht zusammen, würde man sicher nicht so negativ (wenn natürlich auch nicht unglaublich positiv, im Sinne einer überstarken Performance im oberen Drittel von Liga 2) über Schmidt sprechen. Es wäre zunächst stabil und würde reichen, viel mehr zum aktuellen Zeitpunkt aber auch (noch) nicht. 

    Doch da wir ja nicht im Konjunktiv leben: Die wichtige Frage ist nun, wie Dynamo diese Kleinigkeiten wieder umgebogen bekommt, um mit dieser eigentlich stabilen Basis auch wieder die Ergebnisse so solide wie die Leistungen aussehen zu lassen. Ich persönlich kann mir das Auftreten dieser individueller Fehler, dieser kleinen Unsicherheiten und vor allem deren vermehrtes Auftreten in den letzten beiden Spielen gegen Kiel und Sandhausen nicht wirklich erklären. Ich begebe mich ungern auf diese Schiene, aber am Ende kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt und bei meinem Wissensstand nur mentale Gründe vorstellen. Aber: Das ist reine Spekulation, dafür habe ich zu wenig Einblick in Team und Umfeld.

    Wenn man nun als Verantwortlicher sieht, dass es bei Mannschaft und Trainerteam einen wirklich signifikanten Grund für diese Unsicherheiten gibt und man daher nicht überzeugt ist, Korrekturen (Ergebnisse) zukünftig in der aktuellen Konstellation bewerkstelligen zu können und bei einer Weiterbeschäftigung von Schmidt deswegen klaren Abstiegskampf erwartet, wäre das ein Argument für einen Personalwechsel – man würde also versuchen, einen ganz neuen Impuls zu setzen, um diesen ergebnistechnischen Negativtrend auf kurze Sicht umzukehren. (Wenn man kurz- und langfristige Perspektiven dann aber vereint, bräuchte man eine Top-Alternative in dieser Lage. Jemand, der den Feuerwehrmann-Impuls geben kann, aber auch (!) strategisch-taktisch und langfristig Besseres verspricht als Schmidt.)

    Meines Erachtens nach wäre das jedoch auch der einzige Gedanke, der eine solche Entscheidung rechtfertigen würde. Wie zuvor gesagt: Richtig viel kann ich Schmidt auf kurzfristiger Ebene nicht vorwerfen. Wenn sich einige kleine Aspekte anders entwickelt hätten, wäre man weit entfernt von einer solchen kritikreichen Situation. Und da es eben nur Kleinigkeiten sind, glaube ich – ohne Einblick in den Verein – weiterhin daran, dass eine Umkehr auch mit dieser personellen Lage möglich ist. (Auch wenn natürlich – ohne Frage – gerade die letzten beiden Spiele den Optimismus schwinden lassen, da die Unsicherheiten immer verstärkter auftraten.) Denn die gesamttaktische Basis steht schließlich eigentlich. Kommen dann noch Verletzte zurück, legt man vielleicht nochmal im Winter nach, könnte sich das Blatt schnell wenden.

    Schlussendlich ist es an Dynamos sportlich Verantwortlichen, diese Frage zu beantworten. Wie bringen wir kurzfristige Situation und langfristige Entwicklung unter einen Hut? Sind wir trotz über weite Strecken solider Leistungen weiter überzeugt davon, dass sich die Ergebnisse mit Schmidt wieder bessern werden? (Und wenn nein, gibt es eine bessere verfügbare Alternative?) Bei meinem Wissensstand würde ich persönlich immer noch zu ja, also zu Schmidt tendieren. Fest steht, dass das dieses Mal eine komplexe Entscheidung ist. Eine klare Antwort auf die Frage nach Dynamos Entwicklung in den nächsten Wochen – weitere Verunsicherung oder Kehrtwende? – wird daher nur die Zukunft zeigen.

  • SG Dynamo Dresden – SV Sandhausen und St. Pauli: Spielanalyse

    SG Dynamo Dresden – SV Sandhausen und St. Pauli: Spielanalyse

    Plakativ gesagt haben wir als Dynamo-Fans eine wahre Woche des Grauens hinter uns. Gerade eine solche Phase verlangt eine umfassende Einordnung, um die Entwicklung von Verein und Mannschaft im Blick zu behalten. Ich versuche mich mal daran. Lasst auch gern eure Ansichten mit hinzu. 

    Das Pokalspiel gegen den FC St. Pauli

    Da seitdem schon ein paar Tage vergangen sind, einige lesenswerte Spielanalysen erschienen sind und das Spiel gegen Sandhausen vermutlich etwas erkenntnisreicher war, möchte ich hier zunächst nur grob auf das Pokalspiel gegen Pauli eingehen. Jene, die sich für einen ausführlichen taktischen Bericht interessieren, verweise ich gern an den Hamburger Millernton-Blog.

    Im Sinne eines Überblicks können wir dennoch diesbezüglich folgendes zusammenfassen: Dynamo hat gegen Pauli keineswegs kompletten und langfristig vielversprechenden Fußball gespielt. Jedoch war man mit einem besonderen Matchplan des Trainerteams gut auf die gewohnt starke Hamburger Mannschaft eingestellt. So war man in der Lage, den Gegner auf ein Minimum an Torgefahr zu reduzieren und das Spiel knapp zu gestalten. Am Ende sind es Kleinigkeiten, die solch ein Spiel entscheiden, die zudem nicht immer direkt taktischer Natur sind. Am Ende hätte das Pokalspiel in beide Richtungen kippen können. Insgesamt habe ich aber eine stabile Basis auf Dynamo-Seite gesehen, genau wie in den letzten Wochen zuvor. Auch wenn man dieses Mal etwas Glück mit dem Spielverlauf hatte (schnelle Tore nach Gegentoren), sah man wieder einmal Ansätze, die zumindest so stabil aussahen, dass man sich mittelfristig (diese Saison als Zeithorizont) keine großen Sorgen machen müsste.

    Spiel gegen den SV Sandhausen

    Genau das habe ich ja versucht, in den letzten Wochen immer wieder zu betonen. Trotz der fehlenden Ergebnisse habe ich zumindest eine taktische Basis erkannt, mit der man mindestens einigen Gegnern der zweiten Liga überlegen sein müsste und sich daher mittelfristig keine Sorgen machen muss. In meinem Kopf war Sandhausen genauso ein Gegner.

    Dynamos Matchplan und gute Ansätze

    Zu Beginn des Spiels gegen den SVS am Samstagabend bestätigte sich diese Ansicht. Sandhausen agierte in dem Schwartz-typischen, klassischen 442/4231 mit Fokus auf das Pressing und einigen Limitationen im Spiel mit Ball. Im direkten Vergleich sah man dann in den ersten 20 Minuten schon, dass Dynamo insgesamt taktisch etwas gereifter und kompletter ist. 

    Auch in diesem Spiel verfolgte die SGD wieder einen Matchplan, den ich für schlüssig hielt. Ohne Ball formierte man sich in einem 343-Mittelfeldpressing, um auf letzter Linie Überzahl gegen die vier hohen Angreifer des Gegners zu haben und gleichzeitig das Zentrum mit den Deckungsschatten der offensiven Spielern zu schließen. So lockte man den SVS in etwas höhere Zonen, ohne dass man selbst gefährliche Situationen zuließ. Dafür verteidigte Dynamo zu gut und agierte Sandhausen mit Ball zu limitiert (geringes Tempo, lange Bälle, longline-Bälle). Zudem öffnete man so potenzielle Räume hinter der Sandhausener Abwehrkette, die man nach einem Ballgewinn bekontern hätte können. 

    Dynamos Mittelfeldpressing #1 – 3421-Struktur

    Im Spiel ohne Ball trat anfangs in dieser Hinsicht zwar ein kleines Zuordnungsproblem auf den Flügeln auf, den Dynamo nur einfach, Sandhausen jedoch doppelt besetzte. Doch durch eine schnelle Umstellung auf eine 3142-Struktur, verbunden mit der Anweisung, dass Dynamos Achter die gegnerischen Außenverteidiger anlaufen, löste man dies aber schnell. 

    Dynamos Mittelfeldpressing #2 – Zuordnungsproblem bei doppelter Flügelbesetzung des SVS, 5er-Kette hätte sich leicht aufgelöst.
    Dynamos Mittelfeldpressing #3 – 3142 statt 3421, 8er läuft gegnerischen AV an.

    Auch im Spiel mit Ball erkannte man den Willen, spielerische Lösungen zu finden. Was genau der Plan war, ließ sich nur selten erkennen, individuelle Lösungen von Einzelspielern kreierten in dieser Phase jedoch durchaus einige gute Durchbrüche. Grundsätzlich vermute ich, dass man den Gegner durch Spielaufbau in den tiefen Zonen anlocken und dann mit Chipbällen auf AV oder Stürmer überspielen wollte. Teils fehlte dabei jedoch das Tempo und die Genauigkeit im Kombinationsspiel.

    Dynamos grundlegende Ballbesitzstruktur zu Spielbeginn – Anlocken und Überspielen.

    Das einzige Muster, was ich zumindest drei/ vier Mal sehen konnte, war das Öffnen des Zwischenlinienraums im gegnerischen 442-Block: In Dynamos 3142-Struktur wurden Sechser Stark und Achter Kade und Herrmann mannorientiert durch den Gegner verfolgt. Während sich diese vergleichsweise tief positionierten und die Außenverteidiger Löwe und Schröter die Breite hielten, zog man so das gegnerische Mittelfeld heraus. In den Raum dahinter ließ sich Mörschel einige Male fallen, sodass ihn die andribbelnden Halbverteidiger Akoto und Aidonis dort anspielen und er aufdrehen konnte. (Deswegen spielten übrigens Akoto und Aidonis in der Verteidigung. Der Plan schien gewesen zu sein, Sandhausen mit Ballbesitz zu bespielen. Gerade den Halbverteidigern kam dabei große Bedeutung zu. Mai wäre da zu limitierend gewesen. Nach der gelben Karte für Aidonis war der Wechsel auf ihn in HZ2 dann aber folgerichtig, um defensiv in den Testroet-Duellen sicher zu stehen.)

    Dynamos Ballbesitzstruktur – ein Übergangsmuster mit Öffnung des Zwischenlinienraums.

    Nichtsdestotrotz blieb auch zu Beginn dieses Spiels das letzte Drittel ein großes Problem. Schon in den letzten Wochen haben wir immer wieder gesehen, dass Dynamo während der Chancenerarbeitung in dieser Zone sehr selten variantenreich agiert, sich zu häufig auf die Außen drängen lässt und von dort dann selten gefährliche Halbfeldflanken schlägt. Genau das erkannte man auch wieder gegen Sandhausen, was vor allem unglücklich war, da der Gegner gute individuelle Qualität in der Abwehrkette mitbringt, gerade was die Endverteidigung der Box angeht.

    Anpassungen in HZ1

    Auch wenn diese Ansätze nicht super besonders waren, machte Dynamo in dieser Phase einen souveränen Eindruck und zeigte einen Plan für dieses Spiel. Defensiv stand man sicher (auch wenn, klar, der Gegner auch nicht viel anbot), offensiv agierte man zumindest etwas verbessert als in den letzten Wochen (auch wenn das auch nicht schwer ist, auch klar).

    Im Laufe der ersten Halbzeit ließ sich Dynamo jedoch von diesem Plan abbringen. Immer häufiger formierte man sich statt in dem anfänglichen 3142 in einer 433-Struktur mit einem vermehrt aufrückenden Schröter. Das machte es Sandhausen einfacher, Dynamos Ballbesitzversuche zu verteidigen. Dynamos Abstände wurden größer, der Gegner konnte einfacher in den Mannorientierungen pressen. Daher spielte die SGD nun auch vermehrt lange Verzweiflungsbälle, ohne dass diese wirkliche Torgefahr in Richtung letztes Drittel erzeugten. Ferner führten die großen Abstände auch zu weniger Spieldominanz im Allgemeinen, da diese dem Gegenpressing nach Ballverlust nicht gut taten.

    Dynamos neue Ballbesitzstruktur – 433.

    Warum man diese Anpassung traf, kann ich mir nicht erklären. Ich weiß nicht, ob das Anweisung vom Trainerteam oder Ergebnis der Spieldynamik war. In beiden Fällen würden mich die Gründe interessieren. Fest steht: Damit begannen Dynamos Probleme.

    HZ2 mit Gegentor und großer Unsicherheit

    Meiner Meinung nach hätte man in Halbzeit Zwei wieder zu dem anfänglichen Plan zurückkehren sollen. Anstatt das zu tun, agierte Dynamo nun aber endgültig wieder aus der klassischen Rautenstruktur heraus. Die Gründe hierfür würden mich auf jeden Fall interessieren. Auf jeden Fall war diese Struktur der Grund, warum die Dresdner sich auf das Sandhausener Spiel herunterziehen haben lassen. Man machte dem Gegner so das Verteidigen leichter, erschwerte sich selbst kontrollierte Kombinationen, spielte selbst lieber schnell lang. Ähnliche Probleme wie sonst auch.

    Besonders problematisch wurde dies dann, als man nach einem Standard das Gegentor kassiert. Defensiv stand man bis dahin sicher, nach einer kleinen Unaufmerksamkeit veränderte sich jetzt der Spielverlauf in eine für die Dresdner Spielanlage ungünstige Richtung (auch das kennen wir aus den letzten Wochen).

    Was es nun gebraucht hätte, sind Ruhe und Kontrolle verbunden mit einer klaren Idee, wie man in Ballbesitz den tiefen Sandhausener Block knackt und Torgefahr kreiert. Bezugnehmend auf die schon zuvor stattgefundene Veränderung der gesamttaktischen Struktur entwickelte sich Dynamos Spiel jedoch genau in die andere Richtung. Ohne klar erkennbaren Plan lief man kopflos an. Das verschlimmerte sich zudem im Laufe der Spielzeit mit der zunehmenden Ungeduld und Frustration der Mannschaft, was zu Ungenauigkeit und zu vielen schlecht vorbereiteten langen Schlägen ohne viel Torgefahr führte. 

    Fazit

    So sind am Ende auch die verbleibenden personellen Wechsel nicht mehr so relevant. Ist keine allgemeine Struktur oder Idee da, macht es keinen großen Unterschied, wer genau wo agiert. Individuelle Glanzmomente hätten die SGD vielleicht noch einmal zurückgebracht, man hatte ja noch ein/ zwei Chancen, am Ende verliert Dynamo aber aufgrund gesamttaktischer Fehler verdient – man hätte sich deutlich mehr Chancen erspielen müssen.

    Meiner Meinung nach war das eine vermeidbare Niederlage. Gegen einen keineswegs starken, geschweige denn kompletten Gegner, verliert man schlicht komplett den eigenen roten Faden. Defensiv sind es letztendlich wieder Kleinigkeiten, offensiv die strategischen Schwächen, die zu der Niederlage führen.

    Ist Trainer Schmidt der Richtige? 

    Um sich mal an diese Frage heranzutrauen und die aktuelle Ergebniskrise einzuordnen, möchte ich – anders als in den letzten Wochen – noch einmal komplett ausholen. Die entscheidende Frage ist folgende: Passt die Spielidee von Alexander Schmidt zur aktuellen Situation der SGD?

    Ich würde sagen: Komplett ist die Spielidee definitiv nicht. Schmidt denkt primär defensiv, im Spiel mit Ball hat Dynamo noch deutlich Verbesserungsbedarf, das haben wir schon die gesamte Saison herausgearbeitet. Doch in den anderen strategischen Spielphasen hat es Schmidt meines Erachtens nach geschafft, eine eigentlich sehr stabile und proaktive Basis aufzubauen (was ihn im Vergleich zu anderen Defensivtrainern positiv abhebt). Wie auch schon bezüglich des Pauli-Spiels angemerkt: Mit dieser Basis sollte man normalerweise schon besser sein als mindestens drei Gegner der Liga. Deswegen sollte man mit dieser Spielidee mittelfristig schon die Klasse halten können.* 

    Da man aber nicht komplett ist, bleibt man abhängig von Gegner, Spielverlauf, individueller Klasse, etc. Wenn dann all das zusammenkommt, bekommt man schnell Schwierigkeiten, auch das haben wir in den letzten Wochen gesehen. Kleine Fehler wie das Gegentor gegen Sandhausen können so dann schwerwiegende Auswirkungen haben.

    Ganz langfristig gedacht, muss man sich daher natürlich noch deutlich weiterentwickeln und kompletter werden. Langfristig muss sich Schmidt deswegen auch an der Implementierung von sinnvollen Ballbesitzkonzepten messen lassen. Ob das in den kommenden Wochen/ Monaten klappt, kann ich nicht vorhersehen. Was mich positiv stimmt, sind aber die immer mal wieder aufblitzenden Ansätze im Spiel mit Ball, die man im Laufe der Saison schon manchmal beobachten konnte. Wie lange so etwas dauert, kann ich ebenfalls nicht konkreter sagen – das hängt stets vom Vereins- und Mannschaftskontext ab, in den wir nicht genau Einblick haben. Klar, mit jedem Spiel ohne deutliche Entwicklungsschritte wird der Optimismus natürlich aber auch immer kleiner.

    Aufgrund der kurz-/mittelfristigen Aussicht plus dieser Ansätze denke ich persönlich dennoch, dass Schmidt für die aktuelle Situation im ersten Jahr nach dem Aufstieg sehr gut zur SGD passt. Daher sollte man ihm meines Erachtens nach definitiv die Entwicklungszeit geben. Ob es ganz langfristig immer noch passt, muss sich dann zeigen.

    *Für die mittelfristige Entwicklung in dieser Saison muss man dann jedoch aber auch die angesprochene stabile Basis gerade gegen solche Gegner auf den Platz kriegen. Das war zumindest gegen Sandhausen nicht der Fall. In dieser Hinsicht wird dann einfach die weitere Entwicklung entscheidend. Ich stimme Schmidt zu, dass trotz dieser Partie noch nichts Extremes passiert ist (wie z. B. fünf nacheinanderfolgende Partien, ohne jegliche vielversprechende taktische Basis). Das war nun das erste richtig schwache Spiel. Ob so etwas zukünftig in den kommenden Wochen passieren wird, wird sich zeigen. Ich glaube es nicht, verstehe aber auch pessimistischere Denkweisen. Am Ende wird genau das entscheiden, wo der Weg hingeht.

  • FC Schalke 04 – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    FC Schalke 04 – SG Dynamo Dresden: Spielanalyse

    Und wieder muss die SGD eine Niederlage einstecken. Gegen Schalke 04 wirkt das 3:0 auf den ersten Blick unglaublich bitter. Am Ende war Dynamos Leistung jedoch überhaupt nicht so schlecht. Warum? Die Hintergründe erfahrt ihr hier.

    Der Gegner

    Mit Schalke 04 stand Dynamo zum Zweitliga-Topspiel dieses Mal ein Gegner gegenüber, dessen Name größer wirkt als die aktuelle Leistungsfähigkeit. Ja, Schalke steht nun auf Tabellenplatz 2 und hat in den letzten Wochen einige Siege geholt – für wirklich stabil und langfristig erfolgsversprechend halte ich die Schalker Spielweise aber nicht.

    In dem gespielten 3142 versammelt man schlicht die größtmögliche individuelle Klasse der gesamten zweiten Liga. Auf diese scheint der Großteil des Sportlichen zu fußen. Eigentlich ist jeder Defensiv- bzw. Offensivakteur auf den jeweiligen Positionen positiv hervorzuheben. Palsson ist defensiv zum Beispiel ein extrem erfahrener und zweikampfstarker Akteur. Offensiv muss man natürlich die Doppelspitze aus Bülter und Terrodde hervorheben, ohne dass es dazu weitere Erklärungen braucht. 

    Damit ist Schalke vielen Gegnern zumindest schon einmal in den Einzelduellen überlegen. Gesamttaktisch sieht das Ganze aber anders aus. Das Pressing, sowohl höheres Angriffspressing als auch tieferes Mittelfeldpressing, funktioniert meist solide bis gut. Prunkstück der Defensive ist natürlich die Endverteidigung im Strafraum, was wiederum besonders durch die individuelle Klasse der Verteidiger beeinflusst wird.

    Mit Ball ist Schalke dagegen jedoch deutlich limitierter. Unter Druck scheint nur wenig Wille vorhanden zu sein, Situationen spielerisch aufzulösen und so kontrollierte Angriffe zu starten. Vielmehr spielt man sehr schnell und häufig den langen Ball auf Terrodde und versucht daraufhin mit den vier offensivdenkenden Akteuren, den zweiten Ball zu gewinnen.

    Das wiederum war zumindest gegen die SGD stets ein gewisser Gefahrenherd. Terrodde mit seiner Physis und Cleverness, Bülter daneben als potenzieller Tiefenläufer und kreative und aggressive Zehner wie Zalazar sind für solche Situationen und sinnvolle dynamische Anschlussaktionen mit klugen gegenläufigen Bewegungen natürlich Gold wert. Neben Standards kreiert Schalke nämlich genau aus dieser Art von Situation Torgefahr.

    Dynamos Matchplan

    Wie musste Dynamo nun das Spiel angehen? Zunächst einmal galt es logischerweise, diese gefährlichen Situationen zu vermeiden. Der Pressingplan musste stimmen. Das war besonders knifflig, da Schalke der erste Gegner in dieser Saison war, der in einem 3142 aufbaute. Das verlangte nach einer Systemumstellung, denn aus einer klassischen Rautenformation ließe sich dagegen keine sinnvolle Pressingstruktur finden. Folgerichtig stellte Dynamos Trainer Schmidt deswegen auf eine 343-Grundordnung um. So hatte die SGD hinten gegen Schalkes Angreifer immer noch eine 1-Mann-Überzahl, gerade um die langen und zweiten Bälle zu verteidigen, und konnte trotzdem mannorientiert auf das gegnerische Aufbaupersonal hochschieben. 

    Dynamos Angriffspressing – mannorientiertes 343.

    Nur Sechser Palsson hatte nominell keinen direkten Gegenspieler, er sollte aber in den Deckungsschatten des jeweiligen zentralen Stürmers der SGD genommen werden. (Dass das nicht immer funktioniert hat, war nicht weiter schlimm, da Schalke sowieso selten kurz aufbauen wollte, vor allem nicht über das Zentrum).

    Mit diesem Pressingplan und der gewohnt hohen Intensität war Dynamo in der Lage, Schalkes Aufbau früh zu stören und viele lange Bälle zu erzwingen. Dass diese Pässe auf Terrodde schwer zu verteidigen waren, konnte man schon zu Beginn sehen; im Großen und Ganzen konnte die SGD die jeweiligen Situationen aber meist gut wegverteidigen. Gerade am Anfang der ersten Hälfte gelang es zudem, einige gefährliche Ballgewinne zu erzeugen und dann daraufhin umzuschalten. Das ist ja, wie wir wissen, genau der Weg, wie Schmidt-Mannschaften idealerweise zum Torerfolg kommen.

    Das Gegentor

    Leider agierte die SGD, wie auch schon in den letzten Spielen, in diesen Situationen zu unpräzise. Dabei half auch nicht, dass man die Ballgewinne meist erst circa an der Mittellinie auf den Außenbahnen gewinnen konnte (dort ließ sich der gegnerische Außenverteidiger am besten isolieren) und daher der Konterweg sehr lang wurde. Nimmt man noch die gut bestückte Restverteidigung (3+1) der Schalker und deren individuelle Klasse hinzu, ist klar, warum es Dynamo nicht gelang, zu Torchancen zu kommen. Ganz im Gegenteil: Nach einem Einwurf in der eigenen Hälfte war Dynamo mal nicht in der Lage, die relevanten Einzelduelle zu gewinnen, was am Ende in einem Gegentreffer mündet. (Grundsätzlich sind solche Fehler meines Erachtens nach normal, das kann passieren. In dieser Situation gegen einen solchen Gegner ist das natürlich jedoch mehr als kontraproduktiv und bitter.)

    Weiterer Spielverlauf

    Nach dem Gegentor lief das Spiel zunächst mit ähnlich viel Stückwerk auf beiden Seiten weiter. Ähnlich wie Schalke hatte auch Dynamo keinerlei Ambitionen, sich durch das hohe gegnerische Pressing durchzukombinieren, spielte viel lieber lange Bälle.

    Schalkes Angriffspressing – 343, Zentrumskompaktheit, Lenken nach außen.

    So bestand die gesamte erste Hälfte aus zahlreichen Umschaltsituationen in beide Richtungen. Doch obwohl es Dynamo nicht über den gesamten Zeitraum geschafft hat, die hohe individuelle Klasse der Schalker zu verteidigen, haben die Dresdner das insgesamt durchaus ordentlich bis gut gemacht. Nur der Spielverlauf mit dem unglücklichen Gegentor, das wiederum Schalke immer mehr Passivität gönnte, spielte natürlich eher den Gelsenkirchnern als den Dresdnern in die Karten.

    Halbzeit 2 mit gewohnten Limitationen

    Genau das konnte man dann in der zweiten Hälfte erkennen. Schalke zog sich nun mehr und mehr zurück und überließ Dynamo den Ball, die ein Tor erzielen mussten. Wie auch schon in den letzten Wochen wurde bei der SGD nun deutlich, dass man in der Spielphase Ballbesitz noch viel Luft nach oben hat. 

    Einen klaren Plan hatte man. Immer klarer wurde die schon zu Beginn im Aufbau sichtbare 424-ähnliche Struktur, denn ein Außenverteidiger schob immer wieder sehr hoch, fast bis auf die letzte Linie. Dynamo wollte Schalkes Abwehrkette so mit so viel Personal wie möglich überladen, um dann über lange Bälle auf Daferner plus zweite Bälle oder direkte Chips in die Tiefe die Gegner zu überspielen. Mit der Zeit schoben dann auch beide Außenverteidiger immer höher, doch wirkliche Gefahr brachte das Dynamo nicht.

    Dynamos Ballbesitz – lange Bälle.

    Hier wären weitere Ideen und Abläufe hilfreich gewesen, um den Schalker Block zu knacken. Ich hätte mir beispielsweise gewünscht, dass die SGD den 3er-Aufbau stärker fokussiert und versucht, über die Halbverteidiger fallende Stürmer in den Halbräumen zu finden. Da Schalkes Achter stets sehr hoch auf Dynamos Sechser schoben, war dort durchaus häufig freier Raum. Angelaufen und angespielt wurde er jedoch nur vereinzelt in Hälfte Eins, wo u. a. Aidonis und Akoto einige gute vertikale Pässe spielten. Am Ende schien diese Option jedoch nicht im primären Fokus zu liegen. 

    Dynamos Ballbesitz – vorgeschlagene Lösung über Halbraum.

    Fazit

    So gelang es Dynamo im Endeffekt nicht, die nötige Torgefahr auszustrahlen, um gegen Schalke Punkte einzufahren. Im Verlauf der zweiten Hälfte war man dann zudem noch ein zwei Mal nicht aufmerksam genug, was zu Gegentoren und dem vorläufigen Ende der Partie führt. Eine Partie, in der eigentlich mehr drin war. Eine Partie, in der die SGD eine insgesamt gute Leistung abliefert, am Ende aber – ähnlich wie in den letzten Wochen – vor allem aufgrund von Pech, den aktuellen Umständen und den strategischen Schwächen verliert. Aber auch eine Partie, die uns frustrierten Fans trotz der zahlreichen Niederlagen keine großen langfristigen Sorgen bereiten muss. Der Weg stimmt.

  • SG Dynamo Dresden – 1. FC Nürnberg: Spielanalyse

    SG Dynamo Dresden – 1. FC Nürnberg: Spielanalyse

    Dynamo verliert am Sonntagnachmittag gegen den 1. FC Nürnberg mit 0:1. Was mich an der Leistung positiv überraschte und warum es am Ende trotzdem nicht reichte, zeigt ein taktischer Blick auf den Spielverlauf.

    Gegner Nürnberg

    Dynamo stand am Wochenende ein durchaus souveräner und routinierter Gegner gegenüber. Nürnberg unter Robert Klauß ist eine klar ausgerichtete Mannschaft. Mit einem individuell stark besetzten Kader legen sie den größten Wert auf Stabilität in der Defensive, auf Grundlage dessen sie dann durch smartes Umschalten für Torgefahr sorgen wollen.

    Gegen Dynamo agierte Nürnberg vor diesem Hintergrund zunächst in der klassischen Rautenformation mit einem etwas abwartenderen Mittelfeldpressing. So wollte man das Zentrum für die SGD und deren Offensive schließen, orientierte sich dort sogar häufig Mann gegen Mann. Der Plan war, die eigenen Mittelfeldspieler stets eng zu halten, auch wenn zum Beispiel Dynamos Außenverteidiger am Ball sind. Viele Rautenpressingteams (auch Dynamo) schieben dann mit einem Achter auf die Seite, bei Nürnberg übernahm diese Aufgabe jedoch wenn möglich der ballnahe Stürmer, um die ganze Zeit so kompakt wie möglich zu bleiben.

    Pressing des FCN – flexible Stürmer

    Gewann man so den Ball schaltete Nürnberg meist direkt in die Offensive um, startete Tiefenläufe und trieb den Ball meist über die zwei hängenden Spitzen Daehli und Schleimer durch den ballfernen Halbraum in Richtung Dresdner Tor. Eine vielversprechende Variante war dabei auch, direkte hohe Verlagerungen auf die ballferne Seite zu spielen, da sich Dynamo normalerweise extrem auf eine Seite orientiert und so auf der anderen mit nachgerückten Nürnberger Außenverteidigern isolierte 1v1-Situationen entstehen konnten.

    Dynamos Matchplan

    Gegen diese Nürnberger Spielweise, die sie so im Allgemeinen und strategisch häufig auf den Platz bringen, galt es für Dynamo, einen passenden Matchplan zu finden und umzusetzen. Dieser deutete sich schon an, als die Startaufstellungen für das Spiel bekanntgegeben wurden. Neben gutem Pressing lag der Fokus für die SGD in diesem Spiel auch vermehrt auf klugem Ballbesitz und konsequentem Gegenpressing, um die gegnerische Defensive zu knacken und nicht in gefährliche Konter zu laufen. Deswegen startete Hosiner, der zum ersten Mal in dieser Saison von Beginn an auf die Zehn rückte: Man wollte schon personell mehr Kreativität und Kombinationsstärke auf dem Feld.

    Genau das spiegelte sich auch in der gesamttaktischen Herangehensweise wider. Ist Dynamo mit Ball normalerweise eine sehr aggressive, rustikale und direkte Mannschaft, konnte man gegen Nürnberg schon frühzeitig erkennen, dass man etwas geduldiger agieren wollte. Der Fokus lag vermehrt auf flachen Ballstafetten; man wollte sich nicht wie zuletzt so schnell auf die Flügel drängen lassen, sondern wollte im Übergang diagonaler und ins Zentrum hinein spielen.

    Schwierigkeiten in der Umsetzung

    Dies sah ganz zu Beginn der Partie durchaus vielversprechend aus. Wirkliche Torgefahr konnte man jedoch nicht kreieren. Nürnbergs Pressingstruktur (siehe Grafik oben) und die Einzelspieler in ihren Rollen funktionierten sehr gut, man war extrem kompakt und konnte durch eine gute Aggressivität in den Einzelduellen Dynamo gerade im Mittelfeld (Raute gegen Raute, anfangs sehr mannorientiert) den Schneid abkaufen und einige Ballgewinne erzielen.

    Diese Ballgewinne wandelten sich zudem wiederum sehr schnell in einige gefährliche Konter. Anfangs machte Dynamos Gegenpressing nach Ballverlust eigentlich noch einen recht stabilen Eindruck, mit der Zeit bekam man jedoch immer weniger Zugriff. Nicht in jeder Situation schoben die Dresdner genug Akteure auf die ballnahe Seite, was Kombinationen und dann auch das Zurückerobern den Balles erleichtert hätte. 

    Das Gegentor

    Nach einem ordentlichen Start mit vielversprechenden Ansätzen bekam Dynamo so aber immer mehr Probleme. Gegen einen starken Gegner war man nicht in der Lage, Chancen zu kreieren; zudem bestand stets die Gefahr einiger Konter.

    So fällt schließlich auch das Gegentor. Nachdem Dynamo auf der überladenen rechten Seite im Angriff den Ball verliert, bringt Nürnberg den Ball schnell auf die verwaiste ballferne Seite, wo Außenverteidiger Valentini und Krauß viel Platz haben. Die beiden Nürnberger Stürmer sorgen durch ihre Tiefenläufe dafür, dass Dynamos Restverteidigung nach hinten gedrückt wird und so Raum vor ihnen entsteht.

    Krauß spielt dann kurz auf seinen Außenverteidiger und attackiert dann klugerweise ebenfalls die Tiefe auf der rechten Seite, womit er auch Dynamos Stark wegzieht und Raum für Valentini öffnet. Der startet nun genau dort mit viel Platz und Zeit diagonal in Richtung Zentrum. 

    Die nachrückenden Nürnberger Spieler haben nun wiederum auf der linken Seite viel Platz, da Dynamos Akteure in Richtung Valentini gezogen wurden. Durch eine weitere Verlagerung auf Daehli und den hinterlaufenden Handwerker entsteht so eine 2- bzw. 3v1-Situation, in der Becker wenig Chance auf Verteidigung hat. Die Flanke kommt auf den rechts wiederum nachstoßenden Krauß, der das Tor erzielt.

    Alles in allem spielt Nürnberg hier schlichtweg ihre bekannte individuelle und kollektive Klasse im Umschaltspiel aus. Nachdem sie es geschafft haben, Dynamos Gegenpressing zu überspielen, kommen sie durch Verlagerungen gut in die offenen Räume; zudem stimmen die Laufwege, die noch mehr Platz schaffen. Trifft man dann auch noch stets die richtigen Entscheidungen und agiert präzise, ist das schwer zu verteidigen. 

    Für Dynamo gab es meiner Ansicht nach eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Zunächst muss man eigentlich verhindern, dass Nürnberg verlagern kann. Das heißt, dass das Gegenpressing direkt nach Ballverlust klappen muss. Leider gibt es nur dazu kein frei zugängliches Videomaterial mehr, sodass man sich die Situation nicht noch einmal genauer ansehen kann. Andererseits: Dass das gegen einen so starken Gegner grundsätzlich nicht immer klappt, ist auch normal. 

    Die zweite Möglichkeit auf einen Ballgewinn für Dresden war dann nur noch die Verteidigung in der Box. Wie Schmidt auf der PK anspricht, gibt es da ein Problem mit dem Durchschieben der Verteidiger. In solch einer Situation müssen sich alle Verteidiger so eng und gleichmäßig positionieren, dass alle Gegenspieler und die wichtigsten Zonen abgedeckt sind. Linksverteidiger Löwe schob dabei soweit ins Zentrum, dass Krauß in seinem Rücken zu viel Platz hat. Doch ist das seine Schuld? Ich bin mir unsicher. Bei Betrachtung der Bilder wird deutlich, dass im Rückraum noch ein weiterer Nürnberger ungedeckt freisteht. Löwe muss sich also entscheiden und rückt weiter mittig. Diese Option hätte vielleicht eher ein nachrückender Mittelfeldspieler schließen müssen, sodass er bei Krauß bleiben kann. (Um diese Situation endgültig bewerten zu können, fehlt mir aber das spezifische Fachwissen.)

    Erfolgreiche Anpassungen

    Mit dem Rückstand wurde es für Dynamo nun noch schwerer, Gefahr zu kreieren. Nürnberg agierte zunächst noch etwas tiefer und überließ der SGD noch mehr den Ball. Dynamo war erst in der Lage, die vielversprechenden Ansätze von Spielbeginn weiterzuführen, nachdem man in der Halbzeit einige Details anpasste.

    Erstens half die Einwechslung von Herrmann, der schon allein durch sein kluges, flexibles und kreatives Spiel mit Ball das Übergangsspiel verbessern kann. Mit dem Wechsel ging jedoch auch einher, dass sich nun Kade auf links und Daferner etwas zentraler orientieren konnte, was mehr ihren Stärken entsprach.

    In diesem Zusammenhang verbesserte sich auch die Gesamtstruktur der SGD. Zu Beginn des Spiels schien es mir schon so, als wolle man etwas asymmetrisch agieren. Konstant und konsequent hat man das jedoch erst in Hälfte 2 getan. Schmidt meinte, man agierte dann „mutiger“, vielleicht hat das auch die Positionierung beeinflusst. Diese Matchplan-Struktur sah wie folgt aus:

    Dynamo agiert auf jeden Fall auf Basis der Raute. In eigenem Ballbesitz orientierte sich ein Achter (in der ersten Hälfte der rechte, später mit Kade der linke) etwas aggressiver und höher nach vorn, während der Achter der Gegenseite tiefer zurück rutschte. In HZ2 gab letzterer sogar im Aufbauspiel situativ die Breite, was damit einher ging, dass Rechtsverteidiger Becker etwas zurückblieb, während auf der anderen Seite Löwe höher schob. 

    Diese Asymmetrie (die mich an die Aufbau-Asymmetrie gegen Wiesbaden im letzten Jahr erinnert, siehe die DynamoTV-Doku) brachte einige Vorteile mit sich, auch im Vergleich zur ersten Hälfte. Zunächst öffnete es bessere Passwege ins Zentrum, was flachere Kombinationen im Aufbau ermöglichte und/ oder das gegnerische Mittelfeld herauslocken konnte, um es dann zu überspielen. 

    Dynamos asymmetrischer Aufbau #1 – hohe Positionierung von Kade drückt Mittelfeld des FCN zurück, Passwinkel einfacher da gegnerischer Flügel Löwe nicht kontrollieren kann, flache Kombinationen zB zwischen Löwe, Kade, Aidonis besser möglich
    Dynamos asymmetrischer Aufbau #3 – Dreiecksbildung auf rechts mit 8er/ AV/ IV, flexibler 8er erschwert Pressing für gegn. Flügel, hier Lösung über Außen möglich
    Dynamos asymmetrischer Aufbau #3 – Dreieck, flexibler 8er, hier Kombination durchs Zentrum möglich

    Gleichzeitig brachte Dynamo so mehr Personal in höheren Zonen zwischen die Linien, weswegen man nun auch mehr lange Bälle auf Daferner (und später Mai) spielen konnte. Mehr Personal bedeutete bessere Chancen auf den zweiten Ball, mehr Möglichkeiten im Anschluss und eine bessere Absicherung durch Gegenpressing. 

    Dynamos asymmetrischer Aufbau – Mittelfeld herausgelockt, viel Personal in hohen Zonen für langen Ball

    Mehr Gefahr in der Schlussoffensive

    So konnte Dynamo in Halbzeit 2 deutlich mehr Gefahr kreieren, auch wenn das letzte Drittel mit vielen Flanken immer noch sehr einseitig blieb (siehe die letzten Wochen und unsere Diskussionen im #SGD1953-Podcast, wo wir das Spiel auch genauer diskutieren). Selbst agierte man mutiger und präziser, kam so in erfolgsversprechendere Strukturen; auch profitierte man von zunehmender Ungenauigkeit des Gegners in Ballbesitz und dessen Problemen, den Zwischenlinienraum zu verteidigen (weswegen Klauß dann auch nochmal auf eine Art 4222 umstellte). 

    Fazit

    Alles in allem hätte man so daher schon ein Unentschieden verdient gehabt. Am Ende hat es jedoch nicht gereicht. Trotzdem glaube ich, dass das insgesamt eine ordentliche Leistung der SGD war. In der Bewertung gilt es schlicht zu differenzieren. Es war keineswegs alles gut. Gegen einen sehr starken Gegner war man gerade in Halbzeit 1 individuell unterlegen und offenbarte einige Probleme im Ballbesitz. Auch die sonst so starke Aggressivität (vor allem im Gegenpressing) habe ich phasenweise leicht vermisst. Doch es war auch keineswegs alles schlecht. Die Ansätze für erfolgreiche Chancenerarbeitung waren da, gerade im Vergleich zu den letzten Wochen. Nach klugen Anpassungen in der Halbzeit konnte man diese auch vermehrt gut umsetzen und einige Male torgefährlich werden. Dass man am Ende verliert, ist schade, aber einfach hinzunehmen. Die Leistung, die viel wichtiger als das Ergebnis ist, war am Ende in Ordnung und auf diesen Ansätzen gilt es aufzubauen.