Am Samstag trifft die SGD am 7. Spieltag der 3. Liga auf die zweite Mannschaft des BVB aus Dortmund – eine junge Mannschaft mit vielen spannenden Eigenschaften, sowohl auf individueller als auch kollektiver Ebene. Wir schauen uns hier in der Vorschau einmal genauer an, was den kommenden Gegner ausmacht.
Kontext, Denkweise, Grundordnung, Personal
Bei einer zweiten Mannschaft denkt man Fußball naturgemäß etwas anders als beispielsweise hier in Dresden. Dort geht es schließlich hauptsächlich und primär darum, die vorhandenen Einzelspieler so gut es geht weiterzuentwickeln. Denn idealerweise lande davon vielleicht fünf oder sechs Jungs in den kommenden Jahren in der Bundesliga.
Dementsprechend besteht der Kader des BVB II auch aus sehr vielen jungen Talenten, die mit verschiedensten kulturellen und fußballerischen Hintergründen ein Team formen. Neben einigen erfahrenen Führungsspielern, vereinzelten soliden Positionsspielern gibt es also wirklich viele, die in den obersten Talentkategorien anzusiedeln sind. Da geht die Prognose dann nicht Richtung 2. Bundesliga, sondern eben vermehrt auch bis in die Champions League.
Diese Spieler haben dann natürlich auch stets einige sehr deutlich herausstechende Waffen. Sei es ein variantenreiches 1v1 oder eine brutale Physis – die Anlagen sind bei vielen Spielern äußerst vielversprechend. Gleichzeitig fehlt ihnen in vielen Fällen noch eben jene Reife, diese Anlagen konstant effektiv auf den Platz zu bringen. Das wiederum rückt dann zudem vermehrt die paar wenigen Schwächen in den Fokus, die jeder Spieler irgendwo hat. Zumal die naturgemäß hohe Kaderfluktuation diesem eher schädlich ist.
Dementsprechend ist auch die Dortmunder Zweitvertretung individuell und kollektiv äußerst spannend, agiert in vielen Phasen jedoch auch noch sehr wild. So spiegeln die bisherigen Ergebnisse dieser Saison nicht unbedingt das wieder, was diese Mannschaft eigentlich zu leisten imstande sein kann. Während Dynamo also sehr auf Ersteres Acht geben muss, bietet Letzteres durchaus größere Angriffsflächen.
Grundordnung – 4231 gegen Waldhof Mannheim.Grundordnung – 3412 gegen SC Freiburg II.
Muster im organisierten Ballbesitz
Mit dem Ball versucht Trainer Christian Preußer beim BVB, seine Mannschaft mit allgemein-gültigen Prinzipien so anzuleiten, dass diese innerhalb derer Grenzen die überragenden Waffen der Einzelspieler flexibel und individuell zum Einsatz bringen kann.
Spieleröffnung und Spielaufbau laufen dabei grundsätzlich entweder aus einer 3+1- oder 4+1-Staffelung. Dabei positionieren sich die Spieler in erster Reihe sehr flexibel in die Schnittstellen des gegnerischen Pressings, wobei insbesondere dem kompletten, aber unerfahrene Ankersechser Kamara eine aktive Rolle im Freilaufverhalten zufällt. Das restliche Personal schiebt derweil flexibel in höhere Zonen, sodass wahlweise 415- oder 316-ähnliche Gesamtstaffelungen entstehen. So wird die gegnerische Kette in Breite und Tiefe gebunden.
Hauptsächlich gibt es beim BVB II dann zwei grobe Muster im Spielaufbau und -übergang. Zunächst sucht man stets den Weg durchs Zentrum. Durch flexibles Positionsspiel und aktives Freilaufverhalten soll der Ankersechser so freigespielt werden, dass er aufdrehen kann. Das hohe Personal agiert flexibel und bietet immer wieder gegenläufig tiefe und kurze Optionen an. Kann der Sechser aufdrehen, hat er so entweder die Möglichkeit direkt einen Tiefenlauf eines Angreifers zu bedienen oder kann einen sich zwischen den Linien in der Schnittstelle anbietenden Mitspieler finden. Letzterer könnte ebenfalls aufdrehen, aufs Tor dribbeln und den Tiefenball oder den Abschluss suchen. Diese Art Aktion setzt der BVB meist wirklich effektiv um, da man zahlreiche gute Tiefenläufer (Njinmah!) und Zwischenlinienraumspieler (Eberwein) hat. Einziges Problem ist, dass im Aufbau häufig das Rhythmusgefühl und in vorderer Linie die Genauigkeit im Positionsspiel fehlt. So passt teils das Timing der verschiedenen Mitspieler nicht zueinander und viele unvobereitete Angriffe können genau deshalb nicht effektiv zu Ende gespielt werden.
[Beispielszene] BVB in Ballbesitz – aus flexiblem Aufbau dreht Kamara auf, Eberwein beläuft super die Schnittstelle, Kamara spielt überragenden progressiven Ball, Eberwein kann aufdrehen, andere Angreifer bieten Tiefe.Die Alternative zum Spiel durchs Zentrum ist das Nutzen der starken 1v1-Spielern auf dem Flügel. Insbesondere wenn der BVB hoch zurückgepresst wird, sind die beiden meist offensiv besetzten Breitengeber stets eine gute Exitoption. Diese setzen dann wiederum das Spiel sofort mit hohem Tempo nach vorn fort, um Torgefahr zu kreieren. Sie dribbeln dynamisch diagonal ins Zentrum, während entgegengesetzt diagonale Tiefenläufe der weiteren Angreifer den Raum freiziehen und gleichzeitig Optionen für Tiefe und Steil-Klatsch-Abfolgen bieten.
[Beispielszene] BVB in Ballbesitz – Pasalic ist Exit-Ball für den Keeper, geht sofort diagonal und dynamisch aufs Tor, Njinmah bietet gegenläufig Tiefe.Klappen beide dieser Optionen nicht, kann Dortmund immer noch den gezielten langen Ball spielen. Einerseits kann man so direkt einen Tiefenlauf bedienen. Andererseits bietet die Vielzahl an hohem Personal plus die dann noch zusätzlich hoch schiebenden und intensiv nachrückenden Außenverteidigern gute Voraussetzungen für den Kampf um den zweiten Ball, von welchem es wiederum schnell auf die Kette oder in die Tiefe gehen soll.
In der Chancenerarbeitung geht es dem BVB also stets darum, mit Tempo auf die Ketten des Gegners zu laufen zu können. Von dort soll und wird der direkte Weg aufs Tor gesucht. Ab und an muss man zwar auch im letzten Drittel auf den Flügel ausweichen – doch auch dann bieten die zahlreichen Angreifern eine gefährliche Boxbesetzung. (Wenngleich auch hier wieder die Wildheit als einziges Problem im Bereich der Umsetzung zu nennen ist. Teils stimmen Raumbesetzung und Timing nicht, sodass vielversprechende Ausgangssituationen verpuffen.)
Muster im Pressing
So direkt das Ballbesitzspiel des BVB ausgeführt wird, so intensiv ist dessen Pressing. Gleich in welcher Struktur verteidigt man stets mit einem offensiven Grundgedanken und hoher Intensität und Aggressivität. Meist spielt man dabei komplett Mann gegen Mann. Teils entstehen auf Basis dessen auch 433-artige Staffelungen im Angriffspressing, wobei der Gegner auf eine Seite gelenkt und dort zugeschoben wird. Zieht man sich ballfern aufmerksam zurück, hat man so zumindest in letzter Linie einfache Überzahl.
[Beispielszene] BVB im Angriffspressing – mannorientiertes 433, Lenken nach rechts, ballferner Rückzug gibt +1-Überzahl in letzter Linie.Im Spiel gegen Mannheim agierte der BVB außerdem in Phasen in einem 4231-Mittelfeldpressing. Während im Zentrum stark mannorientiert gearbeitet wurde, orientierten sich auch die Flügelspieler eher an den Außenverteidigern (statt an dem Passweg in den Halbraum). Das bedeutete viel Laufarbeit für die Dortmunder Mittelfeldspieler, ging aber aufgrund derer in diesen Bereichen deutlich ausgeprägten Stärken weitgehend gut.
[Beispielszene] BVB im Mittelfeldpressing – mannorientiertes 4231, Flügel auf AV, Stürmer Njimah löst aus, IV kann aber andribbeln, Mannorientierungen im Zentrum müssen stimmen, sonst Klatsch- und Verlagerungsgefahr.Dennoch konnten die Mannheimer situativ auch die Schwächen stark mannorientierter Systeme aufzeigen. Über flexibles weiträumiges Freilaufverhalten, lokalen Überladungen oder Rochaden kann man leicht Übergabemomente beim Gegner forcieren, während derer kleine Raum- und Zeitvorteile für die eigene Mannschaft geschaffen werden können.
Dazu kommt außerdem, dass insbesondere das Dortmunder Anlaufen in vorderster Front nicht immer sauber ausgeführt wird. Diese Wildheit kann dann doch nicht immer durch die hohe Intensität der Dortmunder Verteidiger aufgefangen werden. (Zumal auch einige davon wiederum noch etwas unreif im Zweikampfverhalten agieren und so beispielsweise viele Standards verursachen.)
Muster in den Umschaltphasen
Dennoch bringt der BVB auch im Umschalten nach Ballverlust eine sehr hohe Intensität auf den Platz. Dabei hilft die mutige, weil hohe und enge Staffelung in Ballbesitz, wo beispielsweise auch die Halbverteidiger weit hoch schieben. Bei Ballverlust schieben insbesondere dese mutig und wuchtig hoch, um dem Ballführenden Druck zu geben und dessen Optionen zu schließen. Gelingt es dem Gegner jedoch, das Gegenpressing zu überspielen, steht der BVB meist sehr riskant 1v1 auf der letzten Kette.
Nach Ballgewinn schaltet der BVB derweil sehr schnell um, um ähnlich wie im organisierten Ballbesitz in kürzester Zeit mit Dynamik auf das gegnerische Tor zugehen zu können. Der erste Blick geht stets tief, sofort werden Tiefenläufe angeboten. Auch hier klappt weiterhin das „Kommen und Gehen“, also das Arbeiten mit gegenläufigen Bewegungen intuitiv und damit letztlich gefährlich.
Fazit
Alles in allem hat der BVB durchaus einige wirklich große Waffen. Mit hoher Intensität und geradlinigem Denken in Ballbesitz können die Dortmunder dem Gegner in jeder Spielphase weh tun. Gleichzeitig müssen sie das aber auch konstant auf den Platz bringen.
Aus Dynamosicht mag diese Einschätzung Dejá-Vù-Gefühle hervorrufen. Letztlich wird für das Spiel am Samstag also vor allem entscheidend, wer dem jeweiligen Gegner durch ein selbstbewusstes und stabiles Auftreten das eigene Spiel besser aufdrücken kann. Gelingt das Dynamo, hat man auf Dresdner Seite ebenfalls verschiedenste Waffen, die zweite Mannschaft des BVB zu schlagen.
Am Sonntag steht der SGD das Sachsenderby gegen den FC Erzgebirge aus Aue bevor. Was erwartet Dynamo im Schacht? Ich habe mir den Gegner einmal intensiver angesehen, sodass wir dessen Spielweise unter Timo Rost hier mal tiefgründiger aufschlüsseln können.
Strategie, Denkweise, Personal, Kontext
Der Saisonstart der Auer lief denkbar schlecht. Dem Abstieg aus Liga 2 folgte ein noch größerer Umbruch als der der SGD. Mit Timo Rost verpflichtete man einen Aufstiegstrainer aus Bayreuth, der gleich einige Spieler aus dieser Region mitzubringen schien.
Rost ist ein Trainer, der für Arbeiterfußball steht. Er fokussiert sich bewusst auf das Spiel gegen den Ball und stellt die Aspekte Kampf, Leidenschaft und Dynamik in den Vordergrund aller Spielphasen.
Mit einem risikoreichen Ansatz inklusive zahlreicher Offensivspieler holte Aue unter Rost zu Saisonbeginn jedoch nur zwei ganze Punkte. Erstaunlicherweise warf er zum Spiel gegen den FC Saarbrücken schon nach vier Spielen alles über den Haufen und orientierte sich entlang dem in Situationen von Unsicherheit im Fußball häufig gewählten Prinzip: Die Rückkehr zum Einfachen bringt Stabilität und Sicherheit. Werfen wir einmal einen Blick auf diese beiden Auer Herangehensweisen.
Aues Grundordnung – Offensives 4132 zu Saisonbeginn.Aues Grundordnung – Klassisches 442 für Sicherheit.
Muster im Spiel mit dem Ball
Das typische Ballbesitzspiel unter Timo Rost folgt zwar wenigen, aber klaren Mustern. Egal ob ein klares 4132 oder eher 442-artigen Staffelungen – es geht immer um Direktheit und Tiefe anstelle von Verspieltheit und Breite. Dafür wird die ballnahe Seite extrem überladen und stets die Dynamik gesucht.
Die Spieleröffnung aus einem ruhenden Ball läuft meist durch die flache 4er-Kette bis auf die Außenverteidiger. Diese werden nun mit viel Personal auf engem Raum unterstützt. Zahlreiche Zentrumsspieler bieten sich flexibel in den Schnittstellen des Gegners an und versuchen, die Situation aufzulösen und anschließend schnell zu verlagern. Gleichzeitig bieten die beiden Stürmer stets auch flexible Tiefenläufe an. Denn: Wenn der schnellste Weg zum Tor offen ist, wird er auch mit einem langen Ball gesucht. Insbesondere in Spielphasen von Unsicherheit greift Aue dementsprechend darauf zurück – entweder über einen Chip in die Tiefe oder an die letzte Kette, die durch die Vielzahl an hohem Personal quantitativ stark besetzt ist.
[Beispielszene] Aues Spieleröffnung – Pass auf AV, Schnittstellen plus Tiefe.Im Übergangsspiel gelten bei Aue wiederum die Tendenzen der flexiblen Flügelüberladungen, die aufgelöst und in Flanken oder in Verlagerungen auf den ballfernen Außenverteidiger enden sollen. Dieser kann dann wiederum in die Box flanken – dies ist das Auer Mittel der Wahl in der Chancenerarbeitung. Sehr früh orientieren sich viele Offensivspieler in die Box und versuchen, eine Flanke zu verwerten.
[Beispielszene] Aues Übergang – Flügelüberladung (1), AV als Verlagerungsoption (2), frühe Boxorientierung (3), Flankenfokus.Dies sind nun keine super komplexen Mittel im Offensivspiel, sind aber definitiv genauso legitim wie andere. In einigen Phasen der letzten Spiele sah das bei Aue sogar ziemlich gut oder zumindest sehr ordentlich aus. Über weite Strecken hat der FCE aber ein großes Problem: Die Sauberkeit. Die Grundideen passen, doch die ganzen Details stimmen häufig nicht. Oft ist das Positionsspiel sehr unsauber, sodass dem Ballführenden nur der lange Ball als Anspieloption bleibt. Im Kombinationsspiel passen zudem die Passqualität und das entsprechende Timing selten zusammen. Insgesamt geht Aue auch ein reifes Rhythmusgefühl im eigenen Spiel ab. Immer wieder sucht man sofort die Vertikale, wenngleich man dabei häufig nicht gut genug darauf vorbereitet ist. Damit ist das Auer Spiel alles in allem durch viel Stückwerk und vor allem individuell gute Lösungen aus Drucksituationen geprägt.
Muster im Spiel gegen den Ball
Gegen den Ball agiert Aue unter Timo Rost mit einem hohen Grad an Mannorientierung über das ganze Feld. Dabei geht man bewusst große Risiken ein, steht mit der letzten Linie sehr hoch und verschiebt ebenso extrem auf die ballnahe Seite.
Ruhende Bälle stellt man direkt mannorientiert zu, auch wenn das bedeutet, dass beispielsweise ein nomineller Außenverteidiger bis weit in den 6er-Raum schiebt. Sowohl im Angriffs- als auch Mittelfeldpressing agiert man aus einem klaren 4132, aus dem man den Gegner klassisch auf eine Seite lenkt und dort mannorientiert zuschiebt.
[Beispielszene] Aues Angriffspressing – klares 4132, hohe Mannorientierung, AVs im Zentrum, 1v1 an letzter Kette.Während Rost dabei eine hohe Intensität einfordert und die Auer diese bisher auch weitgehend ordentlich aufs Feld gebracht haben, ergeben sich in diesem Pressing einige Probleme:
Zum einen ist da die grundsätzlich sehr hohe Positionierung zu nennen, deren Risiko zudem durch das häufige 1v1 an der letzten Kette und ungenügendes Durchsichern und Rückzugsverhalten der Außenverteidiger verstärkt wird. Zumal insbesondere die Auer Innenverteidiger und 6er (Nkansah, Sorge, Taffertshofer) große individuelle Probleme hinsichtlich ihrer Beweglichkeit und Dynamik haben. So werden beispielsweise auch lange und zweite Bälle zum Problem, wenn die zentralen Räume nicht schnell genug geschlossen werden und dazu noch einige Mittelfeldspieler nicht die stärkste Physis und Intensität mit auf den Platz bringen (Stefaniak, Schreck).
Oft ist Aues Pressing auch strukturell sehr wild. Balldruck und mannorientiertes Verfolgen ist wichtig und richtig, doch auch hier stimmt oft die Abstimmung und Sauberkeit nicht. Beispielsweise passiert es teils, dass plötzlich zwei oder sogar drei Spieler auf den Ballführenden wild durchpressen und dadurch große Räume im Rücken aufgehen. Auch auf einen 3er-Aufbau schieben die Auer weiträumig mannorientiert durch, ohne das Zentrum ausreichend schließen zu können. Gerade im 6er-Raum gerät Aue oft durch solche unpassenden Abläufe in Unterzahl, was angesichts der fehlenden Dynamik eines Taffertshofers verheerend sein kann.
Muster im offensiven Umschalten
Gelingt den Auern dennoch mal ein Ballgewinn, können sie über ein direktes Umschaltspiel sofort gefährlich werden. Der erste Blick geht immer tief, ähnlich wie im organisierten Ballbesitz starten einige Offensivspieler sofort in die Tiefe. Das kann vor allem gefährlich werden, da Aue häufig mit zwei oder sogar drei hoch bleibenden Spielern auf einen solchen Konter zockt. Manchmal fehlt dabei zwar eine kluge Gegenbewegung und Klatschoption. Insgesamt ist das offensive Umschalten aber die Spielphase, in der Aue am meisten Gefahr ausstrahlt.
Muster im defensiven Umschalten
Auch für das Umschalten nach Ballverlust stellt die grundsätzlich sehr enge ballnahe Struktur eine gute Ausgangssituation für Aue dar. Das aktive Gegenpressing läuft bisher aber dennoch eher vereinzelt und inkonstant. Problematisch ist vor allem die Restverteidigung, die der Gegner nach dem Lösen aus dem Gegenpressing oder nach Ballgewinnen außerhalb der hohen Struktur attackieren kann. Bei fünf hohen Angreifern und zwei offensiv denkenden Außenverteidgern im 4132 hat man schon strukturell wenig Zugriff auf die Räume dahinter. Dazu steht man wiederum häufig sehr hoch, wild strukturiert und 1v1 in der letzten Kette – die sich zudem nicht primär durch Dynamik und Beweglichkeit auszeichnet. Das Rückzugsverhalten der Angreifer lässt häufig ebenso zu wünschen übrig.
[Beispielszene] Aue in Ballbesitz – Restverteidigung sehr riskant.
Die Sicherheitsalternative
Angesichts dieser zahlreichen Probleme und Unsauberkeiten sowohl mit als auch gegen den Ball, die vor allem die Details des taktischen Plans betreffen, ist der schwache Auer Saisonstart durchaus nachzuvollziehen. Dennoch kam es in der letzte Woche überraschend, dass Trainer Timo Rost für das Spiel gegen Saarbrücken viele dieser Abläufe schon zu Saisonbeginn komplett über den Haufen warf.
Für Sicherheit und Stabilität beschränkte er das Auer Spiel auf ein simples, klassisches, eigentlich mehr raumorientiertes 442-Mittelfeldpressing. Mit Ball ging es ausschließlich um lange und zweite Bälle, um so schnell wie möglich in die Tiefe zu kommen und/ oder zumindest Standards zu erhalten.
Zwar holte man damit ein Unentschieden gegen einen grundsätzlich starken Gegner und hätte das Spiel eventuell mit einer sehr guten Chance sogar gewinnen können; doch wirklich stabil schien auch dieses Konstrukt nicht zu sein. Schon rein strukturell hatte Saarbrücken sowohl im klassischen 433 als auch im situativen 3er-Aufbau überall Überzahl. Zudem konnte man das immer noch sehr mannorientierte Denken der Auer durch kluge Raum-ziehende Bewegungen vergleichsweise einfach ausnutzen, um Räume im Zentrum zu öffnen. Letztlich hätte man diese vielversprechende Ausgangslage schlicht nur zielstrebig und konsequent ausspielen müssen.
[Beispielszene] Aues Pressing – mannorientiert gegen 316, Gegner hat überall Überzahl.
Fazit
Wenngleich es dem FCS in der letzten Woche nicht gelang, wird genau das sie Aufgabe der SGD sein. Gelingt es, dem Gegner das eigene Spiel selbstbewusst über die gesamten 90 Minuten aufzudrücken, sollte einem dieser genug Möglichkeiten zur Torerzielung bieten – gleich welche Herangehensweise die Auer dieses Mal wählen werden. Ob das in einem emotional aufgeladenen Derby genau so funktioniert, werden wir am Sonntag beobachten können.
Am Samstag kämpft die SGD zum zweiten Spieltag der 3. Liga gegen den Halleschen FC um die ersten drei Punkte der neuen Saison. Dabei trifft man auf einen ambitionierten Gegner, der aber in seiner Entwicklung auf dem Feld noch in den Kinderschuhen steckt. Ich habe mir die letzten beiden Spiele des HFC angesehen, sodass wir hier Dynamos kommenden Gegner noch einmal genauer unter die Lupe nehmen können.
Strategie, Denkweise, Kontext, Grundordnung
Der Hallesche FC verfolgt unter Trainer Meyer einen grundlegend aktiven, ballbesitzfokussierten und idealerweise dominanten Spielansatz. Mit flexiblem hohen Pressing sollen schnelle Ballgewinne und zahlreiche eigene Ballbesitzphasen ermöglicht werden. Dabei versucht man, über kontrollierte Zirkulation, einem klaren Positionsspiel und dem stetigen Fokus auf spielerische Lösungen Dominanz und Torgefahr zu kreieren. Dafür bewegt sich Meyer nahezu ausschließlich auf dem Spektrum 325-ähnlicher Staffelungen.
HFC – Aufstellung im Spiel gegen Lok Leipzig.HFC – Aufstellung im Spiel gegen den FSV Zwickau.
Aktuell fällt es Halle jedoch schwer, aus diesem Spielansatz zwingende Effektivität zu kreieren. Das hängt zum Beispiel an individuellen Qualitätsproblemen – insbesondere in der nun anlaufenden Saison, da der HFC in diesem Sommer u. a. mit Shcherbakovski und Eberwein einige leistungsstarke Stammkräfte abgeben musste. Dementsprechend braucht das gesamte Team noch etwas Zeit.
Muster im organisierten Ballbesitz
Der Fokus der Hallenser liegt unter Coach Meyer auf dem eigenen Ballbesitz. Über ein klares Positionsspiel, das am Ende Variationen des 325 ergibt, sollen Angriffe über kontrollierte Zirkulation vorbereitet und mithilfe sauberer flacher Kombinationen vor das gegnerische Tor gebracht werden.
Im tiefen Spielaufbau staffeln sich dafür die drei Verteidiger asymmetrisch, sodass unter Einbeziehung des Keepers eine Art flache 4er-Kette entsteht. Das kann auf beiden Seiten passieren, je nach Gegner und Kontext trauen sich die Hallenser die aktive Einbeziehung des Torwarts zudem auch in höheren Zonen (dazu später mehr).
[Beispielszene] HFC im tiefen Aufbau – Asymmetrische Staffelung der 3er-Kette.Spielt der HFC gegen Angriffspressing, werden vor allem die Zentrumsspieler entscheidend zum Überspielen der ersten Pressinglinie des Gegners. Meist füllt ein Sechser jeweils ballnah das Dreieck mit Halb- und Flügelverteidiger auf. Aus der Vielzahl an Personal an der letzten Kette des Gegners werden derweil die Räume zwischen den Linien aufgefüllt, indem zum Beispiel ein Zehner im Halbraum andockt, das Dreieck zur Raute macht und somit eine Anschlussoption bietet.
[Beispielszene] HFC im Aufbau – Rautenbildung auf dem Flügel.Zum Beispiel könnte man so nach dem Anlocken des gegnerischen Mittelfelds über ein kurzes Klatschen im tiefen Dreieck direkt darüber in die Räume im Rücken chippen und aufdrehen. Oder es gelingt, den Druck des Gegners über flache Kombination in der Raute aufzulösen. In den letzten Wochen und insbesondere im Spiel gegen Zwickau hatte Halle dabei jedoch große Probleme.
Indem ein Zwickauer Sechser im Angriffspressing auf seinen gegnerischen Counterpart mannorientiert hoch schob, die beiden Stürmer den Hallenser Aufbau auf einen Seite lenkten und dort nun äußerst aggressiv zugeschoben wurde, konnte Halle häufig nur unkontrolliert nach vorn schlagen. Dabei war zum einen entscheidend, dass die Passqualität bezüglich Präzision und Schärfe unter den Innenverteidigern sehr dürftig, mindestens inkonstant war. Dazu war das Freilaufverhalten der Sechser (insbesondere vom unbeweglichen und undynamischen Samson!) weitgehend zu inaktiv, um rechtzeitig die nötigen Optionen im Halbraum zu generieren. Und wenn dies mal gelang, kamen die Zentrumsspieler (situativ auch mal ein fallender 10er) mit geschlossener Körperstellung und ohne Dynamik entgegen, hatten einen hart attackierenden Gegner im Rücken und brauchten technisch zu lang, um den Ball erfolgreich weiterzuverarbeiten. Selbst wenn das klappte, blieben dem Ballführenden auf dem Flügel häufig nur wenig Anschlussoptionen, weil das Freilaufverhalten der Mitspieler in die Schnittstellen auf engem Raum ungenügend war.
[Beispielszene] HFC im Aufbau – Samson agiert zu undynamisch und bietet keine Klatschoption.Steht die erste Aufbaulinie gegen Mittelfeldpressing etwas weiter im Spiel kann zwar situativ der Torwart weiter für diese flache 4er-Staffelung eingebunden werden; meist folgt aber ein klassisch breiter 3er-Aufbau, der aufgrund des geringeren Risikos insbesondere gegen ein Topteam wie die SGD auch im kommenden Spiel zu erwarten ist. In jedem Fall wird das Positionsspiel im 325 nun noch klarer, indem die Flügelverteidiger bis an die letzte Linie hoch schieben und die Zwischenlinienräume im Halbraum durch die 10er besetzt werden. Oft schiebt auch noch einer der beiden Sechser mit in den Zwischenlinenraum.
[Beispielszene] HFC im Aufbau – Klares Positionsspiel im 325/ 316 unter Einbeziehung des Torwarts.Durch kluge Positionierungen in diesem Rahmen mit passendem Timing versucht der HFC nun, die gegnerischen Linien zu überspielen. Im höheren Aufbau und mehr vorbereitender Zirkulation nutzt man dafür primär das flexible Dreieck aus Halbverteidiger, Flügelverteidiger und 10er. Bei passender Positionierung könnte man dabei zum Beispiel direkt über einen Vertikalball von Halbverteidiger auf 10er zwischen die Linien kommen. Klappt das, lässt dieser auf den Flügelverteidiger klatschen, der dann einen diagonal in den Rücken des herausgezogenen Außenverteidigers startenden Stürmer direkt in die Tiefe schickt.
[Beispielszene] HFC im Übergang – Bei gutem Positionsspiel ergeben sich mehrere vielversprechende Kombinationsmöglichkeiten. Dabei tendiert die Entscheidungsfindung der Hallenser tendenziell zum Flügel. Am häufigsten klappt der Ablauf Halbraum-Flügel-Tiefe.Weil für den direkten Ball zwischen die Linien die Positionierungen und das Timing meist zu unsauber sind, wählt der HFC oft den direkten Weg auf den Flügel. Dort kommt der Flügelverteidiger dem Halbverteidiger leicht entgegen und fokussiert stets eine diagonale Passlösung ins Zentrum, wo sich meist der Halbraumspieler kurz anbietet. Dieser könnte nun beispielsweise aufdrehen und/ oder wiederum einen Stürmer tief schicken.
Doch diese Art von Aktionen klappt beim HFC selten. Ein Grund dafür ist das noch unrunde und selten passende Attackieren der Tiefe. Während das im obigen Beispiel einmal klappte, gelingt es der Mannschaft insgesamt noch zu selten, kluge Tiefenläufe anzubieten, um so Raum und/ oder Anschlussoptionen für solche Aktionen zu schaffen. Sicher hat das auch damit zu tun, dass viele der Hallenser Angreifer eher Spieler sind, die den Ball in den Fuß haben wollen. Ohne große Tiefenandrohung kann der Flügel bzw. der Pass in den Halbraum aber leicht zugeschoben werden. Den Ball erhält dann ein leicht zu pressender Spieler in geschlossener Körperstellung. Gelingt es diesem dennoch aufzudrehen, fehlen Anschlussoptionen.
[Beispielszene] HFC im Übergang – Tiefe kommt zu spät. Keine Anschlussaktion vom Flügel weg.Manchmal attackiert ein Halbraumspieler schon die Tiefe, wenn der Ball zum Flügelverteidiger kommt. Das ist sinnvoll, weil Raum ziehend, verlangt jedoch auch eine Anschlussoption zwischen den Linien durch einen weiteren durchrutschenden Zwischenraumspieler. Dieser fehlt aber oft.
Neben der fehlenden Tiefe sind auch die Sechser Teil des Problems der fehlenden Anschlussaktionen vom Flügel oder Halbraum. Es wäre wie im obigen Beispiel eine weitere Option, den Halbraumspieler anzuspielen, sodass er wieder auf eine tiefere Ebene klatschen lassen kann und von dort verlagert wird. Damit hätte man den Gegner auf einer Seite angelockt und ballfernen Raum zum dynamischen Attackieren geschaffen.
Ich glaube wahrgenommen zu haben, dass diese Verlagerungen von Meyer durchaus stark fokussiert werden. Bekommt der ballführende Sechser keinen Druck, attackiert stets der ballferne Flügelverteidiger die Tiefe, womit er sofort in die Assist Zone kommen würde. Situativ kam man damit in den letzten Spielen gefährlich aufs Tor. Auch eine flache Verlagerung in den offenen ballfernen Halbraum wäre möglich und sinnvoll (wenn ihn jemand besetzt).
Für mehr Quantität dieser Aktionen fehlten aber wiederum präzisere Staffelungen. Insbesondere die bzw. der Sechser müssten weitere Wege gehen und die jeweiligen Schnittstellen genauer besetzen. Während das Freilaufverhalten in die Schnittstellen bei den zentralen Offensivspielern bisher weitgehend gut klappt, haben damit die Flügelverteidiger, Sechser und Innenverteidiger größere Probleme.
In Verbund mit der nicht vorhandenen technischenPerfektion bezüglich der Ballverarbeitung und dem Passspiel (Es ist nunmal noch 3. Liga und nicht 1. Bundesliga …) bleiben viele Angriffe des HFC auf dem Flügel stecken.
Und wenn das Freilaufverhalten in den letzten Spielen dennoch einmal klappte, entschieden sich die Ballführenden trotzdem für ein weiteres Verweilen auf dem engen Flügel, anstatt über die Klatschoption die Ballferne zu suchen.
Ins letzte Drittel gelangt der HFC daher ziemlich selten. Insgesamt verfolgen die Hallenser einen spannenden, weil aktiven und modernen Ansatz. Dessen Umsetzung ist aufgrund zahlreicher kleiner Ungenauigkeiten jedoch bisher wenig effektiv. Wenn, kommt Torgefahr vor allem über jene Tiefenläufe, bspw. aus dem Halbraum oder über die Verlagerung auf den ballfernen Flügelverteidiger. Letzteres ist aktuell die größte Gefahrenquelle, die die SGD im Auge behalten sollte. Denn insbesondere wenn Flügelverteidiger gegen klassische 4er-Ketten angreifen, sind deren ballferne Läufe aufgrund der numerischen Verhältnisse schwierig zu verfolgen.
In jedem Fall kommt Halle dementsprechend vor allem über Flanken der Flügelverteidiger vors Tor. Dafür soll die Box quantitativ stark besetzt werden. Gefährlich kann dabei vor allem das Nachstoßen des ballfernen Flügelverteidiger mit Dynamik in den Rücken des Außenverteidigers sein. Gleichzeitig klappt das idealerweise gestaffelte Nachrückverhalten der Zentrumsspieler aktuell noch selten mit passendem Timing, sodass es meist nur bei einer Welle bleibt, beide Sechser meist außerhalb bleiben und der HFC so nicht nur wenig Chancen kreiert sondern dabei auch selten wirklich zwingende Wucht in der Box entwickeln kann.
Muster im defensiven Umschalten
Nach Ballverlust ist Halle durchaus ein Team, das sich am Gegenpressing versucht. Ballnah werden Ballführender und dessen Anspieloptionen in erster Reihe aggressiv angelaufen. Insbesondere über mutiges Rausrücken der Halbverteidiger versucht man, den Raum zu verknappen und den Ball schnell wieder zu gewinnen.
Insgesamt ist jedoch zu konstatieren, dass die Intensität der Hallenser dabei noch viel Luft nach oben hat. Viele Spieler agieren wenig dynamisch und aggressiv, haben zudem Probleme im harten Duellen. Damit ist das Gegenpressing in erster Linie teils wenig effektiv, zumal es manchmal eher auf individuellen als konsequent-kollektiven Anstrengungen beruht.
Gefährlich ist das für Halle vor allem, da die aus Innenverteidigern und Sechsern bestehende Restverteidigung oft individuelle Probleme in der Tiefensicherung hat. Nietfeld ist nicht der Beweglichste und Dynamischste, selbiges gilt insbesondere für Samson. Auch Vollert verliert bei dynamischen Situationen, in denen er das Spiel nicht vor Augen hat sondern seinen Rücken verteidigen muss, oft die Ruhe.
Zusätzlich sind die Außenbahnen des HFC mit Hug und Kreuzer mit Spielern besetzt, deren Rückzugsverhalten eher nicht als besonders laufstark zu bezeichnen ist. Insbesondere der ehemalige Dynamo verpasst es oft, rechtzeitig auf der ballfernen Seite durchzusichern. Gleichzeitig können auch die eher unbeweglichen Sechser diese Räume nicht immer balancierend schließen. Das Attackieren der Schnittstellen und Räume im Rücken der Flügelverteidiger wäre also eine vielversprechende Möglichkeit, den HFC im Konter zu schaden.
[Beispielszene] HFC nach Ballverlust – Zwickaus langer Ball offenbart 3v3-Situation- Hug ist weit weg, Kreuzer bleibt stehen.
Muster im offensiven Umschalten
Auf dem Umschalten auf Angriff scheint beim HFC eher wenig Fokus zu liegen. Wenngleich situativ klassische Konterabläufe (Gegenläufe, Kreuzen, etc.) zu beobachten sind, suchen die Hallenser Spieler eher seltener den direkten Weg nach vorn. Zumal es wiederum problematisch ist, dass dabei wenige Spieler mit dem Naturell Tiefenläufer im Hallenser Kader stehen.
Vielmehr sieht man viele weiträumige Dribblingbewegungen, denen dann aber teils die Anschlussoptionen fehlen. Wenn, dann bieten Bolyki, Damer und mit Abstrichen auch Müller eine gewisse Tiefengefahr. Insgesamt liegt der Fokus jedoch vielmehr auf vielen kurz kommenden Spielern, die sich klug in den Schnittstellen anbieten. Oft führt dann eine kurze Kombination aber nicht zu direktem Spiel sondern wieder zu Zirkulation in erster Linie und erneutem kontrollierten Spielaufbau.
Muster im Pressing
Das Pressing des HFC ist als Mittel zum Zweck für viele Ballgewinne und Ballbesitzphasen stets aktiv und hoch, wenngleich es in Struktur und Abläufen flexibel an Gegner und Kontext angepasst wird.
Gegen Zwickau waren zuletzt kurze Phasen in einem hohen, eher raumorientierten 523-Mittelfeldpressing zu erkennen. Dabei orientierten sich die 10er stark an den gegnerischen Außenverteidigern, während die Innenverteidiger keinen Druck bekamen. Das brachte vor allem große Räume in den Halbräumen mit sich, die die Innenverteidiger leicht und direkt bespielen konnten. HFC-Plan war, dass diese Räume über weit herausstechende Halbverteidiger geschlossen werden sollten. Da deren Wege über kluge Positionierung des Gegners und eine etwas zu tief gestaffelte Kette jedoch ziemlich weit wurden und auch die offensivdenkenden bzw. undynamischen Sechser Probleme hatten, die zentralen Räume zu covern bzw. die Bewegungen der Halbverteidiger auszubalancieren, ging mit der Herangehensweise jedoch sehr wenig Kompaktheit einher. Immer wieder konnte Zwickau direkt in den Halbraum spielen und im Anschluss auf die letzte Kette dribbeln.
[Beispielszene] HFC im Pressing – 10er an AV, viel Raum im Zentrum und zwischen den Linien.(Gegen Dynamo würden die HFC-10er dann vermutlich mit den Dresdner Außenverteidigern ins Zentrum rücken. Das wäre dann ziemlich voll, was aber gleichzeitig gute isolierte 1v1-Situationen auf dem Flügel schafft.
Angesichts dessen stellte Meyer gegen Zwickau schnell und dann auch gegen Lok Leipzig auf ein simples 1v1-Pressing um, was sich primär in einer 12-Staffelung der drei Angreifer signifikant manifestierte. Das eröffnet zunächst weniger klare Räume für den Gegner, birgt aber gleichzeitig andere Risiken. Primär, weil man beim 1v1-Verteidigen schlicht seine Einzelduelle gewinnen muss und dem HFC dafür die individuelle und kollektive Intensität fehlt – man so häufig keinen wirklichen Zugriff bekommt und/ oder den Zweikampf verliert. Zudem können so die Schwächen der Einzelspieler durch simple Mittel des Gegners in den Fokus gerückt werden.
Zum Beispiel hatte der HFC gegen Zwickau große Probleme in der Verteidigung von langen Bällen. Die letzte Kette stand teils zu tief, die Sechser und Flügelverteidiger zogen sich bei einem Chipball nicht rechtzeitig genug zusammen. So entstanden teils Gleichzahlsituationen an der letzten Reihe und viel Raum zwischen den Linien bzw. im Rücken der Flügelverteidiger. Gefährlich, zumal Halle auch hier wiederum individuelle Probleme mit einem im direkten Duell hart attackierenden Gegner hatte.
[Beispielszene] HFC im Pressing – Gegen lange Bälle offenbaren ungenügendes Rückzugsverhalten der Sechser (und Flügelverteidiger) große Räume im Zentrum.Anfangs schien es noch so, als sollten die HFC-Angreifer sich in dem mannorientierten 3412-Pressing noch deutlicher optionsorientiert zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger positionieren, um den Exitball auf letztere zu erschweren, das Spiel eher nach innen zu lenken, ggf. doch rückwärts auf die Außenverteidiger pressen zu können und damit ein extremes Herausrücken der Flügelverteidiger zu verhindern. Über die Zeit verlief sich das jedoch etwas und stand entweder weniger im Fokus oder wurde ungenau umgesetzt. In jedem Fall kann aufgrund der letzten beiden Spiele davon ausgegangen werden, dass der HFC diese Herangehensweise auch gegen die SGD nutzen wird.
Fazit
Letztlich ist der Hallesche Ansatz durchaus ein bewundernswerter. In der 3. Liga trauen sich nicht viele Durchschnittsklubs, aktiven Ballbesitzfußball zu spielen. Am HFC sieht man aber auch warum: Die individuelle Qualität ist teils problematisch. Um das zu kompensieren, müssten die Abläufe schon nahezu perfekt aussehen. Dahingehend braucht der HFC mit dem neu zusammengestellten Team schlicht noch einige Entwicklungsschritte. Zu Beginn der Saison bietet er damit aber auch zahlreiche Angriffspunkte, die die SGD am Wochenende ausnutzen kann. Agiert Dynamo gegen den Ball in den Mannorientierungen mit ordentlicher Härte und baut auf den bisher gezeigten vielversprechenden Ansätzen im klassischen Anfang-Ballbesitz auf, sollte ein dominantes (und hoffentlich) erfolgreiches Spiel möglich sein.
Zum Freitagabend empfängt die SGD den VfB Stuttgart zu einem Pokalfight unter Flutlicht. Während Dynamo in einer etwas chaotischen Partie am ersten Spieltag der 3. Liga 3:4 schon gegen 1860 München verlor, ist der Pokal für die Schwaben der Saisonbeginn. Vor diesem Hintergrund habe ich mir zwei Spiele des VfB angesehen und schaue hier einmal genauer auf Dynamos kommenden Gegner.
Strategie, Denkweise, Grundordnung, Personal
Der VfB Stuttgart ist unter Trainer Pellegrino Matarazzo ein Team, das aktiven und offensiven Fußball spielt. Dabei dienen ein flexibles Pressing und mutiges Gegenpressing dazu, Dominanz zu kreieren und über zielstrebigen Ballbesitz Gefahr zu kreieren.
Matarazzo denkt Fußball ganzheitlich. Übergreifende Prinzipien prägen das Spiel des VfB primär. Mit dem so geschaffenen mannschaftlichen Verständnis ist es den Einzelspielern möglich, ihre individuellen Waffen mit einem hohen Grad an Freiheit und Kreativität einzubringen.
Damit geht eine grundlegende Flexibilität einher. Einerseits bezüglich der Grundordnung, die unter Matarazzo immer wieder zwischen 433, 4231, 352 und 343 pendelt. Die Zahlen sind egal, zumal sich sowieso nahezu jeder Spieler sehr weiträumig und flexibel auf dem Feld bewegt. Andererseits sind es genau jene Details, an denen Matarazzo immer wieder herumschraubt, um sich und das Team an dessen Bedürfnisse und den Gegner anzupassen. Mal schiebt der linke Halbverteidiger etwas höher, mal ein Stürmer etwas auf den Flügel – je nachdem, was gerade sinnvoll ist.
Eine mögliche Grundordnung. Je nach kontextspezifischer Ausprägung irgendwas zwischen 433 und 352.
Muster im organisierten Ballbesitz
Grundsätzlich ist der organisierte Ballbesitz des VfB durch zwei Faktoren geprägt: Mut und Zielstrebigkeit. Mutig bevorzugen die Stuttgarter stets das flache Kombinationsspiel durchs Zentrum, anstatt primär das Flügelspiel oder lange Exitbälle zu fokussieren. Gleichzeitig liegt es dem VfB daran, so schnell wie möglich vor das gegnerische Tor zu kommen. Ziel ist, stets die progressivste Entscheidung zu treffen. Auch wenn ein Chipball auf Zielspieler Kalajdzic möglich und sinnvoll erscheint, ist man pragmatisch genug, diese zu wählen.
Um das Spiel mit flachem kontrollierten und damit proaktiven Spielaufbau zu starten, staffelt sich der VfB je nach Gegner flexibel und kommt daher letztlich bei verschiedenen Arten von 3er- und 4er-Ketten heraus. Am Ende positionieren sich die Spieler dabei schlicht in den Schnittstellen des Gegners. Sie bewegen sich aktiv in die Räume hinein und staffeln sich so versetzt, dass stets Passwinkel offen bleiben. Auch der Torhüter wird in die Rautenbildung einbezogen.
Auch in höheren Zonen arbeitet der VfB teils mit 4er- oder 3er-Kette, je nachdem wie hoch sich Vagnoman positioniert. Vermehrt, insbesondere gegen ein flaches 4141-Mittelfeldpressing wie es Dynamo unter Anfang spielt, lässt sich die Gesamtstruktur aber als eine Art 316 beschreiben.
[Beispielszene] VfB im Aufbau – hohes 316 mit viel Bewegung.Dabei fächern die Innenverteidiger sehr weit auf, wobei sie sich durchaus auch trauen, so weit aufzurücken wie es der Gegner anbietet. Mit dem sich stets flexiblen freilaufenden Sechser Endo bereiten sie die Angriffe zunächst über kontrollierte Zirkulation vor. Zentralverteidiger Anton verteilt die Bälle, während Ito gern direkte Chips in die Tiefe sucht. Der bewegliche und pressingresistente Endo verbindet ähnlich, kann sich jedoch auch häufig allein aus Drucksituationen lösen und aufdrehen.
Währenddessen überladen die zahlreichen Angreifer die letzte Linie der verteidigenden Mannschaft und sind stets in gegenläufiger Bewegung, um Anspielstationen zu schaffen. Wenn der Ballführende mit Blick zum Tor keinen Druck bekommt, starten stets einige Angreifer tief, um entweder einen direkten Chipball zu erhalten oder zumindest Raum zwischen den Linien zu schaffen. Andere lassen sich in die Schnittstellen zwischen den Linien fallen, um flache Pässe ins Zentrum zu erhalten und selbst aufzudrehen.
Ist zunächst ein solcher Pass nicht möglich, lässt der VfB weiter zirkulieren und versucht, über die Tiefenläufe und kollektives Aufrücken den Gegner immer weiter nach hinten zu drücken. Gegen sehr tiefe passive Gegner kann beispielsweise Mavropanos auch andribbeln, um so den Block zu öffnen und dann hinein zu spielen.
[Beispielszene] VfB im Aufbau – Während tiefer Zirkulation ist viel Personal an der letzten Linie mit viel Bewegung. Kalajdzic kommt kurz, während Tomas und Ahamada ihre jeweiligen Schnittstellen gegenläufig belaufen.Obwohl der VfB immer zuerst den Weg ins Zentrum sucht, muss er situativ auch mal auf die Flügel ausweichen. Dabei kommen die Flügelläufer kurz an der Auslinie entgegen und versuchen, aufzudrehen und das Spiel diagonal fortzusetzen. Während Vagnoman bei Dribblings noch etwas unsauber ist und das Spiel eher über einen einfachen Pass fortsetzt, kann dabei Silas seine 1v1-Stärke sehr gut ausspielen. Ist etwas Raum da – beispielsweise nach Verlagerungen – geht er sofort mit Dynamik auf den Gegner. In engen Situationen dribbelt er eher ins Zentrum, wofür sogar zunächst der Halbraum mit einem weiteren Tiefenlauf geöffnet wird. Das schafft neben der offensichtlichen Anspielstation Raum, den er zum eindribbeln und attackieren der Kette nutzen kann. In Situationen mit mehr Raum, beispielsweise nach einer Verlagerung, geht Silas auch gern noch geradliniger in Richtung Tor.
Gelingt es dem Ballführenden, nach dem Aufdrehen oder durch ein Dribbling ins Zentrum frei auf die Kette des Gegners zuzugehen, ist diese Situation schon grundsätzlich nur noch schwer zu verteidigen. Der Blick zum Tor ist zudem wiederum ein Signal für Tiefenläufe. Mehrere Angreifer attackieren die Schnittstellen, was meist den Stürmer Tomas und die beiden Flügelläufer Silas und Vagnoman betrifft. Letztere positionieren sich schon zeitig an der letzten Linie. Interessanterweise gilt dabei nicht das klassische Prinzip der maximalen, sondern der minimalen Breite. Beide kleben nicht komplett an der Außenlinie, sondern staffeln sich nach dem Motto „Nur so breit wie möglich.“. Damit ziehen sie den gegnerischen Block immer noch (zumindest zu einem gewissen Maße auseinander), kommen aber schneller in die Tiefe und Richtung Tor.
Diese Tiefenläufe der Angreifer schaffen zum einen Anspielstationen hinter der Kette und drücken zum anderen die Abwehrkette weiter zurück. Der ballführende Stuttgarter soll mutig andribbeln und damit den gesamten Raum ausnutzen. Neben beispielsweise einem direkten Abschluss liegt im Anschluss der Fokus vor allem der Tiefenball in die Assist Zone. Damit sind die Halbräume am bzw. neben dem Strafraum gemeint, die über die Tiefenläufe (der Flügelläufer) angelaufen werden. Erreicht ein Steckpass diese Angreifer, haben sie zahlreiche Möglichkeiten den Ball flach in die Box zu legen. Diese wird durch den VfB mit einer brutalen Quantität an Spielern besetzt, indem die zahlreichen (auch ballfernen) Angreifer plus teils Sechser Endo gestaffelt und wuchtig einlaufen.
Insgesamt spielen vor allem das Aufdrehen im Zentrum und die zahlreichen Tiefenläufe bei jeder Möglichkeit im Spiel des VfB eine große Rolle; und sollten somit auch im Fokus der Spielvorbereitung der SGD liegen. Schwer zu verteidigen ist zudem, dass der VfB diese Abläufe keineswegs starr, sondern sehr flexibel, individuell und dynamisch interpretiert. Die Spieler rochieren ständig, kommen mal kurz, gehen mal tief. Es muss nur die gesamte Raumaufteilung stimmen.
Dabei ist auch schlicht zu konstatieren, dass der VfB zahlreiche super interessante Einzelspieler im Kader versammelt und so eine äußerst spannende Mischung aus Prinzipien als Leitplanken und Individuen als Interpreten geschaffen hat. Jeder Spieler kann dabei seine eigenen Waffen in die Umsetzung des Gesamtkonstrukts gewinnbringend einbringen und seine Rolle damit individuell interpretieren, ohne dass man etwas an der gesamten Effektivität verliert. Perea kann seine Schnelligkeit und Wucht als Tiefenläufer super ausspielen. Der bewegliche Führich dreht schnell auf und schickt seine Mitspieler mit einem brutalen rechten Fuß in die Schnittstellen. Kalajdzic bringt nicht nur seine Kopfballgefahr, sondern auch eine sehr gute Übersicht mit, mit der er sich klug fallen lassen und den Ball schnell weiterleiten kann. Und Tiago Tomas kann alles davon.
Diese individuellen Qualitäten ermöglichen dem VfB neben den idealen Abläufen auch noch weitere, etwas explizitere Angriffsmuster. Ein Kopfballtor Kalajdzic nach Flanke Sosa (der am Freitag aber vermutlich nicht starten wird) funktionierte im letzten halben Jahr nicht nur einmal. Insgesamt bieten insbesondere Kalajdzic als potenzieller Ankerspieler und der dribbel- und tempostarke Silas als jemand, der etwas aus nichts kreieren kann, weitere Lösungen im Übergangsspiel und dem letzten Drittel zum Aufbrechen eines tiefen Blocks.
Manchmal kann die allgemeine Flexibilität des Matarazzo-Fußballs aber auch Schattenseiten haben. Denn es braucht stets einen hohen Grad an Initiative seiner Spieler. In Phasen von Unsicherheit, bei Form- und Verletzungskrisen oder athletischen Problemen mag das nicht immer gegeben sein. Dann passiert es schnell, dass das Spiel des VfB statisch und einseitig und eben nicht mehr so zielstrebig und mutig ausgestaltet wird. Im Testspiel gegen Brentford fehlte es dem VfB beispielsweise in einigen kurzen Phasen etwas an Freilaufaktivität und Dynamik. Es entstand ein eher passives 442, das viel wirkungslos zirkulierte, selten andribbelte und nur über direkte Chipbälle an die (sich immerhin klug bewegende) letzte Linie Richtung gegnerischen Tor kam.
Diese Kleinigkeiten sind letztlich entscheidend für die Effektivität der Stuttgarter Spielweise. Manchmal klappt es nicht ideal. Matarazzo ist aber zumindest so flexibel, dass er über kleine Anpassungen an seinen Schiebereglern seine Mannschaft so einstellt, dass sie ihre Prinzipien möglichst gewinnbringend aufs Feld bringen kann.
[Beispielszene] VfB im Aufbau – Passive 442-Staffelung bietet wenig Optionen …[Beispielszene] VfB im Aufbau – … hier ebenso …[Beispielszene] VfB im Aufbau – … Und wenn man es so unstrukturiert verteidigt wie der FC Valencia, sind diese Bewegungen tödlich. Die Tiefenläufe bringt der VfB immer. Hat der Ballführende keinen Druck, kommt ein präziser Chip.
Muster im defensiven Umschalten
Entsprechend eines ganzheitlichen Fußballs mit Dominanzanspruch legt Matarazzo einen bedeutenden Fokus auf das defensive Umschalten. Auch in dieser Phase sind Mut und eine offensive Denkweise seine ersten Prämissen.
Verliert der VfB den Ball, setzt man sofort aggressiv nach. Der Ballführende wird im Sprint angelaufen, während seine Anspielstationen in erster Reihe ebenso aggressiv zugelaufen werden. Dabei tut die grundsätzlich enge Gesamtstruktur gut, mit den hohen Halbverteidigern und einem laufstarken Sechser wird viel und weiträumig nach vorn verteidigt und so schnell Druck erzeugt.
In zweiter Reihe ist weiterhin die ballferne Absicherung entscheidend, wofür der VfB strukturell ebenso alle Voraussetzungen hat. Gleichzeitig birgt diese Herangehensweise auch gewisse Risiken, wenn die Ausführung ballnah und ballfern nicht perfekt stimmt. Gegen vertikale 2-Kontakt-Umschaltteams wie Brentford, die sich beweglich und im hohen Tempo auf die ballferne Seite kombinieren und dann kollektiv nachrücken, lief das in der Vorbereitung eher semieffektiv. Wenngleich ich eine solch in guter Ausführung sehr dominante Herangehensweise im Grundsatz begrüße, kann diese Phase auch für kleine Gegner eine Möglichkeit sein, gegen den VfB Nadelstiche zu sitzen – insbesondere, wenn dessen personelle Besetzung ggf. nicht ideal ist und so die Einzelspieler bspw. situativ nicht das perfekte Timing haben.
[Beispielszene] VfB im GGP – Nach Ballverlust Führich schließt sich das Netz aggressiv, auch Mavropanos und Endo schieben weit heraus. Ballfern sind Ito und Ahamada gefragt, abzusichern.
Muster im offensiven Umschalten
Das Umschalten nach Ballgewinn zeigt beim VfB wenig Veränderungen im Vergleich zu Phasen des organisierten Ballbesitz. Schließlich soll letzteres auch so zielstrebig wie möglich ausgeführt werden. Wiederum hat Matarazzo hier viele Spieler, die sich individuell und gruppenbezogen aus dem Gegenpressing lösen und/ oder in die Tiefe gehen können. Dabei legt er wiederum den Fokus darauf, mit Mut die progressivste Lösung zu suchen. Zahlreiche Tiefenläufe der schnellen Angreifer bieten viele Optionen, während der Ballführende ebenso für weiträumige ballschleppende Dribblings ermutigt wird. Für beides hat der VfB zudem passende Spieler, die weitgehend über eine kluge Entscheidungsfindung verfügen.
In besonderem Fokus steht dabei Silas, der als brutal schneller Tiefenläufer und fintierender 1v1-Dribbler jegliche Lösung für ein erfolgreiches Konterspiel mitbringt. Nach Ballgewinn wird häufig er im Speziellen gesucht, beispielsweise auch wenn der Torwart schnell einen Gegenangriff einzuleiten versucht.
Muster im Pressing
Auch gegen den Ball zeichnet sich das Spiel des VfB wiederum durch mutige und offensive Ideen aus. Die Spieler werden ermutigt, auch mal riskant weiträumig herauszurücken. Gleichzeitig bleibt Matarazzo dabei strukturell weiterhin flexibel, sodass das Pressing eher als Mittel zum Zweck für Dominanz und Ballbesitzphasen angesehen werden kann. Je nach Gegner und aktuellen Kontext passt der VfB also Pressingabläufe und -höhen an.
Im Angriffspressing, das man in Situationen von Sicherheit stets bevorzugt, versucht der VfB grundsätzlich, den Gegner auf eine Seite zu lenken und diese Pässe sofort zu attackieren. Gegen eine Viererkette tat man das aus dem 352 zuletzt, indem zunächst der Pass auf den Innenverteidiger zugelassen wurde und dieser nach außen gelenkt wurde. Dort wurden alle Optionen inklusive Torwart durch den ballfernen Stürmer durch aggressives Draufschieben geschlossen und so meist ein langer Ball erzwungen.
[Beispielszene] VfB im Angriffspressing – Kalajdzic lässt Pass I zu und lenkt nach außen, Tomas schließt den Torwart, linke Seite schiebt hoch.Die hoch stehenden drei Verteidiger und der alleinige ausbalancierende Sechser stehen dann teils in Gleichzahl und könnten theoretisch aufgrund der Gleichzahl in letzter Linie über kluges enges Spiel der gegnerischen Angreifer ausgespielt werden. Doch dafür muss gegen die brutale Qualität von Spielern wie Endo und Mavropanos neben einem präzisen langen Ball unter Druck noch viele weitere Komponenten zusammenkommen. Zumal das ballferne Nachstoßen insofern riskant wird, als dass der ballferne Flügelläufer (Vagnoman oder v. a. Silas) zwar ausbalancierend einrückt, aber gleichzeitig auch immer wieder über eine höchstmögliche Grundstaffelung auf einen Konter zockt.
In Phasen tieferen Mittelfeldpressings switcht der VfB flexibel zwischen 352 und 442, wobei wiederum der Gegner auf außen gelenkt und meist der Pass auf den Außenverteidiger attackiert werden soll. Das ist auf dem Papier ebenso schlüssig wie das Angriffspressing, wenngleich in der Praxis jene Flexibilität höchste Aufmerksamkeit und Abstimmung beim gemeinsamen Sichern verlangt. Insbesondere auf der linken Seite, wo Silas‘ Höhe die Grundstruktur immer wieder ändern kann, kam es dabei zuletzt vermehrt zu sich öffnenden Räumen in den Schnittstellen zwischen Innenverteidiger Anton, Halbverteidiger Ito und Flügelläufer Silas. (Dass es Sechser Endo trotzdem sehr häufig schafft, auch noch diese Räume zuzulaufen, zeugt von seiner riesigen Qualität.) Insgesamt ist der VfB in tieferen Pressingphasen jedoch nicht das stabilste, weil kompakteste Team. Dies bietet geduldigem Ballbesitz mit sauberem Positionsspiel einige Möglichkeiten.
[Beispielszene] VfB im Mittelfeldpressing – Führich presst aus enger Grundstaffelung den Pass auf den AV. Das ist der Auslöser für ausgesprochen aggressives Zuschieben den Flügels.[Beispielszene] VfB im Mittelfeldpressing – Der eingerückte Außenverteidiger sorgt für Zuordnungsprobleme zwischen Silas und Ahamada. Der VfB erzeugt keinen Druck, wobei gleichzeitig Ito den breit ziehenden Flügelspieler verfolgt. Valencia verpasst es, die offene Schnittstelle mit einem Tiefenlauf zu attackieren.
Fazit
Letztlich stellt der VfB ein Team dar, dass allumfassend guten, weil mutigen, offensiven und kompletten Fußball spielt. Dabei findet Matarazzo eine einzigartige Mischung aus klaren allgemein-gültigen Prinzipien und einem hohen Grad an Flexibilität, der Einzelspieler ideal einbinden kann. Gleichzeitig benötigt dies auch passende Umstände für höchstmögliche Qualität, was zumindest nach der Personallage beim VfB aktuell nicht komplett der Fall zu sein scheint. Insofern besteht für Dynamo durchaus die Chance, über die schon angedeuteten starken Offensivabläufe des Anfang-Fußballs einige Tormöglichkeiten eigeninitiativ zu kreieren. Für ein gutes Spiel müssen aber auch alle anderen Spielphasen stimmen.
PS: Danke fürs Lesen! Das ist meine erste Gegneranalyse. So richtig zufrieden bin ich mit dem Gesamtkonstrukt noch nicht, ich werde mich da noch reinfuchsen und auch etwas experimentieren. Lasst mir daher gern Feedback bezüglich Inhalt, Fokus, Ausmaß und Form da.
Gegen den 1. FC Kaiserslautern verfolgt die SGD denselben Plan wie zuletzt – und führt diesen in mehreren Aspekten besser aus. Für bedeutende Torgefahr und einen Sieg reicht das jedoch immer noch nicht. Schauen wir uns das Spiel nochmal ausführlich an.
Strategische Einordnung
Mit meinen Erwartungen und Prognosen der letzten Wochen lag ich tatsächlich falsch. Als Dynamo-Trainer Capretti nach Dresden kam, ging er mit Dynamo in den ersten Spielen Schritt für Schritt in Richtung seiner Spielidee. Nach der Niederlage gegen Sandhausen verworf er all das und arbeitete mit dem Team wieder an den Basics, etablierte einen einfachen und stärker auf Intensität fokussierten Ansatz. Ich dachte mir folgendes: Wenn das Team damit seine Sicherheit wiedererlangt und dann das Saisonfinale startet, kehrt der Coach wieder zu seinen eigentlichen Idealen zurück; bringt damit angesichts defensivstarker Gegner (KSC, Aue, FCK) vor allem seine vielversprechenden Ideen im Ballbesitz stärker ein.
Doch das war nicht der Fall. Sein Gedanke schien seit dem Spiel in Sandhausen folgender gewesen zu sein: Die Zeit zum Ende einer Saison reicht nicht, meine Ideen erfolgsversprechend in eine verunsicherte Mannschaft zu implementieren. Deswegen bauen wir uns etwas Stabiles auf, dass dann durch einfache, aber kluge Abläufe ebenso gegen die genannten Gegner ausreicht.
Im Grundsatz ein absolut verständlicher Gedanke. Ich unterschreibe, dass genau der Fall eingetreten ist, der bei Trainerwechseln während einer Saison, insbesondere einer Rückrunde, stets ein großes Risiko ist: Die Zeit reicht für den neuen Coach nicht, genauso wie ein unbekanntes (für ihn nicht ideales) und verunsichertes Team den Kontext nicht erleichtert. In dieser Hinsicht finde ich, dass Dynamo-Trainer Capretti mit der flexiblen und nicht zu dogmatischen Entscheidung für einen Strategiewechsel viel richtig gemacht hat.
Die Mannschaft scheint sich in einer Dreierkette gerade defensiv wohler zu fühlen. Gerade jene Spieler, die erfahren sind und/ oder weitgehend konstant solide performen, werden in diesem 3412 in vielen Aspekten bezüglich ihrer Stärken passend eingebunden. Insgesamt bietet diese Idee insbesondere aufgrund der Vielzahl an Defensivakteuren eine sehr stabile defensive Basis.
Doch sie hat in ihrer Einfachheit natürlich auch Schwächen, die nicht wegzudiskutieren sind. Das 1v1-Verteidigen über das gesamte Feld birgt Risiken, die mit einfachen taktischen Mitteln ausgespielt werden können. Das hat der KSC vor zwei Wochen gezeigt.
Doch weil Dynamo mit viel Defensivpersonal und einer meist soliden Intensität auf dem Platz das spätestens in der Endverteidigung aufzufangen wusste, entfaltete dieser Aspekt zumindest bisher noch keinen großen negativen Impact auf Dynamos Ergebnisse (wenngleich durchaus auf die durch die vielen Defensivaktionen geschwächte Spieldominanz). Anders sieht das bezüglich des Spiels mit dem Ball aus. Dessen Einfachheit und geringere Anzahl erfolgsversprechender und gut funktionierender Abläufe führt dazu, dass Dynamo trotz viel Ballbesitz seit einigen Spielen sehr wenig Torgefahr aus organisierten Ballbesitzphasen kreiert. (Das ist schon über die gesamte Saison Thema. In dieser Phase hat das aber andere Gründe.) In Intensitätsspielen wie gegen Regensburg oder den KSC, fiel das im Spielverhältnis und -verlauf weniger ins Gewicht – gegen Aue vor einer Woche aber umso mehr.
In den zahlreichen Ballbesitzphasen dieses Spiels wurde deutlich, wie wenig Möglichkeiten für eigeninitiativ kreierte Chancen sich aus dieser unpassenden Struktur und diesen weitgehend unsauber umgesetzten Abläufen ergeben.
Man kann nun also die Passung dieser Grundidee und dieser Prinzipien zu den aktuellen Spielen, Gegnern und Spielverläufen bewerten. Das deckt aber schon die Spielanalyse der letzten Woche ab. Gegeben, dass es in den restlichen drei Tagen der Saison sowieso keine grundsätzliche Strategieänderung geben wird, ist aktuell vielmehr interessant, wie Dynamo innerhalb dieser Idee agiert, was dabei gut und was nicht so gut läuft, und was im Rückspiel gegen den FCK noch besser werden muss.
Der Gegner
Dieser Gedankengang ergibt sich vor allem daher, dass Kaiserslautern am Wochenende praktisch genauso agierte wie Aue am letzten Spieltag. Trainer Dirk Schuster scheint bei seinem Stadionbesuch genau das erkannt zu haben, was Dynamo in dieser strategischen Herangehensweise große Probleme bereitet.
Genau wie Aue überließ der FCK Dynamo über weite Strecken der Partie den organisierten Spielaufbau und presste aus einem 433-Mittelfeldpressing. Dabei nahm das Mittelfeld Dynamos Zentrumspieler Will, Akoto und Weihrauch mannorientiert auf, während sich die Flügelspieler des FCK optionsorientiert zwischen Halb- und Flügelverteidiger staffelten und Dynamos Aufbau über diagonales Anlaufen und die Nutzung ihres Deckungsschatten nach innen lenkten. Viele Dresdner wurden so zunächst nominell aus dem Spiel genommen – und gegen Aue gelang es Dynamo bis auf wenige Ausnahmen überhaupt nicht, aus diesen Staffelungen über bestimmte Abläufe Passwinkel nach vorn zu öffnen.
[Beispielszene] Dynamos Aufbau, Aues Pressing – Grundlegendes Positionsspiel wird leicht aufgenommen und bietet wenig Passwinkel.[Beispielszene] Dynamos Aufbau, FCK-Pressing – Dasselbe Problem auf der linken Seite …[Beispielszene] Dynamos Aufbau, FCK-Pressing – … und auf der rechten Seite.
Dynamo mit dem Ball
Vor demselben Problem stand man nun auch gegen den FCK. Doch dieses Mal klappte die Spielauslösung deutlich besser, weil klarere Muster erkennbar wurden. Grundsätzlich funktionierte der Aufbau weiterhin aus der 3412-Struktur mit viel Personal außerhalb des gegnerischen Blocks und keiner nominellen Halbraumbesetzung. Doch dieses Mal passten das Positionsspiel und die Bewegungen der Dresdner Spieler viel besser zusammen.
In erster Linie fokussierte Dynamo häufig die linke Seite, da dort mit Löwe und Königsdörffer mehr Aufbaustärke, bei ersterem mehr Mut zu flachen Passlösungen und bei zweiterem mehr Beweglichkeit und bessere Technik, auflief. Löwe positionierte sich dabei wieder deutlich zentraler als Sollbauer.* Während Giorbelidze auf mittlerer Höhe die Breite hielt und die Sechser die Lautrer Mittelfeldspieler banden, ließ sich Königsdörffer flexibel in den Halbraum fallen (und Weihrauch als Langballoption startete hinter die Kette). Nach einem Ball von Löwe konnte Königsdörffer das Spiel fortsetzen, indem er entweder auf Giorbelidze klatschen ließ oder direkt aufdrehte und auf die Kette zulief. Ließ sich der gegnerische Außenverteidiger weit herausziehen, startete er auch einige Male wieder direkt in die Tiefe, um dort nach einem Chipball seine Geschwindigkeitsvorteile auszuspielen.
[Beispielszene] Dynamos Aufbau, FCK-Pressing – RYK kommt kurz, Weihrauch geht tief.[Beispielszene] Dynamos Aufbau, FCK-Pressing – RYK kommt kurz, Weihrauch geht tief, hier lässt RYK auf Giorbelidze klatschen. * Auch bei Löwes enger Positionierung lassen sich zwei Bewertungsebenen aufmachen. Normalerweise sagt man, dass man damit einen Spieler verschenkt. Denn wenn Knipping breiter agieren (oder Löwe breiter und Giorbelidze höher) würde, könnte er diese Aufbauaufgaben genauso und mit denselben Passwinkeln ausfüllen – und Dynamo hätte gleichzeitig einen weiteren Spieler für die hohen Zonen. Am idealsten wäre eigentlich eine Viererkette. Doch betrachtet man den Kontext, kann ich auch diese Herangehensweise verstehen. Dynamo fühlt sich scheinbar gegen den Ball mit dieser Vielzahl an Defensivpersonal wohler, ist quantitativ besser in der Restverteidigung aufgestellt und kann die Mannorientierungen besser aufnehmen. Eine strukturelle Umstellung im Spiel mit dem Ball wäre sicher möglich, würde aber auch die Abläufe verkomplizieren. Dann belasse ich das lieber und positioniere meine Halbverteidiger unorthodox, aber so hat er auch einen guten Passwinkel in den Halbraum und auf Giorbelidze. Auf dem theoretisch-taktischen Papier ist diese Idee also nicht ideal, für Dynamo aktuell aber vielleicht die stabilste Variante.
In diesem Spiel wurden die Passwinkel in die Halbräume außerdem auch nicht mehr durch Dynamos Sechser unpassend zugelaufen. Will kam zwar immer noch kurz und bot eine Klatschoption (was ich aufgrund fehlender Dynamik und geschlossener Körperstellung situativ nicht für sinnvoll halte), agierte dabei aber genügend zentral. Auch der ballferne Sechser Akoto positionierte sich oft insofern klug, als dass er sich vorausschauend zentral tiefer staffelte. Damit schaffte er eine besser gestaffelte Restverteidigung und eine direkte Option für Knipping, sollte Löwe ihm den Ball wieder zurückspielen.
[Beispielszene] Dynamos Aufbau, FCK-Pressing – Will kommt kurz, aber verschließt nicht den Passweg.
Während Dynamos Aufbauphasen war Wills und Akotos Freilaufverhalten auch insofern, als dass sie situativ dynamisch ihre Höhe variierten, sich so einen kleinen Vorsprung vor ihren Gegenspielern schafften und damit potenziell angespielt werden hätten können.
(Als dann der undynamische und selten aktive Stark eingewechselt wurde, beschränkte sich das aktive und kluge Freilaufverhalten jedoch erwartungsgemäß nur noch auf vereinzelte Szenen.)
Gelangte der Ball trotz des Linksfokusses mal auf die rechte Seite, agierte Dynamo angesichts der anderen Spielerprofile etwas anders. Weder traut sich Sollbauer oft zu progressivem Passspiel, noch ist Daferners Freilaufverhalten und technisches Vermögen gut genug, um einen solchen Ball im Halbraum zu erhalten und klug weiterzuverarbeiten.
Für einen flachen Ball ließen sich daher Akoto als kurze Option zwischen Sollbauer und Knipping und Weihrauch in den Halbraum fallen. Während Daferner und Königsdörffer idealerweise die gesamte Viererkette des FCK banden, hatte so gerade Weihrauch viel Raum um aufzudrehen, denn auch sein direkter Gegenspieler musste weit aus seinem angestammten Sechserraum rücken.
[Beispielszene] Dynamos Aufbau, FCK-Pressing – Akoto kommt kurz tief, Weihrauch fällt in Halbraum.
Diese Variante ergab sich aber selten. Denn Sollbauer spielt sowieso selten einen solchen Ball, gleichzeitig gelangen auch die angesprochenen Bewegungen nicht immer. Daher spielte Dynamo von rechts viel lieber einen langen Diagonalball auf den ballfernen Stürmer. War Sollbauer in Ballbesitz, schoben dafür häufig auch schon der ballferne Sechser Will und Giorbelidze nach vorn, um dann den zweiten Ball zu holen.
[Beispielszene] Dynamos Aufbau, FCK-Pressing – Will schiebt ballfern hoch.
Die Exitoption „Langer Ball“ wählte Dynamo auch im Allgemeinen sehr oft. Grundsätzlich liegt der Fokus schließlich, wie angesprochen, auf Einfachheit und Sicherheit. Kann man zum Beispiel Königsdörffer direkt hinter die Kette schicken, spielt man lang. Ergeben sich Freilaufbewegungen und/ oder Passwinkel nicht, spielt man lang. Fühlt man sich (unter Gegnerdruck) unwohl, spielt man lang. (Auch nach Ballgewinn geht der erste Blick direkt tief. Kann man die Stürmer oder Flügelverteidiger in 1v1-Duelle schicken, spielt man direkt.)
Deswegen kamen oben beschriebene Muster gegen den FCK, insbesondere in der ersten Hälfte, nur selten zur Geltung. Oft fokussierte die SGD das direkte Spiel auf einen Zielspieler (meist Daferner), um dann auf den zweiten Ball zu gehen. Insgesamt empfand ich die Intensität des Teams dabei in Ordnung. Gleichzeitig spielt der FCK ebenso sehr intensiv und hat zudem viele kopfballstarke Akteure in den betreffenden hinteren Reihen. Somit entwickelte sich diese Partie in ein Duell, das über weite Strecken aus dynamischen 50/50-Aktionen bestand.
Dazu kam, dass Dynamos Anschlussaktionen nach jenen Aufbaumustern (oder nach gewonnenen zweiten Bällen oder Kontern über die Flügel) nicht wirklich erfolgsversprechend aussahen. Viel basiert dabei auf Einzelaktionen und 1v1-Duellen, deren Erfolgswahrscheinlichkeit jedoch durch fehlenden Mut, technische Fehler und falsche Entscheidungen geschmälert wird. Teils endete das letztlich in Flankenszenen, die jedoch entweder Verzweiflungstaten waren (Daferner-Chance nach Giorbelidze-Flanke von der Seitenlinie) oder aufgrund technischer Mängel und/ oder ungenügender Boxbesetzung nicht erfolgreich wurden. Ein/ zwei Mal gelang es Dynamo, 352-typisch vom Flügel zwischen die Linien zu gelangen, indem der ballnahe Stürmer die Tiefe attackiert und so den Passweg auf den zweiten Stürmer aufzieht. Doch auch da fehlte es wiederum an technischer Sauberkeit und passendem Nachrückverhalten. Insgesamt scheinen da schlicht die Abläufe nicht klar.
Dynamo gegen den Ball
Zwar gelang es Dynamo im Vergleich zum Spiel gegen Aue, mit diesen Mustern besser ins Übergangspiel zu gelangen, doch Torgefahr entstand daraus selten. Entweder direkt nach einem langen Ball oder nach fehlgeschlagenen Anschlussaktionen kassierte die SGD Ballverluste.
Der FCK agierte derweil auch mit Ball genauso wie Aue in der vergangenen Woche und wie von Dirk Schuster erwartet: einfach, direkt, vertikal. Verbunden mit dem oft simplen Ansatz der SGD entwickelte sich so eine Partie, die von Anfang an von zahlreichen 50/50- und Umschaltaktionen in beide Richtungen geprägt war. Dynamo agierte dabei gewohnt mit 1v1-Mannorientierungen auf dem gesamten Feld. (Wenngleich man bei klarem FCK-Aufbau in hohen Zonen in ein passiveres 532-Mittelfeldpressing zurückfiel. Doch das passierte in diesem Spiel nur vereinzelte Male, sodass sich dessen Einfluss als marginal bezeichnen lassen dürfte.)
Diese Mannorientierungen bespielte der FCK mit einigen klugen Mitteln. Zunächst ist Zielspieler Boyd natürlich prädestiniert dafür, sein 1v1-Duell gegen Knipping zu gewinnen und so das Spiel des FCK in Dynamos Hälfte zu bringen. Dabei agierte er klugerweise sehr weiträumig, indem er sich nach Ballgewinn für Steil-Klatsch-Abfolgen kurz fallen ließ und die langen Bälle oft in breite Räume bekommen wollte, die man mit viel Personal überlud. Auch die Flügelspieler des FCK positionierten sich zum Beispiel bei eigenem Abstoß sehr breit. Denn so zieht man Mannorientierungen auseinander, isoliert die Einzelduelle und kann dann gefährlich werden, wenn man diese gewinnt – was insbesondere in jenen Räumen wahrscheinlich ist, in denen sich die breit gezogenen Innenverteidiger nicht wohl fühlen. Ergänzend versuchte der FCK häufig, über gegenläufige Bewegungen jene Mismatches zu kreieren bzw. Räume zu öffnen.
[Beispielszene] Dynamos Pressing, FCK-Aufbau – AV lockt Diawusie, Sollbauer muss auf breiten Flügel, Achter beläuft freigezogene Tiefe, Akoto muss hinterher.[Beispielszene] Dynamos Aufbau, FCK-Pressing – Dasselbe Problem, nur tiefer und extremer, weil auch Akoto gelockt wird und Weihrauch tief sichern muss; das erkennt er spät und kann daher nicht mehr retten; daraus entsteht eine Flankenchance.
Nichtsdestotrotz gelang es Dynamo fast immer, diese Bewegungen aufzunehmen und die Räume zu schließen. Insbesondere Akoto agiert dabei seit einigen Spielen ausgesprochen aufmerksam und laufstark. Chancen konnte der FCK primär dann kreieren, wenn sie ihre Einzelduelle gewannen. Gerade zu Spielbeginn gelang das einige Male, zum Beispiel gegen Akoto und Knipping*. Das ist das Risiko, das man mit Mannorientierungen eingeht. Dass man dabei jedes Einzelduell gewinnt, insbesondere wenn Knipping nicht in Idealverfassung ist und zum Beispiel die Tempodefizite von Löwe und Sollbauer in breiten Zonen ausgenutzt werden können, ist unwahrscheinlich.
* Dabei sah dann im Anschluss übrigens auch die Strafraumbesetzung der Pfälzer quantitativ und qualitativ häufig ausgewogener und klüger aus als bei der Dresdner Endverteidigung – teils mehr Personal, oft klügere Raumaufteilung, sehr gute Rückraumbesetzung.
Zusammenfassung
Vor dem Hintergrund dieser Grundideen, Abläufe und taktischer Muster ist der Spielverlauf des Relegationshinspiels also so zusammenzufassen: Dynamo startet auf Basis des Stabilitätsansatzes der letzten Woche beide Hälften mit verbesserten Abläufen im Aufbau. Insgesamt fehlt aber auch dabei die Ruhe und die passende Anschlussaktion, sodass nahezu das gesamte Spiel erwartungsgemäß von Kampf und 50/50-Aktionen geprägt wird.
Damit bleibt das Spiel letztlich auch bei einem verdienten Unentschieden. Dabei lässt sich durchaus der strategisch-taktische Gesamtansatz der SGD kritisieren. Angesichts der aktuellen Situation waren aber auch im Rahmen dessen kleine Fortschritte erkennbar. Im Rückspiel geht das für die Dresdner hoffentlich genauso weiter: Bei ähnlicher Intensität noch mehr Ruhe und Mut am Ball, damit mehr Ballaktionen und eine erhöhte Wahrscheinlichkeit auf einen Torerfolg. Für eine noch (!) höhere Erfolgswahrscheinlichkeit werden idealerweise auch die Abläufe im letzten Drittel noch klarer, wenngleich das in der Kürze der Zeit wohl eher unrealistischer sein dürfte. Letztlich werden daher am Dienstag Details entscheiden. Ein gewonnenes Einzelduell, ein Standard, ein Zufallstor wird über Auf- und Abstieg entscheiden.
Gegen den FC Erzgebirge Aue verfolgt die SGD eine ähnliche Strategie und Struktur wie zuletzt. In einem Spiel, das dieses Mal nicht über Intensität sondern über viel eigenen Ballbesitz zu gewinnen war, reicht diese jedoch nicht einmal annähernd für einen Sieg. Schauen wir uns Dynamos Idee und die Gründe für deren Scheitern noch einmal an.
Die Ausgangslage
Mit Aue stand Dynamo an diesem Wochenende ein Gegner gegenüber, der auf dem Papier keineswegs stärker als die Dresdner sein sollte – sowohl individuell als auch gesamttaktisch. Auf jeden Fall weiß man aber bei Aue, was man bekommt. In einem klassischen Mittelfeldpressing (4231, 442, 4141, macht keinen großen Unterschied) versucht der FCE defensiv stabil zu stehen. Für Torgefahr wird auf dieser Basis dann der Fokus auf einfaches und direktes Spiel in die Spitze (vertikales Konterspiel, lange und zweite Bälle) und gefährliche Standards gelegt.
Wenngleich dieses Derby für beide Teams punktetechnisch keinerlei Relevanz hatte, war es dennoch insbesondere für Dynamo ein Gradmesser. Es galt, Selbstvertrauen für die anstehenden Relegationsspiele aufzubauen, gerade gegen einen Gegner, der zumindest bezüglich seiner strategischen Herangehensweise dem ebenso einfachen und defensivdenkenden Kaiserslautern ähnlich kommt. Insofern hatte das Spiel also auch eine gewisse Relevanz hinsichtlich der taktischen Entwicklung der SGD.
Nach Wochen der Unsicherheit, denen Trainer Capretti mit einem klaren Fokus auf Stabilität und Simplizität entgegnete, erwartete ich schon letzte Woche gegen den KSC eine Rückkehr und Weiterentwicklung seiner ursprünglichen, aktiven und ballbesitzfokussierten Ideen. Gegen Kaiserslautern wird das Spiel mit Ball schließlich entscheidend sein. Ähnlich war nun auch das Derby eine Partie, indem Dynamo gegen einen primär defensiv denkenden Gegner das Spiel über viel eigenen Ballbesitz gestalten musste. Doch das funktionierte nicht annähernd erfolgreich – und war damit auch Hauptgrund für die verdiente Niederlage.
Dynamo mit dem Ball
Dynamo agierte in diesem Spiel weiterhin aus der 3412-Grundordnung der letzten Wochen. Für intensives Spiel mit hohem Fokus auf lange und zweite Bälle passt diese Struktur, für die zahlreichen Ballbesitzphasen gegen den kompakten und gut verschiebenden Auer Block jedoch überhaupt nicht.
Die enge 3er-Kette hatte gerade zu Spielbeginn viel freie Zirkulation. Doch nur in ganz wenigen Szenen ergaben sich sinnvolle progressive Passwinkel. Mit fünf Aufbauspielern im Zentrum und den entgegenkommenden Flügelverteidigern hatte Dynamo viel zu viel Personal außerhalb des gegnerischen Blocks, zumal jene drei Stürmer (plus die Sechser) durch ihre Würfel5-Staffelung leicht von Aues Verteidigern mannorientiert aufgenommen werden konnten.
[Beispielszene] Dynamos Aufbau, Aues Pressing – Grundlegendes Positionsspiel wird leicht aufgenommen und bietet wenig Passwinkel.In der Theorie ergeben sich mit einem 3er-Aufbau bei klugem Positionsspiel insbesondere viele Wege in die Halbräume zwischen den Linien. Diese waren jedoch mit einer solchen 12-Struktur im Angriff schon nominell nicht besetzt – und wurden auch selten klug belaufen. Oft wurden sie gar nicht besetzt. Wenn doch, lief es so: Wenn ein Halbverteidiger in Ballbesitz war, rückte meist einer der beiden Mittelstümer Dynamos auf die Halbspur. Selten kamen Daferner oder Drchal aber weit genug und mit passendem Timing entgegen, sondern erkannten diese Situationen meist zu spät/ gar nicht und positionierten sich stattdessen eher nah an der letzten Linie. Daher wurden sie selten direkt angespielt oder konnten den gespielten Ball aufgrund technischer Schwächen (erster Kontakt) und dem dort höheren Druck nicht festmachen und weiterleiten.
[Beispielszene] Dynamos Aufbau, Aues Pressing – Es fehlt die Halbraumbesetzung zwischen den Linien.Gleichzeitig wurde der direkte Passweg in den Halbraum oft von der wilden Positionierung der beiden Sechser Will und Akoto zugelaufen. Oft rückten diese bei tiefer Zirkulation ebenfalls auf die ballnahe Halbspur (und standen so im Weg). Dort konnten sie zwar meist angespielt werden, hatten aber nur eine Anschlussoption. Da sie ohne Dynamik und mit Rücken zum Tor agierten und dabei noch mannorientiert verfolgt wurden, blieb ihnen nur der bloße Weg zurück.
[Beispielszene] Dynamos Aufbau, Aues Pressing – HIV Sollbauer fehlen aufgrund des schwachen Positionsspiels Passoptionen, Akoto kommt tief, schließt den Weg in höhere Zonen, ist wegen Körperstellung und fehlender Dynamik jedoch keine sinnvolle Option. Aue isoliert gut und erzwingt einen langen Ball.Zum Ende der zweiten Hälfte rückte insbesondere Paul Will auch ab und an mal etwas höher, um zwischen den Linien eventuell aufdrehen zu können. Doch auch das schaffte er in den wenigen Szenen nicht schnell und sauber genug und/ oder er wurde nicht angespielt oder schnell zugeschoben. Gleichzeitig hätte auch der ballferne Sechser von Dynamo besser genutzt werden können, indem er zum Beispiel klarer ins Zentrum rückt und so eine weitere Klatschoption bietet. Doch auch dessen Positionierung blieb über weite Strecken des Spiels unbrauchbar.
[Beispielszene] Dynamos Aufbau, Aues Pressing – Will rückt in den höheren Halbraum, schließt damit den Passweg zu Daferner. Hier passt es, weil Daferner das erkennt. Dann dreht Will aber nicht sauber und schnell genug auf.Das Fehlen passender Passwinkel hatte zudem auch viel mit der 3er-Kette im Aufbau zu tun. In vielen Szenen verpassten sie es, anzudribbeln und so die Zuordnungen des gegnerischen Blocks durcheinanderzubringen. Insbesondere nach Verlagerungen fehlte außerdem häufig das Gefühl dafür, das Spiel durch schnelles Passspiel (oder eben Andribbeln) zu beschleunigen. So konnte Aue entspannt im Traben verschieben, ohne die Kompaktheit zu verlieren. Interessanterweise agierte zudem Halbverteidiger Löwe deutlich weiter zentral als Sollbauer auf der anderen Seite. Vereinzelte Szenen zeigen, warum sich das Trainerteam vermutlich dafür entschieden hat.
[Beispielszene] Dynamos Aufbau, Aues Pressing – Löwe steht eng und zieht somit den 10er heraus, bespielt man den Halbraum kann man so auf den freien 6er Will klatschen lassen. (Vielleicht war das ein Grund für die asymmetrische Position Löwes.) Hier kommt Daferner aber zu spät und nicht weit genug kurz, verarbeitet den Ball zudem nicht sauber (siehe oben). Warum übernimmt das nicht Weihrauch, während Daferner stattdessen den Tiefenlauf aus dem Zentrum macht?[Beispielszene] Dynamos Aufbau, Aues Pressing – Will rückt heraus, Akoto schiebt auch breit, Passweg zu Weihrauch geht auf. Löwe spielt aber nicht. Oft hat für diesen Pass zudem die Positionierung zwischen den Linien nicht gestimmt. Außerdem ist der Pass so riskant, kommt der nicht präzise, dribbelt Aue frei auf die letzte Kette (eigentlich müsste der ballferne 6er Akoto zentral tief absichern und damit gleichzeitig eine Klatsch-Option bieten).Letztlich ergaben sich aufgrund des ungenauen Positionsspiels auf dem gesamten Feld jedoch so wenig Passwinkel und -möglichkeiten, dass dieses Detail sogar eher negativ wirkte. Denn so war Löwe in Dynamos Aufbau praktisch komplett verschenkt.
Dynamos Torgefahr
Nichtsdestotrotz konnte die SGD gerade in der ersten Spielhälfte zumindest im Ansatz einige gefährlicheSzenen kreieren. Neben Standards und vereinzelten Zufallsszenen (z. B. nach gegnerischen Fehlern) entstanden diese vor allem über Vaclav Drchal. Als rechter Stürmer konnte er ab und an seine Stärken in der Robustheit und Schnelligkeit im 1v1-Duell gegen den langsamen Innenverteidiger Ballas klug einsetzen. Einige Male ließ er sich im Halbraum kurz fallen, um Ballas leicht aus der Position zu ziehen. Daraufhin attackierte er die Tiefe – entweder nach einem flachen Vertikalball in den Fuß oder einen langen Ball über die letzte Linie – und konnte das Laufduell gewinnen.
[Beispielszene] Dynamos Aufbau, Aues Pressing – Nach Verlagerung binden Dynamos 6er die Auer im Zentrum, während sich der LV zu sehr an Diawusie orientiert. Damit entsteht nach einem schnellen Vertikalball und einer guten Bewegung Drchals eine vielversprechende 1v1-Situation.
Aues Torgefahr
Gegen den Ball agierte Dynamo wie auch zuletzt mit 1v1-Mannorientierungen über das gesamte Feld. Dass das risikoreich ist und mit bestimmten taktischen Mitteln (Breite, Überladungen, Spieler in ungewohnte Räume ziehen, …) gefährlich bespielt werden kann, hat der KSC in der letzten Woche gezeigt.
Wenngleich Aue diese Mittel noch deutlich extremer und konsequenter nutzen und so noch mehr Torgefahr kreieren hätte können, gelang ihnen das zumindest vereinzelt. Insbesondere im Konterspiel (auch bedingt durch Dynamos schwaches Aufbauspiel und teils ungenügend intensives Gegenpressing und Rückzugsverhalten) standen sie in Gleichzahl gegen Dynamos Restverteidigung. Diese konnte lange Bälle auf Owusu nicht immer erfolgreich wegverteidigen (Knipping!) und musste dann bei Aues dynamischen Steil-Klatsch-Spiel immer wieder in ungewohnte Räume gegen schnelle und dribbelstarke Spieler (Sollbauer gegen Kühn). Schon so verlor man viel Zeit mit Ball und musste weite Wege gehen, kassierte ab und an auch eine Torchance. Ein stärkerer Gegner hätte das wahrscheinlich noch für noch mehr Torgefahr ausgenutzt.
Verbesserungsvorschläge und die zweite Hälfte
Abgesehen davon prägte vor allem das unpassende Dresdner Positionsspiel die Partie, es passte auf allen Positionen überhaupt nicht zusammen. Zudem wurden diese Unsauberkeiten durch taktische (Andribbeln) und technische (Ballverarbeitung) Individualprobleme signifikant verstärkt.
Neben letzterem, was in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen ist, wären gesamttaktisch schlichtweg andere Staffelungen klug gewesen. Egal ob 433, 3421 oder 316 – man hätte vor allem mit höheren Flügelverteidigern oder richtigen Flügelstürmern mehr Breite ins eigene Spiel bringen (so kamen Giorbelidze und Diawusie immer weit entgegen. konnten leicht kontrolliert werden und das Spiel nicht dynamisch nach vorn fortsetzen) und die Halbräume besser besetzen und bespielen müssen, letzteres zudem und gerade mit passenderen, technisch stärkeren Spielertypen (Weihrauch statt Daferner).
Dahingehend hätte ich mir spätestens eine Umstellung in der zweiten Halbzeit gewünscht. Doch Dynamo spielte über die gesamte Spielzeit denselben Stiefel mit viel tiefer Zirkulation, wenig erfolgsversprechenden langen Bällen und vielen Stückwerkaktionen – und hätte damit wohl auch noch weitere 90 Minuten kein Tor geschossen. Dabei machten auch die Einwechslungen keinen signifikanten Unterschied. Ein passendes Beispiel ist Pana Vlachodimos, der entgegen seinen Stärken nicht auf der Außenlinie sondern als zweiter Stürmer im Halbraum agieren musste und seine Dynamik so nur selten ausspielen konnte. Zwar gelangen ihm und Daferner zum Ende des Spiels vereinzelt einige gute Besetzungen des linken Halbraums mit Fortsetzung über Giorbelidze, doch das lag zu einem großen Prozentsatz auch an den müder werdenden und damit weniger kompakt verschiebenden Auern. Zu signifikanter Torgefahr reichte das zudem in den einseitigen Anschlussaktionen mit vielen unsauberen Abläufen und Entscheidungen ebenfalls nicht.
Fazit
Somit verliert die SGD letztlich verdient. Hauptgrund dafür ist: Obwohl der Gegner ebenso strategisch einseitig und individuell limitiert agiert, liegt der Unterschied in der allgemeinen Herangehensweise. Während die Auer klar wissen und umsetzen, was sie wollen, fehlt Dynamo über 90 Minuten ein sinnvoller Plan, der zu Spiel(verlauf) und Gegner passt und dazu auch noch passend umgesetzt wird.
Gegen den Karlsruher SC versucht die SGD nach Wochen der Verunsicherung die einfachen Abläufe der letzten Wochen weiter zu stabilisieren. Für einen Sieg reicht das in einem Spiel, das etwas unter Saisonausklangsspannungsverlust litt, am Ende aber verdientermaßen nicht. Schauen wir uns Dynamos Herangehensweise und deren Stärken und Schwächen noch einmal genauer an.
Dynamos Strategie
Vor dem Hintergrund der nun feststehenden Relegation galt es für Dynamo ab dieser Woche, die verbleibende Zeit so effizient wie möglich für die (hoffentlich ausreichende) Weiterentwicklung des Teams zu nutzen. Nach einigen Spielen mit Fokus auf Simplizität und Sicherheit hatte ich erwartet, dass Trainer Capretti die letzten Wochen daher nun ab sofort wieder dafür nutzt, seine klassischen Ideen in die Mannschaft zu bringen.
Gegen den KSC am Wochenende war das jedoch nicht der Fall. Er entschied sich, zunächst weiterhin auf die Ansätze der letzten Spiele zu setzen, um das Team innerhalb dessen weitere Stabilität gewinnen zu lassen. Dynamo verfolgte somit also auch dieses Mal einfache Abläufe und konzentrierte sich primär darauf, das Spiel mit einem konstant (!) hohen Intensitäts– und Kampflevel für sich zu entscheiden.
Doppelte Einfachheit
Dazu verfolgte man in allen Spielphasen wenig komplexe Abläufe. Gegen den Ball spielte Dynamo wie schon zuletzt Mann gegen Mann über den ganzen Platz. Normalerweise sind Pressingpläne Caprettis eher raumorientiert und auf Ballgewinne in hohen Zonen für gefährliche Konter ausgelegt. Insbesondere letzteres spielte in diesem Spiel aber eine untergeordnete Rolle. Nicht einmal die gegnerischen Rückpässe auf den Torwart wurden mehr für einen unkontrollierten langen Ball oder einen direkten Ballgewinn so konsequent gepresst. Dieses Mal ging es schlicht darum, klare Zuordnungen und Aufgaben für jeden einzelnen Spieler zu schaffen, den KSC so zuzustellen, auf lange Bälle zu warten und die Einzelduelle und zweiten Bälle über die nötige Intensität für sich zu entscheiden.
Dynamos Pressing, KSC-Aufbau – Mann gegen Mann (Beispielszene).
Mit dem Ball verknüpfte Dynamo die einfache Strategie der letzten Wochen zumindest anfangs mit etwas mehr Ruhe und Mut. Neben dem Fokus auf schnellen langen und zweiten Bällen (Intensität!) suchte Dynamo gegen das 433-Mittelfeldpressing des KSC auch zumindest vereinzelte organisierte Ballbesitzphasen. Dabei ließ man im 3412 den Ball viel in erster und zweiter Aufbaulinie laufen – entweder, wie beschrieben, um den KSC anzulocken und dann mit einem langen Ball zu überspielen oder um über flachen Aufbau in die Halbräume zu spielen.
Wirklich viele sinnvolle Passwinkel ergaben sich aufgrund der statischen 3412-Staffelung selten. Zu selten ließ sich beispielsweise der ballferne Stürmer so zwischen die Linien fallen, dass er das Zentrum überlud. Doch gerade in der ersten Hälfte konnte man zumindest ab und an die Capretti-typische Rautenbildung auf dem Flügel erkennen, indem sich die Stürmer im Halbraum anboten und dort situativ mit einem Vertikalball der Halbverteidiger gefunden werden konnten. Das Spiel von dort fortzusetzen, stellte sich aus strukturellen Gründen aber ebenso schwierig dar. Meist kam der Ball danach auf die Flügel, die durch das Bespielen des Zentrums und das Zusammenziehen des KSC-Blocks so zumindest etwas mehr Raum und Zeit erhielten. Diese hatten zwar nun noch einen weiten Weg bis zum gegnerischen Tor vor sich, konnten in diesem Spiel aus diesen Ausgangslagen aber dennoch situativ für Torgefahr sorgen.
Dynamos Aufbau, KSC-Pressing – vereinzelte flache Vertikalbälle, weitere Passwinkel öffnen sich aber nicht (Beispielszene).
Dynamos Torgefahr
Denn das gelang Dynamo im Spiel gegen den KSC signifikant häufiger und bedeutender als zuletzt. Das ist neben der strategisch-taktischen Spielanlage jedoch auch dem Gegner und dessen individual- und gruppentaktischen Verhalten zuzuschreiben.
Nach zwei Zufallsaktionen bzw. Gegnerfehlern zu Beginn kreierte Dynamo seine Chancen in diesem Spiel primär über die Flügel. Die 433-Staffelung des KSC (gegen den Ball meist als Mittelfeldpressing) führte auch mit dem Ball zu vielen Einzelduellen über den gesamten Platz. Gerade in der ersten Hälfte gelang es Dynamo, viele dieser Duelle über individuelle Vorteile für sich zu entscheiden.
Nach Standards (Einwürfen!), langen Bällen beider Teams, Karlsruher Angriffen und Aufbaufehlern (und teils auch nach eben jenen organisierten Aufbauphasen) war Dynamo mit einem ordentlichen Intensitätslevel – insbesondere im Zweikampfverhalten der fünf zentralen defensivdenkenden Akteure (Akoto!) – immer wieder in der Lage, die zweiten Bälle für sich zu gewinnen und dynamische konterähnliche Situationen zu kreieren. Dabei lag der Dresdner Fokus darauf, schnell auf die Flügel und/ oder in die Tiefe zu spielen. Dort konnten dann insbesondere Königsdörffer und Diawusie (unter kluger Vorarbeit Weihrauchs) ihre Duelle mit ihrer hohen Robustheit und Schnelligkeit gewinnen, so viel Raum in kurzer Zeit überbrücken und für Torgefahr sorgen. Dabei fokussierte z. B. Diawusie immer wieder den Raum hinter dem aufgerückten und nicht immer schnell umschaltenden und defensiv hart arbeitenden Philipp Heise. Auch in der zentralen Endverteidigung wirkte der Spannungsverlust zum Saisonende bei den Karlsruher Verteidigern angesichts geringer Intensität, Laufbereitschaft und weiterer individueller Fehler groß. Dynamo hätte somit gerade in der ersten Hälfte durchaus auch noch ein weiteres Tor erzielen können.
Karlsruher Torgefahr
In der zweiten Hälfte kippte dann aber das Momentum mehr und mehr auf die gegnerische Seite. Der KSC agierte intensiver und klarer in seinen Aktionen, Dynamo verlor dagegen etwas an der anfangs so soliden Wucht und Zweikampfstärke.
Bei einer solch simplen Herangehensweise an ein Spiel kommt es genau auf diese Details an. Ist die eigene Intensität hoch genug, kann man erfolgreich sein. Dreht sich das aber nur leicht, geht es genauso schnell in die andere Richtung. (Abgesehen davon spielt auch der Zufall eine, für die größtmögliche Erfolgswahrscheinlichkeit zu große Rolle in solchen Spielen.)
Insbesondere in den ersten zwanzig Minuten gelang es Dynamo im Vergleich zu anderen Spielen unter Capretti am besten, die nötige Intensität gegen einen (zugegeben nicht bei 100% stehenden) Gegner auf den Platz zu bringen. Das bedeutete eigene Torgefahr und 0,0 xG auf Gegnerseite.
Schon in der ersten Hälfte wurde aber auch deutlich, wie Karlsruhe Dynamo beikommen kann. Denn sie wussten es situativ, Dynamos riskantes Spiel gegen den Ball auf die Probe zu stellen. Grundsätzlich prägen das offensive Spiel des KSCs vor allem viele lange Bälle auf den deutlich überdurchschnittlich robusten Hofmann und Flügelüberladungen im Übergangsspiel. Dynamos 1v1-Spielweise passte dagegen nicht wirklich gut.
Zwar gewann Dynamo zu Beginn des Spiels viele der Einzelduelle, auch gegen Hofmann. Auch das Rückzugsverhalten bei einem langen Ball (insbesondere der Flügelverteidiger und Sechser) sah schon weitgehend besser, weil schneller und kompakter aus als zuletzt. Zudem klappte auch das weiträumige Verfolgen der Mannorientierungen in ungewöhnliche Zonen (z. B. Akoto und Will auf dem Flügel) konstanter.
Dynamos Pressing, KSC-Aufbau – Rückzugsverhalten bei langem Ball, Dynamo bringt schnell viel Personal in hintere Zonen (Beispielszene).Dynamos Pressing, KSC-Übergang – laufstarker Akoto geht für Mannorientierung weite Wege und schließt so Löcher (Beispielszene).
Dass das aber über das gesamte Spiel gelinge, war schon zuvor anzuzweifeln. Dafür ist zum Beispiel Hofmanns qualitativer Vorteil gegenüber Dynamos Innenverteidigern zu groß. Es gelang ihm immer häufiger, Bälle in Unterzahl festzumachen und klug weiterzuleiten. Dazu streute der KSC gegenläufige Bewegungen ein, womit Dynamos Akteure immer wieder weite Wege in ungewohnte Zonen zurücklegen mussten. Ähnliches wurde von Dynamos Halbverteidigern verlangt, wenn sie weit auf die in der zweiten Hälfte vermehrt breit stehenden Flügelspieler des KSC herausrücken mussten und dort z. B. im Tempo unterlegen sein konnten. Ab und an überlud der Gegner dann auch bestimmte Zonen (oft um den langsamen Löwe), um dort zweite Bälle zu gewinnen, kurz zu kombinieren und dann Durchbrüche auf dem Flügel zu erzeugen.
Nachdem der KSC im Laufe der Partie diese taktischen Mittel immer stärker fokussierte und dazu noch in der zweiten Hälfte deutlich intensiver und direkter auftrat, war Dynamo nicht mehr konstant in der Lage, die Einzelduelle und die zweiten Bälle zu gewinnen. Für letzteres stimmten situativ Nähe zum Gegner, Aggressivität und Zugriffstiming nicht. Wo zudem in der ersten Spielhälfte Dynamos Angreifer im 1v1 noch qualitative Vorteile auf ihrer Seite hatten, wechselten diese bei ersterem durch die Nutzung kleiner taktischer Mittel nun auf die Seite des Gegners (vor allem Hofmann, teils auch auf dem Flügel). In der ersten Halbzeit versandeten noch einige solcher Szenen im Ansatz, da der KSC die SGD zu selten auf die Probe stellte, teils unsauber agierte und Dynamos Vielzahl an defensivdenkendem Personal in der Rest- und Endverteidigung half. Danach kassierte Dynamo jedoch noch mehr gefährliche Chancen, damit auch Standards und so letztlich auch die Gegentore.
Fazit
Letztlich war das also wieder ein Spiel, das primär über Intensität entschieden wurde. Gegen einen zu Beginn nicht 100% starken Gegner lässt sich einerseits durchaus resümieren, dass Dynamos Abläufe dahingehend verfestigt wurden und man in Phasen des Spiels sehr stabil agierte. Andererseits reicht das gegen einen sich im Verlauf verbessernden Gegner mit einigen simplen, aber klugen taktischen Mitteln nicht für einen Sieg. Gleichzeitig spielt das aktuell wohl auch eine untergeordnete Rolle, angesichts der Lage ist der Stabilitätsansatz durchaus nachzuvollziehen. Es bleibt spannend, ob, wann und wie Capretti auf der Intensitäts-Stabilität mit fußballerischen Ideen aufbauen wird.
Gegen den SV Jahn Regensburg holt die SGD fast den so lang ersehnten Sieg. Dabei spiegelt das letztliche Unentschieden vielmehr den zähen Verlauf des Abstiegskampfspiels wider. Denn auch Dynamo fokussierte sich wieder auf Einfachheit in den eigenen Abläufen. Schauen wir uns das noch einmal genauer an.
Der Gegner
Mit dem Jahn aus Regensburg stand Dynamo am Samstagnachmittag ein Kontrahent gegenüber, dessen Saison und diesjährige Entwicklung durchaus große Ähnlichkeiten mit der Dresdner aufwirft. Der Kader wurde zu Saisonbeginn auch mit einigen sehr spannenden, weil entwicklungsfähigen Akteuren aus den unteren deutschen Ligen verstärkt. Wie Dynamo unter Alexander Schmidt denkt Jahn-Trainer Mersad Selimbegovic das Spiel primär gegen den Ball. Über Angriffspressing, höchste Intensität auch in Umschaltszenen und direktes vertikales Spiel mit dem Ball versucht der Jahn, erfolgreich zu sein.
Das gelang in der ersten Saisonhälfte sogar über eine noch deutlich längere Phase als bei Dynamo. In den letzten Monaten zeigt der Ergebnistrend aber in Regensburg wie in Dresden steil nach unten. Woran das genau liegt, vermag ich aus der Ferne nicht zu beurteilen. Es wirkte sich auf jeden Fall insofern auf das Spiel aus, als dass der Jahn scheinbar nicht mehr mit voller Überzeugung und Selbstsicherheit den eigenen Stil umzusetzen vermochte – was insbesondere bei einem solch physischen und intensiven Stil dessen Effektivität deutlich vermindert.
Der Jahn presste Dynamo wie erwartet hoch und schob auch auf die zweiten Bälle mit solider Intensität. Mit Ball suchte man schnell den Weg zu Zielspieler Albers, der über Ablagen auf die in Wellen nachrückenden Akteure die gefährlichen, Regensburg-typischen Steil-Klatsch-Kombination einleiten sollte. So effektiv (also z. B. mit einem vergleichbar hohen offensiven Chancen-Output) wie noch in der Hinrunde gelang ihnen das jedoch nicht mehr.
Dynamos Matchplan
Nichtsdestotrotz galt es für Dynamo während der Spielvorbereitung logischerweise, den Stil und die Stärken des Jahn explizit zu berücksichtigen und diese mit den eigenen Ideen in Einklang zu bringen. Vor dem Hintergrund eines potenziell sehr intensiven Gegners und vielen Unsicherheiten im eigenen Ballbesitz entschied sich Trainer Capretti wie auch zuletzt gegen Holstein Kiel wieder für den pragmatischen (Jahn-ähnlichen) Ansatz und gegen sein ursprüngliches, ballaktives Naturell. Einfache und klare Abläufe sollten Stabilität und Sicherheit bringen.
Mit dem Ball lockte Dynamo den Jahn mit einem kurzweiligen Aufbau in tiefen Zonen des 3412 nach vorn, um dann ausschließlich lange Bälle auf Zielspieler Daferner zu spielen. Ziel war, über kluge Bewegungen in letzter Linie und nachrückende Akteure, den folgenden zweiten Ball zu gewinnen und daraus ins letzte Drittel zu gelangen.
Gegen den Ball verteidigte Dynamo Regensburgs 442 Mann gegen Mann über das gesamte Feld – im 3412 also ebenso ausgesprochen einfache Abläufe für jeden Einzelspieler.
Dynamos Pressing, Regensburgs Aufbau – Mannorientierungen über das gesamte Feld (Beispielszene).
Vor dem Hintergrund der zahlreichen langen Bälle auf beiden Seite war es in diesem Spiel insgesamt besonders entscheidend, im Gegenpressing und bei zweiten Bällen mindestens dasselbe Intensitätslevel wie der Gegner auf den Platz zu bringen. Das war sicher einer der Hauptgründe für die neue Grundordnung und Positionsbesetzung unter Capretti. Mit dem 3412 und einem laufstarken, intensiven Akoto bekam man für diese Szenen viel defensivdenkendes Personal in das Zentrum und die hinteren Zonen. Bei langen Bällen an die letzte Linie konnte man zudem Überzahl herstellen, wenn die Flügelverteidiger schnell zurückrückten.
(Zudem ermöglichte die Fünferkette, dass der Flügelverteidiger im eigenen Drittel potenziell aggressiv nachrückende Außenverteidiger des Jahns aufnehmen konnte. Im Hinspiel war das einer der Probleme für Dynamo, nun stellte das (jedoch auch aufgrund des Gegners und der gesamten Spielanlage) kein prägendes Problem mehr da.)
Ein Kampfspiel
Entsprechend der einfachen und ähnlichen Abläufe beider Teams entwickelte sich ein wahres (und überhaupt nicht attraktives) Kampfspiel. Wie erwartet prägten das Spiel vor allem zahlreiche lange und zweite Bälle, die vor allem über die Intensität beider Teams entschieden wurden. Dessen Level war weitgehend okay in diesem Spiel – beide Teams haben in dieser Saison jedoch auch schon deutlich wuchtiger agiert.
Wenngleich auch Dynamo das schon deutlich besser zeigte, konnte man sich in diesem Spiel relativ zum Gegner zumindest einen kleinenVorteil „erspielen“. Gerade in der ersten Hälfte gewann Dynamo eine solide Anzahl der Einzel- und vor allem Kopfballduelle. Wichtig: Bei zweiten Bällen machte sich die 3412-Idee mit Akoto aus den schon beschriebenen Gründen bezahlt.
Zudem schien der Jahn überrascht von Dynamos Grundordnung gewesen zu sein und einen Viereraufbau erwartet zu haben. Die erste Aufbauaktion wollte Regensburg noch mit einem klassischen 4Raute2 (siehe Dynamo unter Schmidt, Stürmer auf Sechser, Lenken nach außen, Achter schieben hoch) zustellen, bekam mit Dynamos Dreierkette jedoch Zugriffsprobleme.
Daraufhin lief Regensburg Dynamo in einem sehr engen 433 an, um die Mannorientierungen über das gesamte Feld wiederherzustellen. Diese Struktur bedeutete jedoch auch viel Risiko. Da die Achter wie im Rautenpressing weiterhin sehr weit herausschoben, entstand dahinter viel Raum für die Stürmer Dynamos. Gewinnt man dort ein Einzelduell, kann das schnell gefährlich werden.
Situativ bewegte sich Dynamo dort auch sehr klug. Die Positionierung der drei Stürmer passte über das gesamte Spiel nicht immer zusammen. Grundlegend konnte man jedoch folgendes Muster erkennen:
Zunächst positionieren sich die drei Spieler eng beieinander. Während der Zielspieler (meist Daferner) an letzter Linie dem langen Ball mit Dynamik entgegenkommt, startet ein weiterer (meist Königsdörffer) für eine potenzielle Weiterleitung und das Zurückdrängen der gegnerischen Kette in die Tiefe. Währenddessen sich meist Weihrauch eine kluge Positionierung zwischen den Linien, um den zweiten Ball zu erhalten. Für letzteres rückten zudem auch der ballnahe Flügelverteidiger und beide Sechser (Akoto!) intensiv heraus, um mit viel Personal und Wucht den Ballbesitz zu halten und das Spiel nach vorn fortzusetzen.
Dynamos Aufbau, Regensburgs Pressing – langer Ball, kluge Bewegungen in letzter Linie, Nachrücken für den zweiten Ball (Beispielszene).
Gelang das, ging es bei Dynamo schnell auf den Flügel, dort ins 1v1 und/ oder zu einer Flanke. Gerade Diawusie konnte dabei wieder seine 1v1-Stärke ausspielen. Trotz quantitativ passender Boxbesetzung gelang es Dynamo so selten, prägende Torgefahr zu kreieren. Am Ende agierten die Regensburger Innenverteidiger in der Endverteidigung jedoch doch nicht komplett souverän, wie beispielhaft an Daferners Tor deutlich wurde.
Die zweite Spielhälfte
In der zweiten Halbzeit veränderte sich das Spiel in Details. Regensburg stellte gegen den Ball leicht um, sodass sie für zweite Bälle im Zentrum leichter in die Kompaktheit kamen. Statt einem hohen und engen 433 staffelten sich die Außenverteidiger minimal enger und das Mittelfeld nun etwas tiefer, meist mit einem zweiten Sechser aus einer tieferen Startposition „auf dem Sprung“.
Dynamos Aufbau, Regensburgs Pressing – leichte Anpassungen für mehr zentrale Kompaktheit (Beispielszene).
(Dass das auch Dynamos Flügelverteidigern etwas mehr Raum gab, erwies sich aufgrund Dynamos einseitigen Abläufen und gutem Zuschieben der Regensburger als keine prägsame Gefahrenquelle.)
Zudem fokussierte Regensburg vermehrt eine Asymmetrie, indem Rechtsverteidiger Saller in allen Spielphasen situativ tiefer blieb und der Linksverteidiger Beste (in der ersten Hälfte noch rechter Flügel) viel höher schob. Gerade im Aufbau sollte das Giorbelidze herauslocken, um den daraufhin überladenen Raum hinter ihm mit einem langen Ball zu bespielen. Abseits einer Großchance, bei der Will in diese für ihn nicht ideale Zone absichern muss und daher ein direktes Duell verliert, verlief aber auch das im Sand.
Dynamos Pressing, Regensburgs Aufbau – Asymmetrie lockt Giorbelidze, Will muss Überladung absichern (Beispielszene).
Fazit
Insgesamt blieb diese Partie neben einzelnen Details schlichtweg über den gesamten Verlauf ein reines Kampfspiel mit ausgesprochen vielen 50/50-Aktionen. Dafür war Dynamo trotz einem nicht übermäßig hohen Intensitätslevels zumindest mit einigen taktischen Kniffen vorbereitet, war so leicht überlegen und hätte auch gewinnen können – wobei in der Bewertung auch der ähnlich einseitige und verunsicherte Gegner einzupreisen ist. Letztlich ist eine solche Spielweise einfach keine, die die eigene Siegwahrscheinlichkeit signifikant von der des Gegners abhebt, sondern dem Zufall und kleinen Fehlern eine große Bedeutung zugesteht. So kann man dann doch immer nochmal ein Gegentor kassieren.
Gegen Fortuna Düsseldorf holt die SGD einen Punkt, der durchaus auch als eher glücklich bezeichnet werden kann. Dabei kehrt man nach dem Spiel gegen Kiel zu klassischen Capretti-Abläufen zurück, hat dabei aber ähnliche Probleme wie zuletzt. Schauen wir uns das Spiel noch einmal genauer an.
Dynamos Ausgangslage
In dieser Woche musste sich Dynamo auf einen primär wuchtigen Gegner aus Düsseldorf einstellen. Neben einer ausgesprochen hohen individuellen Klasse vieler Spieler besticht die Fortuna unter Daniel Thioune vor allem über ihre Intensität, ein dementsprechend gutes Gegenpressing und ein sehr direktes und gefährliches Umschaltspiel nach vorn.
Für die SGD galt es – laut Capretti –, die spielerischen Entwicklungsschritte der vergangenen Wochen fortzuführen und diese mit der (vergleichsweise leicht) höheren Intensität gegen den Ball aus dem Spiel gegen Kiel zu verknüpfen. Gegen einen Gegner wie Düsseldorf waren schließlich alle Spielphasen von spielbedeutender Relevanz.
Dynamos Pressing und die Umschaltphasen
Gegen den Ball agierte Dynamo wie schon in der zweiten Hälfte gegen Kiel mit Mannorientierungen auf dem gesamten Feld. Aus einer 3412-Grundordnung wurde so gerade das Mittelfeld des Gegners eng verfolgt, während die Stürmer Daferner und Borrello das Spiel flexibel nach innen oder nach außen lenkten. Die Schienenspieler Giorbelidze und Schröter mussten dabei weite Wege zurücklegen, da sie bei Ballbesitz des gegnerischen Außenverteidiger auf ihre Seite hochschoben und bei ballfernem Spiel eher Anschluss an die letzte Kette hielten.
Grundsätzlich konnte man so das Spiel der Düsseldorfer häufig auf lange Bälle beschränken. Wenngleich auch anzumerken ist, dass das auch so eher Fortunas Naturell entspricht. Denn unter anderem auch über solche Szenen kann man beim Kampf um den zweiten Ball die eigene Stärke der Intensität und Robustheit ausspielen.
Dies bekam auch Dynamo zu spüren. Obwohl man den Gegner im Pressing gut lenken konnte, erspielte sich dieser dennoch einige gefährliche Szenen über jene langen Bälle. Gerade weil Dynamo Mann gegen Mann verteidigte und in der letzten Linie keine Überzahl hatte (bzw. dafür erst der ballferne Schienenspieler einrücken musste, was nicht immer mit dem passenden Timing gelang), konnten die Angreifer der Fortuna einige Bälle gut festmachen und das Spiel direkt vertikal fortsetzen. Dies spielten sie auf gefährliche Weise über kluge gegenläufige Bewegungen auf engem Raum, schnelles und technisch sauberes (individuelle Klasse!) 1-Kontakt-Spiel und dementsprechend einigen Steil-Klatsch-Kombinationen aus.
Dynamos Intensität im Pressing, Gegenpressing und bei zweiten Bällen habe ich über das gesamte Spiel als überwiegend solide wahrgenommen. Im Vergleich mit dem brutal wuchtigen Gegner reichte das jedoch nicht immer aus. Aufgrund der Mannorientierungen ergaben sich zudem folgende Probleme:
Zunächst ergaben sich so immer wieder ungleiche 1v1-Situationen. Wenn beispielsweise der Düsseldorfer Außenverteidiger angespielt, von Schröter angelaufen und dann longline weitergab, ergab sich ein Duell zwischen Sollbauer und dem jeweiligen gegnerischen Flügelspieler auf der Seite. Somit entstand ein Mismatch zum Beispiel bezüglich der Geschwindigkeit und Beweglichkeit, was durchaus zu einigen gefährlichen Szenen der Fortuna aufgrund eines qualitativen Vorteils (qualitative superiority, z. B. durch ein gewonnenes Laufduell) führen hätte können.
Verlor man ein solches 1v1-Duell (oder bekommt gegen den Gegenspieler zu wenig Zugriff), löste das außerdem eine Kettenreaktion aus. In einer dynamischen Aktion muss wieder ein Dresdner herausrücken, was wiederum Räume im Rücken für weitere nachstoßende Spieler öffnet. Unter Capretti rücken die Verteidiger in Aktionen, bei denen ein Gegner offen steht und keinen Gegnerdruck bekommt, regelmäßig heraus. Währenddessen soll die restliche Kette diese Bewegungen auf klassische Weise ausbalancieren („Dreieck bilden“). Da beides jedoch noch nicht immer mit dem richtigen Timing geschieht und gerade in jenen dynamischen Szenen/ bei Kettenreaktionen schwierig umzusetzen ist, entstanden so in diesem Spiel einige gefährliche Szenen auf Seiten der Fortuna.
Dynamos Pressing, Düsseldorfs Ballbesitz – Dynamo verliert Mannorientierungen weil Stark und Weihrauch denselben Gegner anlaufen, dadurch kann Fortuna aufdrehen und die Dynamik kommen (Beispielszene).Dynamos Pressing, Düsseldorfs Ballbesitz – Sollbauer rückt heraus, Kette muss absichern, bei beidem passt Timing jedoch nicht perfekt, es entsteht gefährliche Fortuna-Chance (Beispielszene).
Ergänzend zeigte sich die technische Klasse der Düsseldorfer auch in vereinzelten Szenen, in denen Dynamo etwas tiefer anlief. Dabei gelang es ihnen einige Male, Dynamos Mannorientierungen über technisch saubere und dynamische Steil-Klatsch-Abfolgen und Spiel über den Dritten aufzulösen. Insbesondere wenn sich ein Mittelfeldspieler so weit fallen ließ, dass Dynamos Sechser Stark den weiten Weg zu seinem Gegenspieler nicht mitgehen konnte, bekam Dynamo in erster Pressinglinie wenig Zugriff. Letztlich half aber – wie auch schon in den letzten Wochen – der eine zusätzliche Mann in der Dreierkette, viele der Umschaltszenen oder konterähnlichen Aktionen spätestens am eigenen Strafraum wegzuverteidigen.
Dynamo selbst suchte auch gerade zu Beginn einige Male den direkten Umschaltweg in Richtung gegnerisches Tor. Da man jedoch aus den angesprochenen Gründen nahezu ausschließlich tiefe Ballgewinne erzielen konnte, verlief sich dies gegen das sowieso meist intensive gegnerische Gegenpressing meist im Sand.
Dynamos Ballbesitzspiel mit einigen Problemen
Vielmehr prägten das Spiel viele Phasen, in denen Dynamo das Spiel organisiert aufbaute. Im Gegensatz zum Spiel gegen Kiel wählte man dabei nicht den simplen Sicherheitsweg, sondern kehrte zu bekannten Capretti-Ansätzen zurück, die auch in den Spielen gegen Schalke und insbesondere Sandhausen deutlich wurden.
Wie schon zuletzt baute man das Spiel dabei aus einer 3142-Staffelung auf, bei der sich die Achter bekanntermaßen vergleichsweise hoch positionieren. Demgegenüber stand Düsseldorf in einem höheren 4231-Mittelfeldpressing, das ebenfalls weitgehend mannorientiert interpretiert wurde. Dabei wurde Dynamos Aufbaukette zunächst Raum gewährt. Der Fokus lag vielmehr auf dem Schließen der Passwege und der Mitspieler. Auch Dynamos Halbverteidiger Löwe und Sollbauer wurden selten angelaufen, sondern vielmehr gestellt und dabei langsam nach innen gelenkt. Das verhinderte klugerweise deren potenzielle andribbelnde Bewegungen (worauf ich mich anfangs eigentlich bei Löwe gefreut hatte) und provozierte zudem einen flachen Pass in das über enge Mannorientierungen kontrollierte Zentrum.
So ergaben sich viele Szenen, in denen Dynamo zu einem langen Ball gezwungen wurde. Für Bälle an die letzte Kette war die Dresdner Struktur mit den hohen Achtern und damit mindestens vier eng gestaffelten Akteuren grundsätzlich geschaffen, gegen die Düsseldorfer Verteidiger plus der gesamten gegnerischen Intensität dennoch meist unterlegen. Ähnliches galt für Bälle auf einen Tiefenlauf hinter den gegnerischen Außenverteidiger. Erhielt ein Halbverteidiger den Ball ohne Druck und bot sich der Schienenspieler tief an, zog letzterer den gegnerischen Außenverteidiger weit aus der Kette. Den dahinter entstehenden Raum attackierten meist die Achter Kade oder Weihrauch (teils auch Borrello). Doch die teils mangelnde Präzision der Bälle plus die individuelle Unterlegenheit der Zielspieler bezüglich Robustheit und 1v1-Qualität ließ diese Bälle schnell versanden.
Spielte Dynamo doch flach, konnte man weitere Prinzipien Caprettis beobachten – musste gleichzeitig aber auch deren unsaubere Umsetzung beklagen. In diesem Spiel wurden diesbezüglich vor allem folgende Muster deutlich:
Der Pass ins Zentrum ergab sich aufgrund der gegnerischen Anlaufwege in erster Linie und der zentralen Mannorientierungen selten. Ab und an wäre ein Diagonalball auf einen zwischen die Linien fallenden Angreifer möglich gewesen. Grundsätzlich passierte das jedoch selten, da sich Daferner und Borrello häufig ebenfalls an der letzten Linie hielten oder unsauber positioniert waren. Ergab sich dennoch ein Passfenster, nutzten das die Halbverteidiger nicht.
Dynamos Aufbau, Düsseldorfs Pressing – diese Beispielszene zeigt drei Aspekte: Narey lenkt Löwe nach innen; dort ist doch einmal ein Passfenster, was er jedoch nicht nutzt; der Tiefenlauf öffnet Zentrum und bietet Option für langen Ball, den spielt Löwe auch.
Häufiger fand ein Halbverteidiger einen eng und tiefer positionierten Achter im Zentrum. Von dort blieb jedoch nur die direkte Klatschoption auf den Schienenspieler, was teils durch zu viele Kontakte des Ballführenden und einen robusten Gegner ebenfalls nicht gelang.
Entweder so oder auf direktem Weg vom Halbverteidiger oder Chipbälle von Broll oder Knipping – am Ende landete Dynamos Übergangsspiel dennoch meist auf dem Flügel. Dort endete die Mehrzahl Angriffe jedoch auch.
Unter Capretti sucht die SGD auf dem Flügel stets eine diagonale Anschlussaktion in Richtung Zentrum. Erhält ein Flügelspieler den Ball, wird im Halbraum die Tiefe attackiert, um Raum zwischen den Linien zu öffnen. So sollen sich Andribbel- und/ oder Passfenster ins Zentrum öffnen. Da Düsseldorf Dynamos Schienenspieler Giorbelidze und Schröter jedoch aggressiv anlief und den Flügelraum mit einer engen Staffelung vieler Akteure effektiv verknappte, gelang das selten. Dazu kam, dass sowohl beide Dresdner unter Druck und im 1v1 einseitig agieren als auch die Anschlussstaffelungen der Dresdner Stürmer im Zentrum unsauber waren. Somit kassierte Dynamo viele Ballverluste auf dem Flügel und erreichte nicht das letzte Drittel.
Dynamos Übergang, Düsseldorfs Pressing – diagonale Aktion am Flügel, Tiefenlauf Weihrauch, aber Düsseldorf schiebt Schröter gut zu, zudem keine Optionen im Zentrum (Beispielszene).
Gegentore und Unsicherheit
Dementsprechend gelang es Dynamo in der ersten Hälfte nicht, Torgefahr zu kreieren. Vielmehr kassierte man aufgrund der Probleme mit Ball und über die angesprochene, dazu passende, robuste und direkte Spielweise des Gegners vereinzelte, sehr gefährliche Chancen des Gegners. Nach den beiden Gegentoren verstärkte sich dies zudem ein wenig, da der Mut zum progressiven Pass im Aufbau noch weiter schwand, Dynamo so noch weniger Spielkontrolle hatte und letztlich noch mehr 50/50- und 1v1-Duelle verlor.
Die zweite Hälfte
In der zweiten Spielhälfte änderten sich Dynamos Herangehensweise und die allgemeine Spielanlage nicht signifikant. Vielmehr prägten mehrere Details den weiteren Spielverlauf.
Zunächst agierte die SGD wieder etwas klarer in den Aktionen. Mit dem Ball spielte man häufiger klar den langen Ball, sodass sich das Team besser darauf vorbereiten und zweite Bälle häufiger gewinnen konnte anstatt gefährliche Ballverluste im mittleren Drittel zu kassieren. Dort agierte man bei Pässen auf die Achter zudem direkter, sodass die Steil-Klatsch-Abfolgen auf den Flügel dynamischer wurden und den Schienenspieler etwas mehr Raum und Zeit gewährte.
Letztlich entscheidend war jedoch zum einen, dass Düsseldorf im Laufe der Spielzeit an Intensität im eigenen Spiel verlor und damit sowohl gegen den Ball weniger Zugriff als auch offensiv weniger gefährlich wurde. Zum anderen brachten Dynamos Wechsel zu Königsdörffer und Diawusie mehr Robustheit und 1v1-Stärke auf das Feld, was sich insbesondere bei letzterem in häufiger auftretenden Durchbrüchen auf dem Flügel zeigte.
Dynamos Übergang, Düsseldorfs Pressing – diagonale Anschlussaktion in HZ2, Düsseldorf schiebt weniger intensiv zu, Borrello ist zentral besser positioniert, Schröter findet ihn dennoch nicht (Beispielszene).
Dynamos Tore fallen dann in Szenen, in denen Königsdörffer und Weihrauch ihre Stärken eindrucksvoll auf den Platz bringen. Danach kam bei Dynamo zudem das gestiegene Selbstvertrauen (und damit mehr erfolgreiche direkte Duelle) hinzu, wenngleich die Probleme im Übergangsspiel und im letzten Drittel weiterhin ähnlich blieben.
Fazit
Somit blieb es dann am Ende doch eher bei einem glücklichen Unentschieden. Gleichzeitig mag der erste Eindruck des Spiels auch schlechter gewesen sein als es am Ende tatsächlich war. Letztlich verfolgen Dynamo weiterhin – neben vereinzelten defensiven Unsicherheiten – primär jene Problem im Spiel mit dem Ball, die wie auch schon gegen Schalke und Sandhausen gegen einen sehr guten Gegner offenbart wurden.
Gegen Holstein Kiel erreicht die SGD auch im 13. Spiel in Folge nicht die erhofften drei Punkte. In der Unsicherheit der letzten Wochen wählte man dieses Mal einen simpleren Ansatz, kommt letztlich aber nicht über ein Unentschieden hinaus. Schauen wir uns dieses Spiel noch einmal genauer an.
Gegner und Kontext
Nach der im Saisonkontext so bedeutenden Niederlage der letzten Woche gegen den SV Sandhausen ging es für die SGD an diesem Wochenende nun primär darum, endlich wieder einen Sieg einzufahren – egal wie. Dabei stand einem mit Kiel ein Gegner gegenüber, der unter Trainer Rapp den Fußball zunächst ballbesitzfokussiert denkt. Der KSV kommt über ein kluges und flexibles Positionsspiel mit technisch starken Akteure, ohne jedoch gleichzeitig die eigene Flexibilität in Strategie und Taktik zu vernachlässigen.
Dynamo mit Ball
Komplexitätsreduktion bringt Sicherheit. Sind Teams verunsichert oder bleiben Ergebnisse aus, ist im Fußball häufig ein Umdenken hin zu einer simplen Strategie und Taktik zu beobachten. So entschied sich auch Dynamos Trainer Capretti, für dieses Spiel von seiner eigentlichen Idee von Fußball abzurücken und stattdessen eine weniger komplexe Herangehensweise zu wählen.
Statt weiter über Ballbesitz- und Dominanzanspruch Torgefahr kreieren zu versuchen, lag Dynamos Fokus gegen Kiel vor allem auf einem soliden Pressing und einfachem vertikalen Spiel mit Ball. Erzielte man hohe Ballgewinne, sollte schnell gekontert werden. Baute man das Spiel organisiert aus der Tiefe auf, lag der Fokus auf langen und zweiten Bällen.
Dafür agierte Dynamo in einem 4231 mit durchweg robusteren Spielertypen als zuletzt, insbesondere mit Mai zwischen den weiteren Angreifern. Mit Ball war der Plan einfach: Über tiefen Aufbau (zunächst aus der flachen Viererkette im 4231, später aus einem Dreieraufbau im 3412) bereiten wir lange Bälle vor, indem wir evtl. den Gegner etwas aus der Kompaktheit locken und uns eng um unseren Zielspieler an der letzten Linie oder im Zwischenlinienraum positionieren.
Wenngleich Mai flexibel agierte, führte das meist zu engen Staffelungen auf der linken Seite. Dort agierte mit Knipping der im Aufbauspiel präzisere Innenverteidiger, zudem der im 1v1 und in engen Räumen sicherere Königsdörffer. Letzterer positionierte sich mit Daferner eng um Zielspieler Mai, um entweder direkt tief zu starten oder um nach dem Ball auf Mai die zweiten Bälle aufzusammeln. Von dort sollte das Spiel schnell fortgesetzt werden, hauptsächlich über das Tempo und die 1v1-Stärke der Flügelspieler Königsdörffer und Diawusie.
Dynamos Aufbau, Kiels Pressing – SGD zunächst im 4231, enge Staffelung links, hier attackiert Königsdörffer die Tiefe (Bsp. aus Min. 1).Dynamos Aufbau, Kiels Pressing – später im 3412, selbe enge Staffelung (Bsp. aus Min. 11, ähnlich z. B. auch in Min. 42).
In der ersten Spielhälfte kreierte Dynamo so jedoch nur selten Torgefahr. Situativ löste der robuste und bewegliche Königsdörffer Gegnerdruck auf und kam in die Dynamik. Selbiges gelang Diawusie in einigen Konterszenen, bei denen er von klugen überlaufenden oder unterlaufenden Bewegungen Akotos unterstützt wurde. Gegen insbesondere in der Endverteidigung souverän verteidigende Kieler gewann Dynamo das 1v1 jedoch sehr selten; genauso wie das Duell um die Flanke in den Strafraum, wenngleich die Boxbesetzung qualitativ meist stimmte. Dieser Ansatz war zu einseitig und simpel.
Dynamos Pressing
Dennoch hätte diese Idee natürlich auch erfolgreich sein können. Um die Wahrscheinlichkeit dessen zu erhöhen, hätte es jedoch deutlich mehr solcher Szenen gebraucht. Das funktionierte gerade in der ersten Hälfte jedoch nicht, weil Kiel das Pressing der SGD gut bespielte und so vielversprechende hohe Ballgewinne selten gelangen.
Aus einem höheren Mittelfeldpressing lief Dynamo das 433 des Gegners in einer 4231-Staffelung an. Dabei ähnelte der Plan jener Pressingidee, die Schalke vor einigen Wochen gegen die SGD verfolgte. Während die Gegenspieler im Zentrum mannorientiert verfolgt wurden, orientierten sich die Flügelspieler primär an den Außenverteidigern der Kieler. Stürmer Daferner lenkte das Spiel des Gegners auf eine Seite. Meist führt ein solches Lenken zu andribbelnden Bewegungen des jeweiligen Innenverteidigers. Lenkt man diesen über kluges Rückwärtspressing durch Daferner auf eine Seite und schließt gleichzeitig alle Passoptionen über enge Mannorientierungen (zentral) bzw. passende Deckungsschattenarbeit (Flügel), kann man so gefährliche Ballgewinne erzielen.
Dynamos Pressing, Kiels Aufbau – Ausgangslage bei Abstoß, situativ auch tiefer (Bsp. aus MIn. 2).Dynamos Pressing, Kiels Aufbau – Pressing des IVs schnappt zu (Bsp. aus Min 6).
Wenngleich das zu Beginn des Spiels vereinzelt gelang, löste Kiel diese Szenen jedoch meist klug auf. Zunächst agierten die jeweiligen Innenverteidiger im Andribbeln ausgesprochen ruhig und technisch weitgehend sauber. Zudem war das Positionsspiel der höheren Akteure insofern klug, als dass sich die Kieler stets flexibel bewegten und auf Lücke positionierten. Über stetige Rotationen gelang es so, Dynamos Mannorientierungen zu überspielen.
Insbesondere manipulierte Kiel häufig die Positionierung des Dresdner Flügelspielers (meist Königsdörffer). Dieser agierte zwar meist diszipliniert und aufmerksam, indem er den Passweg des Innenverteidigers auf den Außenverteidiger mit seinem Deckungsschatten schloss. Schob jener jedoch weit hoch und kippte daraufhin der ballnahe Achter diametral ab, ergab sich auf dem Flügel eine einfache Passoption.
Dynamos Pressing, Kiels Aufbau – abkippender Achter löst Druck auf (Bsp. aus Min. 34).
Dynamos Pressing schlug somit in erster Linie häufig fehl. Nichtsdestotrotz konnte man gegen das eher direktere Übergangsspiel der Kieler mit viel Personal im Zwischenlinienraum vor allem mit den zwei defensiv denkenden Ketten inklusive der Doppelsechs insbesondere nach technischen Unsauberkeiten immer wieder Ballgewinne in tieferen Zonen erzielen.
Kam Kiel jedoch einmal in die Dynamik und agierte dabei sauber, wurde es direkt gefährlich. Sowohl im Konter- als auch im Übergangsspiel orientierte sich Kiel häufig in Richtung Wriedt, über den als Wandspieler über schnelle Steil-Klatsch-Abfolgen immer wieder dynamische Szenen zwischen den Linien (und auf der ballfernen Seite) kreiert wurden. Prinzipien wie Ein-Kontakt-Spiel und diagonales Passspiel wurden dabei deutlich, genauso wie das dynamische Besetzen (und Nachrücken) aller vertikaler Zonen. Letztlich lief dann im letzten Drittel noch viel über Flanken, die Dynamo trotz kluger Boxbesetzung und -bewegung meist souverän wegverteidigte. Wenngleich in den Endaktionen auf Kieler Seite in dieser Hinsicht noch Verbesserungspotenzial bestand, musste Dynamo noch vor der Halbzeit den eigenen Pressingplan anpassen.
Dynamos Anpassungen gegen den Ball
Da der anfängliche Plan gegen den Ball nicht wie geplant funktionierte, wählte Capretti jetzt ebenfalls eine sehr einfache Variante. Von nun an agierte Dynamo mit kompletten Mannorientierungen über das gesamte Feld. Das bedeutete vor allem, dass Linksverteidiger Löwe nun deutlich höher (in Richtung des Rechtsverteidigers Korb) agierte, Königsdörffer ins Zentrum rückte und auf der anderen Seite Diawusie eher breit startete.
Dynamos Pressing, Kiels Aufbau – Mannorientierungen auf dem gesamten Feld (Bsp. aus Min. 40)
Kiel konnte nun zumindest nicht mehr so leicht Dynamos Pressing über kluges Positionsspiel (positional superiority) überspielen und ggf. in dynamische Aktionen kommen, sondern wählte ebenfalls häufiger den langen Ball. Damit wurde das Spiel aber auch noch zerfahrener als es ohnehin schon war. Der Fokus lag nun noch mehr auf vielen langen und zweiten Bälle, vielen direkten Duellen und noch mehr Standards. In solchen 50/50-Aktionen agierten beide Teams mit solider Intensität und Wucht, gleichzeitig konnte sich eines jedoch auch nicht vom anderen entscheidend distanzieren.
Kieler Anpassungen
Das versuchte Kiel noch einmal nachdrücklich in der zweiten Hälfte. Auf den vermehrten Dreieraufbau Dynamos (3412) reagierte Trainer Rapp mit einer Umstellung auf 352 gegen den Ball. Mit einem Verteidiger mehr schaffte er somit wieder zentrale Überzahl in letzter Linie, während gleichzeitig das Mittelfeld weiterhin mannorientiert kontrolliert werden konnte. So gelang es noch besser, Dynamos einseitigen und direkten Ansatz mit Ball über weite Strecken vom eigenen Tor wegzuhalten.*
* Auch eine spannende Geschichte des Spiels: Im Viereraufbau gelang es Kiel über das 433-Angriffspressing bzw. -Mittelfeldpressing häufig gut, Dynamo zu wenig Ballsicherheit, wenig Zeit zur Vorbereitung langer Bälle und situativ sogar zu einfachen Ballverlusten in erster Linie zu zwingen. Der Schachzug Caprettis, mit dem Dreieraufbau einen Akteur mehr in hohe Zonen zu schieben und andere Winkel zu schaffen, zwingt den Gegner ebenfalls zu einer Anpassung, bindet ihn tief und bringt damit auch mehr Zeit in der ersten Aufbaureihe.
Mit dem Ball reagierte Kiel auf Dynamos stark mannorientierten Ansatz insofern, als dass sie die Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg im direkten Duell zu erhöhen versuchten (qualitative superiority). Eine sehr tiefe Viererkette sollte Dynamos Personal herauslocken, eine sehr breite Dreierreihe im Angriff es auseinanderziehen.
Dynamos Pressing, Kiels Aufbau – Mannorientierungen auf dem gesamten Feld gegen eine maximal breite Staffelung (Bsp. aus Min. 48).
So entstanden überall isolierte 1v1-Szenen, die – wenn gewonnen – sofort gefährlich werden konnten. Ein Beispiel ist der robuste Wriedt: Behauptet er sich als Wandspieler gegen Sollbauer und kann entweder selbst aufdrehen oder nachrückende Spieler einsetzen, kommt Kiel sofort in die Dynamik. Dynamo hat keinen unterstützenden Spieler, sondern muss weite Wege zurücklegen.
Damit einher geht zudem folgendes Dilemma, hier am Beispiel der breit stehenden Flügel erklärt: Geht Dynamos Verteidiger eng mit, kann er zwar sofort Druck erzeugen, befindet sich aber auch in ungewohnten Zonen und kann so im 1v1 schnell (z. B. im Schnelligkeitsvergleich) überspielt werden. Außerdem öffnet er große Räume im Zentrum, die nachrückende Gegner bespielen können. Bleibt er aber im Zentrum, kann der Kieler Flügelspieler den Ball im Raum empfangen und ebenfalls in die Dynamik kommen.
Dynamo hat sich richtigerweise für letztere Option entschieden, indem Akoto, Sollbauer und Knipping zunächst weiterhin enger standen und erst dann mannorientiert herausgerückt sind. Dennoch zeigen sich hier die Nachteile einer solchen Herangehensweise, insbesondere ohne Überzahlspieler in letzter Linie. Dann muss das Timing im Herausschießen und Absichern stets perfekt sein.
Insgesamt konnte Kiel mit den Mannorientierungen auf beiden Seiten schon etwas besser umgehen als die SGD. Über aktiveres und klügeres Freilaufverhalten in Verbindung mit dem Ein-Kontakt-Spiel fanden sie auch in der zweiten Spielhälfte einige gute Lösungen unter Druck und kreierten so (zumindest im Ansatz) vielversprechende Aktionen. Letztlich gelang es Dynamo aber zumindest auch, eine Großzahl der direkten Duelle für sich zu entscheiden und auch gegnerische Durchbrüche spätestens in der eigenen Box noch wegzuverteidigen.
Fazit
Damit war nahezu die gesamte zweite Hälfte durch viel Stückwerk und zahlreiche Umschaltaktionen auf beiden Seiten geprägt. Dabei gelang es Dynamo jedoch zu selten, in die Nähe des gegnerischen Tors zu kommen, um mehr als einen Punkt mitzunehmen. Letztlich war der simple Ansatz mit und gegen den Ball für einen Sieg schlichtweg zu einseitig und zu stark auf individuelle Aktionen fokussiert. Ob die Mannschaft in dieser Situation mit der komplexeren Herangehensweise erfolgreicher performt hätte, steht auf einem anderen Blatt.